VISION 20003/2000
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Die Märtyrer sind wahrhaft frei

Artikel drucken Wenn äußere Zwänge unbedeutend werden (Christof Gaspari)

Ich möchte diesen Schwerpunkt zu dem unerschöpflichen Thema Freiheit, zu dem wir nur ein paar bruchstückhafte Überlegungen einbringen konnten, nicht abschließen, ohne auf das Zeugnis der Märtyrer einzugehen. Ihnen verdanken wir das Zeugnis des höchsten Maßes an menschlicher Freiheit.

Ihnen ist es geschenkt, sich über alle äußeren Zwänge hinwegzusetzen. Was das bedeutet, wurde mir merkwürdigerweise beim Lesen eines Artikels von Mihajlo Mihajlov über die "Mystischen Erfahrungen der Unfreiheit" geschenkt worden. Merkwürdig deswegen, weil der Autor das Thema nicht aus der Sicht des Glaubens behandelt, sondern eher leidenschaftslos die Erfahrungen von Insassen sowjetischer Gulags ausgewertet hat und das Ergebnis in der nüchternen Soziologensprache referiert.

Er kommt zu folgender paradoxen Aussage: Es sei bezeugt, daß die Betroffenen die äußerste Unfreiheit als wichtigste Erfahrung in ihrem Leben bewerten. Denn sie erfuhren neben schrecklichsten Qualen Phasen größten Glücks.

Und das ist keineswegs als Masochismus anzusehen. Denn die erlittene äußere Einschränkung zwinge dazu, sich auf das Wesentliche auszurichten: auf sein Innenleben. Und wer sich auf diesen Weg einlasse, mache eine umwerfende Erfahrung: Tief im Inneren des Menschen lebt eine alles überwindende Kraft und wer dieser inneren Stimme folgt, dem eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten. Über diese verfüge die Person allerdings nicht selbst, sondern sie erfahre durch alltägliches Geschehen, daß die Kraft des Guten stärker ist als alles andere. So geschähen rettende Wunder - nicht etwa auf magische Weise, sondern als Folge freiwilliger Ganzhingabe.

Und so könne jeder wählen: die Rebellion gegen sein Schicksal - oder die höchste Freiheit. Mihajlov hält fest: "Es gibt für den Menschen kaum etwas Beglückenderes als das Bewußtsein, die Ereignisse in der Welt trotz und entgegen den mächtigen Einflüssen des Bösen ganz real beeinflussen zu können. Diese Freiheit ... kann dem Menschen durch keine äußere Macht genommen werden. Er kann sie nur selbst verraten."

Wie gesagt: Mihajlov untersucht empirisch, er spricht nicht von Gott. Aber daß es sich hier um das Wirken des lebendigen Gottes handelt, das bezeugen uns die christlichen Opfer von Gewalt, Terror und Ungerechtigkeit.

Zitiert sei beispielsweise Anton Srholec, verurteilt zu 12 Jahren Zwangsarbeit in slowakischen Uranbergwerken (Portrait in VISION 1/2000). Nachdem er drei Novenen zur Gottesmutter gebetet hatte, macht er in der Einzelhaft folgende Erfahrung: "Als ich die Novene beendet hatte, geschah nichts. Nicht einmal die Tür öffnete sich. Ich spürte nur einen großen Frieden, beinahe Glück, daß es mir vergönnt war, so zu leben, ein Begreifen, daß in dem Moment, wo ich Gott besaß, eigentlich alles gleichgültig war - Gefängnis oder Freiheit, gesund oder krank..."

Oder Silvo Krcméry, ein slowakischer Arzt, der viele Jahre kommunistisches Gefängnis erlebt hat: "Die Leute, die keinen Glauben hatten, waren meist schon nach den ersten Tagen der Untersuchungshaft gebrochen... Die Christen hatten natürlich auch Angst. Aber man konnte sie nicht so isolieren. Wer gewohnt war zu beten, zu meditieren, anzubeten, konnte in der Zeit der Einzelhaft, wo die anderen durchgedreht haben, ein tiefes geistiges Leben führen. Wir nannten das die Erfahrung der ,Schwerelosigkeit'."

Unabsehbar lang ist die Liste solcher und ähnlicher Zeugnisse über die Jahrhunderte christlicher Zeugenschaft hinweg. Mit einem besonders leuchtenden Beispiel sei diese äußerste Freiheit jener, denen Gott allein genügt, dieser Schwerpunkt beschlossen, mit dem Zeugnis von P. Maximilian Kolbe, der im KZ Auschwitz freiwillig sein Leben für einen zum Hungertod verurteilten Familienvater hingab.

Zusammen mit neun Mitgefangenen wird P. Kolbe in den Hungerbunker gesperrt. Von da an gibt es nichts mehr zu essen und vor allem nichts zu trinken...

In ihrem Buch über P. Kolbe beschreibt Maria Winowska, was dann geschah: "Sehr bald legen sich die Wächter jedoch Rechenschaft darüber ab, daß diesmal alles ganz anders ist. Bisher hallten die Hungerbunker, diese Hölle im Kleinen, wider vom Gebrüll Verdammter. Nur dem Tod gelang es nach und nach, die Ruhe wiederherzustellen. Aber in den ersten Stunden nach der Schließung der verhängnisvollen Tür, in den ersten Tagen, waren diese Menschen sonst dem Wahnsinn und der Verzweiflung ausgeliefert...

Aber o Wunder! Diesmal heulen und brüllen und verfluchen die Verurteilten nicht - sie singen. Aus den benachbarten Kasematten, aus denen eben nur Schreie und Flüche zu hören waren, antworten schwache Stimmen! Diese Folterstätte wandelt sich zur Trauerkapelle. Die Gebete und Gesänge greifen von Zelle auf Zelle über.

... Wir wissen nur sehr wenig über das, was drinnen geschah. Das kostbare Zeugnis eines der Häftlinge namens Borgowiec ... hält einige Einzelheiten fest. Er kam jeden Morgen, um die Leichname fortzuschaffen, und fand P. Maximilian stets kniend oder stehend und laut betend mitten in der Kasematte... P. Maximilian war stets ruhig, bat um nichts und schaute seinen Henkern ,mit großer Ruhe' ins Gesicht. Sie konnten diesen Blick nicht ertragen und brüllten: ,Schau weg, sieh' uns nicht an!' Als sie weggingen, sagten sie zueinander: ,Noch nie haben wir einen Menschen wie ihn gesehen!'"

Den Henkern mit großer Ruhe in die Augen sehen können, ohne Haß und unter solchen Umständen - welche Freiheit!

Christof Gaspari

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