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Im
Wirrwarr der Heilsangebote im Blick behalten:
Nur in Jesus Christus ist die volle Wahrheit
Menschwerdung - Zeichen des Widerspruchs
Von Wolfram Schrems
Die weitverbreitete
Skepsis gegenüber der Wahrheit, das undifferenzierte Reden über
die Religionen verleiten sogar Christen dazu, die Einmaligkeit
der Offenbarung Gottes in Jesus Christus aus dem Blick zu verlieren.
Der Kern christlichen Glaubens ist die Mensch_werdung Got_tes. Schaut
man gründlich und unbefangen in Geistesgeschichte und Gegenwart,
stellt man fest, daß sich am Anspruch Jesu Christi, der menschgewordene
Sohn Gottes zu sein, in einem ganz wörtlich zu nehmenden Sinn die
Geister scheiden. Im folgenden soll der Versuch unternommen werden, auf
die Zentralität dieses Geheimnisses hinzuweisen, eine Zentralität,
die durch ihre vielfältige Bekämpfung nur noch unterstrichen
wird. Die Überlegungen sollen auch eine Aufforderung sein, den katholischen
Glauben tiefer zu durchdenken und sich ihn neu anzueignen.
In seinem Roman Der Herr der Welt läßt Robert Hugh Benson einen
abgefallenen Priester den Kern des Glaubens der Katholiken so beschreiben:
(Sie) glauben, daß Gott Mensch wurde, daß Jesus Gott
war und daß er das getan hat, um sie durch sein Sterben vor der
Sünde zu retten.
Nun, was sie die Inkarnation nennen ist wirklich
der Punkt. Alles andere fließt daraus hervor. Und sobald das jemand
glaubt, muß ich bekennen, folgt der ganze Rest - bis hinunter zu
Skapulieren und Weihwasser.
Das ist der Kern: Der ewige Sohn Gottes, der Logos, nimmt die menschliche
Natur vollständig an. Er wird einer von uns. Er verkündet eine
neue Lehre und stiftet ein konkretes, sichtbares Volk mit einer sichtbaren
Führung. Der Glaube ist also in konkrete Formen gegossen: hierarchische
Kirche, amtliche Verkündigung, Sakramente, Werke der Nächstenliebe.
Darüber hinaus schafft sich der Glaube Formen, die oft nicht direkt
geoffenbart, aber angemessen sind: die konkrete Gestalt der Liturgien
des Westens und des Ostens, klerikale Kleidung, Zusammenfassung der Glaubenssätze
im Katechismus, Auswendiglernen von Gebeten und Bibelstellen und alle
sonstigen, kulturprägenden Details. Zerstört man die Formen,
geht auch der Inhalt verloren.
Die Menschwerdung Gottes gibt weiters auch der Geschichtsschreibung plötzlich
Bedeutsamkeit. Das Neue Testament hält fest, was es wert ist, festgehalten
zu werden. Aus der Fülle der historischen Daten könnten wir
niemals ableiten, was wirklich wichtig ist. Durch das Eingreifen Gottes
in die Geschichte, ja Sein persönliches Teilnehmen an ihr, wird das
Niederschreiben objektiv interessant. Der Kalender wird dadurch bedeutsam:
Denn jetzt ist die Zeit nicht einfach eine unstrukturiert und sinnlos
ablaufende Zeit, sondern kann und soll Heilszeit sein.
Die Feste sind keine frei erfundenen Phantasiefeste, die - wie jeder feiernde
Student weiß - unendlich öde sind, sondern haben einen konkreten,
historisch faßbaren Inhalt: Die Erinnerung an Geburt, Tod und Auferstehung
des Gottessohnes geben dem sich wiederholenden Jahr eine sinnvolle und
objektive Struktur. Freilich, das alles ist Inhalt des Glaubens. Wir können
das nicht beweisen.
Wir können allerdings feststellen, daß die Lehre Jesu, seine
Wunder und seine Auferstehung historisch hervorragend bezeugt sind. Es
handelt sich nicht um Phantasiegebilde. Daher ist der Glaube an die Menschwerdung
Gottes nicht beweisbar, aber auch nicht widerlegbar.
Es gibt gegen ihn aber massive und vielfältige Widerstände.
Diese kann man in drei Punkten grob zusammenfassen:
n Die hl. Schrift des Alten Testamentes kündigt zwar den Messias
an. Aber daß Er direkt und wörtlich der menschgewordene Gottes
Sohn sein würde, war offenbar nicht im Bewußtsein des Volkes
Israel verbreitet. Einige Stellen der hebräischen Bibel sprechen
von einer innergöttlichen Zeugung des Sohnes (etwa Ps 2,7; Ps 110,1.3),
aber nicht von einer Menschwerdung. Das Selbstbekenntnis als Sohn Got_tes
bleibt dem Messias angesichts des Verhörs durch den Hohenpriester
vorbehalten (Mk 14,62). Wie dieser reagierte, wissen wir.
Das nachchristliche Judentum definiert sich dann auch über die heftige
Ablehnung des Anspruches Jesu. Die maßgeblichen Stellen des Talmud
wurden vor kurzem von dem Judaisten Peter Schäfer auf Deutsch publiziert
(Jesus im Talmud).
Die Leugnung der Inkarnation blieb von daher im Altertum in verschiedenen
Gruppen und Sekten Palästinas, Syriens und Arabiens lebendig, bis
sie im Islam eine neue, diesmal auch militärische Ausprägung
fand. Von seiner Grundaussage bekämpft der Islam die Idee der Mensch_werdung
Gottes und greift dazu auch zum Krieg. Die gewaltsam in Moscheen umgewandelten
Kirchen und der Ruf des Muezzins von den ehemaligen Kirchtürmen,
dann Minarette genannt, sollen dokumentieren, daß die
Christen falsch liegen.
Die Kernaussage des Islam ist ja nicht der Monotheismus, sondern die Bestreitung
der Gottessohnschaft Jesu Christi. Es ist darum unerfindlich, warum so
viele Zeitgenossen, unter ihnen katholische Theologen, der Leugnung des
Heilswerkes Gottes durch den Islam so viel Wertschätzung entgegenbringen.
n Wie stehen die anderen Religionen zur Inkarnation? Sie nehmen
sie nicht zur Kenntnis: Hinduismus und Buddhismus verbleiben auch 2000
Jahre nach der Menschwerdung Gottes in ihrem schwer faßbaren Gemisch
aus irrationalem und unhistorischem Mythos, Magie und etwas praktischer
Lebensklugheit versponnen und Naturreligionen behalten ihre
Götzen, denen sie fallweise auch Menschen opfern. Soll das heilig
sein?
n Zu erwähnen wären auch noch Bewegungen im Protestantismus.
Viele Spielarten leugnen zwar die Menschwerdung nicht formell, unterminieren
sie aber: Wo ausgerechnet die Verehrung der Mutter Jesu abgeschafft wird,
von der er doch die menschliche Natur angenommen hat, ist die Inkarnation
schwerer glaubhaft zu machen.
Die Gründerväter der protestantischen Richtungen be_kämpf_ten
fünf von sieben Sakramenten, Reliquienverehrung, Weihwasser und Skapuliere,
Medaillen, Gelübde, Wallfahrten und alles, was am Glauben konkret
und leiblich ist. Das Konkrete und Leibhaftige des Sakraments erregt Anstoß
(vgl. Joh 6, 60). Es ist aber gerade eine Folge der Menschwerdung! Übrig
blieb im Protestantismus vielfach nur ein dürres intellektuelles
Gerippe, ein Christentum schlechthin, praktisch eine reine
Idee. Diese kann die wirkliche Menschwerdung Gottes nur mehr schwer vermitteln.
Das sehen wir heute in Ländern protestantischer Prägung.
Vom Protestantismus verschieden und zeitlich später finden wir Feindschaft
gegen das Dogma der Menschwerdung Gottes in der französischen Revolution
und in der sogenannten Aufklärung, die in ihrem ideologischen
Tiefpunkt, der Lessingschen Ringparabel, Glauben und Vernunft gleichermaßen
beleidigt. Wir finden diese Ablehnung in den Wahnideen moderner
totalitärer Diktaturen wie in der mexikanischen Revolution von 1917,
im Kommunismus und im Nationalsozialismus - alles ausdrücklich antichristliche
Projekte.
Wir finden sie auch in weiten Strömungen moderner Kunst,
deren raffinierte und bösartige Absicht die Zerstörung des Menschenantlitzes
ist. Hier kündet uns die Kunst die Botschaft
eines dunklen und verworrenen Gegen-Logos. Der Haß Picassos auf
die Frau läßt ihn das menschliche Gesicht richtiggehend fragmentieren.
Damit ist auch das Antlitz Jesu und seiner Mutter getroffen. Dadurch soll
wohl die Ankunft Gottes im Fleisch undenkbar gemacht werden.
Der Mensch ist nach der Darstellung vieler moderner Künstler
offensichtlich nur sezierbares Material - oder Müll.
Schließlich und endlich ist es offenkundig, daß die Mentalität
der Empfängnisverhütung gegen die Menschwerdung gerichtet ist.
Der grauenhafte Umgang mit dem Leben vieler Menschen, die vielen Verstöße
gegen das 5. Gebot und besonders der Greuel der Abtreibung sind Ausdruck
des Hasses nicht nur gegen das Dogma der Menschwerdung, sondern praktisch
gegen die Menschwerdung selbst. Da ist jemand, der sie, wie schon Herodes
im Kindermord von Bethlehem, rückgängig machen will.
Und schließlich: Das Geheimnis der Menschwerdung wird seit etwa
100 Jahren sogar von katholischen Theologen geleugnet, indem eine Christologie
von unten oder ein Randgruppen-Jesus erfunden wurde.
Im amtlichen Bereich der Kirche drückte sich diese Tendenz in der
Veränderung der Liturgie aus: Ausgerechnet die Kniebeuge zur Stelle
im Credo et incarnatus est wurde gestrichen. Auch das Schlußevangelium,
der Johannesprolog, der die Menschwerdung klar bekennt, entfiel. Warum?
Offensichtlich gibt es einen Geist, der in der Bestreitung dieses zentralen
Dogmas nicht lockerläßt und damit bis in die Kirche selbst
vorgedrungen ist.
Was folgt aus allen diesen unerfreulichen Analysen? Zu_nächst werden
wir uns bewußt machen müssen, daß die Inkarnation für
die an sie Glaubenden als auch für die an ihr Anstoß Nehmenden
von zentraler Bedeutung ist. Man kommt daran nicht vorbei. Wie Benson
sagt, alles andere geht daraus hervor.
Sodann sollen wir uns dieser großen Gnade Gottes bewußt werden
und für sie danken. Vergessen wir nicht, daß auch für
die Gesellschaft alles davon abhängt, welches Bild vom Menschen sie
in die Tat umsetzt: ob der Mensch jemand ist, dessen Natur Gott angenommen
und erhoben hat oder ob er nur modellierbare Materie ist.
Schließlich sollen wir in unserem Leben dem Tun Gottes Raum geben,
daß auch wir nach dem Vorbild des Menschgewordenen umgewandelt werden.
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