VISION 20003/2000
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Wenn der ganze Kosmos Gott lobt

Artikel drucken Liturgische Erneuerung um die Jahrtausendwende (Joseph Kardinal Ratzinger; Andreas Eckerstorfer)

Joseph Ratzinger, seit beinahe 20 Jahren Präfekt der Glaubenskongregation, veröffentlicht nach wie vor eine Fülle von Artikeln und Büchern, die durch ihre klare Ausdrucksweise und spirituelle Tiefe bestechen. Mit seinem jüngsten Werk "Der Geist der Liturgie" möchte der deutsche Kardinal zu einer Wiederentdeckung des Wesens liturgischer Feiern anregen.

Sein Titel erinnert bewußt an Romano Guardinis zeitloses Buch "Vom Geist der Liturgie" (1918), das ein wesentlicher Anstoß für die Liturgische Bewegung des 20. Jahrhunderts war. Ratzinger hält es um die Jahrtausendwende an der Zeit, eine erneute Vertiefung des Liturgieverständnisses anzuregen und die zweifellos insgesamt wünschenswerten liturgischen Neuerungen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wieder auf das Wesentliche auszurichten.

Das ganze Buch ist getragen von einer katholischen Schriftauslegung, die er stets an die Kirche rückbindet und mit ihrer Liturgie verbindet. "Denn die Liturgie ìst gemäß der Geschichtlichkeit von Gottes Handeln ähnlich wie das Schriftwort durch Menschen und ihre Empfänger hindurch gestaltet".

Die kirchliche Liturgie ist jedoch kein bloß menschliches Produkt, das immer neu erfunden und entworfen werden muß, sondern primär Gottes Anrede an uns. Wir fügen uns in die immer schon vorausgehende Liturgie ein: "All unser Singen ist Mitsingen und Mitbeten mit der großen Liturgie, die die ganze Schöpfung umspannt". Sie hat sich aus den jüdischen Wurzeln entwickelt und die zentralen Inhalte christlichen Glaubens über die Jahrhunderte hinweg ausgefeilt und aufgenommen. Die je konkrete Gottesdienstversammlung ist so hineingenommen in den geschichtlichen Glaubensstrom, in das Beziehungsgeschehen von Gottes Wort und menschlicher Antwort.

Das Wesen liturgischer Handlungen ist damit auf die Vereinigung der gesamten Schöpfung mit Gott ausgerichtet und auf die "Liebesgeschichte zwischen Gott und Mensch" hingeordnet.

Ratzinger betont, daß liturgischer Vollzug immer die Feier der gesamten Kirche ist. In der Liturgie wird der oft so bedrückend empfundene Gegensatz zwischen Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit, Materiellem und Geistigem von Gott her durchbrochen und der gesamte Kosmos zum Lobe Gottes eingestimmt.

Die feiernde Gemeinde entschwebt aber nicht plötzlich in eine andere Welt, um dann wieder unverändert in den Alltag zu plumpsen: "Wir nehmen teil an der himmlischen Liturgie, ja, aber diese Teilnahme vermittelt sich uns durch die irdischen Zeichen, die der Erlöser uns als Raum seiner Wirklichkeit gewiesen hat". Liturgische Teilnahme ist so gesehen Teilhabe am Erlösungwerk, wodurch sich der Mensch seinem Schöpfer überantwortet und sein ganzes Leben von Gott ergreifen lassen will.

Durch die Liturgie lernen wir ein neues Sehen, das uns über uns selbst hinausführt in die Gemeinschaft des dreifaltigen Gottes. Denn Liturgie "vollzieht sich nie nur in der selbstgemachten Welt des Menschen". Weil Gott uns und die ganze Schöpfung verwandeln, nicht zerstören will, kommt irdischen Zeichen, Symbolen, Stoffen und Handlungen große Bedeutung zu. Bilder und Statuen, Kirchenmusik und Architektur, liturgische Kleider und Haltungen haben deshalb nicht bloß dekorative oder pädagogisch-illustrative Funktion, wie im Buch anschaulich gezeigt wird.

Auch zu umstrittenen Themen nimmt der Kardinal pointiert Stellung. Er sieht z. B. einen neuen Klerikalismus dort im Entstehen, wo Priester nach eigenem Gutdünken festgelegte liturgische Formen verändern und immer neue Sprach- und Unterhaltungsformen einbringen. Sein Plädoyer für die gemeinsame Gebetsrichtung von Gläubigen und Priestern ist eine Überlegung wert. Im übrigen zeigt dieses Buch neuerlich, daß Ratzinger schlichtweg das überlieferte Liturgieverständnis ganzheitlich propagiert und keineswegs für die Rückkehr zum tridentinischen Meßritus eintritt.

Der Autor analysiert die liturgischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zwar scharfsinnig, letztlich aber fast durchwegs pessimistisch.

Es ist lohnend, sich von diesem allgemein verständlichen Buch in Wesen und Wirkung der Liturgie einführen zu lassen und so manchen Anstoß zu beherzigen. In unserer von Aktivismus geprägten Zeit könnte dadurch im persönlichen Glaubensleben wie im pfarrlichen Miteinander der Blick wieder auf den freier werden, der uns in besonders verdichteter Form in der Liturgie entgegenkommt.

Diese jüngste Veröffentlichung berechtigt einmal mehr zum Urteil des bekannten evangelischen Theologen Wolfhart Pannenberg, "daß Ratzinger nach wie vor einer der bedeutendsten katholischen Theologen der Gegenwart ist, unabhängig davon, wie man zu diesem oder jenem Aspekt seines Wirkens in Rom stehen mag".

Andreas Eckerstorfer

Der Geist der Liturgie. Eine Einführung.
Von Joseph Kardinal Ratzinger, Herder 2000, 208 Seiten; öS 263,-

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