VISION 20002/2000
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Gespräch nach der Religionsstunde

Artikel drucken (Max Kronawitter)

Nach der Religionsstunde ließ sie sich besonders viel Zeit, ihre Sachen einzupacken. Als auch der letzte Mitschüler den Klassenraum verlassen hatte, kam sie auf mich zu: Ich wollte Ihnen nur sagen", fing sie an, warum ich mich seit zwei Unterrichtsstunden nicht mehr melde." Es dauerte nicht lange, da konnte das Mädchen aus der 12. Klasse ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich finde es so schlimm", schluchzte sie, daß diese Idioten alles in den Schmutz ziehen. Das tut mir so weh!"

Es war nicht schwer zu erraten, was die Schülerin emotional derart aufgewühlt hatte. Seit zwei Stunden ging es im Unterricht um die Kirche und ihre Vertreter, und der Lehrer wurde nur so überhäuft mit Vorurteilen, Vorwürfen und unqualifizierten Bemerkungen. Daß der Papst vom wirklichen Leben ja keine Ahnung hat, war noch eine der harmlosesten Aussagen.

... Offenbar hatte ich schon gelernt, damit umzugehen, denn jene Unterrichtsstunde hatte ich nicht einmal als besonders schlimm empfunden. War ich abgestumpft, weil nun eine Schülerin mehr darunter litt als ich selbst?

Letztes Jahr", erzählt sie, war ich in Rom beim Jugendtreffen." Zum ersten Mal hatte sie den Papst erlebt, und diese Begegnung muß wohl großen Eindruck auf sie gemacht haben. Jetzt empfindet sie es wie eine persönliche Beleidigung, wenn sich andere über Wojtyla als vergreisten Polen" lustig machen und kein gutes Haar an ihm und der Kirche lassen.

Am Ende fragte sie mich, wie ich denn damit zurecht komme, daß in den Schmutz gezogen wird, was uns doch beiden heilig ist. Beinahe hätte ich geantwortet, daß ich oft an den Satz denken muß: Perlen nicht vor die Säue."Am Ende unseres Gesprächs habe ich mich bedankt, daß sie den Mut hatte, mit mir darüber zu reden, weil diese Geste auch mir Mut macht. Seither habe ich viel darüber nachgedacht.

Was ich vorher mit einer schlechten Kinderstube oder mit Unwissenheit entschuldigt habe, nehme ich seither nicht mehr einfach so hin. Ich bin strenger geworden. Eine dumme Bemerkung über den Glauben oder die Kirche, die ich vorher überhört habe, um zu verhindern, daß sie alle mitbekommen, dulde ich nicht mehr.

Wie viele mag es gegeben haben, die deshalb die Ehrfurcht vor dem Heiligen verloren haben, weil keiner aufgestanden ist, als sich andere darüber lustig gemacht haben. Wieviele werden erst gar nicht auf den Glauben aufmerksam, weil es scheinbar keinen aus ihrem Umfeld gibt, dem anzumerken ist, wie wertvoll er ihm ist? An diesem Tag war nicht ich der Religionslehrer, sondern eine Schülerin.

Max Kronawitter

Auszug aus Münchner Kirchenzeitung" v. 13.2.2000

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