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Über eine Meinungsumfrage zum Thema Euthanasie
Das war Manipulation
Von Enrique H. Prat
Das IMAS-Institut hatte die Österreicher zum Thema
Euthanasie befragt. In den Medien las man dann: Mehrheit ist für
Sterbehilfe" (Krone) oder Die Hälfte der Österreicher
tritt für aktive Sterbehilfe ein" (Die Presse). Ein erstaunliches
Ergebnis, dem der Autor nachgegangen ist.
Ein als wissenschaftlich seriös anerkannte Meinungsforschungsinstitut
hat Umfrageergebnisse vorgelegt. Die Zeitungsredaktionen haben keinen
Anlaß gesehen, diese Nachricht anzuzweifeln. Die Überschrift
des Berichtes Mehrheit bejaht Sterbehilfe nach holländischem
Beispiel" dürfte manchem wohl etwas überraschend vorgekommen
sein, aber die Seriosität des Institutes zerstreute letztlich mögliche
Zweifel.
Bei dieser Überschrift drängt sich zunächst
die Frage auf, was überhaupt die österreichische Bevölkerung
vom holländischen Beispiel weiß. Die telephonische Befragung
hätte es klären sollen: In Holland wurde kürzlich
ein Gesetz erlassen, wonach Ärzte in ganz bestimmten Fällen
schwerstkranken Menschen, die keine Chance mehr zum Überleben haben
und große Schmerzen erdulden müssen, eine sogenannte Sterbehilfe"
leisten dürfen. Das heißt, daß das Leben solcher Menschen
auf deren eigenen Wunsch verkürzt werden darf. Haben Sie davon gehört/gelesen
oder hören Sie das zum ersten Mal?"
Man braucht kein diplomierter Sozialforscher zu sein,
um zu bemängeln, daß für eine telephonische Befragung
diese Frage viel zu lang ist. Man bracht auch kein diplomierter Psychologe
zu sein, um vorauszusagen, daß solche Fragen ganz bequem mit einem
Ja beantwortet werden können. Niemand will gerne als ignorant dastehen,
und schließlich hat jeder schon einmal irgend etwas davon gehört.
Die logische Antwort: Ja. Tatsächlich: 70 % antworten mit Ja.
Nicht schlüssig ist dagegen die Interpretation
des seriösen Instituts: Eine erste Erkenntnis ist, daß
das Thema bei der Bevölkerung eine offenkundig sehr große Aufmerksamkeit
gefunden hat". Die Tatsache, daß die Mitarbeiter von IMAS ganz sicher
nicht naiv sein dürften, läßt den Verdacht aufkommen,
daß wir es hier mit einer ideologisch präjudizierten Befragung
zu tun haben.
Diesen Verdacht bekräftigt die zweite Frage und
die Interpretation deren Antworten: Sind sie persönlich dafür
oder dagegen, daß unheilbar Kranken und schwer leidenden Menschen
der Wunsch zu sterben erfüllt wird?" 49 % der Befragten antworten
darauf mit Ja.
Die Frage hat es in sich. Dazu drei Anmerkungen:
* Diese Frage ist schwer zu beantworten, weil sie eine
Voraussetzung für Sterbehilfe unterschlägt, die laut der ersten
Frage im holländischen Modell enthalten ist, nämlich, daß
der schwer leidende, unheilbar Kranke keine Chance mehr zu überleben"
hat. Diese Voraussetzung dürfte nur vergessen worden sein. Dies zeigt
die Überschrift des IMAS-Berichtes, der die Antworten ja als Befürwortung
des holländischen Beispiels deutet. Man konnte also davon ausgehen,
daß es in dieser Frage um Sterbehilfe unter drei Bedingungen geht:
große Schmerzen, unheilbare Krankheit und keine Chance zum Überleben.
* Die zweite Frage ist auch deswegen zweideutig, weil
sie weder von Sterbehilfe spricht, noch irgendwie die ethisch relevante
Unterscheidung zwischen Töten und Sterbenlassen (also den Sterbeprozeß
nicht unnötig künstlich verlängern) macht. Diese Unterscheidung
wäre wichtig gewesen, weil der angesprochene Sterbewunsch nämlich
in den meisten Fällen rein technisch mit dem Sterbenlassen erfüllt
werden kann.
* Der Begriff Euthanasie, der in der Bevölkerung
eher bekannt und klarer als Sterbehilfe ist, wird von IMAS gemieden.
Daraus ziehe ich folgende Schlüsse: Erstens ist
es seltsam, daß die zweite Frage nur von 49 % bejaht wird. Es wäre
nämlich verwunderlich, daß 51 % der Österreicher moralisch
strenger als die katholische Kirche sind. Unter den erwähnten Bedingungen
spricht sich die Kirche prinzipiell für Sterbenlassen und gegen therapeutischen
Übereifer aus.
Allerdings lehnt sie eine Verkürzung des Sterbeprozesses
durch eine direkte Tötungsmaßnahme, d.h. die Euthanasie im
engeren Sinn, kategorisch ab. Aber Euthanasie wurde in der Frage nicht
angesprochen bzw. in einer mehrdeutigen Formulierung verpackt.
Zweitens hätte ich aus Überzeugung mit Ja
geantwortet, ebenso wie jeder andere Katholik im Einklang mit dem Lehramt
der Kirche dies hätte tun können. Allerdings kommt für
mich nur ein Sterbenlassen in Frage. Das Widersinnige ist, daß meine
Aussage von dem seriösen Institut trotzdem als Euthanasiebefürwortung
bewertet worden wäre! Dies dank eines Tricks in der Fragestellung.
Vielleicht war IMAS all das nicht bewußt, und
es ist ihm ein großer Fehler unterlaufen. Dann wäre es seinem
seriösen Ruf diesmal nicht gerecht geworden. Der Schaden ist jedenfalls
angerichtet. Mich hat jedenfalls das aufmerksame Studium der Aussendung
beruhigt: Der breite Konsens gegen eine Tötung auf Verlangen dürfte
vorerst noch vorhanden sein. Aber solche Methoden (Manipulationen) können
mithelfen, den Konsens langsam zu untergraben. Fazit: Traut auch den seriösen
Meinungsforschern nicht ganz!
Der Autor ist Ethiker und Geschäftsführer
des Imabe-Institut in Wien.
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