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Wiederentdeckung des Betens: Ein Zeichen der Zeit
Die Pfarren als Schulen des Gebets
Von Papst Johannes Paul II.
Der Aufbruch der Kirche ins neue Jahrtausend wird vor
allem auch ein Aufbruch im Gebet sein. Dazu ruft der Papst in seinem Schreiben
Novo millennio ineunte" jeden einzelnen auf, ein besonderer Appell
an Pfarren und Ordensgemeinschaften...
Ist es nicht vielleicht ein Zeichen der Zeit",
daß man heute in der Welt trotz der weitreichenden Säkularisierungsprozesse
ein verbreitetes Bedürfnis nach Spiritualität verzeichnet, das
größtenteils eben in einem erneuerten Gebetsbedürfnis
zum Ausdruck kommt?
Auch die anderen Religionen, die nunmehr in den alten
Christianisierungsgebieten weit verbreitet sind, bieten ihre eigenen Antworten
auf dieses Bedürfnis an und tun dies manchmal mit gewinnenden Methoden.
Da uns die Gnade gegeben ist, an Christus zu glauben, den Offenbarer des
Vaters und Retter der Welt, haben wir die Pflicht zu zeigen, in welche
Tiefe die Beziehung zu ihm zu führen vermag.
Die große mystische Tradition der Kirche im Osten
wie im Westen hat diesbezüglich viel zu sagen. Sie zeigt, wie das
Gebet Fortschritte machen kann. Als wahrer und eigentlicher Dialog der
Liebe kann es die menschliche Person ganz zum Besitz des göttlichen
Geliebten machen, auf den Anstoß des Heiligen Geistes hin bewegt
und als Kind Gottes dem Herzen des Vaters überlassen. Dann macht
man die lebendige Erfahrung der Verheißung Christi: Wer mich
liebt, wird von meinem himmlischen Vater geliebt werden, und auch ich
werde ihn lieben und mich ihm offenbaren" (Joh 14,21).
Es handelt sich um einen Weg, der ganz von der Gnade
gehalten ist und dennoch einen starken geistlichen Einsatz verlangt. Er
kennt auch schmerzvolle Reinigungen (die dunkle Nacht"), führt
aber in verschiedenen möglichen Weisen zur unsagbaren Freude, die
von den Mystikern als bräutliche Vereinigung" erlebt wurde.
Wie kann man an dieser Stelle unter so vielen strahlenden Zeugnissen die
Lehre des heiligen Johannes vom Kreuz und der heiligen Theresia von Avila
übergehen?
Ja, liebe Schwestern und Brüder, unsere christlichen
Gemeinden müssen echte Schulen" des Gebets werden, wo die Begegnung
mit Christus nicht nur im Flehen um Hilfe Ausdruck findet, sondern auch
in Danksagung, Lob, Anbetung, Betrachtung, Zuhören, Leidenschaft
der Gefühle bis hin zu einer richtigen Liebschaft" des Herzens.
Ein intensives Gebet also, das jedoch nicht von der
historischen Aufgabe ablenkt: Denn während es auf Grund seiner Natur
das Herz der Gottesliebe öffnet, öffnet es dieses auch der Liebe
zu den Brüdern und befähigt sie, die Geschichte nach Gottes
Plan aufzubauen.
Gewiß sind zum Gebet vor allem jene Gläubigen
aufgerufen, die das Geschenk der Berufung zu einem Leben besonderer Weihe
empfangen haben: Das Gebet macht sie auf Grund seines Wesens bereiter
für die kontemplative Erfahrung. Deshalb müssen sie es mit hochherzigem
Einsatz pflegen.
Aber man ginge fehl, würde man annehmen, die gewöhnlichen
Christen könnten sich mit einem oberflächlichen Gebet zufriedengeben,
das ihr Leben nicht zu erfüllen vermag. Besonders angesichts der
zahlreichen Prüfungen, vor die die heutige Welt den Glauben stellt,
wären sie nicht nur mittelmäßige Christen, sondern gefährdete
Christen". Denn sie würden das gefährliche Risiko eingehen,
ihren Glauben allmählich schwinden zu sehen. Schließlich würden
sie womöglich dem Reiz von Surrogaten" erliegen, indem sie
alternative religiöse Angebote annehmen und sogar den seltsamen Formen
des Aberglaubens nachgeben.
Deshalb muß die Gebetserziehung auf irgendeine
Weise zu einem bedeutsamen Punkt jeder Pastoralplanung werden. Ich selbst
habe mich darauf eingestellt, die nächsten Mittwochskatechesen der
Reflexion über die Psalmen zu widmen, angefangen mit denen der Laudes.
Da lädt das öffentliche Gebet der Kirche uns ein, unsere Tage
zu heiligen und ihnen eine Richtung zu geben.
Wie nützlich wäre es, wenn nicht nur in den
Ordensgemeinschaften, sondern auch in den Pfarrgemeinden mehr Wert auf
ein Klima gelegt würde, in dem das Gebet vorherrscht. Man müßte
mit der gebotenen Unterscheidung die Weisen der Volksfrömmigkeit
hochschätzen und das Volk vor allem für die liturgischen Formen
bilden.
Der Tagesplan einer christlichen Gemeinde müßte
die vielfältigen pastoralen Tätigkeiten und das Zeugnis in der
Welt mit der Feier der Eucharistie und womöglich mit den Laudes und
der Vesper verbinden. Ein solcher Tagesablauf ist denkbarer, als man gemeinhin
glauben mag. Das zeigt die Erfahrung vieler christlich engagierter Gruppen,
die auch einen hohen Anteil an Laien unter sich verzeichnen.
Auszug aus dem Text der Enzyklika: die Kapitel 33
und 34
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