VISION 20005/1999
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Christus ist außer Konkurrenz

Artikel drucken Keine Angst vor der Zukunft der Kirche (Kardinal Joachim Meisner)

Unsere Welt ist voller Lehrer, voller Schüler, voller Schulen. Alle Lehrer dieser Welt kommen von unten. Sie müssen erst selbst studieren, ehe sie dozieren. Die großen Religionsstifter wie Buddha, Mohammed oder Konfuzius, sie kommen von unten. Sie schöpfen ihr Wissen aus der inneren Erfahrung der eigenen Seele. Die großen Naturwissenschaftler wie Newton, Max Planck oder Albert Einstein, sie kommen von unten. Sie schöpfen ihr Wissen aus dem Experiment. Die großen Philosophen wie Platon, Aristoteles oder Kant, sie kommen von unten, schöpfen ihr Wissen aus der Vernunft. Oder die großen Künstler wie Mozart, Bach oder Händel, sie kommen von unten, schöpfen ihr Können aus der eigenen Intuition.

Jesus Christus ist ganz anders. Er kommt von oben. Er ist ein neuer Lehrer voller Macht. Er ist gekommen, um von der Wahrheit Zeugnis zu geben. Er ist außer Konkurrenz., weil Er der einzige ist, der von oben kommt und das verkündet, was Er beim Vater gesehen hat. Er ist Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, wie das Glaubensbekenntnis es formuliert. Wenn Er Seinen Mund auftut, hören wir das Wort des ewigen Gottes.

Christus ist unter allen Lehrern dieser Welt analogielos. Und darum hat Er nicht eine Schule gegründet, sondern eine Nachfolge. Er ist kein Gott der Philosophen, sondern der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Und darum will Er nicht den Funktionär, sondern den Jünger, nicht den religiösen Beamten, sondern den Märtyrer, nicht den Leisetreter, sondern den Bekenner. Er braucht für Seine Sache nicht nur Theoretiker, sondern den Mystiker, also den Menschen, der Ihn nicht nur weiß, sondern der Ihm begegnet.

Denn Seine Sache ist gar keine Sache. Sie ist Person, sie ist Er selbst!

Weil Christus keine Schule gegründet hat, sondern eine Nachfolge, ist es eine Fehlentwicklung, wenn die Kirche nun zu einer riesigen Lehrschule geworden ist, gleichsam zu einer gigantischen pädagogischen Einrichtung, um den Menschen einige Wahrheiten, einige Lehrsätze zu lehren.

Der Glaube an Jesus Christus hat seine Quelle im Ereignis der Menschwerdung Gottes, das in der Kirche von Betlehem bis hin zum leeren Grab in Jerusalem sichtbar wird. Der Begegnungsort mit dem Mensch gewordenen Gott ist daher nicht in erster Linie die Universität, sondern die authentische gefeierte Liturgie der Kirche. Vor der Reflexion muß die Erfahrung stehen.

In der Liturgie ist das, was übersinnlich ist, sinnlich wahrnehmbar geworden. Hier greifen wir nach dem Himmel und nach allem, was in ihm ist. Und der Himmel mit den himmlischen Mächten steigt auf die Erde herab und berührt uns. Er gerät in unsere Reichweite. Die unsichtbaren himmlischen Mächte loben Gott zusammen mit uns hier auf Erden. Wir legen hier alle intellektuelle Verengung von Wahrnehmung ab und transzendieren mit der Gnade die durch die Sinne hergestellte Gemeinschaft in die "communio sanctorum" mit Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Die Engel Gottes sind erstaunt über diese Herablassung Gottes. Und der Mensch staunt über seinen eigenen Aufstieg.

... Diese Gegenwart Gottes in der Kirche ist kein ideelles, sondern ein existentielles Ereignis. Sie berührt nicht nur unseren Intellekt, sondern durchzieht all unsere Glieder, Herz und Nieren! Diese Gegenwart Gottes macht die wiederholte Begegnung mit Ihm möglich. Hier vermag der Mensch Gott zu schmecken.

... Überblickt man etwa die Themenfelder gegenwärtiger Diözesanforen, die Themenkataloge deutschsprachiger Bischofskonferenzen oder der Zentralkommittees katholischer Christen oder ähnlicher Einrichtungen, dann meint man, wir wüßten alle nicht, was die Stunde eigentlich geschlagen hat. Es geht heute letztlich nicht mehr um Detailfragen, wie Zölibat, "viri probati", Priesterweihe der Frau... Das ist alles Schnee von vorgestern. Heute geht es um die Gottes-, um die Christusfrage!

... Der Mensch kann nicht über sich selbst hinauswachsen, wenn er nur an sich selber glaubt. Er braucht den Glauben an Gott. Gott ist wirklich gegenwärtig. Er wirkt, handelt und trägt. Er ist nicht nur unser ferner Ursprung oder unser weit vor uns liegendes Ziel. Nein, Er trägt mein gegenwärtiges Dasein. Er hat nicht abgedankt von Seiner Weltmaschine, weil sie angeblich von selbst funktioniert. Die Welt ist und bleibt Seine Welt. Die Gegenwart ist Seine Zeit, nicht die Vergangenheit und nicht die Zukunft. Er lebt in ständiger Gegenwart. Er kann wirklich handeln, und Er handelt ganz real in dieser Welt, in unserem Leben - bis ins Detail!

Hand aufs Herz: Trauen wir Ihm das zu? Dann dürften wir doch nicht mit solch gequälten Gesichtern durch die Welt gehen!

Sehen wir Ihn noch als die Wirklichkeit im Kalkül unseres Lebens? Haben wir begriffen, daß die erste Tafel der 10 Gebote der fundamentale Anspruch Gottes auf das menschliche Leben ist? Wir sind nur Geschöpfe, aber wirklich Geschöpfe: Also herkünftig von Gott und zukünftig auf Gott hin. Nicht aus dem Zufall kommt der Mensch - und auch nicht aus dem Kampf ums Dasein. Er kommt aus Gottes schöpferischer Liebe. Unter einem solchen Himmel kann man leben, atmen und sich entfalten.

Das müssen wieder die Hauptthemen unserer Verkündigung in der Kirche sein! Unsere Gläubigen müssen doch wieder Sieges- und Selbstbewußtsein bekommen. Wir sind doch nicht die letzten der Mohikaner, die letzte Nachhut des Mittelalters, sondern die erste Vorhut einer Zukunft, von der die meisten Zeitgenossen noch gar keine Ahnung haben.

Wir haben Grund, mit gradem Rücken und erhobenen Hauptes durch die Welt zu gehen - nicht weil wir besser sind als andere Leute. Aber unser Gott ist es!

Die gegenwärtige Selbstsäkularisierung der Kirche bedeutet die Entgöttlichung, bzw. die Vermenschlichung des Gottmenschen Jesus Christus - und als Folge davon das unbewußte Aufleben des Arianismus. Darum mißt man der Begegnung mit der Person Jesu Christi nicht mehr die gebührende Bedeutung zu. Im Vordergrund steht vielmehr die Durchsetzung von theologischen Theorien und Ideologien, die Frucht einer intellektuellen Vorstellung von der Verkündigung des Evangeliums und nicht mehr Frucht einer lebendigen persönlichen Beziehung mit Jesus Christus selbst.

Manche glauben mittlerweile, sie bräuchten Christus nicht mehr unbedingt. Sein Wort: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater außer durch mich, ist in Vergessenheit geraten und bedeutungslos geworden. Dann werden konsequenterweise verschiedene Kirchenmodelle ohne Christus konzipiert. Das hat zu einem ausweglosen Anthropozentrismus geführt, der die Seele des Menschen erstickt hat.

Die Begeisterung, die Anbetung, die lebendige Begegnung, das Staunen bei der Begegnung mit Christus werden links liegen gelassen und eher als Folgen psychopathischer Situationen betrachtet. Es herrscht die Tyrannei einer nackten Logik. Und die Menschen, die unter der erdrückenden Herrschaft dieser Logik ersticken, suchen mittlerweile bei den östlichen Religionen, den mystischen Weltanschauungen, der Magie oder ähnlichem ihre Zuflucht. Sie finden aber darin kein Heil, sondern machen katastrophale Erfahrungen, erleben Unmenschlichkeit und innere Unfreiheit.

Wirkliches Leben ist nur in einer persönlichen Beziehung möglich. Der Mensch, der Christus nicht in einer persönlichen, freundschaftlichen und liebevollen Beziehung begegnen kann, ist bereits geistig tot, auch wenn sich sein Leib noch regt. Wenn Christus Sein Leben in uns offenbart und Er in uns wohnt, dann leben wir in Ihm und für Ihn. Nur dann sind wir voll des Lebens, des Friedens, voll der Freude und voll des Glücks.

Du bist voll der Gnade, der Herr ist mit dir, das sollte nicht nur eine Definition der Muttergottes sein. Das muß auch uns zugesagt werden dürfen.

Wir brauchen uns um die Zukunft der Kirche nicht bangen. Die steht nicht auf der Kirchensteuer und auf kirchlichem Grundbesitz. Die Freude am Herrn, sie ist unsere Stärke. Sie ist die Energiequelle für unsere Kirche, die ihr eine großartige Zukunft beschert.

Predigt bei der 11. Internationalen Theologischen Sommerakademie (v. 30.8.-1.9.99) in Aigen im Mühlkreis

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