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Erfahrung nach 20jähriger Seelsorgetätigkeit:
Nichts kann der Macht des Gebetes widerstehen
Wer zu beten beginnt, erfährt Gottes Wunder
Von Urs Keusch
Es gibt in einer technisch beherrschten, durchorganisierten
Welt kein größeres Wunder als den betenden Menschen. Wer betet,
erlebt nicht nur das Wunder der anderen Welt, er selbst wird zum Wunder
in dieser Welt.
Das Geheimnis des Gebetes ist nicht nur wunderbar, es
ist auch nicht auszuschöpfen und nicht zu beschreiben. Man kann sich
immer nur einen kleinen Teil vom Ganzen anschauen und kommt nicht aus
dem Staunen heraus. Ich habe mir zwei schmale Bücher aus dem Regal
genommen, aus denen ich Ihnen ein paar Stellen zitieren möchte, die
ich mir selbst - schon vor vielen Jahren - mit einem Stift gekennzeichnet
habe. Beide stammen bewußt von nicht-katholischen Autoren. Ihre
Aussagen möchten deutlich machen, daß das Gebet nicht nur in
der katholischen Kirche die Seele, den inspirierenden Grund für ein
Leben aus dem Glauben ausmacht und darum ein zentrales Thema darstellt,
sondern insbesondere auch im Judentum und in nicht katholischen christlichen
Gemeinschaften.
Das erste Büchlein stammt von dem großen
jüdischen Rabbiner Abraham Joschuah Heschel. Er wird auch der amerikanische
Buber genannt. Sein Büchlein trägt den Titel: Der Mensch
fragt nach Gott" (Neukirchener Verlag). Dieses Büchlein zählt
für mich zum Schönsten, Tiefsten und Wertvollsten, was ich zum
Thema Gebet je gelesen habe.
Heschel schreibt: Beten heißt, Gott in die
Welt zurückzubringen, sein Königtum aufzurichten, seinen Ruhm
herrschen zu lassen... Groß ist die Kraft des Gebetes. Denn Gott
anbeten heißt, Seine Gegenwart in der Welt ausbreiten. Gott ist
transzendent, unsere Anbetung aber macht Ihn immanent..."
Und genau darum geht es im Gebet: daß der verborgene,
unbegreifliche, alles übersteigende (= transzendente) Gott in unserer
oft so begrenzten und abgekapselten Welt sichtbar wird, greifbar, spürbar,
heilwirkend, eben immanent. Der Mensch, der betet, wird Zeuge und Träger
dieser Immanenz. Ihm öffnet sich der Himmel auf Erden. Er erlebt
das Wunder der anderen Welt.
Wir leben am Rande des Mysteriums", schreibt Heschel
ferner, und wollen es nicht wahrhaben. Wir verlieren unsere Seele
und gefährden unseren Anteil an der Welt Gottes... Gebet ist unsere
Bindung an das Allerhöchste. Haben wir Gott nicht im Blick, gleichen
wir verstreuten Sprossen einer zerbrochenen Leiter. Beten heißt:
zur Leiter werden, auf der Gedanken zu Gott aufsteigen. So schließen
wir uns der Bewegung an, die unmerklich überall im ganzen Weltall
zu Ihm aufbricht."
Es gibt nichts, was mich als Priester mit mehr Staunen
und Ehrfurcht erfüllte, als wenn ich bei Menschen dem Wunder des
Gebetes begegnen darf. Es war mir bisher als Seelsorger auch nichts wichtiger,
als die Menschen immer wieder auf die Not-wendigkeit, auf den Segen und
das Wunder des Gebetes aufmerksam zu machen, besonders die jungen Menschen.
Und wie oft durfte ich diesem Wunder des Gebetes begegnen!
Ich habe noch nie einen Menschen kennengelernt, der das Wunder des Gebetes
in seinem Leben nicht erfahren hätte, wenn er mit dem Beten begonnen
und darin nicht nachgelassen hat.
Wer anfängt zu beten (auch wenn er es rational
nicht verstehen kann), erfährt das Wunder der Immanenz: die heilende,
die tröstende, die zusprechende, die verändernde Anwesenheit
des Ewigen, die den Menschen von innen her verändert und sich nach
außen verströmt auf seine Umgebung.
Ich kann es aus einer über 20jährigen Seelsorgeerfahrung
heraus bestätigen und bezeugen: Es gibt keine Situation im Leben
eines Menschen: kein Scheitern, keine Verzweiflung, keine Sucht, keine
Abhängigkeit, keine Angst, keine Krankheit, die sich der heilenden
Wirkung des Gebetes entziehen könnte und medizinische und psychiatrische
Betreuung und Begleitung nicht unterstützte.
Menschen, die anfangen zu beten und darin nicht nachlasen,
sind wie Speicheröfen, die sich aufwärmen und ihre Wärme,
ihre Hoffnung, ihre Liebe und ihre inspirierenden Funken an ihre Umgebung
abgeben. Oder um nochmals mit Heschel zu sprechen: In der Welt des
Mikrokosmos ist der Strom des Gebetes wie der Golfstrom. Allem Kalten
verleiht er Wärme. Er schmilzt alles, was hart ist in unserem Leben...
Neid und Furcht, Verzweiflung und Verdruß, Gram und Schmerz, die
schwer uns auf dem Herzen lasten, werden von seinem Licht wie Schatten
zerstreut."
Wo immer diese Immanenz Gottes" ersehnt, gesucht,
erfahren werden will: im eigenen Leben, in der Familie, in der Gemeinschaft,
in der Pfarrei und Gemeinde, dort sollen wir einfach zu beten anfangen.
Es ist kein Zufall, daß alle großen Gestalten des Christentums
und anderer Religionen betende Menschen waren und sind.
Als man Mutter Teresa einmal fragte: Woher beziehen
sie die enorme Kraft für ihr gewaltiges Werk?", gab sie zur Antwort:
Mein Geheimnis ist ganz einfach: Ich bete." So würden wahrscheinlich
alle anderen antworten, die in dieser Welt zu Zeugen der Immanenz Gottes
geworden sind. Ob sie Juden, Christen, Hindus oder Moslems waren. Mahatma
Gandhi sagte von sich: Gebet hat mein Leben gerettet. Ohne das Gebet
wäre ich schon lange dem Wahnsinn verfallen."
Es ist nicht verwunderlich, daß überall dort,
wo Gott durch Seine Mutter in unserer Welt immanent wird - ich meine dort,
wo sie erscheint (in Lourdes, Fatima, Medjugorje...), -, daß sie
überall zum Gebet aufruft und zur Gründung von Gebetesgruppen.
Vom Gebet hängt tatsächlich alles ab: ob unsere Welt wieder
am Himmel festgemacht wird oder ob sie davonschwimmt, fort von allen
Sonnen" (Nietzsche).
Vielleicht kennen einige der Leser das bekannte Buch
von Frank C. Laubach, der als evangelischer Prediger Millionen von Menschen
zum Gebet inspiriert hat. Es trägt den Titel: Die stärkste
Kraft der Welt - das Gebet" (Oesch-Verlag). Ich möchte daraus ein
paar Abschnitte zitieren, die für die Neuevangelisierung so grundlegend
wichtig sind. Sie betreffen vor allem das Gebet im und um den Gottesdienst.
Gerade wir Priester und Seelsorger können die Menschen nicht eindringlich
genug um das Gebet aller bitten, wie Laubach es hier tut.
Die Leser mögen bitte beachten, daß Laubauch
hier vom evangelischen Wortgottesdienst ausgeht. Dennoch will sein Appell
in seiner ganzen Eindringlichkeit ernstgenommen werden. Denn ob die sakramentale
Strahlkraft eines katholischen Gottesdienst den Menschen erreicht, hängt
wesentlich von der wegbreitenden Macht" des Gebetes ab, das heißt:
ob wir betende Menschen sind. Laubach schreibt:
* Die Christenheit ist verloren, wenn sie nicht entdeckt,
daß der Mittelpunkt und die Kraft eines Gottesdienstes das Gebet
ist, nicht die Predigt; Gott, nicht der Prediger. Das bedeutet, daß
Pfarrer und Gemeinde mehr Zeit verwenden müssen, um sich zu Hause
im Gebet auf den Gottesdienst vorzubereiten.
* Der Gottesdienst braucht das Gebet als erhabenen Höhepunkt.
Das ist nur möglich, wenn Pfarrer und Volk davon überzeugt sind,
daß jedes aus dem Herzen kommende Gebet die Geschichte sofort zu
verändern beginnt.
* Die meisten Fürbittgebete, die man in der Kirche
hört, sind tragische Fehlschläge, sind dürftig, verschwommen,
zaghaft, kraftlos, armselig. Die Menschen beten selten im Bewußtsein,
daß das Gebet die Welt verändert.
* Ein kleine Gruppe betender Menschen braucht nicht
auf die Einladung des Pfarrers oder der übrigen Gemeinde zu warten.
Sie können sich selbst zu einer Gebetsgruppe zusammentun. Und wenn
sie lange genug und ernstlich genug ausharren, dann werden sie eine Kirche
in Brand setzen. Die einfachste Art, eine Kirche ins Leben zurückzurufen,
ist ein innerer Gebetskreis.
* Sogar eine Person, die als einzige in einer Kirche
betet, kann viel für die Erhöhung der geistigen Temperatur tun...
Schließen wir unsere Augen und versuchen wir, die geistige Temperatur
zu steigern, indem wir für eine Kirchenbank nach der anderen kräftig
beten. Wir stellen uns vor, Christus steige aus der Höhe zu den Menschen
herunter oder gehe mit schmerzlicher Sehnsucht durch das Seitenschiff,
indem er einen nach dem anderen berührt. Es ist schwer, die weltliche
Atmosphäre mancher Kirchen zu bekämpfen. Aber die Anstrengung
ist unendlich lohnend. Die eigene Seele fängt Feuer.
Ich möchte Sie, liebe Leser, ermutigen: Tun Sie
die Schritte, die Ihnen als betender Mensch möglich sind! Aus eigener
und vielfacher Seelsorgeerfahrung darf ich Ihnen sagen: Sie werden Wunder
erleben, nicht nur im persönlichen, sondern auch im Leben der Pfarrei
und Gemeinde.
Es werden Menschen den Zugang zum Gottesdienst finden,
die ihm Jahre, vielleicht Jahrzehnte lang ferngestanden sind. Die Menschen
werden wieder glauben können und den Anschluß an Gott finden.
Und sie dürfen auf diese, vielleicht verborgene Weise zur Neuevangelisierung
der Welt beitragen, zu der die Kirche so eindringlich ermahnt. Beten ist
das Privileg aller Menschen, ob sie gesund sind oder krank, jung oder
alt. Und gerade die alten und kranken Menschen können im Gebet eine
neue und göttliche Berufung und Aufgabe finden. Und sie finden auch
einen wunderbaren und Wunder wirkenden Sinn in ihrem Leben.
Lasset uns beten!
Der Autor ist Priester und wohnt in 6260 Reiden, Schweiz.
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