VISION 20003/2000
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Die heilige kleine Thérèse

Artikel drucken Botschaft an uns (Wolfgang Stadler)

Die "kleine" heilige Thérèse ist eine so bekannte und gerühmte Heilige, daß die stetige Auseinandersetzung mit ihr allein ihrer Berühmtheit wegen besonders wichtig ist; denn gerade für sie gilt, daß weniger sie gerühmt, als ihre Botschaft gekannt und gelebt werden will - als immer neue Wegweisung und Ermutigung besonders für die Zeit, in der wir leben.

Marie Thérèse Martin wurde am 2. Jänner 1873 in Alençon in der Normandie geboren. Als das neunte und letzte Kind erfuhr sie in ihrer Familie sehr viel Liebe. In ihrer Autobiographie sprach sie selbst von den "sonnigen Jahren ihrer frühen Kindheit".

Thérèse war begabt und sehr lebhaft, aber auch äußerst sensibel. So schrieb sie über diese frühe Zeit für ein Kleinkind wirklich Erstaunliches: "Sobald ich anfing, ernsthaft zu denken, - das tat ich recht früh - genügte es, daß man mir sagte, etwas sei nicht recht, damit mir die Lust verging, es mir ein zweitesmal sagen zu lassen ... Die Tugenden gewannen Reiz für mich". Sie hatte die "gute Gewohnheit gefaßt, sich nie zu beklagen", und ihr Herz "wurde von seinem Erwachen an zu Gott gehoben." Andererseits hatte sie einen "fast unüberwindlichen Eigensinn", der aber durch ihr "goldenes Herz" mehr als wettgemacht wurde.

Als Thérèse kaum fünf Jahre alt war, starb ihre Mutter. Eine große Veränderung ging nun in ihr vor. Sie wurde schüchtern und überempfindlich: "Ein Blick genügte, und ich zerfloß in Tränen". Als sie mit etwa neun Jahren vom Klostereintritt ihrer Schwester Pauline, die sie sich als Ersatzmutter gewählt hatte, erfuhr, brach wieder eine Welt für sie zusammen. Sie wurde ernsthaft krank, hatte schwere psychische Probleme und Ängste, denen die Ärzte hilflos gegenüber standen.

Aber am 13. Mai 1883 wandte sich Thérèse, die von klein auf eine starke Beziehung zur Muttergottes hatte, in ihrer Verzweiflung an Maria. Und Maria erschien ihr wirklich, Thérèse sah das unvergleichliche Lächeln der Muttergottes und wurde von ihrer schweren Krankheit geheilt.

Dieses Lächeln mußte sich wohl ganz tief in ihre Seele eingeprägt haben, und sie gab es in gewisser Weise weiter als das "Lächeln der Thérèse", als dem Abbild des Lächelns der Jungfrau Maria. Sehr bezeichnend für ihre Marienliebe sind folgende Worte: "Welche Freude zu denken, daß diese Jungfrau unsere Mutter ist! ... Fürchte nicht, du könntest die Muttergottes zu sehr lieben. Niemals wirst du sie genug lieben, und Jesus freut sich darüber, weil sie seine Mutter ist."

Aber trotzdem folgten nun für Thérèse schwere Zeiten der Schuldgefühle und Zweifel. War die Marienerscheinung wahr? Hatte sie vielleicht gelogen? Skrupel quälten sie, und erst zu Weihnachten 1886 erfolgte ihre völlige Heilung, als es ihr gelang, ihre Überempfindlichkeit erstmals zu überwinden: "Ich fühlte die Liebe in mein Herz einziehen, das Bedürfnis, mich selbst zu vergessen, um anderen Freude zu machen, und von da an war ich glücklich!" Thérèse war nun befreit vom zehn Jahre dauernden Kreisen um sich selbst. Im folgenden Jahr blühte sie in jeder Hinsicht auf.

Es folgten Reisen bis nach Italien, sie freute sich an den Schönheiten der Natur und lernte die "Welt" kennen. Die neumodischen Fahrstühle in den vornehmen Hotels beeindruckten sie so sehr, daß sie später in einem berührenden Vergleich darauf zurückgriff: "Der Fahrstuhl, der mich bis zum Himmel emporheben soll - deine Arme sind es, o Jesus!"

In ihr wuchs immer mehr die Liebe zu Jesus, und sie beschloß, wie Maria ihren Platz am Fuß des Kreuzes einzunehmen: "Als ich eines Sonntags die Photographie eines Bildes unseres Herrn am Kreuz betrachtete, ward ich betroffen vom Blute, das aus einer seiner göttlichen Hände floß. Ich empfand tiefen Schmerz beim Gedanken, daß dies Blut zur Erde fiel, ohne daß jemand herzueilte, es aufzufangen. Ich beschloß, im Geiste meinen Standort am Fuße des Kreuzes zu nehmen, um den ihm entfließenden göttlichen Tau aufzufangen, und begriff, daß ich ihn nachher über die Seelen ausgießen müsse. ... Der Schrei Jesu am Kreuz widerhallte ununterbrochen in meiner Seele: ’Mich dürstet!" Diese Worte entfachten in mir ein unbekanntes, heftiges Feuer ... Ich wollte meinem Vielgeliebten zu trinken geben und ich fühlte mich selbst vom Durst nach Seelen verzehrt ... Noch waren es nicht Priesterseelen, zu denen es mich hinzog, sondern die der großen Sünder, ich brannte vor Verlangen, sie den ewigen Flammen zu entreißen."

So wurde es ihr Lebensziel, die totale und ausschließliche Hingabe ihrer selbst an den Herrn so radikal wie möglich zu leben. Sie beschloß, in den Karmel einzutreten: "Der göttliche Ruf war so drängend ...", daß sie sich anschickte, den Karmel "mit des Schwertes Spitze" zu erobern. Aber sie erfuhr ihrer Jugend wegen Ablehnung durch den Superior und den Bischof. Zu Recht erschien den Geistlichen das Risiko viel zu hoch.

Aber Thérèse gab nicht auf. Von ihrer Berufung überzeugt, beschloß sie, den Papst selbst zu bitten. Mit ihrem Vater und der Schwester reiste sie nach Rom und sprach den Papst, Leo XIII., in ihrem Anliegen an - obwohl es ihr streng verboten worden war. Und wieder erfuhr sie Skepsis, ja Ablehnung. Wenngleich sie die Einwände verstand, so waren sie doch eine harte Probe für sie.

Endlich, im 9. April 1888 durfte sie in den Karmel eintreten: "So waren meine Wünsche endlich erfüllt, meine Seele empfand einen so süßen, so tiefen Frieden, daß ich unmöglich Worte dafür finden kann." Für Thérèse begann nun die eigentliche Lehr- und zugleich Reifezeit, als deren Ergebnis ihr berühmt gewordener "kleiner Weg" steht. Sie, die keine "halbe Heilige" werden wollte, erkannte im Laufe der Jahre immer mehr ihre Schwäche, ja, die Unmöglichkeit, die Heiligkeit durch das eigene Tun - "mit des Schwertes Spitze" - erobern zu können.

So wurde Thérèses Leben im Karmel immer mehr von diesem Geborgensein in der sich maßlos schenkenden Liebe Gottes geprägt. Aus ihr erhielt sie die Kraft, auch schwerste, quälendste Situationen des Klosterlebens nicht nur auszuhalten, sondern sie sogar als "Schätze" zu sehen, die sie an Jesu Wort an seine Apostel erinnerten: "Liebt einander, wie ich euch geliebt habe".

Aus Liebe den anderen, schwierigen, kranken, sündigen Mitmenschen ertragen - ein hoher Anspruch. Aber sie verließ sich immer mehr auf die Kraft der Liebe Gottes, die sie zum Ertragen ihrer Leiden befähigte, deren sie wahrhaftig genug zu tragen hatte: Am Gründonnerstag 1896 hatte sie ihren ersten Bluthusten, ihre letzte schwere Zeit begann. Dennoch blieb sie die "kindlich-reizende" Thérèse, deren Gegenwart ihre Mitschwestern so gerne suchten. Und im selben Maß, wie ihre Leiden zunahmen, wuchs auch ihre liebenswürdige Heiterkeit - trotz entsetzlicher Schmerzen durch Lungen- und Darmtuberkulose und Gewebebrand.

Tief berührend ist ein Wort aus ihrer letzten Lebenszeit, auf die Frage nach dem Paradies: "Ich würde mich sehr freuen, wenn ich dorthin ginge, aber ... ich verlasse mich nicht auf die Krankheit, sie ist eine zu langsame Führerin. Ich verlasse mich nur noch auf die Liebe. Bitten Sie den gütigen Jesus, daß alle Gebete, die für mich verrichtet werden, das Feuer nähren, das mich verzehren soll."

Ihr Todeskampf war schrecklich, ohne Schmerzlinderung. Am 30. September 1897 starb Thérèse mit den Worten: "Mein Gott! ... ich liebe Dich!"

In Thérèses Leben gab es keinerlei Ereignisse, die - weltlich historisch gesehen - von Bedeutung waren. Sie stammte aus einem kleinbürgerlichen, behüteten Milieu, es gab keine Bezüge zu historischen Persönlichkeiten wie bei anderen Heiligen, und ihr Leben verlief ohne die schrecklichen Brüche, denen junge Menschen so oft ausgesetzt sind. Ganz sicher war sie von der intensiven Lektüre der "Nachfolge Christi" des Thomas von Kempen geprägt, ein Buch, das sie fast ganz auswendig wußte und das sie überallhin begleitete.

Sie war wohl eine herausgehobene Einzelerscheinung, die im Zusammenhang mit der Absicht Gottes zu verstehen ist, den Menschen noch einmal einen ganz einfachen Zugang zum Evangelium, zur frohen Botschaft Jesu, zur "törichten Liebe Gottes zu den Menschen" zu öffnen. Aber auch Thérèses Sprache - nachzulesen in ihren Schriften - war "töricht", denn es ist die Sprache einer großen Liebenden, unverständlich für eine materialistische, sich selbst vergötternde Welt.

Ihr Leben und ihre Botschaft sind ein drängender Aufruf, sich auf die "Torheit der Liebe" einzulassen - jeden Tag aufs neue - im Vertrauen, daß alles, das Schöne und auch das Schwere unseres Lebens, in Gottes barmherzigem Sorgen für uns am besten aufgehoben ist.

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