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In der Schule der kleinen" Thérèse
von Lisieux
Ohne Unterlaß beten?
Von Ingeborg Obereder
Im ersten Brief an die Thessalonicher gibt der Apostel
Paulus Anweisungen für das Gemeindeleben. Eine davon lautet: Betet
ohne Unterlaß!" Ist dies für unsere moderne, hektische Zeit
nicht antiquiert und überholt?
Ich meine nicht, denn die Mahnungen und Bitten der Gottesmutter
in Lourdes, Fatima oder Medjugorje fordern dasselbe. Viele Menschen aber
sind der Meinung, daß es übertrieben oder gar nicht möglich
ist, ohne Unterlaß" zu beten. Ständiges Gebet wäre
bestenfalls etwas für Ordensleute und da nur für Kontemplative.
Wer so denkt und handelt, begibt sich in Gefahr, ein mittelmäßiger
Christ zu werden und im geistlichen Wachstum stecken zu bleiben.
Wer aber die Forderung des Apostels und der Gottesmutter
ernst nimmt, der wird versuchen, einen Weg zu finden, um dieser Einladung
zum Gebet folgen zu können. Ich möchte dazu einige Impulse geben.
Die Kirche weist uns auf viele Heilige hin, die durch
ihr vorbildliches Leben das Evangelium verwirklicht haben. Diese Vorbilder
des Glaubens zeigen uns immer auch einen Weg zum Gebet. Ich persönlich
bin bei der heiligen Therese von Lisieux in die Schule gegangen. Seit
meiner Kindheit ist sie meine Lieblingsheilige, und ich schätze sie
als eine vorzügliche Lehrmeisterin sowohl für das alltägliche
Leben als auch für das Gebet, denn sie hat es verstanden, allezeit"
zu beten.
Therese von Lisieux tritt mit 15 Jahren in den Karmel
ein, dessen besondere Spiritualität es ist, immer vor dem Angesicht
Gottes" zu stehen, immer in Gottes Gegenwart zu wandeln". Eines
Tages wird sie gefragt, ob sie manchmal die Gegenwart Gottes verliere.
Therese antwortete ganz einfach: Oh, nein, ich glaube, daß
es niemals drei Minuten waren, wo ich nicht an den lieben Gott dachte..."
Und sie begründet ihre Aussage mit den Worten: Es ist (doch)
selbstverständlich, daß man an einen denkt, den man liebt."
Therese versteht unter Gebet in erster Linie ihre Liebesbeziehung
zu Jesus, die sie in einer Fülle von schönen Bildern zum Ausdruck
bringt. Mit etwa sechs Jahren weilt sie mit ihrer Schwester Pauline am
Meer und betrachtet die Lichtbahn, die die Sonne am Meer zurückläßt.
Da faßt sie den Entschluß: ...nie
meine Seele dem Blick Jesu zu entziehen." Sie weiß, daß der
Blick Jesu immer unendlich liebevoll ist. So sagt später die inzwischen
erwachsen gewordene Therese mit Überzeugung: Ich will mich
Jesu Liebesblick aussetzen und Ihn in meiner Seele wirken lassen."
Therese läßt sich von Jesus anschauen, und
natürlich schaut auch sie Jesus an. Als sie im Kloster unter großer
Trockenheit leidet, nichts, absolut nichts von der Liebe Jesu fühlen
kann, da findet sie das Bild vom kleinen Vogel, der unermüdlich und
unverdrossen auf seine geliebte Sonne schaut: Ich sehe mich selbst
nur als einen schwachen kleinen Vogel. Ich bin kein Adler; von ihm habe
ich nur die Augen und das Herz. Trotz meiner Kleinheit richte ich das
Auge unverwandt auf die göttliche Sonne. In einem verwegenen Sich-Überlassen
will er im Anblick seiner göttlichen Sonne verharren. Nichts kann
ihn erschrecken, weder Wind noch Regen..."
Gott anschauen und sich von Ihm anschauen lassen, das
ist nach Therese echtes, tiefes Gebet. Sie verharrt in diesem Austausch
der Blicke aus Liebe. Und weil Therese unerschütterlich an die Liebe
Gottes glaubt, ist ihre Liebe zu Gott unabhängig von Gefühlen
oder spürbaren Erfahrungen. Sie bleibt vor ihrem Gott, auch wenn
sie niedergeschlagen ist, sich in Glaubensnot oder Trockenheit befindet.
Das Gebet Thereses ist vor allem eine Lebenshaltung,
eine Verfaßtheit des Herzens", eines Herzens, das die Liebe
geformt hat. Als sie in ihrer Todeskrankheit nachts wieder einmal nicht
schlafen kann, wird sie von ihrer Schwester Céline überrascht.
Sie trifft Therese mit verschlungenen Händen an, die Augen nach oben
gerichtet. Was tun Sie so? Sie sollten versuchen, zu schlafen,"
sagt Céline. Ich kann nicht. Ich leide zu sehr. Aber ich
bete," antwortet Therese. Und was sagen Sie zu Jesus?" - Ich
sage ihm nichts. Ich liebe ihn."
Therese, die jüngste Kirchenlehrerin, bezeichnet
sich selbst gern als kleine Seele", als einfachen Menschen, der
einfache Mittel braucht, um sein Ziel zu erreichen. Entsprechend einfach
ist Thereses Anleitung zum Gebet: Für mich ist das Gebet ein
Aufschwung des Herzens, es ist ein einfacher Blick zum Himmel. Es ist
ein Ruf des Dankes und der Liebe, sowohl mitten in Prüfungen wie
auch in der Freude. Endlich ist das Gebet eine ganz große übernatürliche
Sache; es weitet meine Seele und macht mich eins mit Jesus."
Therese liebt das wortlose Gebet: den Aufschwung
des Herzens" und den Blick zum Himmel", denn Gott will unser Herz!
Mit ihrem Herzen hat Therese sich Ihm zugewandt. Mit ihrem ganzen Sein
hat sie nach Gott verlangt, Ihn gesucht und Ihn angeschaut.
Therese liebt aber ebenso Wiederholungen, kurze Stoßgebete,
Verse aus der Heiligen Schrift, die sie verinnerlicht. So bekennt Therese
einmal: Wenn ich vor dem Tabernakel knie, habe ich dem Herrn nichts
anderes zu sagen als: Herr, Du weißt daß ich Dich liebe.'
Und sie fügt hinzu: Ich spüre, daß Ihm dies
nie lästig wird." Schon als Kind hat sie die Kraft entdeckt, die
in der Wiederholung liegt und unsere Gesinnung festigt. Unaufhörlich
sagte ich...", ...unaufhörlich hörte ich..." Solche und
ähnliche Formulierungen finden sich in ihren Selbstbiographischen
Schriften, wenn sie von tiefen Erfahrungen berichtet.
Fremde Gebetstexte benützt Therese nicht gern.
Sie zieht eine zwanglose Unterhaltung mit Jesus vor, weiß sie doch,
daß Jesu Herz ganz ihr gehört und das ihre ihm. Ich sage
ihm ganz einfach, was ich ihm sagen will," verrät sie uns und Gott
wird nicht müde, mich anzuhören, wenn ich ihm ganz einfach meine
Mühen und meine Freuden sage, wie wenn er sie nicht kennen würde."
Schließlich sagt uns Therese, daß es das
Gebet war, ihr ständiges Verweilen vor Gott, das ihr Herz weit und
sie mit Jesus eins" gemacht hat. Wer bei ihr in die Schule geht,
wird erfahren, daß das Gebet - wie Maria es in Medjugorje erbittet
- zur Freude wird.
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