VISION 20006/1999
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Der heilige Leopold Mandic

Artikel drucken Ein Seelenführer mit Herzenschau. Botschaft an uns (Wolfgang Stadler)

Er ist ein Heiliger, der besonders in den südosteuropäischen Ländern hoch geehrt wird, bei Katholiken ebenso wie bei orthodoxen Christen, und sogar bei vielen Moslems; bei Menschen guten Willens, die seine Botschaft verstanden haben. Dabei war er bloß ein kleiner, kaum 1,45 m großer Priester mit einem Sprachfehler, ohne bemerkenswerte Leistungen, nur von einer visionären, aber anscheinend erfolglosen Berufung geprägt: P. Leopold Mandic, Kapuziner, ein einfacher, stiller Beichtpriester.

Er stammte aus Dalmatien, einem Land stärkster religiöser Gegensätze und Spannungen, wo das Zusammenleben orthodoxer Christen, katholischer Christen und Moslems in der ganzen überschaubaren Geschichte kaum jemals reibungslos möglich war.

Wenn wir in den letzten Jahren wegen der außerordentlich grausamen Kriege auf dem Balkan entsetzt und ratlos waren, hätte ein Blick in die Geschichte genügt, um zu zeigen, welch ein Schmelztiegel religiöser Leidenschaften und politischer Intrigen der Balkan seit jeher war.

"Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir", betete Jesus (Joh 17, 11). Als es im Jahre 1054 zur bis heute schmerzenden Wunde der Spaltung zwischen der byzantinischen und der weströmischen Kirche kam, wurden die entstandenen Gegensätze schamlos zu nationalistischen Zielen benutzt, mit verheerenden Folgen für die betroffenen Völker.

Dort also wurde Mandic 1866 in Herzeg-Novi geboren. Seine gläubigen Eltern gaben ihm, ihrem zwölften Kind, den bezeichnenden Namen Bogdan, Geschenk Gottes. Schon als Kind erlebte er die Parteiungen in seiner Umgebung, den Haß dieser heißblütigen Menschen untereinander und die gegenseitigen, allgegenwärtigen Bedrohungen. In dieser Situation fühlte der schmächtige Junge in sich den Ruf, Missionar für die Ostkirchen zu werden.

Mit 16 Jahren trat er bei den Kapuzinern in Venedig ein und erhielt den Ordensnamen Leopold. Nach der Profeß studierte er in Padua Philosphie und Ostsprachen. Am 18. Juni 1887 erfuhr er in seinem Inneren die Stimme Gottes, die ihn berief, für die Rückkehr der getrennten Christen des Ostens zur Einheit mit der katholischen Kirche zu beten und zu wirken. Unbeschreiblich war sein Glück; keine Frage, kein Zweifel an der Durchführbarkeit war in ihm.

Am 20. September 1890 wurde er zum Priester geweiht. Bald zeigte sich seine Begabung zum Seelenführer und Beichtpriester, von dem eine ganz seltsame Wirkung auf die Gläubigen ausging, sah er sich doch als "Tröster der armen Leidträger", für die Christus gekommen war: "Ich bin gekommen, um die Sünder zur Umkehr zu rufen, nicht die Gerechten" (Lk 5, 32).

1897 wurde er nach Zadar versetzt; sein Traum von der Ostmission schien sich zu erfüllen. Er suchte Kontakte zu orthodoxen Christen, sprach mit ihnen über das Gemeinsame im Glauben - für viele war es sicher das erste Mal in ihrem Leben, daß sie von Gemeinsamkeiten hörten.

Schnell eroberte er ihre Herzen. Die Leute suchten ihn auf, fragten ihn um Rat, ihn, der nur die Worte der Wandlung und der Absolution völlig fehlerfrei sprechen konnte. Die Menschen erkannten seine Liebe, und sie liebten ihn. Aber nach nur drei Jahren wurde er - für ihn unverständlich - nach Italien zurückberufen.

1909 kam er nach Padua, 1910 übertrug man ihm die Leitung der Ordenstheologen. In seiner knappen Freizeit studierte er viel, besonders die Schriften des hl. Augustinus und des Thomas von Aquin. Immer interessiert daran, sich weiterzubilden, erregte er wegen seiner aufgeschlossenen Denkweise und seiner Vielseitigkeit größtes Erstaunen. Aber sein ganzes Leben war von der Vision geprägt, als Missionar für die orientalischen Völker berufen zu sein. "Das muß der Zweck meines Lebens bleiben, für die Rückkehr der orientalischen Völker zu wirken", schrieb er 1914.

1923 schien sich sein Wunsch, in die Ostmission zu gehen, noch einmal zu erfüllen, als er nach Fiume, das nach dem Krieg an Italien gefallen war, versetzt wurde. Kaum war er dort, wurde er wieder zurück nach Padua berufen. Lange Zeit verstand er die Führung Gottes nicht, der ihm diese Sehnsucht ins Herz gelegt hatte, in die Mission zu gehen, und ihm aber dann immer wieder unüberwindliche Hindernisse in den Weg zu legen schien.

Erst allmählich begriff er, daß sein "eigentlicher Orient", wie er sagte, der Beichtstuhl wäre. "Sehen Sie", sagte er einem Mitbruder, "da der Herr mir die Gabe des Wortes zum Predigen nicht schenkte, will ich im heiligen Bußsakramente Seelen zu Gott führen."

40 Jahre lang hörte er täglich zehn Stunden (häufig auch viel länger) Beichte, oft unter unmenschlichem Bedingungen von Kälte oder Krankheit. Herzlich und liebevoll empfing er die Menschen, die zu ihm zur Beichte kamen. Es war ihm aber auch klar, auch wenn er Milde und Barmherzigkeit mit Festigkeit und Genauigkeit zu vereinigen suchte, wie schwierig die Situation der menschlichen Seele ist: "Wie schwach ist doch die menschliche Natur. Die Erbsünde hat sie schrecklich verwundet. Wie sehr brauchen wir die unendliche Barmherzigkeit Gottes!"

Er war sich der Verantwortung, Seelenführer zu sein, sehr bewußt, wenn er sagte: "Es ist etwas anderes, Beichte zu hören, und etwas anderes, Seelen auf dem Weg zur Heiligkeit zu leiten."

Aus allen Ständen kamen die Menschen zu ihm, Bauern und Arbeiter ebenso wie Akademiker und der hohe Klerus. Erstaunlich war seine Weisheit, und "er zog besonders jene Seelen an, die am schwierigsten zu leiten sind: die Seelen der Gebildeten."

Gerade in strittigen theologischen Fragen war er imstande, ganz klare Entscheidungen zu treffen, deren Qualität selbst hohe kirchliche Würdenträger in heiklen Fragen sich an ihn um Rat wenden ließ. Menschen, die von schweren seelischen Leiden bedrückt wurden, riet er auf ganz einfache und verständliche Weise. Wie der hl. Pfarrer von Ars hatte er die Gabe der Herzenserkenntnis, er wußte immer sehr genau um den Seelenzustand der Beichtenden - sehr zu deren Überraschung und oft auch Erschütterung. Aber er erkannte nicht nur die Schuld, die begangen worden war, sondern auch den Grad der Verantwortung, zu der der Beichtende fähig war.

Seine Religiosität war von ganz großer Liebe zum eucharistischen Heiland gekennzeichnet. Zur Feier der Heiligen Messe bereitete er sich durch eine einstündige Betrachtung vor, und er empfahl Menschen, die in großer Bedrängnis waren, die tägliche Mitfeier der Messe. Bemerkenswert ist nicht nur seine große Verehrung der Mutter Gottes seit seiner frühesten Kindheit, sondern daß er schon im Jahre 1927 schrieb, er glaube fest daran, daß die Allerseligste Jungfrau als Miterlöserin des Menschengeschlechtes die mittelbare Quelle jeder Gnade sei.

Die schwerste Prüfung war für ihn, wenn er durch Krankheit gezwungen war, das Beichthören einzustellen. Als ein Speiseröhrentumor samt seiner schrecklichen Begleiterscheinungen festgestellt worden war, hörte er trotzdem, so lange es noch irgendwie ging, die Beichten von allen, die nach ihm verlangten, auch wenn er vor Schmerzen völlig erschöpft war.

Mahnte man ihn aber, sich zu schonen, antwortete er: "Wir werden im Himmel ausruhen, wo wir unser Haupt auf das göttliche Herz Jesu legen dürfen."

Er kannte die Stunden tiefer, notvoller Trockenheit der Seele: "Arbeite ich so viel für die Seelen, wie der Herrgott von mir will? Übe ich mein Amt gut aus?" Anderen Menschen, denen diese Trockenheit widerfuhr, suchte er Mut zu machen, indem er auf die Güte des Vaters hinwies, der auch manchmal für uns unverständlich handelt: "Fassen wir diese Vaterhand, die in unermeßlicher Liebe für uns sorgt ... Wir müssen durch die Prüfung hindurch gehen, ohne es äußerlich merken zu lassen, denn wir wissen, daß Gott uns durch die Freude auf die Prüfung und durch die Prüfung auf größere Gnaden vorbereitet."

P. Leopold besaß, ähnlich wie P. Pio, die Gabe der Prophezeiung. "In großer Einfachheit sagte P. Leopold seinen Beichtkindern voraus, was geschehen werde." Oft schien ihm dies gar nicht ganz bewußt zu sein, und häufig wirkte er von dem, was er sagte, selbst sehr erschreckt. Besonders quälend war für ihn eine Vision im Jahre 1932, in der er Italien in einem Meer von Blut und Feuer versinken sah; er sah auch voraus, daß sein Kloster zerstört werden würde - mit Ausnahme seiner Beichtzelle: "Hier hat Gott, der Herr, den Seelen so viel Barmherzigkeit erwiesen, daß sie als Denkmal seiner Güte stehenbleiben darf". Am 14. Mai 1944 erfüllte sich P. Leopolds Voraussage - wörtlich.

Oft genug hatte er wegen seiner körperlichen Mängel viel Spott hinzunehmen; auch von Mitbrüdern, die ihn und seine Sehnsucht, als Missionar "für die getrennten Orientalen", wie er sich ausdrückte, wirken zu wollen, nicht ernst nahmen. Sich selbst sah er als großen Sünder: "Obwohl Priester, bin ich ein sündiger Mensch. Nähme mich Gott nicht am Zügel, wäre ich schlimmer als alle anderen".

Kurz vor seinem Tod gestand er, der während seines ganzen Lebens in seiner völligen Hingabe im priesterlichen Dienst seinen Mitmenschen so viel Trost und Zuversicht gegeben hatte, einem Mitbruder: "Ich habe den Tod immer gefürchtet. Warum nicht Angst haben, wenn sogar Jesus davor zitterte und seinen himmlischen Vater bat, diesen Kelch hinwegzunehmen ... Ich bin ein großer Sünder, Gott möge sich meiner erbarmen."

Kaum mehr fähig zu sprechen, hörte er am Tag vor seinem Tod noch Beichte. Am 30. Juli 1942 starb er in tiefstem Frieden bei den letzten Worten des Salve Regina, das sein P. Guardian in diesen letzten Minuten seines Lebens für ihn gebetet hatte. Seither kommen Menschen in Scharen zu seinem Grab, pilgern zu seiner Beichtzelle und bezeugen Gebetserhörungen, die bis heute in unvorstellbarem Ausmaß stattfinden und in vielen Büchern niedergelegt sind.

Was aber ist nun die Botschaft des Heiligen an uns? Seiner Vision, für die Wiedervereinigung der Orthodoxen mit den Katholiken wirken zu dürfen, war offenbar nicht viel Erfolg beschieden.

Aber noch ist die Menschheitsgeschichte nicht zu Ende. Eines Tages werden wir erkennen, daß das Opferleben dieses verborgenen kleinen - aber vor Gott großen - Apostels für die getrennten Christen des Ostens nicht vergeblich war, daß er wirklich ein "Bogdan", ein Geschenk Gottes war. Was durch menschliche Schwachheit und Sünde entstanden ist, kann nur auf Gottes Wegen und durch Seine Barmherzigkeit wieder gut gemacht werden. Das gilt für die Sünden historischen Ausmaßes ebenso wie für unsere persönlichen.

Darum erkannte Leopold Mandic in der Arbeit für die persönliche Umkehr der Menschen schließlich sein Missionsgebiet. Sünde ist Absonderung von Gottes Liebe, von der Einheit mit Ihm, für die Jesus gebetet hat. Die Spaltung der Kirche ist nur das Abbild im großen von dem, was wir unserer Seele antun, wenn wir uns von Gott "sondern".

So ist das Leben dieses Heiligen ein Aufruf an uns, unser Leben zu überdenken. Könnten wir die Vorbereitung auf das kommende Jubeljahr - zweifellos ein besonderes Gnadenjahr - zum Anlaß nehmen, eine gründliche Beichte, vielleicht sogar eine Lebensbeichte abzulegen, machten wir den wesentlichen Schritt zur Einheit mit Gott. Nehmen wir das Geschenk Seiner Barmherzigkeit an, denken wir an Jesu' Wort: "Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren" (Lk 15, 7).

Jesus, der gute Hirte, sucht in mühevoller Kleinarbeit jedes seiner Schafe. "Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muß ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten" (Joh 10, 16). Unsere persönliche Versöhnung mit Gott ist Voraussetzung dafür, daß diese eine Herde eines Tages Wirklichkeit wird.

P. Leopold Mandic sagte oft zu den Beichtenden: "Haben Sie Glauben, bleiben Sie ruhig, es wird alles gut gehen. Haben Sie Glauben!"

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