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Glaube befreit nicht automatisch vom Magnetismus des
Geldes
Die Modellierstunde Gottes
Von Andrea Dillon
Es gibt eine Stunde, die meinen Tag bestimmt; denn nach
ihr wird alles andere eingeteilt und geplant. Sie ist keineswegs immer
mit derselben Uhrzeit verknüpft, aber dennoch ein Fixpunkt, der nie
fehlt. Ich nenne sie die Modellier-Stunde Gottes".
Begonnen hat alles eigentlich mit einer Sehnsucht: der
Sehnsucht, auch außerhalb der Heiligen Messe jeden Tag noch ein
bißchen Zeit mit dem Herrn zu verbringen - eine Zeit nur für
Ihn: ohne das Beten des Rosenkranzes, ohne geistliche Lektüre, ohne
konkrete Vorsätze oder ein bestimmtes Programm". Stattdessen
einfach nur bei Ihm sein in Seiner eucharistischen Gegenwart.
Diese tägliche heilige Stunde" ist nicht
einfach einer frommen Vorstellung entnommen, noch ist sie gar als eine
Art Geschenk für den Herrn gedacht, sondern umgekehrt: Jede Zeit
vor dem Allerheiligsten ist Sein Geschenk an uns, eine Zeit der Heilung,
des Zur-Ruhe-Kommens und der Erkenntnis; denn wenn wir vor der Eucharistie
verweilen, ist das so, als ob wir unseren Körper der Sonne aussetzen
und ihre Strahlen in uns aufnehmen. Es ist eine Zeit der Verwandlung:
nicht mehr ich muß etwas tun, sondern der Herr tut. Er handelt,
Er löst die Probleme, Er beschenkt.
Die heilige Stunde ist für mich daher keine Stunde
der Aktivität, sondern eine Stunde des Fiat: Ja, Herr, es geschehe
etwas an mir - und nicht durch mich!" Es geht nicht um ein: Höre,
Herr, dein Diener redet!", sondern um ein: Rede, Herr, dein Diener
hört!" Und weil dabei Er alles tut und ich nichts, nenne ich sie
eben die Modellier-Stunde Gottes"; denn es sind die Augenblicke,
in denen Er Sein Abbild einprägen will in uns - so wie der Töpfer
sein Siegel einprägt in den noch weichen, unfertigen Ton.
Es ist keine Stunde der großen Gefühle, sondern
mehr eine Antwort auf die stille Bitte des Herrn: zu vertrauen, daß
diese Zeit nicht verloren ist und nicht durch andere, mehr äußerliche
Dinge viel besser genützt werden könnte. Werden wir Ihm glauben?
Es ist auch eine Zeit der Verheißung; denn so
wie unser Gesicht golden aufleuchtet, wenn wir in die untergehende Sonne
schauen, wird auch unser Herz auf geheimnisvolle Weise angerührt
und verwandelt, wenn wir auf den eucharistischen Herrn schauen. Das lehrt
uns das Beispiel vieler Heiliger, das zeigt uns auch die Schrift: das
Antlitz des Mose war verklärt, nachdem er Gott auf dem Sinai begegnen
durfte (Gen 34,29).
Manchmal freilich ist das alles nicht so einfach, wie
es klingt. Es gibt Tage, an denen man dem Herrn nichts anderes bringen
kann als nur Zerstreutsein, Müdigkeit und Sorgen. Tage, an denen
man beim Beugen der Knie nur einen einzigen Satz zustandebringt: Herr,
erbarme dich!" Manchmal wird die heilige Stunde zur letzten Chance, gerade
noch den Kopf über Wasser zu behalten, wenn man im geistlichen Kampf
fast zu ertrinken droht. Oder sie wird zu einer einzigen Versuchung zum
Aufgeben: wenn sie wirklich nur als verlorene Zeit" erscheint, weil
man nicht ins Innere vordringen kann... Und dennoch: Wenigstens ist man
da gewesen, wenigstens hat man angeklopft.
Die tägliche heilige Stunde führt uns hinein
in die geschöpfliche Armut, in die Nacktheit vor Gott, in die Gebrochenheit
der menschlichen Existenz. Und das ist gut so; denn nur aus dieser Armut
heraus kann jener Reichtum entstehen, der nicht mehr von den Menschen
kommt, sondern den der Herr selbst in uns säen will. Und nur in dieser
Kraft der Schwachheit kann allmählich jene Liebe wachsen, die - wenn
Er sie einst vollendet - stärker ist als alles andere: stärker
als die Sünde, stärker auch als der Tod.
Ist es schwer, die heilige Stunde zu halten? Ja, es
ist schwer; denn wir treten zwar ein in Seine Liebe, aber wir gehen gleichzeitig
auch ein in die völlige Schutzlosigkeit vor Gott. Wir gleichen gewissermaßen
einem Aussätzigen, der zwar zum Arzt geht, um sich helfen zu lassen,
der aber seine schmutzigen Fetzen nicht hergeben will, sobald dieser sie
zu entfernen sucht: so groß, so tief, so brennend ist die Scham,
entblößt zu werden von Ihm, der die Reinheit ist. Schon Petrus
ist Christus zu Füßen gefallen mit dem Ruf: Herr, geh
weg von mir, ich bin ein Sünder!" (Lk 5,8)
Doch die einzige sanfte, aber unerbittliche Antwort,
während der Herr uns weiter Schicht für Schicht unser selbst
entblößt, wird sein: Hab Vertrauen! Hab Vertrauen, du
bist Mein Werk!" Und dann sind wir gerufen, still zu halten unter dieser
Hand, die uns als einzige die Heilung schenken kann. Nur diesen einen
Schutz gibt es vor Gottes Größe: den, völlig schutzlos
zu sein!
Ist es schwer, die heilige Stunde zu halten? Ja, es
ist schwer; denn wir kommen fast immer mit den vielen Masken unseres Lebens
- und treffen dort auf einen Spiegel, der sich nichts vormachen läßt,
sondern alles abbildet: Gutes wie Schlechtes, Stärke wie Schwäche,
Helligkeit wie dunkle Schatten. Und so kann es vorkommen, daß man
- salopp gesagt - vielleicht recht gut drauf" ist, wenn man die
heilige Stunde beginnt, aber in Tränen der Reue, wenn man sie beendet
- und gut vorbereitet auf eine umfassende Beichte! Denn der Herr ist nicht
so grausam, uns die in langen Jahren gewachsenen Masken einfach so vom
Gesicht zu reißen, sondern Er schenkt uns die Möglichkeit,
sie behutsam eine nach der anderen vor Ihm abzunehmen und verwandeln zu
lassen in Licht.
Ist es also schwer, die heilige Stunde zu halten? Ja,
oft ist es schwer; denn wir leben in einer Welt, die uns viel abverlangt,
und die Müdigkeit mag uns oft übermannen.
Manchmal muß die Zeit der Stille, wenn andere
Verpflichtungen sich häufen, daher sehr bewußt eingeplant werden:
etwa indem man eine Stunde früher aufsteht oder auf ein anderes Ereignis
oder eine Begegnung verzichtet. Auch wird es immer wieder die Versuchung
geben, die Modellier-Stunde Gottes zwischendurch einfach ausfallen zu
lassen - z.B. wenn eine Vortragsreise ansteht und die Nacht ohnehin kurz
war, die Fahrt hingegen lang sein wird und es nur eine einzige Möglichkeit
gibt, die Zeit mit dem Herrn noch unterzubringen: in den sehr frühen
Morgenstunden... Bruder Esel" kann da schon kräftig protestieren,
wenn der Wecker unerbittlich klingelt. Dennoch dürfen wir darauf
vertrauen, daß wir aus der Begegnung (so verschlafen wir sie vielleicht
verbracht haben!) gestärkt hervorgehen werden: denn sie ist wie ein
Sauerstoffzelt des Heiligen Geistes, in dem wir unsere Lungen noch einmal
ganz anfüllen dürfen, bevor wir den Rest des Tages dann den
Stickstoff dieser Welt einatmen.
Manchmal ist es aber auch schwierig, die Stunde zu einer
Tageszeit zu begehen, in der irgendwo eine Kirche offen ist. Da unser
Herr auch viel Humor hat, kann das vor allem an den Abenden geradezu gefährlich
werden: dann etwa, wenn der Pfarrer oder der Mesner nicht merken, daß
noch jemand vor dem Tabernakel ist, und denjenigen aus Versehen in der
Kirche einsperren - etwa an einem Weihnachtsabend in einer abgelegenen
Wallfahrtskirche (und zwar zu einer Zeit, da keineswegs schon jeder ein
Handy in der Tasche hatte, um notfalls mit der Außenwelt Kontakt
aufzunehmen!). Oder - noch delikater - in einem deutschen Wallfahrtsort,
in dem die Eingesperrte am nächsten Morgen um acht einen Vortrag
halten, die Sakramentenkapelle laut Aushang aber erst um zehn Uhr wieder
aufgesperrt werden sollte...
Ist es also schwer, die heilige Stunde zu halten? Nein,
das ist es nicht, wenn wir es nur wagen, an die Kraft der Eucharistie
zu glauben! Vielen fällt das schwer, und das war schon damals so,
als der Herr dieses Wunder im Evangelium ankündigte. Zuerst verlor
Er die Massen; denn als sie begriffen, daß Er mit dem Brot
des Lebens" nicht das materielle Wohl gemeint hatte, folgten sie Ihm nicht
länger nach (Joh 6). Danach verlor er einige Seiner Jünger:
ihnen schien zu unerträglich", was Er sagte, und sie zogen
sich zurück und wanderten nicht mehr mit Ihm umher" (Joh 6,60-66).
Und als drittes spaltete die Ankündigung der Eucharistie sogar die
apostolische Gruppe selbst, weil sich Judas bereits hier als der zukünftige
Verräter abzeichnete und Jesus genau wußte (und auch verschleiert
ankündigte), wer es sei, der Ihn verraten würde (Joh 6,64 +
6,71).
Weder theologisches Wissen allein, noch tätiger
Glaube allein reichen also aus, um inmitten der Sorgen dieser Welt"
(Mt 13,22) das Feuer der Gottesliebe in uns lebendig und am Brennen zu
halten. Viele Dinge über Christus zu wissen und viel über Ihn
erzählen zu können, ist eine gute Sache. Aber wie sollen wir
über Ihn sprechen, ohne Ihn wirklich zu kennen? Und wie sollten wir
Ihn kennenlernen, ohne mit Ihm Zeit zu verbringen? Wie aber könnten
wir, nachdem wir Zeit mit Ihm verbracht haben, nicht dahin gelangen, Ihn
zu lieben? Theologische Erkenntnisse erwachsen nie allein aus dem Studium
der heiligen Schriften, sondern immer auch aus dem Sich-Hinknien vor einen
Tabernakel!
Wenn wir irgend etwas tun wollen für die Verchristlichung
dieser Welt und ihr Hinfinden zum Vater, dann tun wir es durch unser Vertrauen
in die Eucharistie (sei es real in Seiner Gegenwart; sei es, daß
wir nur im Geiste vor Ihm verweilen können)! Denn nur sie ist das
Feuer, das unser aller Lauheit und Müdigkeit, Armut und Zerbrochenheit
immer wieder neu entzünden kann - so wie auch der Dornbusch des Mose
im Feuer Gottes immerzu brannte, ohne sich zu verzehren. Wir müssen
in dieser Welt die Liebe bewahren, wenn wir Seine Jünger sein wollen;
denn nur die Liebe ist es, die zum Leben führt!
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