VISION 20004/1999
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Unablässig ruft uns Gott

Artikel drucken Den Ruf Gottes erkennt man am Frieden, den er vermittelt (Konstantin Spiegelfeld)

So ist es auch mit dem Wort, das meinen (das heißt: Gottes) Mund verläßt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe." (Jes 55,11)

Die gesamte Schöpfung und natürlich jedes Geschöpf ist ein sichtbarer Ausdruck dafür, daß Gott Liebe zeigen und schenken will und sich mitteilt. Am meisten verwirklicht Er dies dadurch, daß Er nicht nur Urheber und Geber des Lebens ist, sondern, daß Er die Menschen nicht ihrem Schicksal überläßt, vielmehr "spricht" und "ruft".

Sicher sind das menschliche Ausdrucksweisen und menschliche Wörter, aber seit der Menschwerdung Gottes in Jesus wissen wir, daß es wirklich so ist.

Bei der Berufung der ersten Apostel und bei der Heilung des blinden Bartimäus "ruft" Jesus: "Er rief sie, und sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten Jesus". (Mt 4,21) "Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich." (Mk 10,49)

Gott ruft aber auch durch die verschiedenen Lebensumstände, durch die Schöpfung, durch andere Menschen und durch die Glaubensgemeinschaft der Kirche. Ins Tiefste unseres Herzens legt Gott auch einen anderen Ruf hinein, eine Sehnsucht nach erfülltem, geglücktem und sinnvollem Leben: "Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir: Herr, höre meine Stimme." (Ps 130,1) oder: "Wenn ich rufe, erhöre mich, Gott, mein Retter". (Ps 4,1)

Beide "Seiten", Gott und Mensch rufen auf ihre je eigene Art und Weise. Wer immer von Ihnen die Psalmen, diese jahrtausendalten Gebete regelmäßig betet, der wird dieses gegenseitige Rufen deutlich artikuliert sehen. Ganz offensichtlich ist diese Verbindung, wenn in Jerusalem die Menschen "rufen": "Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn!" (Lk13,35) und der Apostel Paulus schreibt: "Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater." (Gal 4,6)

Wir Christen dürfen daran glauben, daß Gott der Erste ist, der alles bewirkt, damit die Menschen in die Urbeziehung Gott-Mensch treten, und zwar ganz bewußt. Zentral dabei ist, und das ist das Zentrum unseres Glaubens, daß Jesus durch Seine liebende Lebenshingabe und durch Seine Auferstehung Versöhnung in dieser Urbeziehung schenkt.

Das 2. Vatikanische Konzil kennzeichnet diese Grundberufung der Christen sehr treffend: "Sie (Das heißt: die Anhänger Christi) müssen daher die Heiligung, die sie empfangen haben, mit Gottes Gnade im Leben bewahren und zur vollen Entfaltung bringen" (Lumen gentium 40). Die Menschen sind gerufen zu dem, was sie aus sich heraus nicht vermögen.

Ich glaube, daß jeder von uns diese eigene Beschränktheit manchmal auch schmerzlich erfährt. Aber für Gott ist sie nicht unüberwindlich! Das Neue Testament ist voll von Begegnungen Jesu mit Männern und Frauen, die als schwache, sündige, ja vielleicht ausgestoßene Menschen bekannt sind, denen Er sich als Arzt für Seele und Leib erweist. Ganz ausgeprägt bei Matthäus: "Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten." (Mt 9,12.13)

Auf Schritt und Tritt erleben wir in unserer Gesellschaft, wohin der Hochmut, die Selbstherrlichkeit der Menschen hinführt und nur mehr die Stärksten und Gesündesten sich durchsetzen und Ältere, Kranke und Ungeborene zum Teil schutzlos ausgeliefert sind den Eigeninteressen der Menschen. Gott ist anders und ist vor allem den schwachen Menschen besonders nahe.

Der Ruf Gottes ist einerseits gemeinschaftlich, andererseits sehr persönlich: Gemeinschaftlich im Sinne des Herausgerufenseins (vgl. Ekklesia = Kirche = Gemeinschaft der Herausgerufenen), persönlich, weil Gott allein ganz auf den Menschen eingehen, die Eigenheiten und Besonderheiten berücksichtigen und wirklich bei aller Freiheit, die Er jedem läßt, Neues schenken kann. Jeder Ruf Gottes bedeutet Neues, oft Unerwartetes. Wie glücklich können wir sein mit Paulus zu bekennen: "Mit einem heiligen Ruf hat Er uns gerufen, nicht aufgrund unserer Werke, sondern aus eigenem Entschluß und aus Gnade, die uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt wurde." (Tim 1,9)

Kein Ruf ist Selbstzweck, sondern Auserwählung, um das eigene Lebensziel zu sehen und zu finden, aber auch um Werkzeug Gottes zu sein, das der ganzen Kirche als Lebensinhalt aufgetragen ist: "Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit." (Lumen gentium 1) Auserwählung bedeutet keine falsche Exklusivität, sondern Auszeichnung. Gott vertraut sich mir als Mensch an, damit ich in Seinem Sinn für und mit den Menschen und für Ihn lebe.

Viele Menschen, die ganz bewußt ihren Glauben leben, also wirklich Berufene sind und diesen Weg auch bejahen, merken die Dringlichkeit des Antwortgebens. Für mich persönlich war dies meine Berufung zum priesterlichen Dienst, für andere Menschen bedeutet es intensive Suche nach Verwirklichung und Fruchtbarmachen der Liebe, die ich als Mensch von Jesus empfangen habe. Gebet ist dabei sehr wichtig, um den Ruf in seiner Einzigartigkeit zu hören und interpretieren zu können. Es erfordert Übung (wörtlich übersetzt: Exerzitien), geistige Vorgänge in der Seele zu erkennen, den Mut zu haben, sie auch zu bewerten und fähig zu sein, Verbindliches und Wahrheitsgemäßes festzustellen.

Haben wir die Geduld des Hörens, des Wartens, des Suchens, um herauszufinden, welcher Ruf an Dich und an mich ergangen ist und geht? Manchmal ist der Ruf laut und sehr direkt, manchmal ist der Ruf leise, stetig und verborgen. Das Zeichen, daß es wirklich Ruf Gottes ist, nicht meine persönliche Einbildung und nicht andere Stimmen sind, die mich im Letzten vom lebendigen, personalen Gottesbezug wegbringen, ist der Schalom, tiefer Friede und Einheit, die Gott schenken kann. Es ist ein Friede, der zwar herausgefordert, angegriffen sein kann, aber den mir niemand nehmen kann! Die unterschiedlichsten Glaubenszeugen und Märtyrer sind sprechende Beispiele dafür.

Schalom kann Anstoß dazu sein, seine eigene Zukunft anders gestalten zu wollen, er kann neue Sehnsucht wecken, Menschen helfen zu wollen; Freude am Gebet und an der Eucharistiefeier werden durch ihn genährt, viele drängt es durch ihn, die Botschaft Christi weiterzusagen und sich dafür einzusetzen.

Durch Gottes Ruf können alle Fähigkeiten zum Blühen gebracht werden, hundertfach Frucht bringen, ja sogar dort, wo ich selbst nichts erwarte, kann Er etwas bewirken. Gott hat wirklich einen Heilsplan für uns Menschen und Er schenkt uns alles, damit wir diesen Plan für unser Leben verwirklichen können.

Ich kann von allen möglichen Berufungen sprechen, eines verbindet sie alle: Ich soll und kann mit der Hilfe Gottes meinen ureigensten Platz im Leben finden, mein eigenes Leben tiefer verstehen, einen Sinn für mich entdecken, indem ich auf Ihn und auf die anderen Menschen schaue. Am Schönsten ist diese Tatsache zu beobachten, wenn sie zum Beispiel Menschen trifft, die allein, krank oder behindert sind: Sie können ihr Leben als Berufung erleben und es fruchtbarmachen für andere Menschen: "Berufen voll Eifer teilzunehmen am Heilswirken der Kirche" ist der Titel eines Buches, das mir eine gute Bekannte geschenkt hat, die dauernd auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Im Verborgenen kann jeder und jede mitwirken!

Ich wünsche Ihnen Hörbereitschaft und Antwortfähigkeit, wie sie Samuel gehabt hat: "Rede, denn dein Diener (deine Dienerin) hört." (1Sam 3,10)

Der Autor ist Universitätsseelsorger in Wien.

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