VISION 20004/2000
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Neue Christen stehen auf

Artikel drucken Die Heiligen von morgen aus den Katakomben unserer Zeit (P. Daniel Ange)

Zahlreiche Kräfte tragen dazu bei, aus der Jugend eine in sich geschlossene Welt ohne Rettungsweg zu machen. Aber warum in Panik geraten? Die Jugend ist gebunden, aber nicht gelähmt! Geknebelt, aber nicht stumm! Vergiftet und verletzt, aber nicht ermordet!

Eine unerwartete Generation, die unseren Voraussagen trotzt, steht auf. Aus den Katakomben der neuen Zeit gehen von überallher neue Christen hervor.

Wer sind diese Jugendlichen? Es sind ganz einfach Jungen und Mädchen, Frauen und Männer. Ihnen wird bewußt, wie ernst die Lage ist. Sie kommen gerade aus den Orten und Milieus hervor, von wo man sie am wenigsten erwartet: welch eine phantastische Hoffnung! Sie unternehmen Dinge wie “die neue sexuelle Revolution": Versprechen der Keuschheit bis zur Ehe.

“Wer sind diese, woher sind sie gekommen? Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen, sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht." (vgl. Offb 7,13-14)

Ja, sie kommen aus der großen Widerwärtigkeit, die die Welt heute ist. Sie kommen aus heilen oder mit Kreuzen beladenen Familien, aus gesunden oder verdorbenen Schulen, aus ruhigen Dörfern oder babylonischen Städten, aus geschichtslosen Ländern oder vom Krieg gemarterten Völkern. Sie sind die Heiligen von morgen, die “neue Generation von Jüngern Christi... Jugendliche mit großen und kreativen Herzen, die offen sind für den Aufbau einer Welt ohne Grenzen." (Johannes Paul II. in Compostela)

Diese Jugendlichen machen merkwürdigerweise einen behüteten Eindruck. Ich würde sogar sagen: wunderbarerweise. Davon bin ich jeden Tag staunender Zeuge. Kinder behalten einen klaren Blick, ein Herz ohne Bitterkeit, obwohl sie schon so viel gesehen, so viel getragen haben in ihrer Familie und in ihrer Umgebung. Jugendliche, die zu Wracks heruntergekommen waren, bezeugen plötzlich eine wunderbare Entwicklung gelebter Nächstenliebe. Verletzt wie sie sind, brechen sie voll Begeisterung zum anderen Ende der Welt auf, um ein oder mehrere Jahre ihres Lebens in Demut den Armen, Kindern oder Flüchtlingen zu dienen.

Bei den Jugendlichen, wo der Herr auf direkte Weise wirkt, gibt es einen ergreifenden Kontrast zwischen einer verwirrenden menschlichen Unreife im Sinne einer verlängerten Jugendphase und einer erstaunlichen geistlichen Reife.

Einerseits machen sie Verletzungen im Gefühlsbereich extrem sensibel oder im Gegenteil allergisch gegen den geringsten Gefühlsbeweis, so sehr mußten sie sich einschließen, sich panzern, um zu überleben. Welche große Verletzlichkeit verbirgt sich hinter ihren Verteidigungmechanismen und Masken!

Sie brechen wegen einer Kleinigkeit zusammen. Sie zeigen unausgeglichene Verhaltensweisen. Ihr Reden, Wollen und Handeln widerspricht sich, ihr Wille ist äußerst schwach, sie haben kaum Antriebskraft. Sie haben feste Entschlüsse, einen übergroßen guten Willen und Super-Ideen, aber es macht ihnen so viel Mühe, sie in die Tat umzusetzen, sich zu engagieren, etwas zu riskieren. Alles wird auf später verschoben. Darunter leiden sie.

Sie haben einen extremen Bedarf an Autorität, verspotten diese jedoch, um sich vor ihr zu verteidigen. Sie müssen sich selbst entdecken, geraten aber in Panik, wenn sie feststellen, daß sie allein sind. Man würde sie für 14 oder 15 Jahre halten, aber sie sind schon 20 oder 25 Jahre alt.

Auf der anderen Seite - oder vielleicht aus eben diesem Grund - haben sie eine Klarheit, ein äußerst feines Wahrnehmungsvermögen, einen Scharfsinn in der Beurteilung wichtiger Fragen des Menschseins sowie über die “Dinge Gottes". Hört man ihnen zu, ist man überrascht und denkt: Welche Reife! In dieser Hinsicht sind sie vollkommen erwachsen.

Sie sprechen Dinge aus, von denen man nicht weiß, woher sie sie nehmen: Gedanken oder Sätze, die sinngemäß fast von Teresa von Avila oder vom heiligen Bernhard von Clairvaux stammen könnten. Sie besitzen eine erstaunliche Fähigkeit zu vergeben, den anderen zu verstehen, eine Prüfung aufzuopfern, ein schweres Kreuz zu tragen.

Sie haben Gnaden des inneren Gebetes, die Fähigkeit langer Anbetungszeiten, Verständnis des Wortes Gottes, einen angeborenen Sinn für die Wahrheit, der ihrem Alter weit voraus ist.

Es ist gleichsam so, als würden ihre menschlichen Unzulänglichkeiten von Gott selbst aufgewogen - ja, mehr noch: Als seien die Verletzungen selbst der bevorzugte Ort der Begegnung. Man würde sie für 34 oder 35 Jahre halten, aber sie sind erst 24 oder 25 Jahre alt.

Dies alles läßt uns glauben, daß Gott bei den Jugendlichen den normalen Reifeprozeß beschleunigt, indem er ihre menschliche Dimension von ihrer geistlichen Dimension aus wachsen läßt. Von dort aus beginnt Er, die Beziehung mit Ihm wiederherzustellen, und von da aus repariert Er Stück für Stück das ganze Geflecht von kaputten, schrägen Beziehungen zu den anderen. In jedem Jugendlichen muß man den reinsten, besten Teil entdecken, das heißt der Tiefe seines Wesens vertrauen, ständig daran appellieren und auf diese Quelle Gottes setzen. Im Gesicht eines Jugendlichen, mag es noch so entstellt sein von Alkohol, Drogen und Sex, kann ich das Antlitz Gottes entdecken, wenn auch das verhöhnte, angespuckte Antlitz. Evangelisieren bedeutet, in jedem seine erste Schönheit des Kindes Gottes wiederaufzubauen.

Der Heilige Geist ist in ihm wie ein blinder Passagier. Er ist unter uns Menschen am Werk, allerdings auf anonyme, undurchschaubare Weise. Bedeutet evangelisieren etwas anderes, als ihn aus seinem Versteck hervorzuholen, seine Identität offenzulegen?

... Nachts in meiner Einsiedelei denke ich manchmal darüber nach, was wohl aus dieser kommenden Generation werden wird. Wie sollen diese so geschwächten Jugendlichen große Verantwortung tragen, wenn sie 25, 30 Jahre alt sind? Das Schlimmste wäre, die Jugend untergehen zu lassen, ohne etwas zu unternehmen.

Gebt eure Sicherheiten weiter! Jugendliche brauchen diese starken Sicherheiten von ihren Eltern, vor allem, wenn sie protestieren. Erfüllt sie mit Begeisterung, teilt ihnen eure persönlichen Überzeugungen mit!

“Hängt uns nicht eure Zweifel an! Genug damit!" Denn oftmals findet man bei den Erziehern folgende verheerende Prinzipien: “Man muß die Jugendlichen ihren offenen Fragen überlassen... Man muß ohne Antworten leben können..." Das Ergebnis ist, daß sie allen Halt, alle Sicherheiten verloren haben, das bedeutet Streß non-stop! Es ist unmöglich, im Frieden zu sein ohne starke, verinnerlichte, persönlich verankerte Sicherheiten... Ohne sie fühlt sich der Jugendliche beim geringsten Widerspruch destabilisiert und angegriffen, zur Verteidigung bleibt ihm nur die Aggressivität.

“Gebt uns unsere Wurzeln zurück!" Was die Jugendlichen dieser neuen Generation erwarten und von ihren Eltern verlangen, ist Ermutigung und Unterstützung in ihrer Begeisterung. Sie fordern lauthals Lehrmeister, wahre Zeugen, die das, was sie verkünden, auch leben, Männer und Frauen, zu denen sie aufschauen, auf die sie zählen können, mit denen sie im Kampf zusammenstehen, die ihnen eine Erfahrung, eine Hoffnung vermitteln, die ihnen eine Begeisterung von innen heraus geben.

Vertrauen führt zu Wachstum. Nichts läßt den Menschen so wachsen wie das Vertrauen. Je mehr man ihnen vertraut, desto mehr nehmen sie die Herausforderung an. Wenn man ihnen keine Verantwortung überträgt, finden sie an nichts Gefallen. Statt sie mit Vertrauen zu belohnen, mißtraut man schleunigst ihren Absichten, man reduziert ihre Fähigkeit auf ein Minimum, man relativiert ihren Wert.

Vertrauen verleiht Flügel, Mißtrauen lähmt. Vertrauen drückt nie eigene Ideen auf, es schenkt sich im voraus nimmt das Morgen vorweg und ermöglicht alles.

P. Danie Ange leitet die Evangelisationsschule “Jeunesse Lumière", sein Beitrag ist ein Auszug aus “Feuer und Licht" Nr. 67.

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