VISION 20004/1999
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"Gott kann uns im dritten Jahrtausend noch ganz schön überraschen"

Artikel drucken Interview mit dem Salzburger Erzbischof Georg Eder (Erzbischof Georg Eder; Susanne Kummer)

Herr Erzbischof, wo immer der Papst hinkommt, liegt ihm die Begegnung mit der Jugend sehr am Herzen. Das ist bei den Weltjugendtreffen besonders deutlich, wie etwa in Paris, wo sich eine Million Jugendliche um ihn scharten. Was zieht Jugendliche zum Papst?

Eder: Einerseits ist der Papst eine charismatische Persönlichkeit. Das bezweifelt heute wohl niemand mehr. Aber dann gibt es auch noch inhaltliche Gründe. Es ist eigentlich paradox: Der Papst hofiert die Jugend ja nicht, er sagt ihnen nicht wie viele andere: Macht, was ihr wollt, Hauptsache, daß ihr glücklich werdet und die Liebe nicht verletzt. Nein. Er sagt ihnen die Wahrheit, Dinge, die anspruchsvoll und die für die Jugend nicht leicht zu verdauen sind. Zum Beispiel die Wahrheit über die Liebe und die Anstrengungen, die ein Mensch unternehmen muß, um das Leben zu meistern und glücklich zu werden. Die Jugendlichen wollen ein Alternativprogramm für ihr Leben hören. Sie spüren die Wahrheit, die in dem liegt, was der Papst ihnen über eine neue Kultur des Lebens sagt. Das ist es, wovon sie sich angezogen fühlen - von der Botschaft des Evangeliums!

Viele in den westlichen Wohlstandsländern erleben die "Frohe Botschaft" aber nicht als froh, sondern als schwer und unangenehm. Wie kann wieder Freude am Glauben aufkommen?

Eder: Vielleicht müssen wir anders herum anfangen: Wie kann wieder mehr Glaube aufkommen? Denn wo kein Glaube, da gibt es auch keine Freude am Glauben. Es stimmt: Der Grundwasserspiegel des Glaubens ist tief gesunken - nicht nur bei den Jugendlichen -, sowohl im Glaubenswissen als auch im Glaubensleben. Hier gibt es sicherlich mehrere Auswege: einerseits das Angebot von Glaubenskursen, um das Glaubenswissen zu stärken.

Andererseits ist da der Weg über die Erfahrung des Glaubens, über das Gebet. Ich sehe hier eine große Chance in den verschiedenen Gebetsgruppen für Jugendliche, in Stätten der Glaubenserfahrung wie Medjugorje oder Taizé oder eben in den Weltjugendtreffen mit dem Papst. In diesen Gemeinschaften machen junge Menschen eine Erfahrung des Glaubens, die sie sonst noch nirgends gemacht haben.

Sie sehen die Rolle der Erneuerungsbewegungen in der Kirche also positiv?

Eder: Ja, natürlich.

Sehen Sie auch Gefahren?

Eder: Die Gefahr einer Überbetonung des Gefühls gibt es sicherlich bei manchen Gemeinschaften. Andererseits muß man aber sagen, daß ohne diese charismatischen und geistlichen Bewegungen in der Kirche so ziemlich alles geistlich tot wäre. Es scheint mir daher sehr wichtig, daß sich die Kirche bemüht, daß diese Bewegungen in ein entsprechendes Flußbett gelangen, daß sie nicht wie ein Strohfeuer sind oder sich sektiererisch entwickeln - ohne die Leitung der Kirche.

Eine große Sorge der Pastorale ist die Weitergabe des Glaubens in der Familie. Vielfach kümmern sich die Eltern nicht mehr um die religiöse Erziehung. Welche Möglichkeiten sehen Sie, den religiösen Analphabetismus zu überwinden?

Eder: Das ist tatsächlich ein ernstes Problem. Ich hatte da in der Karwoche ein persönliches Erlebnis. Eine Mutter kam mit ihren Kindern in den Dom und ging zum Heiligen Grab, das dort errichtet war: der Leichnam des Gekreuzigten, darüber die Monstranz mit dem Allerheiligsten, überall Blumen. Ich weiß noch, wie meine Mutter uns als Kindern genau erklärte, was dieses Grab bedeutete. Diese Mutter aber blieb stumm. Sie stand mit ihren Kindern davor, schaute, und nach einer Weile sind sie wieder gegangen.

Das ist nur ein kleines Beispiel, aber es zeigt, daß die Elterngeneration von heute, die vielfach selbst schon ohne echten Glauben aufgewachsen ist, keine Anlaufstelle mehr ist für junge Menschen, die nach dem Glauben fragen. Deshalb gewinnen die diversen Gemeinschaften auch immer mehr an Bedeutung für die Kirche. Da sehe ich echte Möglichkeiten einer Glaubenserneuerung.

Welche Punkte müßte die Kirche in ihrer Verkündigung zu zentralen Inhalten machen?

Eder: Gebet und Umkehr. Bekehren müssen wir uns alle, Laien genauso wie Priester und Bischöfe! Und wir müssen aus diesem Neorationalismus herauskommen, der meint, man könne die Welt mit der puren Vernunft erklären. Natürlich brauchen wir die Vernunft, die Ratio, aber über diesen Weg kommen wir nicht zur Umkehr. Zur Umkehr kommt es durch Gotteserfahrung. Wer den persönlichen Gott erfahren hat, der will auch sein Leben ändern. Da setzt dann die Ebene der intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Glauben an, der Weiterbildung. Mir scheint aber die Erfahrung des Glaubens der erste Schritt zu sein.

Würde sich damit auch das verbreitete Dilemma "Gott ja - Kirche nein" lösen?

Eder: Tatsache ist: Wenn ein Mensch eine Bekehrung erlebt hat, eine echte im Sinne des Evangeliums, dann sind damit auch gewisse Fragen gelöst, dann hat er gewisse Probleme nicht mehr, zum Beispiel mit der Kirche.

Was meinen Sie damit konkret?

Eder: Unsere Religion ist eine Offenbarungsreligion, keine von Menschen erdachte Weisheitslehre, wie etwa der Hinduismus. Daher läßt sich auch die Kirche nicht auf einer rein menschlichen Ebene begreifen. Natürlich, die Kirche ist menschlich und göttlich zugleich. Aber eben mit göttlichem Ursprung, weil sie von Jesus Christus, dem Gottmenschen, gegründet wurde.

Auf der Ebene der politischen Terminologie kann man also nie zu einem Verständnis der Kirche kommen. Wir müssen uns statt dessen fragen: Wie hat Christus die Kirche gesehen? Wer die Kirche nur mit rein menschlichen Augen anschaut, der wird immer an ihr Anstoß nehmen und noch und noch an den Sünden der Amtsträger. Der Glaube sieht die Kirche anders, mit den Augen Christi, nämlich wie der Bräutigam auf seine Braut.

Das ist ein anderer Blick: Christus schaut sie mit den Augen der Liebe an. Da kann die Braut sogar beim Hochzeitszug in den Dreck fallen - er wird sie trotzdem herausholen, weil sie in seinen Augen die schönste ist. Er liebt diese Braut so, wie sie ist, mit allen ihren Sünden. Und er will sie reinigen. Für den, der sich bekehrt hat, ist die Frage der Kirche also in Christus beantwortet.

In Salzburg hat der Papst zu den Jugendlichen gesagt: "Ich vertraue der Kraft Eurer Jugend, dem alten Europa wieder ein christliches Gesicht zu geben." Braucht Europa dieses geistige Facelifting?

Eder: Um das zu merken, braucht man nicht einmal den Papst. Ein nur politisch und wirtschaftlich geeintes Europa, dem die moralische Seele fehlt, genügt nicht. Gerade jetzt, wo so viele verschiedene Nationalitäten in der EU vertreten sind, braucht es eine gemeinsame Moral, ein gemeinsames Koordinatensystem von Gut und Böse. Sonst dreht sich alles nur noch um den "Mega-Profit", wo jeder versucht, sich das größte Stück vom Kuchen abzuschneiden.

Der zweite entscheidende Punkt: Europa muß eine andere Lebenspolitik betreiben. Auch in unserem Land hat sich durch die Fristenlösung und die Abtreibung eine lebensfeindliche Kultur ausgebreitet. Die Bevölkerungspyramide steht in wenigen Jahren europaweit auf dem Kopf. Wenn wir ständig nur den Lebensstandard heben wollen, sind wir auf dem Holzweg.

Wo müßte eine neue Kultur des Lebens ansetzten?

Eder: Bei der Freude am Leben! In anderen Kulturkreisen ist das noch selbstverständlich. Da freuen sich die Eltern an den Kindern. Da müssen wir mit Hilfe der Jugend auch wieder hin.

Sie sind dem Heiligen Vater mehrere Male persönlich begegnet. Was beeindruckt Sie am meisten an ihm?

Eder: Er hat einen tiefen Frieden in sich. Bei all dem Wirbel in der Kirche und der Welt strahlt er eine tiefe Sicherheit aus. Und er ist von einem brunnentiefen Glauben getragen. Offensichtlich von einem Wissen darum, daß er geführt wird, von Christus, von der Muttergottes, und daß im letzten jemand anderer die Kirche leitet, jemand, auf den man sich hundertprozentig verlassen kann.

Wie sehen Sie die Zukunft der Kirche für das dritte Jahrtausend? Wird die Kirche wieder im Zeichen des Senfkorns einer Minderheit stehen?

Eder: Ob die Kirche wieder zu einer kleineren Herde wird, in der sie im Glauben erstarkt? Kann sein. Aber da rechnen wir mit unseren eigenen Maßstäben. Das Wichtige ist: Wir in unserer Zeit müssen das tun, was Gott von uns erwartet, und zwar jeder, der Christ ist, ob Laie, Priester oder Bischof. Über das andere sich Sorgen zu machen, ist eigentlich müßig. Gott kann ja noch ganz anderes mit uns im dritten Jahrtausend vorhaben. Gott kann uns ja ganz schön überraschen....!

Das Gespräch führte Susanne Kummer.

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