Christiane und Michael Paregger, Mitbegründer der Bewegung für das Leben
Im Einsatz für das Leben ihrer Mitmenschen
Von Alexa Gaspari
Was ist der Mensch?" lese ich in einer kleinen Notiz in der gut gemachten und
interessanten Zeitschrift "Lebe" herausgegeben von der Bewegung für das Leben
in Südtirol. Antwort: "66% Wasser, 20% Kohlenstoff, 6% Sauerstoff, 4%
Aschebestandteile, 2% Stickstoff, 2% Sonstiges. "Ein Materialwert von rund. 8.500
Lire!" (etwa 60 Schilling) "Recht billig, so ein Mensch, wenn man ihn so
betrachtet", denke ich unwillkürlich. Daher auch die Frage der Zeitschrift:
"Eine Sache, über die man nach Belieben verfügen darf?" Für den Inhalt der
Zeitung zeichnet der Arzt Dr. Michael Paregger verantwortlich.
Er und seine Frau Christiane waren mir schon vor einigen Jahren aufgefallen. Damals war
mein Mann zu einem Vortrag ins neu eröffnete "Zentrum für das Leben" in Meran
eingeladen worden und ich hatte ihn begleitet. Sympathisch, fröhlich, geradlinig,
engagiert und vor allem gelassen trotz aller Schwierigkeiten, die sie bei ihren Einsätzen
für das Leben Ungeborener seit Jahren erleben, so meine Erinnerungen an die beiden
sympathischen Ärzte. Kein falscher Eindruck - das wurde mir während der vielen Stunden,
die wir jetzt im Mai miteinander verbracht haben, bestätigt.
Christiane erzählt: Nach dem Krieg in Ulm geboren, wächst sie in einer evangelischen
Familie auf. Ihr Vater ist Dr. Siegfried Ernst (Portrait VISION 1/99) und Christiane das
dritte von sechs Kindern. "Das hat den Vorteil," meint sie, "daß man sich
selbst nicht so wichtig nimmt. Die Älteste war die G'scheiteste, die Jüngste die
Hübscheste." Und sie offenbar die Schüchternste. So schüchtern, daß nicht einmal
ihre Sitznachbarin sie hört, wenn sie in der Klasse etwas vorlesen soll.
Diese Schüchternheit legt sie erst mit 17 ab, als sie sich einer internationalen
Jugendbewegung anschließt. "Sing out" nennt sich diese und Christiane wird ihr
sieben Jahre lang treu bleiben. Insbesondere reist sie christliche Lieder singend - auch
Solopartien - und Vorträge haltend durch Europa, die USA, Brasilien, Japan. Außerdem
studiert sie in dieser Zeit in den USA Philosophie, Literatur, Soziologie, Russisch und
Französisch. (habe ich der Zeitung entnommen!)
Als die Gruppe aber eine esoterische Richtung einschlägt, verläßt Christiane sie und
beschließt nach einjähriger Berufstätigkeit, Medizin zu studieren - und zwar in
Innsbruck. Dort lernt sie 1975 Michael kennen.
Dieser kommt aus Südtirol, ist am Ritten in einer wunderschönen Bergwelt geboren. Von
seinen Eltern - noch als Österreicher in Südtirol geboren und später aktiv gegen den
Faschismus - übernimmt er die tiefe Heimatliebe. Seine Mutter vermittelt ihm mit viel
Feingefühl den Glauben an Gott. So ist er zunächst ein sehr frommer Bub, der gern in die
Kirche geht.
Aber mit 16 - als begeisterter Bergsteiger tritt er dem Alpenverein bei - gerät er
unter liberalen Einfluß. Ein Buch von Hoimar v. Ditfurth, in dem dieser darlegt, man
brauche keinen Gott, denn alles sei Produkt des Zufalls, überzeugt ihn. Auch sein
Unvermögen, sich an die Gebote der Kirche zu halten, ist ein weiterer Grund, "gleich
alles über Bord zu werfen".
Mit dieser Einstellung beginnt Michael sein Medizinstudium in Innsbruck. Das
Zufallsprodukt aus Atomen - etwa 60 ÖS wert, wie wir gelesen haben -, für das er sich
damals hält, ist niemandem Rechenschaft schuldig. "Ich war mein einziger
Bezugspunkt. In so einem Fall lebt man als totaler Egoist," weiß er heute.
Eines Tages trifft er im Foyer des Studentenheims Christiane. Aus der Ferne war sie ihm
schon aufgefallen, doch hatte er gehört, sie sei schon in festen Händen. Diesmal aber
ist es für ihn "Liebe auf den ersten Blick. Wie ein Autounfall: Knall - Bum!",
schildert Michael sehr anschaulich.
Und sie? Christiane teilt sich damals im Studentenheim ein Zimmer mit einem Mädchen,
das dem Okkultismus verfallen war (daher hingen bei ihnen z.B. Vampire von der Decke). Die
Gespräche mit ihr sind Christiane unheimlich und färben auf ihren Gemütszustand ab. Sie
ist tief unglücklich und bittet eines Abends Gott, ihr doch jemanden zu schicken, für
den zu leben sich lohnt. Und eine Woche später lernt sie Michael kennen. Wohl doch kein
Zufall!
Ihr kommt der junge, gutaussehende Student zunächst aber eher wie "ein Gockel
vor, der ständig von herumschwirrenden Hennen umlagert ist". Er scheint ihr sehr
oberflächlich zu sein. Eines Abends - Michael stimmt in einer Runde von Studenten das
Südtiroler Heimatlied an - scheint der Gesang aber direkt aus seinem tiefsten Herzen zu
kommen. Vielleicht ist er doch nicht so oberflächlich, denkt Christiane. Da ist doch
nicht nur Geblödel...
Eine Zeit der großen Liebe beginnt für beide. Für Michael heißt das auch sexuelle
Intimität. Christiane macht, wie sie heute meint, "den Fehler, in unserer Beziehung
Zugeständnisse an seine Vorstellungen gemacht zu haben." Doch sie ist nicht
glücklich damit. Es entspricht nicht ihrer christlichen Überzeugung. Und so beschließt
sie eines Tages, keine Zugeständnisse mehr zu machen. Für Michael ein Schock, aus seiner
damaligen Weltsicht unverständlich.
Doch ihre Haltung fasziniert ihn irgendwie. Kein Mädchen hatte das bisher gewagt. Aber
für Christiane ist ihre Überzeugung - trotz aller Verliebtheit - wichtiger. Das gibt ihm
zu denken. Sehr sogar. Und er beginnt, seine eigene Haltung zu überdenken. So wird
einiges wieder freigeschaufelt, was seine Mutter Jahre zuvor in ihn hineingelegt hatte.
Ein weiterer wichtiger Schritt ist eine Fahrt zu Christianes Eltern. Als Michael dort
ankommt, nimmt er sich vor, Christianes Vater, einen überzeugten Christen, mit seinen
darwinistischen Ansichten zu beeindrucken. Doch es kommt ganz anders: Als Dr. Ernst da
plötzlich über die Schöpfungsgeschichte und Moses zu reden beginnt, ist es dem jungen
Mann, als würde ihm jemand den Strom abdrehen. Sein Gedankengebäude erscheint ihm auf
einmal ganz schal. "Die Wahrheit, so habe ich da erkannt, ist eine ganz andere."
Für das junge Paar, das nun einvernehmlich auf sexuelle Beziehung verzichtet, beginnt
eine "der schönsten Zeiten unseres bisherigen Lebens überhaupt," bezeugt
Michael immer wieder auch vor Jugendlichen: Eine Zeit voller Aktivitäten, Unternehmungen
und Ausflügen, des aufeinander Rücksichtnehmens, der gegenseitigen Achtung und
Zuwendung.
1976 bei einem Kongreß in Innsbruck, den sein Schwiegervater mitveranstaltet, wird
Michael erstmals mit der Frage der Abtreibung konfrontiert. "Wie kann man einem
Menschen so etwas antun?", fragt er sich während der Vorträge und beim Anblick der
extrem anschaulichen Bilder von abgetriebenen Kindern. Und er weiß auch die Antwort:
Dahinter steht die Abwendung der Menschen von Gott.
Nach sieben Jahren geht er daraufhin zu Ostern wieder beichten. "Ich habe alles
gebeichtet, was mir eingefallen ist," lächelt er. Offenbar ist ihm viel eingefallen,
denn "der Priester tut mir heute noch ein bisserl leid. Aber er hat sich trotzdem
gefreut und mir die Absolution gegeben."
Für Michael fängt damit ein neues Leben an, das er mit Christiane teilen möchte.
Trotz der noch unbeendeten Studien beschließen sie, als sie sich erstmals materiell ein
bißchen heraussehen, zu heiraten. Die Hochzeit findet im Ulmer Münster - Christianes
Großvater war hier evangelischer Pfarrer gewesen - nach evangelischem Ritus statt. Doch
in Christianes Herzen war schon seit längerem eine Liebe zur Katholischen Kirche
gewachsen und zu Pfingsten 1979 tritt sie zu ihr über.
Nach Beendigung seines Studiums geht Michael nach Ulm, wo sein Schwiegervater ihn für
die europäische Ärzteaktion - sie setzt sich für die Ungeborenen ein - als
Geschäftsführer braucht: eine unglaublich interessante Zeit, in der er sich intensiv mit
der Frage der Abtreibung und des Schutzes für die Ungeborenen beschäftigt. Für ihn wird
klar: An der Abtreibungsfrage entscheidet sich, ob unsere Gesellschaft überlebt oder
stirbt. Zu dieser theoretischen Konfrontation mit dem Abtreibungsproblem kommt aber bald
die praktische, als er und seine Frau an der Bozener Klinik ihren Turnus beginnen.
Christiane kommt in die Gynäkologie und erlebt hautnah, was Abtreibung bedeutet.
Montag ist nämlich der Abtreibungstag in der Klinik: keine Operationen, den ganzen Tag
nur Abtreibungen. Christiane ist erschüttert. Sie will versuchen, irgendwie Kinder zu
retten, doch meist ohne Erfolg.
Selbst eine Bekannte, eine dreifache Mutter, kann sie nicht vor dem Schritt bewahren.
Man hatte dieser gesagt, ihr Kind würde behindert zur Welt kommen. Und so läßt sie
abtreiben, obwohl ihr Christiane anbietet, das Kind zu adoptieren. Hätte sie nur die
Fruchtwasseruntersuchung nicht machen lassen, sagt sie unter Tränen auf dem Weg zum
Eingriff. Am nächsten Tag gibt es Stunk. Frau Dr. Paregger würde den "Frieden"
auf der Abteilung stören, heißt es. (Welchen Frieden ist man geneigt zu fragen?).
Schließlich erlaubt man ihr und Michael aber doch, bei Erstberatungen
abtreibungswilliger Frauen mitzuwirken. Allerdings hält die Feministin, die ebenfalls
mit"berät", den Kontrast im Zugang nicht lange aus. Sie schlägt Alarm. In
einem Zeitungsartikel, der italienweit Aufsehen erregt, heißt es: "Abtreibungsgesetz
wird von jungen Ärzten unterlaufen."
Der Sanitätsdirektor befürchtet Repressalien und untersagt ihnen weitere Beratungen
im Spital und rät, es außerhalb zu versuchen. Tatsächlich haben die jungen
Lebensschützer schon die Erfahrung gemacht, daß es für eine Umkehr beim Gespräch im
Spital meist zu spät ist. Der Druck (von Freund, Mann oder Eltern), der bereits auf die
Frauen ausgeübt wird, ist einfach zu groß.
Die Idee, eine Lebensrechtsbewegung zu gründen, wird geboren - und zwar für die
deutschsprachige Bevölkerung. 1984 stürzt sich das junge Ehepaar in eine intensive
Vortragstätigkeit, auch in vielen Schulen. Die Einladungen häufen sich - bis zu fünf
Auftritte in der Woche in ganz Südtirol! Die Bevölkerung ist damals noch offen und
dankbar für Informationen über den Beginn des Lebens und die Folgen der Abtreibung. Auch
über ihren persönlichen Lebensweg geben sie Zeugnis, sprechen mit Jugendlichen über
Fragen der Sexualität und des Glaubens. Bei rund 200 Vorträgen erreichen sie etwa 6000
Menschen .
Wenn ich ihnen so zuhöre, fällt mir auf, daß beide bemüht sind, die Tätigkeit des
jeweils anderen besonders hervorzuheben: Wie gut die überzeugenden und von Herzen
kommenden Worte seiner Frau für die Jugend gewesen seien, betont Michael. Und für
Christiane besteht kein Zweifel, daß viel wichtiger war, was Michael zum Thema Glauben
sagte. Einem Mann würden die Leute doch viel eher Gehör schenken als einer Frau - womit
sie nicht unrecht hat!
In den Jahren seither aber habe sich die Einstellung zur Abtreibung leider sehr
geändert, in Südtirol und in Europa, stellen die beiden heute fest. Mit falschen Zahlen
pushen die Medien das Töten der Unschuldigsten als die selbstverständliche Art der
Geburtenregelung. Die Gesellschaft verliere mehr und mehr das Unrechtsbewußtsein dafür.
Der Gegenwind, dem die Lebensschützer ausgesetzt sind, werde immer stärker, Vorträge
würden immer weniger gewünscht.
So beschließt die "Bewegung für das Leben", ein eigenes Bildungshaus, das
"Zentrum für das Leben" in Meran, und eine eigene Zeitschrift zu gründen:
"Lebe", ein wirklich gut gemachtes und lesenswertes Medium. Ich durfte ja einige
der bewundernswerten Mitarbeiter wie den Gögeles oder Anni Winkler kennenlernen, ohne die
diese Projekte nicht durchführbar wären.
1987 läßt sich Michael im Sarntal - wo sie auch wohnen - als praktischer und als
Amtsarzt nieder. Bei der Krankenkasse spricht sich herum, daß der neue Arzt den Frauen
nicht die "Pille" verschreibt. Also versucht man, den unbequemen Zeitgenossen
abzusägen. Michael bleibt gelassen: "Die meisten Leute auf den Gehöften dort sind
noch so mit Gott und der Heimat verbunden, daß ihr ganzer Tag vom Gebet begleitet ist. Es
ist sicher von Gott eine Gnade, daß Er mich dort hingeschickt hat. Ich habe dadurch eine
Position, in der ich vieles sagen und tun kann, was anderen Ärzten nicht möglich ist. In
dem abgelegenen Tal kann man mir kaum das Wasser abgraben."
Bemerkenswert ist aber die Erfahrung, die er mit dieser "Pillenverweigerung"
seither gemacht hat: Manche Frauen, die ihm vor Jahren die Türe zugeknallt haben,
bedauern heute, nicht schon damals auf ihn gehört zu haben: Weder medizinisch, noch
menschlich, noch für die Beziehung in der Ehe sei es eine gute Lösung gewesen, sagen
viele im Rückblick. Diese Rückmeldungen sind für Michael eine späte Bestätigung. Sie
beweisen ihm, daß seine damalige Entscheidung nicht Prinzipienreiterei, sondern eben
tatsächlich die richtige Entscheidung war .
Bei einem Pilgerzug, den er nach Lourdes als Arzt begleitet, wird ihm in der
Erscheinungsgrotte die Bedeutung von Maria klar: Niemand kann so gut wie sie zu Jesus
führen und den Menschen Seine Liebe nahebringen. Ein neuer Weg an der Hand der Mutter des
Herrn, die auch ihre Mutter ist, beginnt für die Pareggers. Lächelnd und in seiner
ruhigen, liebevollen Art fügt Michael hinzu: "Je mehr wir uns aber für Maria oder
den Papst einsetzen, desto heftiger werden wir angegriffen." Es wundert die beiden
nicht und regt sie auch nicht weiter auf. Ein Grund zum Aufgeben? Ganz und gar nicht. Im
Gegenteil. Unbeirrt gehen sie den von Gott für sie bereiteten Weg weiter.
Wie sehen sie heute ihre Aufgabe? Christiane versucht zu erklären: "Neuland kann
man heute leider kaum gewinnen. Unsere Aufgabe ist vor allem, die Menschen, die denselben
Weg wie wir gehen wollen, im Glauben zu stärken. Vom reinen Schutz des körperlichen
Lebens ist die "Bewegung für das Leben" nun auch zum Schutz des geistigen
Lebens übergangen. Sie gibt bei ihren Veranstaltungen die unverfälschte Lehre der Kirche
weiter."
Vieles haben die beiden Eheleute schon miteinander erlebt und bewältigt. So nehmen
sie, als klar wurde, daß es mit dem Kinderwunsch nicht so klappt, wie sie es gerne gehabt
hätten, einen kleinen, behinderten Buben vier Jahre bei sich auf. Er bleibt so lange, bis
seine Mutter von der Drogensucht freikommt.
Vor sechs Jahren, so erzählen sie, haben sie dann großes Glück: Durch eine
"Notadoption" kommt ein kleines, schwerkrankes Mädchen, das von der Mutter
weggegeben wurde, zu ihnen. Evelyn wiegt damals mit 16 Monaten kaum fünfeinhalb Kilo, ist
70 cm groß und kann noch nicht krabbeln. Ihr Fläschchen kann sie nur mit den Füßchen
halten. Die Arme sind zu schwach. Dank langer, liebevoller Pflege ist sie heute ein
munteres, immer noch zartes kleines Mädchen, das meinen Mann während des Interviews beim
Puppenspielen auf Trab hält.
Außer einem Haus mit Garten, vielen Tieren, Blumen und Gemüse teilen die Pareggers
aber noch etwas miteinander: Ihre Begeisterung für die Hildegardmedizin - Michael
allerdings erst nach einer längeren Zeit der Skepsis. (Zur Erläuterung: Die hl Hildegard
von Bingen hat auf Grund von Visionen und Eingebungen medizinische Bücher verfaßt.)
Christiane erklärt engagiert: "Was mich bei dieser Medizin so fasziniert, ist daß
sie effektiv eine Medizin aus der Weisheit Gottes ist. Eine höhere Medizin gibt es wohl
nicht." Die Erfolge bestätigten es.
Zweimal wöchentlich ordiniert sie in Bozen - sie möchte nicht zu lange von ihrer
Tochter fort sein. Manche Patienten betreut sie auch nur telephonisch, wenn für diese der
Anfahrtsweg zu lange ist. Beruf und Privatleben lassen sich da nicht so auseinanderhalten.
Sie hat auch Patienten, die "austherapiert sind". Dann ist Christiane deren
letzte Hoffnung.
Um eines bemüht sie sich übrigens auch: Ihre Patienten so in die Hildegarmedizin
einzuführen - nur der Anfang ist schwer -, daß sie sich im Großen und Ganzen selbst
behandeln, weil sie die Selbstbeobachtung gelernt haben. So werden sie unabhängig von
ihr. Ein lukratives Geschäft ist es jedenfalls nicht, auch weil die Krankenkassa die
Behandlungskosten nicht übernimmt, eine Reihe von Patienten sich aber die Arztkosten
privat nicht leisten können.
Die beiden Ärzte finden das aber ganz in Ordnung: "Wenn es wirklich eine
göttliche Medizin ist, so wäre es wohl auch nicht angebracht, damit ein Geschäft zu
machen," ist ihre Überzeugung. "Das schönste aber ist," fügt Christiane
hinzu, daß über die Hildegard-Medizin viele der Patienten, die vorher nichts vom Glauben
gehalten haben und nur eine ideale Behandlungsmethode gesucht hatten, mit der Zeit offen
für den Glauben werden und auf Gott zugehen."
Ein Mensch der krank ist, empfiehlt die heilige Hildegard, soll zuerst seine Beziehung
zu Gott heilen. Dieser Meinung ist auch Michael: "Ich hätte in meiner Praxis
wahrscheinlich 50 Prozent weniger Patienten, wenn die Menschen vorher ihre Beziehung zu
Gott in Ordnung bringen würden." Mit einigen seiner Patienten könne er auch über
dieses Thema sprechen, erzählt er voll Freude.
Gelassen ertragen sie, daß so mancher sie für fanatisch, realitätsfremd - weil sie
nicht dem Trend der Zeit folgen - oder für reaktionär hält. Ich aber halte sie für
Ärzte, die ein geschultes Auge für die Krankheiten unserer Gesellschaft haben und die
richtige Diagnose zu stellen vermögen. Ihr Bemühen, anderen die richtige Medizin für
Körper und Geist zu bringen, hält sie nicht davon ab, selbst Suchende zu bleiben.
Deshalb, meint Michael müßten sie sicherlich noch viel mehr ruhige Gebetszeiten
einplanen: "Dabei wissen wir, daß vor allem das gemeinsame Gebet uns besonders
leistungsfähig macht. Man wird dann liebevoller, nimmt mehr Rücksicht aufeinander... Na
ja, an dem arbeiten wir seit 20 Jahren, aber es bleibt doch zu oft auf der Strecke. Dabei
ist das Gebet der Pulsschlag des Glaubens."
Dankbar sind wir von Bozen weggefahren: Wie schnell doch eine tiefe
Freundschaft mit Menschen, die vom selben Geist bewegt sind, wachsen kann! |
Der
selige P. Jakob KernBotschaft an uns
Von Wolfgang Stadler
Im Römerbrief, im 5. Kapitel, schreibt der Apostel Paulus sinngemäß, daß kaum
jemand für einen Gerechten, höchstens vielleicht für einen guten Menschen sein Leben
wagen würde. Gott denke da anders: "Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen,
daß Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren." Sünder sein
heißt aber, sich von Gott getrennt zu haben, abtrünnig geworden zu sein. Besonders
tragisch ist es, wenn ein Priester sich von seiner Berufung trennt, abtrünnig wird, weil
seine Sünde keine "private" ist, sondern sich in ihren Auswirkungen
vervielfachen muß. In Wahrheit ist das eine Katastrophe.
Gibt es andererseits Menschen, die, aus dem Erkennen des Unheils der Sünde, den Weg
der stellvertretenden Sühne zu gehen bereit sind? Die ihr eigenes Leben still einsetzen,
um die Sünde eines Abtrünnigen wieder gut zu machen?
Am 21. Juni 1998 wurde P. Jakob Kern seliggesprochen, der "durch Akte der Sühne
dem heiligsten Herzen Balsam in die Wunden träufeln" wollte, der diesen schweren Weg
in der Christusnachfolge, den der persönlichen Sühne für einen abtrünnigen Priester
ging.
Sein kurzes Leben ist schnell beschrieben. Am 11. April 1897 wurde Franz Alexander Kern
in Wien, Breitensee, geboren. Seine Eltern waren gläubige Leute, die Mutter erbat ihrem
noch Ungeborenen die Gnade einer Berufung und weihte ihn schon damals der Mutter Gottes.
Als kleines Kind fühlte er sich bereits sehr stark zu Gott hingezogen, spielte mit
Vorliebe "Priester" und freute sich über einen Altar mehr als über eine
Spielzeugeisenbahn.
Als Volksschüler besuchte er trotz des Spottes seiner Kameraden täglich die Heilige
Messe und bekam offenbar schon damals die Gabe des inneren Gebetes. Für ihn stand seine
priesterliche Berufung immer außer Zweifel, groß war daher seine Freude, als er 1908 in
das Hollabrunner Knabenseminar eintreten durfte. Mit 15, mitten in der Pubertät, legte er
das Gelübde ewiger Keuschheit ab; er liebte den Rosenkranz und die Herz-Jesu-Verehrung -
und war (darin stimmen alle Zeugnisse überein) - trotzdem!? - ein fröhlicher und
ausgeglichener junger Mann.
1915 mußte der Maturant zum Militär. Aber auch als Soldat blieb er seiner Berufung
zum Priester treu. Wenngleich es ihm anfangs viel Spott von seinen Kameraden eintrug, als
er, sooft es ihm der Dienst erlaubte, zur hl. Messe ging, blieben sein Glaube und seine
Festigkeit nicht ohne Wirkung auf die rauhen Soldaten in seiner Kompanie. Bald
bezeichneten sie ihn als ihren Schutzengel - und suchten an der Front möglichst seine
Nähe.
Am 1. Jänner 1916 bat er in der St.Blasius-Kirche in Salzburg vor dem ausgesetzten
eucharistischen Heiland, der für ihn "das Liebste auf dieser Welt" war, für
Ihn leiden zu dürfen. Diese Bitte sollte ihm bald erfüllt werden.
An der Front in Südtirol bekam er zunächst eine Knieverletzung, am 11. September 1916
wurde er durch einen Gewehrschuß, der Leber und Lunge verletzte, schwer verwundet. Damit
begann sein langer Leidensweg. Da die Wunde wegen einer Sepsis nicht ausheilen konnte,
mußten immer wieder Operationen an ihm vorgenommen werden - ohne Narkose.
Monatelang schwebte Franz Kern zwischen Leben und Tod, aber sein Wille, Priester zu
werden, blieb ungebrochen: "Lieber Gott, laß mich nur so lange leben, bis ich einmal
das hl. Meßopfer dargebracht habe." Obwohl seine gesundheitliche Situation
hoffnungslos erschien und von entsetzlichen Schmerzen begleitet war, empfand er sich
keineswegs als arm oder leidend: "...Ich bin nicht arm".
Und er lebte aus dem Bewußtsein, "daß Gott immer und zu allen Zeiten Menschen
braucht, die einen zum Arbeiten, die anderen zum Leiden. Und wenn mich der Heiland zum
Leiden bestimmt hat, bin ich bereit, solange es der Herr haben will." Im Oktober
1917, als er vom Militärdienst krankheitshalber beurlaubt worden war, trat er, statt sich
zu erholen, in das Wiener Priesterseminar ein, um das Theologiestudium zu beginnen.
Das Leben während des Krieges und das Leiden, dem er ausgesetzt war, ließen ihn zur
Erkenntnis heranreifen, "wenigstens einigermaßen geläutert in die heiligen Hallen
des Priestertums eintreten zu dürfen ... Ich habe gesehen, wie wenig Ideale die Welt
besitzt und gelernt, wie schön es ist, trotz äußerer Verachtung beim göttlichen Herzen
in die Schule zu gehen."
Obwohl er bei schwacher Gesundheit war und immer wieder unter Bluthusten litt,
studierte er bis zum Äußersten seiner Kräfte. Als es dann im Jänner 1920 in Prag zum
großen Abfall von 140 Priestern kam, welche, angeführt vom Prämonstratenser Isidor
Zahradnik, eine tschechische Nationalkirche gründeten, fühlte sich Kern von dieser
Treulosigkeit zutiefst getroffen. Für ihn war diese Untreue eine Katastrophe, und wäre
auch durch noch so ausgeklügelte Begründungen nicht vom Sündenmakel befreit worden.
Nun aber geschah die in seinem Leben ganz entscheidende Wendung: anstatt zu klagen und
Schuld zuzuweisen, entschloß er sich, selbst in stellvertretender Sühne für den
Abtrünnigen in das Prämonstratenserstift Geras einzutreten.
Am 18. Oktober 1920 wurde er in das Noviziat aufgenommen und erhielt den Ordensnamen
Jakob. Im Juli 1922 hatte er seine theologischen Studien abgeschlossen und am 23. Juli
1922 wurde er von Kardinal Piffl im Dom zu St. Stephan in Wien zum Priester geweiht -
obwohl große gesundheitliche Bedenken bestanden und er noch nicht die ewigen Gelübde
abgelegt hatte, so überzeugend war seine tiefe Sehnsucht nach dem Priestertum.
1923 begann die Wunde seiner Kriegsverletzung wieder zu eitern, sodaß ihm vier Rippen
- wieder bei vollem Bewußtsein - entfernt werden mußten. Nach einem Aufenthalt in Meran
und vorübergehender Besserung mußte er im September 1924 abermals operiert werden, am
20. Oktober 1924 starb er während einer weiteren Operation im AKH in Wien.
Sein Priesterleben war trotz seiner Kürze erfüllt. Er war geschätzt und gesucht als
Prediger, in der Jugendarbeit und im Beichtdienst; als Krankenseelsorger scheute er keine
Mühe. Jakob Kern war sich bewußt, daß Glauben eine unverdiente Gnade Gottes ist, und
immer wieder betonte er, welch großes Glück es sei, der heiligen Kirche angehören zu
dürfen. Sünde war für ihn das ärgste Unglück - und kein Betriebsunfall oder eine
Bagatelle; er sah ganz realistisch ihre Tücke als "mit der Gottesliebe unvereinbar
... sie ist das beständige Gift, das nach und nach den gesunden Organismus
gefährdet."
Die schreckliche Kriegsverletzung stammte übrigens aus einem Fehlschuß aus den
eigenen Reihen. Ob Jakob Kern damit nicht auch einem Soldaten der anderen Seite unbewußt
das Leben rettete, ist ein unbeweisbarer Gedanke, denn nur Gott allein kennt die
Zusammenhänge.
Daß aber Gott, wenn er jemandem Leiden zumutet, diese nie bloß auf das für uns
erkennbare Maß des Verstehens beschränkt, sondern weit in Seine für uns
undurchschaubaren Gedanken hineinreichen läßt, ist eine Tatsache und nachzulesen z. B.
in der Apostelgeschichte und den Briefen der Apostel.
Die segensreichen Auswirkungen ihrer Leiden (und die der Menschen aller Zeiten, welche
die Christusnachfolge lebten), waren stets weit größer als allein der persönlichen
Heiligung dienend.
Ähnlich scheint es mir auch bei Jakob Kern zu sein: "Es gibt keine größere
Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt," sagt Jesus. Verborgen,
unscheinbar, setzte Kern sein Leben durch seine Hingabe an den - auch durch Seine Kirche!
- leidenden Christus ein, auch zum Zeichen für uns, wenn wir an den Vorgängen in unserer
geliebten Kirche schier verzweifeln könnten.
Denn es gilt nicht nur: Was gibt mir die Kirche, sondern auch: was kann ich für die
Kirche, wenn sie sich zunehmend der Welt anpaßt und das Eigentliche des Glaubens
aufzugeben in Gefahr ist, ganz persönlich einsetzen?
Das scheint mir auch die Botschaft des Seligen zu sein: sich selbst in Demut durch
Treue, Gebet und Ertragen (anstelle von Klagen und Anklagen) einbringen in den mystischen
Leib der Kirche; denn, wie Paulus in 1 Kor. 12, 26 schreibt, "wenn darum ein Glied
leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit
ihm. Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm."
Übrigens: Der abtrünnige Priester Zahradnik versöhnte sich vor seinem
Tod mit Gott und der Kirche ...
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