VISION 20006/1999
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Wir werden staunen

Artikel drucken Die institutionelle Schwäche der Kirche ist auch eine Chance (Christof Gaspari)

Als Christen sind wir daran gewöhnt, die Welt durch die Brillen der weltlichen Medien zu betrachten. Zwischen Katastrophenmeldung und triumphaler Feier neuer technischer Errungenschaften taumelt der Mensch ins Morgen. Verunsichert verliert er den Blick für das Wesentliche...

Und was ist dieses Wesentliche? Daß Gott nicht schläft, sich nicht aus dieser Welt zurückgezogen hat, sondern wirkt. An uns liegt es, dieses Wirken zu erkennen, und das kommende Jubiläum ist eine besondere Gelegenheit dazu. Das darf uns freilich nicht daran hindern, unsere derzeitige Lage nüchtern zu betrachten.

Solches zu tun, heißt aber nicht, sich in pechschwarzen Pessimismus zu verlieren. Der Pessimist wird nämlich in zweierlei Weise der Situation nicht gerecht: Er wählt aus der Fülle des gegenwärtigen Geschehens zielsicher nur all das aus, was Angst macht, und ist darüberhinaus überzeugt, alles könne nur schlimmer werden- eine äußerst eingeschränkte Wahrnehmung, die alle Zeichen der Hoffnung ausblendet, verbunden mit dem Glauben an ein Schicksal, in das niemand erfolgreich einzugreifen vermag - für Christen unannehmbar.

Was sagt uns aber eine nüchterne Bestandsaufnahme der Situation in Europa? Daß wir in einer Periode leben, in der die christlichen Werte aufhören, die gesellschaftlichen Spielregeln zu bestimmen. Wir haben Abschied vom christlichen Abendland genommen. Das sehen wir im Bereich des Lebensschutzes, der Ehe- und Familiengesetzgebung, in der Installierung der wirtschaftlichen Logik als oberstes Leitprinzip.

Habsucht, Durchsetzung auf Kosten anderer und Egoismus werden so zu Kardinaltugenden. Zu sagen, wie es die Europa-Synode in Rom getan hat, daß wir an der Schwelle zu einer neuheidnischen Periode stehen, ist nicht pessimistisch, sondern realistisch.

Und dieser Realismus ist notwendig, gerade für Christen. Weil er uns auch von der Vernunft her nahelegt, das zu tun, wozu uns der Glaube an Jesus Christus immer schon gedrängt haben sollte: Nicht auf menschliche Klugheit, auf Strukturen, auf Werte und Normen zu setzen, sondern auf das Wirken des Heiligen Geistes. Gerade für unsere Zeit scheint das Wort aus dem Korintherbrief gesagt zu sein. "Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit." (2Kor 12,9)

Als schwache, durch den Lauf der Dinge verunsicherte Menschen, als kleine Schar, die auf der Verliererbahn abzugleiten scheint, treten wir in dieses Jubeljahr ein. Und das ist gut so! Denn dann kann Gott mächtig wirken - unvorhersehbar, nicht eingesperrt und behindert durch ausgeklügelte Organisations- und Marketing-Programme eines angeblich zeitgemäßen Kirchen-Managements.

Wir sind heute in der Situation der Emmaus-Jünger, stehen wir doch vor den Scherben so vieler Hoffnungen der letzten Jahrzehnte: jener, die mit dem Aufbruch nach dem Konzil verbunden waren, jener, die der enorme wirtschaftliche und technische Aufschwung erweckt hat und weiterhin nährt, jener, die mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verbunden waren...

Auch heute öffnet uns Jesus die Augen: "Mußte nicht all das geschehen...?" Und plötzlich erkennen wir, wie mächtig der Herr schon längst am Werk ist in der Treue so vieler, einfacher, gläubiger Beter, aber auch in den Aufbrüchen, die in den letzten Jahrzehnten Millionen Menschen in die ausgebreiteten Arme des barmherzigen Vaters geführt haben: in Medjugorje, in den verschiedensten Erneuerungsbewegungen und Gemeinschaften, bei Wallfahrten nach Lourdes, Fatima, Santiago de Compostela oder nach Mariazell, Maria Roggendorf oder auf den Sonntagberg, bei den Weltjugendtreffen, in Taizé, bei Exerzitien in Siroki Brieg, in Châteauneuf de Galaure oder in den Klöstern unserer Länder...

Die Zeugnisse auf den folgenden Seiten lassen erkennen, wie unmittelbar, einfühlsam und auf vielfältige Weise Gott heute wirkt.

Noch wirkt all das bruchstückhaft, klein und unbedeutend im Vergleich zu dem ins Auge springenden zahlenmäßigen Rückgang der Kirchenmitglieder, zur offensichtlichen Verweltlichung so vieler in den kirchlichen Institutionen, zur Verwirrung, die auch unter Christen Platz greift.

Aber schon ist auch erkennbar, daß die an vielen Orten aufbrechende Erneuerung sich zu einem wunderbaren Mosaik zusammenzufügen beginnt. Besonders deutlich sichtbar wird dies bei Treffen mit dem Papst rund um die Welt.

Noch einmal: Es ist gut, daß die Schwäche der Kirche als Institution offenbar wird. Denn dann hat die Welt die Chance zu erkennen, daß das Außerordentliche, das in dieser Kirche geschieht und das im Jubeljahr in besonderer Weise aufbrechen wird, nicht Menschen-, sondern Gotteswerk ist.

So besteht überhaupt kein Grund zu dem, was man üblicherweise als Weltuntergangsstimmung bezeichnet. Denn selbst dort, wo der Christ die katastrophale Verschlechterung irdischer Lebensbedingungen als Ende der Zeiten deutet, ist das für ihn nicht Zeichen des endgültigen Scheiterns. Vielmehr erkennt er darin das unmittelbar bevorstehende Heraufkommen der Herrschaft des Herrn.

"Maranatha!", haben die ersten Christen sehnsüchtig gebetet, Komm bald, Herr Jesus! Das kommende Jahr, das Jahr des Jubels und der Freude sollte ein Vorgriff auf dieses endgültige Kommen des herrlichen Reiches des Friedens und der Freude werden, ein Vorgeschmack jener Zeit, in der uns die Gegenwart Gottes mitten unter uns neu geschenkt wird.

Der Herr wird Großes in und an jenen tun, die Ihm weit die Tore öffnen. Was dabei geschieht, ist unvorhersehbar. Wir brauchen daher keine Prognose über das Wirken Gottes in diesem besonderen Jahr des Heiles erstellen. Wohl aber dürfen wir mit unvorhersehbaren Gnadengaben rechnen. Wir werden staunen, wo Gott und wie Gott wirken wird.

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