VISION 20004/1999
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Still werden können und hören lernen

Artikel drucken Gespräch mit Maria Loley

Wenn jeder Mensch eine Berufung von Gott hat, heißt das, daß wir alle nach Seiner Pfeife tanzen müssen?

Maria Loley: Gott, als unser Schöpfer hat selbstverständlich Vorstellungen, was unsere Existenz anbelangt. Das bedeutet aber keineswegs, daß Gott uns einengen oder uns etwas diktieren will. Vielmehr will Er unsere Entfaltung. Aus dieser Sicht wäre es logisch, diesen Vater zu fragen: "Wie denkst Du über mein Leben? Welche Vorstellung hast Du davon?"

Diese Art zu denken scheint heute nicht weit verbreitet zu sein. Die meisten gehen doch heute von der Vorstellung aus, daß der Mensch autonom und jeder für sich selbst verantwortlich ist...

Loley: Das stimmt. Das Fragen kommt sicher zu kurz. Man fühlt sich bevormundet, meint, Gott werde zu viel von einem fordern. Dabei ist es im normalen Leben gang und gäbe, kompetente Stellen zu fragen. Kein Unternehmer würde es als Herabsetzung seiner Führungsfähigkeit ansehen, sich an Berater zu wenden. Sollte das anders sein, wenn es um meine gesamte Lebensgestaltung, um meine Zukunft geht?

Wie berät man sich aber in so wesentlichen Fragen mit Gott?

Loley: Die "Beratung mit Gott" erfordert Gebet und das Hören nach innen. Wichtig ist also: Beim Beten nicht nur fortgesetzt zu reden, sondern auch zu hören. Das erfordert eine gewisse Bereitschaft, still zu werden.

In unserer lauten Zeit recht schwierig. Sollte man dies nicht schon als Kind lernen?

Loley: Für Eltern stellt das eine große Verantwortung dar. Sie müssen zunächst selbst hörende Menschen sein, in ihre Kinder hineinzuhorchen lernen, erkennen, welche Talente das Kind hat. Viele Eltern haben in der Frage der Zukunft der Kinder allzu einfache Vorstellungen, etwa: Wir haben ein Unternehmen und das hat das Kind zu übernehmen. Sie erwarten dann auch noch lebenslange Dankbarkeit, weil sie dem Kind eine vormodellierte Existenz übergeben haben. Im Gegensatz dazu gilt es, ein Gespür für die Talente, die Wünsche des Kindes zu entwickeln. Um hier voranzukommen, ist das vertrauliche Gespräch - am besten zu zweit - besonders gut geeignet.

Wie wird man nun aber selbst ein hörender Mensch?

Loley: Die Hörfähigkeit sollte schon in der frühen Kindheit von den Eltern beim Kind behütet und gefördert werden. Wichtig ist, daß man sie den Kindern selbst vorlebt. Dann ist es wichtig, daß man die Wahrnehmungsfähigkeit des Kindes fördert, vor allem für die Wunder der Natur. "Schau Dir diese Blume an!" Oder: "Hast Du das Rauschen des Windes in den Blättern gehört?" Einfach schauen, hören - und dabei still werden. Ich habe das als Kind oft getan, etwa dem Trillern der Vögel zugehört.

Heißt das nicht auch Medienaskese? Die Medien überfüttern uns ja mit Eindrücken...

Loley: Medienüberflutung ist eine der sichersten Methoden das Hören und Schauen nach innen abzuwürgen. Im Kontakt mit den Medien kann man ja über die auftauchenden Fragen nicht eine Minute nachdenken. Der Mensch wird immer mehr nach außen, an die Oberfläche geschleudert. Wichtig ist also, eine verträgliche Menge von Eindrücken gut zu verarbeiten. Und das geschieht, wie gesagt, vor allem auch im vertrauensvollen Gespräch. Dann können Gefühle zur Sprache kommen. Das Kind lernt seine Erfahrungen zu betrachten, über sie zu sprechen, seine Gefühle wahrzunehmen und sie auszudrücken. Ein Kind, das in der Schule eine unangenehme Erfahrung gemacht hat, sollte man nach seinen Gefühlen fragen: "Warst du traurig?" Und die Antwort ernst nehmen.

Machen Menschen, die zu einer Haltung der Offenheit geführt werden, dann die Erfahrung einer Berufung?

Loley: Daß ich wahrnehmen kann, was sich in meinem Inneren bewegt, ist jedenfalls das wichtigste Element dafür. Dann merkt ein Jugendlicher etwa, welche Gefühle ihn bewegen, wenn er daran denkt, Mechaniker zu werden oder eine höhere Schule zu besuchen oder später einen Partner fürs Leben zu wählen. Solche Gefühle müssen dann hinterfragt und sehr gut geprüft werden. Wer bei einer solchen Prüfung helfen will, muß viel Feingefühl entwickeln und viel beten. Wenn Eltern nicht betend über ihre Kinder nachdenken, bewegen sie sich auf einer Schmalspur, die in wesentlichen Fragen nicht zum Durchbruch führt.

Jeder macht doch die Erfahrung, daß die eigene Gefühlswelt recht zwiespältig ist. Wie kann man da die Stimme Gottes aus dem Gewirr heraushören?

Loley: Das erste, was es festzustellen gilt: Wohin zieht es mich? Was begeistert mich? Und damit sollte ich ins Gebet gehen, Gott befragen - und vor Ihm verweilen, seine Gefühle vor Gott tanzen lassen. "Was ist Deine Meinung, Herr? Laß mich Deinen Willen erkennen."

Bekommt man dann eine Antwort?

Loley: Nehmen wir die Frage, die man sich vor dem Eingehen einer Ehe stellt. Man hat eine Beziehung zu einem anderen Menschen, erlebt, beim Bedenken dieser Frage eine gewisse Unruhe. In dieser Phase ist es gut, vertrauensvolle Kontakte zu anderen zu haben, um sich aussprechen zu können. In solchen Gesprächen ist es wichtig, denjenigen, der nach einer Entscheidung sucht, behutsam vor die dafür wichtigen Fragen zu stellen - und darauf hinzuweisen, daß man sie sich vor Gott stellen sollte. Denn Gott kann uns all das am besten erkennen lassen. Und wichtig ist auch, den Betreffenden in seiner Entscheidungssituation im Gebet zu begleiten. Man kann ihm das auch durchaus sagen.

Das Gespräch führten Alexa und Christof Gaspari

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