VISION 20003/1999
« zum Inhalt Schwerpunkt

Reue: Das müssen die meisten von uns erlernen

Artikel drucken Damit Beichten das Leben verändert (Erzbischof Paul Josef Cordes; Michael Scanlan)

Als 32jähriger Priester nimmt Scanlan 1969 an einem Gebet der Charismatischen Erneuerung teil - und der Heilige Geist kommt auf ihn herab wie auf die Apostel zu Pfingsten. In seinem Leben bricht eine neue Dimension auf. Plötzlich erlebt er auch, wie Menschen, die zu ihm beichten kommen, ihr Leben ändern.

Wie so viele Katholiken hatte auch ich gelernt, nicht viel von der Beichte zu erwarten. Ich hörte den Leuten zu, wie sie immer wieder dieselben Sünden beichteten, ihre Machtlosigkeit gegenüber der Versuchung bezeugten, ihr Bedauern darüber ausdrückten - um ihnen dann die Absolution zu erteilen. Die Gnade wurde vermittelt; die Sünden waren verziehen; aber nur selten geschah etwas mehr. Männer und Frauen, deren Sünden vergeben worden waren, würden im nächsten Monat wiederkommen - und dieselben Sünden bekennen.

In den Jahren nach dem 2. Vaticanum hörten viele auf wiederzukommen. Es machte mich traurig, überraschte mich aber nicht, den dramatischen Rückgang in der Nachfrage nach dem Sakrament der Versöhnung festzustellen. Viele Katholiken gaben mehr oder weniger auf.

Und jetzt nach meiner Erfahrung mit dem Heiligen Geist bekam ich Briefe von Leuten, die bei mir gebeichtet hatten, wie diesen: "Seit dem Nachmittag, an dem sie über mich um Heilung von all meinen (schlimmen) Erinnerungen gebetet haben, lebe ich in großem Frieden. Ich bin ein anderer Mensch: frei und so glücklich, daß ich es manchmal selbst nicht glauben kann... Ich weiß, daß noch ein langer Weg vor mir liegt, aber selbst das belastet mich nicht so wie früher."

Als ich Ergebnisse wie diese festzustellen begann, entschloß ich mich zu einem offensiven Zugang zum Bußsakrament. Wenn Leute beichten kamen, sagte ich ihnen, daß der Sinn des Sakraments darin besteht, eine Änderung zu bewirken. "Sie sollten nicht zu denselben Sünden zurückkehren," sagte ich ihnen. "Sie sollten nach der Beichte nicht derselbe wie vorher sein."

Nachdem jemand seine Sünden bekannt hatte, suchten wir nach den Wurzeln der Schwierigkeiten des Betreffenden. Oft erhielt ich da eine direkte Eingebung vom Herrn. Manchmal eröffnete der Herr es dem Beichtenden. Manchmal unterschieden wir nach einem Gespräch zusammen, wo die Wurzeln des Problems lagen. Ich entdeckte, daß es meist im Rahmen einer Beichte viel einfacher war zu den Wurzeln der Sünden vorzudringen als in einem Beratungsgespräch. Bei Beratungen oder in der Psychotherapie sprich man meist über Symptome - Unglücklichsein, emotionale Störungen, Gefühle im Umgang mit anderen. Bei der Beichte wendet man sich dem wesentlicheren Bereich der Beziehungen zu Gott, der Familie, den Mitmenschen zu. Wo diese Beziehungen zusammengebrochen sind, liegt die Ursache meist in der Sünde - des Beichtenden oder anderer...

1972 veröffentlichte ich ein kleines Buch, das meinen Zugang zu diesem Sakrament beschrieb, in der Hoffnung, daß andere Priester ihn aufnehmen würden. Und viele taten es, denn bis 1985 wurden 180.000 Exemplare von "The Power in Penance" verkauft. Diese Begeisterung für die Beichte überraschte mich...

Tatsache ist nämlich, daß die meisten von uns es hassen zu bereuen. Wir wollen der Sünde in unserem Leben nicht ins Antlitz blicken. Wir haben eine schwache und unvollständige Vorstellung davon, was Sünde ist. Wir verschließen uns den Folgen, die das Verharren im Tun der Sünde hat. Zu bereuen, das erfüllt uns mit Unbehagen. Wir reden lieber über Gottes Liebe und Barmherzigkeit, über die Güte des Herrn, die Art, wie Gott in jeder Hinsicht für uns sorgt, die Vollmacht des Heiligen Geistes. All das stimmt. Aber wir müssen auch bereuen.

Ich bin überzeugt, daß es für die Katholiken eine zentrale Herausforderung gibt: Ehrlich zu bereuen.

... Wir können nicht gerettet werden, bevor wir nicht anerkennen, daß da etwas ist, aus dem wir zu retten sind. Wir werden Gottes Macht nicht erfahren, bevor wir nicht wahrhaben, daß wir ihrer bedürfen, das wir auf uns selbst gestellt nicht rechtschaffen leben können.

Die meisten Katholiken, die mir über den Weg laufen, bedürfen des Bereuens... Meiner Meinung nach ist Reue das, was die meisten von uns am meisten brauchen. Es ist wichtiger als das Gebet um Taufe im Heiligen Geist. Es ist entscheidender als die Heilung von Körper und Gefühlen... Gott wird in unserem Leben nicht wirken, wenn wir nicht bereuen. Reue ist der Schlüssel zur Machtfülle Gottes.

Das mag Sie überraschen. Es hat auch mich zunächst erstaunt, aber die Beweise dafür, daß die meisten von uns dringend des Bereuens bedürfen, sind erdrückend.

In den letzten 15 Jahren, habe ich mit Tausenden Katholiken über ihre persönlichen und geistlichen Probleme gesprochen. Sie sagen, ihre Gebetszeiten seien dürr, sie seien von Ängsten und Sorgen erdrückt, ihr Wirken für die Kirche sei frustrierend und unerfreulich, in ihrem Leben sei weit und breit keine Änderung zu erkennen. Es sind Frauen und Männer, die sich für gute Christen halten und die versuchen, dem Herrn und den Lehren der Kirche zu folgen. Die meisten bemühen sich sehr, das Rechte zu tun.

In 90 Prozent der Fälle liegt ihr Problem in der Sündhaftigkeit und die Antwort heißt: Reue. Was sie brauchen? Ihre Sündhaftigkeit zu bekennen und sich von ihr abzuwenden. Wollen Sie mehr von Gottes Macht und Barmherzigkeit und Gnade erleben, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß Sie bereuen sollten.

Michael Scanlan TOR

Der Autor ist Rektor der Universität von Steubenville/Ohio, sein Beitrag ein Auszug aus dem sehr empfehlenswerten Buch:"Let the Fire Fall", Servant Books, Ann Arbor, 1986

© 1999-2020 Vision2000 | Sitz: Beatrixgasse 14a/12, 1030 Wien | Mail: vision2000@aon.at | Tel: +43 (0) 1 586 94 11