VISION 20002/2000
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Damaskus-Erlebnis eines Spiritisten

Artikel drucken Ein Straßburger Priester blickt auf seine Geschichte zurück (Luc Adrian)

Mit 15 an den Rollstuhl gefesselt, taucht Bernard Bastian in den Spiritismus, um das Lager der Schwachen" hinter sich zu lassen und sich an seinem Schicksal zu rächen. 25 Jahre später ist er Priester, Hirte der Gemeinschaft vom Jakobsbrunnen in Straßburg....

Rue des Dentelles 12 im Herzen der Petite France" in Straßburg. Ein Tor öffnet sich auf einen gepflasterten Hof, der von einem Labyrinth von Gängen, Balkonen und Hängeböden umgeben ist. Plötzlich taucht ein kleinwüchsiger Mann mit buckligem Oberkörper auf wackeligen Beinen, einem runden lachenden Gesicht zwischen mächtigen Schultern auf. Ein dünner Scheitel inmitten seiner hellen Haare. Über Wendeltreppen geht es bis zu seinem Versteck unter dem Dachstuhl, unter dem Himmel. Eine zweiräumige Zelle im vierten Stockwerk des alten Hauses. An der Klotür hängt das Schild seiner früheren Ordination: Doktor Bernard Bastian".

P. Bastian hat Humor. Gott auch. Dieser Querschnittgelähmte dürfte eigentlich gar nicht gehen können - aber er geht dennoch. Er zahlte den okkulten Mächten, die ihn wegen seiner Behinderung rächten, einen hohen Tribut an Angst - Gott hat ihn aus dieser durch eine Verwechslung gerettet. Immer noch lachen beiden darüber, Gott und Bernard.

Arzt, Experte medizin-ethischer Fragen, 1993 zum Priester geweiht, ist Bernard Bastian Seelsorger in vier Straßburger Spitälern. Auch die Seelen der Mitglieder der charismatischen Gemeinschaft vom Jakobsbrunnen, deren Moderator er ist, horcht er ab. Der Herr hat mich wie Saulus auf dem Weg nach Damaskus gewandelt," bezeugt er in den folgenden Zeilen.

Mein Körper, brutal gelähmt, eingezwängt in ein Korsett aus Gips, die Beine angebunden. Ich bin 15 und querschnittgelähmt. In weniger als drei Wochen, im Gefolge einer wiederaufgetretenen Tuberkulose. Schon mit sechs hatte mich eine erste Erkrankung 18 Monate ins Spital gesperrt. Jetzt fängt der Alptraum von Neuem an, schlimmer! Am 15. Geburtstag... Warum ich?

Ich war ein braves Kind, aufgewachsen in einer Elsässer Familie, normal" christlich. Meine Eltern schufteten hart - sie hatten in einem Dorf ein Arbeiterbeisel, wo es auch Kino und Ballsaal gab. Nach dem Unfall habe ich den Gott meiner Eltern verworfen. Ich hatte keine Beine und der Seelsorger erzählte mir vom lieben Gott - der liebe Gott, so etwas!

Nach einem langen Spitalsaufenthalt und mehreren Operationen finde ich mich in einem Rehabilitationszentrum in der Brie, weit von den Meinen entfernt, wieder. Wir waren 250 Burschen von der ersten bis zur achten Mittelschule. Behinderte waren damals verachtet. Eines Tages fahre ich in meinem Rollstuhl den Kai der Seine entlang, an einer Großmutter vorbei. Sie schimpfte mit ihrer Enkelin, die unfolgsam war. Auf mich zeigend sagt sie ihr: Wenn du so weitermachst, endest du wie dieser da!" Ich wurde mitten in einer feindseligen Gesellschaft fortwährend gedemütigt und angegriffen.

Schließlich habe ich erfahren, daß meine Lähmung Folge einer Fehldiagnose war. Der Aufruhr in mir legte einen Zahn zu. Wenn es Gott gab, so war er ein Saukerl. Aber seine Existenz beschäftigte mich nicht mehr. Ich mußte mich auf diesem großen Schlachtfeld durchkämpfen. Wie aus dem Lager der Schwachen ausbrechen? So beschloß ich, stark durch meine geistige Kraft zu werden.

In unserem Zentrum war mir ein Bursche aufgefallen, einsam, geheimnisvoll, düster. Er hieß Alain. Eines Tages setzte ich mich zu ihm und habe ihm gesagt: Du hast ein Geheimnis, das mich anzieht."

Er schaute mir mit einem kalten Blick direkt in die Augen: Das wundert mich nicht. Ich bin Mitglied der spiritistischen Gesellschaft."

Das interessiert mich! Arbeiten wir zusammen."

Alain hat mir volle Pulle gegeben: Bücher, Pendel, Das Buch der Geister" von Allan Kardec, dem Papst" des Spiritismus. Ich habe alles verschlungen und angefangen, Magnetismus, Hypnose, Astralreisen, Telepathie zu praktizieren. Es funktionierte gut. Im Getümmel habe ich mich der Reinkarnationslehre verschrieben. Sie lieferte mir endlich eine Erklärung: Ich war behindert, weil ich die Schuld aus einem früheren Leben abzutragen hatte. Und sie eröffnete mir eine Chance: Eines Tages, in einem späteren Leben, würde ich normal" sein.

Anfangs glaubte ich nicht so recht an die "Geister". Aber Alain hat mich durch eine eindrucksvolle Erfahrung bekehrt": Schreib eine Anzahl von Strichen auf einen Zettel", sagte er mir. Behalt die Zahl für dich. Der Geist wird sie erraten..." Ich habe vier Striche gemacht und den Zettel in meine Tasche gesteckt. Alain hat die Geister befragt. Das Stockerl hat viermal geklopft. Zufall", war meine Antwort. Mach's noch mal, wenn du willst." Ich schreibe sieben Striche auf die Rückseite desselben Papiers. Das Stockerl klopft elfmal. Triumphierend rufe ich: Irrtum, es sind nicht elf, sondern sieben!"

Kein Irrtum, Bernard," murmelt Alain: vier auf der einen und sieben auf der anderen Seite, sind elf!" Der Geist hatte richtig gesehen.

Ich habe mich mit ganzem Elan auf den Spiritismus eingelassen. Ein einziges Problem: Die Entzifferung des Klopfens nahm Zeit in Anspruch. Daher beschloß ich ein Medium zu finden, das sich von den Geistern erfassen, in deren Namen sprechen würde. Das würde rascher gehen.

Endlich hatte ich meine Revanche. Ich hielt Hof, hatte Schüler und vor niemandem Angst. Eines Tages haben mich Barbès und seine Bande herausgefordert. Barbès, er kam von den Antillen, trug eine Lederjacke und schwarze Jeans. Er erholte sich nach einem Motorradunfall und verbreitete Angst und Schrecken rund um sich. Bei mehreren Gelegenheiten waren wir aneinandergeraten. Einmal mußte es zwischen uns zum Eklat kommen.

Bastian, du Nullerl, wenn ich niese, blas ich dich weg," erklärt er vor der versammelten Menge.

Stimmt, Barbès. Ich brauch dich aber gar nicht anzugreifen, um dich umzuhauen." Alles lacht laut. Barbès meckert: Na gut, versuch doch!"

Ich habe mich konzentriert und ihn aus der Entfernung magnetisiert - er brach zusammen. Nach einem langen Schweigen stand er auf, sehr beeindruckt. David gegen Goliath...

Ich hatte Barbès und seine Bande in der Tasche, das ganze Zentrum. Endlich herrschte ich.. Aber tief im Inneren hatte ich Angst. Spiritismus und Okkultismus verliehen mir außergewöhnliche Macht, aber ich schreckte auf, kaum daß ein Möbelstück knackte. Oje, ich habe nicht die richtigen Formeln gesprochen, um die bösen Geister zurückzuschicken. Sie umschwirren mich, sind hier!" Und ich stürzte mich auf meine magischen Rituale. Ich war in einem Räderwerk gefangen, in dem ich der Stärkste sein mußte. Sonst war ich vom Tod bedroht.

Im Jänner 1974 suchte ich immer noch nach meinem Medium, als ich Paris-Match beim Seelsorger aufblättere. Mein Blick fiel auf eine Doppelseite: Sie zeigte stehende Leute, die Augen geschlossen, die Hände erhoben. Der Titel: Sie sprechen in anderen Sprachen."

Super," denk ich, das ist eine Versammlung von medial Begabten."

Als der Seelsorger mein Interesse merkt, nützt er die Gelegenheit: Hättest du Lust hinzugehen? Wenn du willst, bring ich dich hin." Der Naivling," so meine Gedanken, er will mich bekehren, ich werde aber seine Gutgläubigkeit ausnützen."

Ein paar Tage später nimmt mich der Priester am Abend in seiner 4L bis zur Kirche Saint-Bernard, unterhalb der Tour Montparnasse in Paris mit. Dort fand das Treffen statt. Am Eingang macht man mich darauf aufmerksam: Das ist die Gemeinschaft Emmanuel". Da die Leiterin ein reizendes 20jähriges Mädchen mit Name Emmanuelle war, dachte ich dies hier sei die Gemeinschaft der Emmanuelle". Meine ganze Bekehrung ist auf dieses Mißverständnis zurückzuführen. Ich meinte an einer spiritistischen Sitzung teilzunehmen. Tatsächlich aber war es eines der ersten Gebetstreffen der Emmanuel-Gemeinschaft.

Rund 400 Leute waren anwesend. Man hat mich in die erste Reihe geführt. Neben mir eine imposante Frau, die mit Inbrunst betete und der Eusapia, einem berühmten Medium, ähnlich schaute. Ich war hingerissen: Endlich habe ich auf Anhieb mein Medium gefunden!"

Sie haben in Zungen gebetet. Dann hat meine Nachbarin das Wort ergriffen und die Heilung eines Drogensüchtigen verkündet. Plötzlich ein lauter Schrei im Saal. Ein Hippie, Haarband am Kopf, springt auf, lachend, weinend, schreiend: Ich bin befreit!"

Es war ergreifend. Die Leute umarmten sich, sangen Halleluja, Dank sei Dir, Herr!" Ich wußte nicht mehr, wo ich hingeraten war. Aber ich fühlte mich wohl. Erstmals seit langem kostete ich das köstliche Gefühl des Friedens aus. Am Ausgang stelle ich dann die Frage, die mich beschäftigte: Ihr seid doch alle Medien, nicht wahr?"

Nicht nur sind wir keine Medien, sondern unsere Spiritualität ist genau das Gegenteil des Spiritismus," gab mir Emmanuelle zur Antwort. Ein Tiefschlag. Ich war verloren. Ich hatte erlebt, wie sich eine außergewöhnliche Macht manifestierte, ich hatte den Frieden verkostet... und er kam nicht von den Geistern!

Der Geistliche hat mich heimgebracht. Ich war viel zu stolz, um ihm meine Verwirrung zu gestehen. Aber während der Heimfahrt habe ich an zwei Dinge gedacht: Ich höre erstens mit den okkulten Versuchen auf, weil ich da falsch unterwegs bin. Zweitens gibt's da doch etwas auf der Seite Gottes..."

Nach diesem Kurswechsel haben meine Beine wieder eine gewisse Autonomie erlangt. Die Ärzte haben keine Erklärung dafür.

Einige Monate später kündigen die Medien das Konzil der Jugend in Taizé an. Der Geistliche schlägt mir vor hinzufahren. 50.000 Jugendliche während einer Woche im Schlamm verbringen Stunden im stillen Gebet. Diese nutzlosen Zeiten" machen mir Angst. Offensichtlich klappte es nicht mit der Organisation. Ich war doch schließlich nicht verrückt. Oder es gab da 50.000 Verrückte neben mir. Ich hatte eine sehr intellektuell geprägte Leidenschaft für Jesus Christus, den Anwalt der Armen, entwickelt. Ich hatte mich mit der Idee angefreundet, Christ zu sein. Aber es war noch eine Idee, keine Person. Wir müssen die Erde wohnlich machen," hatte Frère Roger erklärt. Gut, vereinen wir uns im Kampf.

Ich habe mich also in der Bewegung zur Verteidigung der Behinderten - sie stand den Sozialisten nahe - voll engagiert. Nur die Linke hat sich damals um uns gekümmert. Zwei Jahre war ich sehr militant: Demos, Flugblätter, Kommando-Aktionen...

1975 nach meiner Matura begann ich mein Medizinstudium in Straßburg. Im ersten Jahr ein wahrer Dschungel. Nach einer Vorlesung steht einer vor 1.000 Studenten auf und verkündet: Teilnahme am Anatomiekurs im Hörsaal x. Und charismatisches Gebet um 18 Uhr." Das war mutig. Ich bin hingegangen, um mir das anzuschauen. 15 Personen, eine kleine Gruppe, die sich Jakobsbrunnen nannte, gegründet vom einem Jesuiten, P. Bertrand Lepesant. Zufall: Lepesant war einer der Vertreter der Gesellschaft der Behinderten in Frankreich, die ich wegen ihres kleinbürgerlichen Abweichlertums" bekämpfte.

Dennoch nahm ich am Gebetstreffen teil. Bei jeder Eucharistie wurde ich von schrecklichen Ängsten geplagt. Eines Tages, am Ende meiner Kräfte angelangt, verließ ich die Gruppe und bin wie ein Zombie heimgestürzt. Nur eine Idee im Kopf: Ich treibe die Angst in meinem Bauch mit einem Messer aus." Im Zimmer angelangt, hol ich mir ein Messer. Da kreuzt mein Blick meinen Blick im Spiegel - und mir gingen plötzlich die Augen auf. Ich war drauf und dran Selbstmord zu begehen, ohne es zu wollen! Entsetzt warf ich das Messer weg, bin auf mein Rad gestiegen und in die Kapelle zurückgerast.

Bertrand Lepesant diskutiert vor der Tür. Ich habe ihm mein ganzes Leben erzählt. Einen Nachmittag hat es gebraucht, um mich von allen okkulten Bindungen, die mich noch an die Welt der Finsternis fesselten, zu lösen, damit ich mein Leben ganz Christus anvertrauen konnte. Ein Kampf, aus dem ich erschöpft hervorging. - und befreit. Allerdings war ich so geschwächt - ich hatte meine Freiheit und meinen Willen ja fünf Jahre hindurch feindlichen Mächten ausgeliefert -, daß ich Monate hindurch des brüderlichen Gebetes, der psychologischen und spirituellen Betreuung bedurfte, um zum vollkommen Frieden zu gelangen.

Christus war wieder in Seine Rechte über mich eingesetzt. Den Willen zur Macht, den Spiritismus und Okkultismus in mir entwickelt hatten, verwandelte Er in Hingabe und Annahme. Besser noch: in Liebe zu meiner Schwäche und Armut. Um sie endlich mit Seiner Kraft zu füllen. Der Weg der Hingabe ist gerade das Gegenteil des Spiritismus."

Aus Famille Chrétienne" v. 11.11.99

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