VISION 20001/2000
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Der Leib - Tempel der Schönheit

Artikel drucken Besprechung des Buches von Jo Croissant (Wolfram Schrems)

Was heißt hier "Tempel der Schönheit"? Ist der Leib nicht, wie die Gnostiker, Manichäer und Katharer aller Jahrhunderte behauptet haben, eine Mißgeburt, etwas schmutziges, die Schöpfung eines mittelmäßigen oder gar boshaften Handwerkers? Lehrt uns unsere Erfahrung nicht, daß der Leib auch eine Ruine der Häßlichkeit, der Todesverfallenheit, jedenfalls alles andere als der Schönheit ist? Jedenfalls muß der Rezensent zugeben, daß der Untertitel provozierend ist. Und dennoch: Das ist nur eine Seite und nicht einmal die wichtigste.

Der Leib ist ja nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift ein Tempel - ein Tempel des Heiligen Geistes. Das hat Paulus verkündet. Und Augustinus verteidigt energisch die Schöpfung, die gefallene und in Christus wiederhergestellte Schöpfung, gegen die Angriffe der Manichäer.

In dieser Richtung erspürt die Gattin des Gründers der "Gemeinschaft der Seligpreisungen" die Entsprechung von (Jerusalemer) Tempel und menschlichem Leib.

Gott offenbart sich vorzugsweise im Leibhaftig-Konkreten: im Tempel, im Gottmenschen Jesus, in der konkreten Kirche, in der leib-seelisch verfaßten Einzelperson. Das Thema Leib liegt in gewisser Hinsicht im Trend der Zeit: ein breites Spektrum von mehr oder weniger qualifizierten Lebensberatern bis hin zur Psychotherapie beschäftigt sich damit.

So technisch-effizient Psychotherapie auch sein mag, so treffend ist deren wesentlicher Mangel folgendermaßen charakterisiert: "Wie könnte man zulassen, das Innerste unserer Seele zu enthüllen, außer vor einem Blick voll unbedingter Liebe?"

Viele Einsichten der Autorin werden aus der Konfrontation alltäglicher Erfahrungen mit der Bibel gewonnen. So etwa im Kapitel "Der Geschmacksinn": "Das Verlangen zu essen verbindet sich mit dem Verlangen zu besitzen. Der Abgrund, der in uns durch den Sündenfall entstanden ist, zeigt sich in der Furcht vor Mangel. Wir versuchen, ihn mit allen möglichen Mitteln aufzufüllen." Der Mensch als Abgrund - jeder spürt es irgendwie, aber kaum einer drückt es so deutlich aus. Und noch weniger schauen gerne in diesen Abgrund.

Weitere Themen sind: Der Sinn von Opfer, Einübung in die Gegenwart ("Allein schon die Tatsache, im gegenwärtigen Augenblick zu leben, entspannt uns, weil sie alles beseitigt, was uns bedrückt, das Gewicht der Vergangenheit sowie die Furcht vor dem nächsten Tag; und wir werden empfänglich und verfügbar für das, was uns im Augenblick gegeben ist."), der Kampf gegen die Depression, die Freude, die männlich-weibliche Polarität, der heilige Josef als Vorbild des Mannes, gottgeschenkte Identität und die Begegnung mit Gott im Heiligtum unseres Herzens.

Das macht dann die Schönheit der Berufung des Leibes aus: Begegnungsstätte mit seinem Schöpfer und Erlöser zu sein. Durch das ganze Buch ziehen sich Vorschläge zu geistlichen Übungen, die das Verhältnis zum Leib und das Verhältnis zu Gott betreffen. Ebenso wird der Duktus der Ausführungen immer wieder von Lebenszeugnissen illustriert, die dem Ganzen einen lebendigeren, eben konkreten Wirklichkeitsbezug geben. Zeugnisse sind in gewisser Hinsicht immer interessanter als Abhandlungen allein.

Das Buch ist jedenfalls zu empfehlen für alle, die sich grundsätzlich mit der Frage nach dem menschlichen Leib auseinandersetzen wollen. Suchende und Fragende werden wertvolle Anregungen und Wegweisungen finden. Somit könnte das Buch Teil einer wertbeständigen Hausbibliothek sein.

Wolfram Schrems

Jo Croissant, Der Leib - Tempel der Schönheit, Preis: öS 215.- zu beziehen bei:

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