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Bereichernde Begegnungen

Artikel drucken 20 Jahre Besuche von jungen Menschen im Altersheim (Sepp Messner)

Viele, viele Jahre lang hat die "Gruppe C!" regelmäßig (meist einmal wöchentlich) Altersheime besucht. Im allgemeinen waren die Mitglieder der Gruppe zwischen 17 und 24 Jahre alt. Diese Initiative verfolgte ein doppeltes Ziel: Einerseits das Leben alter Menschen in Pflegeheimen durch die Begegnung mit Jugendlichen abwechslungsreicher zu gestalten und andererseits junge Menschen mit Lebenssituationen zu konfrontieren, die außerhalb ihrer Alltagserfahrungen lagen. Die Regelmäßigkeit des Besuchsdienstes hatte zur Folge, daß sich eine große Vertrautheit zwischen Alt und Jung einstellte. Wie gewinnbringend diese Begegnungen waren, ja wie sie manchmal sogar persönliche Änderungen auslösten, illustrieren die folgenden Zitate der Jugendlichen. Sie sind gewissermaßen Praxis pur.

Was die jungen Leute empfinden

"Es ist schön, das Bewußtsein zu haben, Gutes zu tun. Man entdeckt dabei: Je mehr man versucht, Freude zu bringen, umso mehr bekommt man zurück! Jetzt weiß ich: Nicht nur der alte Mensch braucht mich, ich brauche ihn genauso!" - "Die meisten warten schon auf uns und wären enttäuscht, wenn wir nicht kämen. ,Sie bringen ein bißchen Abwechslung in unser dunkles Leben', sind die Worte, die ich immer wieder zu hören bekomme. Und daß die Leute ihre Worte ehrlich meinen, das sieht man an dem Funkeln oder Wässern der Augen." - "Seit ich in Lainz alte und chronisch kranke Menschen besuche, lebe ich bewußter." - "Wenn ich dann von meinem ,Schützling' wegfahre, kommen mir meine eigenen Sorgen winzig klein vor, obwohl ich manchmal an ihnen zu zerbrechen drohe." - "Wenn ich heimkomme, bin ich oftmals richtig zufrieden, einen Samstag-Nachmittag verbracht zu haben, der nicht sinnlos war." - "Viele von uns kommen alle zwei Wochen. Da fällt es nicht schwer, fröhlich zu sein. Die alten und kranken Menschen aber immer zu pflegen, das ist schon eine sehr schwere und große Aufgabe. Lob und Achtung gebühren den Schwestern und Pflegern!" - "Es wäre unrichtig zu sagen, daß man sich immer glücklich fühlt, wenn man nach Hause kommt." - "Eines ist mir aufgefallen: Die Leute, die einen Glauben haben, ertragen ihr Leid geduldiger und tapferer. Bei den anderen hingegen kann man die Verzagtheit schon aus den Gesichtern ablesen."

"Mein Lebensbild wurde, seit ich Lainz und seine Bewohner kenne, total verändert. Auch der Ärmste und Armseligste ist wertvoll, und wir können nur von ihm lernen. Und sei es nur, daß wir zum Denken angeregt werden." - "Ich frage mich: Warum will ich immer mehr haben? Durch diese Kranken werden meine Anforderungen etwas gedämpft." - "Wenn ich seinerzeit in den Park gegangen bin, habe ich mich geärgert, daß alle Plätze an der Sonne von alten Menschen besetzt waren. Heute freue ich mich darüber." - "Ich nehme mir immer wieder vor, daß ich mich bemühen werde, meinen Eltern einen angenehmeren Lebensabend zu bereiten. Sicher, ich weiß, gesagt ist es leicht. Da kommen dann so viele Probleme: Beruf, Kinder, kleine Wohnung... Aber ich will mich bemühen, daß meine Eltern nicht vereinsamen!"

Die gegenseitige Zuneigung

"Meine Gedanken eilen mir voraus. Wie wird es meinen "Schützlingen" gehen? Ich freue mich darauf: Auf das glückliche Gesicht der Gelähmten, wenn ich sie im Garten spazieren fahre, auf die Oma, die einen Kaudawelsch auf Tschechisch und Deutsch losläßt, wenn ich an ihr Bett komme; und auf die Runde ,Mensch ärgere dich nicht', die ich immer verliere." - "Für mich ist es immer wieder schön, wenn ich sehe, wie die Leute, sobald sie wissen, daß ich da bin, mit Sesseln aus ihren Zimmern kommen, um sich am Gang in einer Runde zusammenzusetzen. Da sind wir oft bis zu zehn Leute und es geht sehr lustig zu."

"Seit zwei Jahren besuche ich Frau G. Zum ersten Mal hatte sie durch mich die Gelegenheit, jemanden zu "rollen", und zwar mich. Wo sollte sie sich jemals noch über jemanden lustig machen? Erstens kennt sie mich schon so gut, daß sie über meine Schwächen herziehen kann, und zugleich weiß sie auch, daß ich ihr nicht böse bin. Und zweitens war da noch mein neuer Begleiter, dem sie das rüberjubeln konnte. Es war irrsinnig lustig."

"Eine Begebenheit, die mich zutiefst beeindruckte: Ein Mädchen, das an Schüttel-Lähmung erkrankt ist, kaum sprechen kann, vorm Fenster im Rollstuhl saß und auf meinen Besuch wartet, sich abmühte, meinen Namen zu sagen, und vor Freude darüber, daß ich auch wirklich kam, mir jetzt ihr kleines Stofftier schenkte. Es saß immer auf ihrem Bett. Wie mir war, werde ich nie in Worte fassen können."

"Der Ausflug am 1. Mai war ein enormer Erfolg. Frau M. zeigte zum ersten Mal seit unserer Beziehung Emotionen - und zwar im Stephansdom bei der Messe, beim Vaterunser. So als hätte die Frau dieses Gebet die letzten fünf Jahre im Heim vergessen." - "Ein alter Mann fand, daß er mir einen Blumenstock schenken müßte. Als ich zustimmte, sah ich, daß er dies anscheinend kaum erwartet hatte. Er staunte und lachte, und war dann so fröhlich, daß ich mir fast ein wenig falsch vorkam. Aber dann nahm ich den Blumenstock mit nach Hause - vom Pflegeheim trug ich was weg! Doch jedesmal, wenn ich den Stock anschaue, dann höre ich sein Lachen und sehe seine Augen strahlen, und ich könnte dann die ganze Welt vor Freude umarmen. Was doch so ein alter Krüppel mit mir vermocht hat!" - "Ich habe das Gefühl, wenn ich nicht wissen darf, wie es dem Besucher geht, kann ich mich ihm auch nicht anvertrauen. Also bitte öffnet Euch und sagt uns alles, was euch Schwierigkeiten oder Freude bereitet. So können wir mit Euch mitleben." - "Segensreich ist für uns die Stunde des Beisammenseins mit den lieben jugendlichen Besuchern, und unser Herz ist voll des Dankes. Die Freude, die uns damit in so selbstloser Hingabe geschenkt wird, gibt uns Kranken immer wieder neuen Mut und neue Kraft. es grüßt ein altes Mutterl (88)."

Stimmen aus dem Freundeskreis

"Ihr seid eine Antithese zu gesellschaftlichen Strukturen, die zur Verkrustung neigen. Gute Durchblutung ist so gesund." - "Eigenartig, wie lebendig und beglückend eine geistige Verbundenheit sein kann. Bitte sage Deinen jüngeren Freunden, daß da eine alte Schwester ist, die mit großem Interesse und treuem Beten Euch begleitet. Und sich sehr freut, daß es Euch gibt!"

Eine Rückmeldung nach Jahren

Vor sieben Jahren bin ich zum ersten Mal gekommen. Drei Jahre war ich ,aktiv" mit mehr oder weniger Engagement. Aber es war doch immer so viel, daß ich nicht aufhören konnte. Da war etwas, das war gleichzeitig wichtig für mich und für andere Menschen. Und ich habe in dieser Zeit so viel gelernt - über mich und über andere, über ,das Leben', wenn ich mich nicht scheuen würde, ein so großes Wort ohne Zögern zu verwenden."

Zusammengestellt von Sepp Messner, Obmann der GRUPPE C, Arbeitsgemeinschaft für soziale Dienste, Wien. Das Projekt lief von 1975 bis 1995.

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