VISION 20004/2000
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Die Jugend: Grund zu Sorge und Hoffnung

Artikel drucken Eine Generation bricht aus den Sackgassen des „Fortschritts" (Christof Gaspari)

Ich durchforste meine Daten- und Artikelsammlung nach Informationen zum Thema Jugend. Da hat sich einiges angesammelt. Der Grundtenor allerdings: Sorge, ja Angst um eine Generation, die in Materialismus und Egoismus zu versinken scheint.

Wir alle kennen sie, diese Alarmmeldungen aus der Disco- und Rauschgiftszene, die Befragungen über das lockere Sexualverhalten, die Berichte von Gewaltakten und sinnloser Zerstörung, die Schlagzeilen, wenn Kinder morden. Wir sind beunruhigt beim Anblick grell gefärbter Haare, “gepiercter" Nasen und Nabeln, sowie tätowierter Arme, Bäuche und Rücken. Und wir haben, wenn nicht in der eigenen Familie, so doch zumindest im Bekanntenkreis erlebt, wie Jugendliche in die Szene abgeglitten sind und nicht mehr ansprechbar waren. Von einer “verdorbenen Brut" sprach eine englische Meinungsumfrage zum Thema.

Das ist allerdings nur die eine Seite der Medaille, die auffallende. Was heute geschieht hat tieferreichende Wurzeln. Zu erwähnen ist da vor allem der Kult der Jugendlichkeit, der heute vorherrscht. Das Jungsein wird zum Lebensmodell und beraubt die Jugend aller Vorbilder. “Trau keinem über 30", heißt die Parole: Jung, fit, fesch, sexy zu sein, ist das allgemeine Leitbild für unsere Gesellschaft.

Erwachsene imitieren jugendliches Verhalten in der Kleidung, im Gehaben, im Umgang miteinander. Männer im Großvateralter protzen mit sexueller Potenz, Viagra wird zum Verkaufsschlager. “Alt" ist ein Unwort. Heute ist man ein Senior, ein etwas älterer Mensch. “60 und kein bißchen weise" wurde uns als Gütesiegel verkauft.

Die Wirtschaft prägt diese Entwicklung entscheidend: Jugendliche und Kinder wurden als wichtiger Markt entdeckt. Wer ihn erobert, hat die Konsumenten von morgen an sich gebunden. Mit vielen Tricks versucht man, die Heranwachsenden von Produkten abhängig zu machen: von Jeans, McDonalds, Coca Cola, Nike, und ... Jede Werbung - eine Story vom großen Glück, von makelloser Schönheit, Frohsinn, gelungenen Eroberungen... “Shopping macht happy" und “all you need is love".

Eine eigene Jugendkultur - schließlich dauert die Jugend ja länger denn je - hat sich entwickelt. Und sie wird gepusht: Love Parade, Werbefernsehen, Donauinselfest, “Ö3 - das Leben ist ein hit"... Und diese Kultur wird weltweit forciert, überall dieselbe Masche, dasselbe Angebot von Glücksverheißungen.

Psychologisch geschulte Marketing-Experten verkaufen Tag für Tag die Botschaft: Laß Dir nicht den Spaß verderben, nimm Dir, wonach Du Lust hast! Und die Botschaft kommt an. Kein Wunder, daß der Jugend attestiert wird, sie werde immer egoistischer. Der Pädagoge Fritz Oser sprach vom “postmodernen Egoismus". Und die Berliner Psychologie-Professorin Eva Jaeggi stellte fest, der Mensch sei immer schon egoistisch gewesen, doch heute sei die Konzentration aufs Ich vom Makel zum kategorischen Imperativ geworden, der von Therapeuten verordnet wird: “Selbstbehauptung und Autonomie sind zur wichtigsten Maxime unserer Gesellschaft geworden." (Der Spiegel 22/94)

Neben diesem Bombardement mit Werbebotschaften sind die jungen Leute einem weiteren Dauerfeuer ausgesetzt: “Sex and crime" kaum daß das Fernsehen läuft oder im Kino das Licht ausgeht. Und wieder die Botschaft: Nimm Dir und setz Dich durch, die anderen machen es auch so!

Dazu kommt, daß wir in einem Umfeld leben, in dem alles pausenlos kritisiert und zerredet wird und jede Autorität verdächtig ist. Da es kaum ein Gegengewicht zu dieser zynischen Betrachtungsweise gibt, ist für viele Jugendliche weit und breit kein Ziel erkennbar, für das es sich lohnen würde, das Leben einzusetzen.

Fazit: “Den Skeptizismus haben sie aus den Sechzigern, den Mangel an Illusionen aus den Fünfzigern, den Radikalismus aus den Siebzigern, den Hedonismus aus den Achtzigern - aber die Visionen dieser Jahrzehnte, die sind erledigt. Die jungen Deutschen der Neunziger leben unter dem Fluch (mit dem Segen), von der Vergeblichkeit aller großen Alternativen überzeugt zu sein." (Spiegel 38/94)

Umfragen über die Einstellung der Jugend zum Glauben scheinen die Diagnose zu bestätigen: Deutsche Jugendliche mißtrauen angeblich der Kirche noch mehr als der Politik, den Banken oder den Medien. Und in den meisten Pfarren Österreichs sind die Firmungen Abschiedsvorstellungen der Jugend vom kirchlichen Leben. Soweit eine Bestandsaufnahme.

Allerdings behagt mir diese Art, an das Thema heranzugehen, nicht, erweckt sie doch allzu leicht bei Erwachsenen den Eindruck, selbst in einer geordneten Welt zu leben, die nun von der nachwachsenden Generation bedroht ist. Tatsächlich aber widerspiegelt das Verhalten der Jugend nur, was wir, die Erwachsenen, in den letzten Jahrzehnten alles verkehrt gemacht haben.

Jetzt, da ich Enkel habe und die Entwicklung der Kleinen zwar aus der Nähe, aber doch nicht mit der Unmittelbarkeit elterlicher Verantwortung erlebe, merke ich folgendes: Das Verhalten der Kinder ist ein Spiegel ihrer Erfahrungen mit ihrer Umwelt. Alles wird abgeschaut und nachgemacht. Jedes Verhalten des Kindes hat seine Quelle in einem ähnlichen Verhalten der Menschen seiner Umgebung: der Eltern, Großeltern und Geschwister, dann der weiteren Verwandtschaft, der Kinder und Tanten im Kindergarten und bald schon der Medien...

Wenn sich heute Alarmmeldungen über jugendliches Fehlverhalten häufen, ist das also ein Anlaß, uns zu fragen, was diese Entwicklung der Jugend über unsere eigenen Einstellungen und Haltungen aussagen.

Wenn ich das sage, behaupte ich nicht, daß alles am Menschen anerzogen ist. Ich beobachte sehr wohl auch, wie schon in den Kleinen angeborene Schwächen erkennbar sind und sich in ihnen die Bosheit bemerkbar macht. Dennoch: Die Orientierungslosigkeit, die Sexualisierung, die Flucht in die Scheinwelten der Drogen, des Alkohols, der Videospiele, der Esoterik - all das ist nicht auf dem Mist der heranwachsenden Generation gewachsen. Es ist die Frucht der Gesellschaftsentwicklung, die wir Erwachsene geprägt haben.

Ich habe die Zeit selbst miterlebt, den Aufbruch der 68er, also meiner Generation, die meinte, sie werde eine neue Welt bauen, jenseits der von den Vätern ererbten autoritären Strukturen. Ich erinnere mich an die Verheißungen der Sozialwissenschaftler, man könne die Gesellschaft wie eine Maschine konzipieren und steuern. Ich denke jetzt noch an die Überheblichkeit, mit der man in Ökonomie, Soziologie und Psychologie darangegangen ist, dem Funktionieren von Mensch und Gesellschaft auf die Schliche zu kommen, um die neue Welt grenzenlosen Fortschritts und Wohlstands zu bauen. Ich habe viele Jahre selbst an all das geglaubt.

Trotz des überall spürbaren Scheiterns dieser Bestrebungen, sind aber Politik, Wissenschaft und Forschung bemüht, an der “Schönen, neuen Welt" weiterzubauen. Man denke nur an all das, was vor wenigen Wochen im Zusammenhang mit der Entschlüsselung der menschlichen Erbinformation über die Zukunftsperspektiven gesagt worden ist.

Und dennoch: Wer sich ein Minimum an Sensibilität bewahrt hat, spürt, daß diese Verheißungen vom Paradies auf Erden Luftblasen waren. Längst stehen wir in den Sackgassen, in die uns der Fortschritt gehetzt hat. Viele sehen keinen Ausweg und verzagen. Immer zahlreicher werden auch jene, die nach einer radikalen Neuorientierung Ausschau halten.

Und unter diesen sind erstaunlich viele Jugendliche zu finden. Sie haben das Sex-, Drogen-, Konsum-, Esoterik und Unterhaltungsangebot ausgekostet - und erkannt, daß all das den Menschen in den Ruin führt, wenn es zum Lebensinhalt wird. Das menschengemachte Glück erweist sich als Illusion. Und so wächst gerade unter der Jugend die Bereitschaft nach der einzigen Alternative Ausschau zu halten: nach dem lebendigen Gott. Das ist die große Hoffnung unserer Tage: Es gibt einen neuen Aufbruch der Jugend zu Gott!

Nur - wo sind nun jene, die Gottes Heilswirken in unseren Tagen bezeugen? Sind wir Christen auf diese Herausforderung vorbereitet? Sind wir nicht in einer Glaubenshaltung gefangen, die das Christentum vor allem als eine großartige Lehre, die Kirche als Hüterin der Moral, die Pfarren als Orte der Verwaltung von Sakramenten, den Pfarrer als Spezialisten für Glaubensfragen ansieht? Fürchten sich nicht viele, sich in Gesprächen zum Glauben zu bekennen, weil man sie für unmodern halten könnte?

Sind wir nicht allzu zaghaft, uns ganz selbstverständlich zu Jesus Christus, dem Mensch gewordenen Gott, zu bekennen? Mangelt es uns nicht an Erfahrungen mit dem Heiligen Geist im eigenen Leben, um zwanglos Zeugnis von ihnen zu geben? Wer erzählt von der großen Barmherzigkeit des Vaters, die er selbst erlebt hat? Wer gibt Zeugnis von seiner Umkehr: weg von einem Leben im Schatten des Todes hin zu einem neuen Leben in und mit Jesus Christus?

Genau das ist es aber, worauf - nicht nur - die jungen Menschen heute warten, um neue Hoffnung am Ende von Sackgassen schöpfen zu können.

Darin sehe ich die große Chance für die Kirche in unserer Zeit: Sie kann sich von dem stark kulturell geprägten Bild christlichen Lebens, das sich vielfach mit dem Befolgen von Vorschriften, mit Wohlverhalten und Teilnahme an rituellen Handlungen, mit Spenden und Kirchensteuerzahlen begnügt hat, befreien. Sie kann zu jener Ergriffenheit von Gott durchbrechen, die die ersten Christen erfaßt hat: zu einer Liebesbeziehung zum lebendigen Gott, der alle ruft, die mühselig und beladen sind, der alle Tränen abwischen will, der heilt und rettet und immer wieder einen neuen Anfang schenkt und uns im Alltag wunderbar führt. Nicht nur vor 2000 Jahren, sondern heute!

Nach Zeugen für dieses Wunder in unseren Tagen hält die Jugend heute Ausschau, nach Menschen, die dieses Neuwerden in ihrem Leben erfahren haben, nach Freunden Jesu Christi, die wissen, daß es nicht um menschliche Perfektionierung durch Befolgung hoher ethischer Anforderungen geht, sondern um die Nachfolge Christi, der Seine Macht in den Schwachen erweist.

Alle Umfragen bestätigen es: Die Jugend fragt wieder nach Gott, jedenfalls weit mehr als meine Generation, die dem Taumel des “Evangeliums vom Fortschritt" verfallen war, dies getan hat.

In Papst Johannes Paul II. haben die jungen Menschen unserer Tage einen herausragenden Zeugen für das Wirken des Herrn gefunden. Daher folgen sie zu Hunderttausenden, ja Millionen, seinem Ruf zu den Weltjugendtreffen. Von ihm lassen sie sich dann auch sagen, welche Konsequenzen ein Leben mit Jesus Christus haben wird, daß es ein Leben der Keuschheit, der Treue, der Offenheit für den Nächsten, der Relativierung des materiellen Wohlstands, des Verzichts auf Gewalt, Betäubung und machtvolle Durchsetzung ist.

Und viele Jugendliche haben das begriffen - und in ihrem Leben auch umgesetzt. Die Kirche ist weitaus jünger, als wir aufgrund der Medienberichterstattung und der Meinungsumfragen denken. Wir dürfen uns den Blick dafür nicht trüben lassen von Berichten, die nur die sinkende Beteiligung von Jugendlichen am Leben der Kirche im Auge haben, dabei aber die steigende Intensität des Glaubenslebens der jungen Christen übersehen. Die Zeugnisse auf den nächsten Seiten lassen erkennen, daß wir Grund zur Hoffnung haben. Die jungen Christen könnten uns Erwachsenen, die wir uns oft mit dem Lebensgewohnheiten unserer Tage irgendwie arrangiert haben, ein Ansporn sein, unser christliches Leben zu erneuern.

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