VISION 20005/2000
« zum Inhalt Schwerpunkt

Ein Jahrhundert der Märtyrer

Artikel drucken Das Zeugnis jener Menschen bewahren, die zu totalem Einsatz ihres Lebens für Christus bereit waren (Christof Gaspari)

Märtyrer - diese Bezeichnung erweckt bei den meisten Assoziationen an die Verfolgung der jungen Kirche im Römischen Reich, an Amphitheater, in denen Christen den Löwen vorgeworfen wurden, an die schrecklichen Martern im Altertum. Aber wer denkt an das 20. Jahrhundert?

Und dabei ist unser Jahrhundert, das Jahrhundert der Märtyrer schlechthin. Die “Christian World Encyclopedy" beziffert die Gesamtzahl der Blutzeugen für Christus auf 40 Millionen. Allein 26 Millionen hätten in diesem Jahrhundert ihr Leben für den Glauben gelassen. Unglaublich, werden die meisten von uns sagen.

Dabei genügt es sich in groben Zügen die Geschichte dieses Jahrhunderts in Erinnerung zu rufen: Das beginnt mit dem Völkermord an den Armeniern im Ottomanischen Reich und setzt sich in der Verfolgung der Kirche in Mexiko, mit den Greueltaten im Spanischen Bürgerkrieg fort. Parallel dazu gibt es die gezielte Ausrottung der Christen, vor allem der orthodoxen, in der Sowjetunion und dann die gezielte Unterdrückung in Nazi-Deutschland.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geht die Verfolgung im mittlerweile gewachsenen kommunistischen Einflußbereich weiter, in Osteuropa, China, Vietnam, Kuba. Albanien erklärt sich zum ersten atheistischen Staat der Welt. Wachsende Unterdrückung auch durch den islamischen Fundamentalismus, besonders im Libanon, Ost-Timor, im Sudan... Schwere Zeiten erleben auch die Christen in Lateinamerika während der Diktaturen sowie in Afrika, insbesondere im Gefolge der Entkolonialisierung. Neuerdings häufen sich Meldungen von Übergriffen aus Indien.

Wenn man bedenkt, mit welcher Liebe und mit welchem Stolz die Urkirche auf ihre Märtyrer geblickt hat, muß man doch erstaunt feststellen, daß jedenfalls die Kirche im heutigen Westen keineswegs ähnlich reagiert. Selbst in der Konzilskonstitution “Gaudium und spes" - sie deutet die Zeichen der Zeit - wird das Thema nicht angesprochen. Erst Johannes Paul II. lenkte die Aufmerksamkeit der Kirche auf dieses weltweit erlittene Martyrium. Woher diese Blindheit?

Da ist zunächst der Umstand, daß sich die kirchenfeindlichen Regime größte Mühe gaben und geben, Christen nicht offenkundig zu Märtyrern zu machen, sie also wegen ihres Glauben zu liquidieren. Vor allem der Kommunismus und der Nationalsozialismus waren bemüht, ihre Opfer entweder als Kriminelle oder als politische Agitateure hinzustellen. Meist wurde vorgegeben, es ginge um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. So findet sich beispielsweise kein Kubaner aus der Ära Castro im Verzeichnis der Märtyrer, obwohl gerade das kommunistische Kuba äußerst brutal gegen die Christen vorgegangen ist.

Zu unserer Blindheit und Gleichgültigkeit trugen auch die Bemühungen um friedliche Koexistenz mit dem Osten und die verweltlichten, eher linkslastigen Medien bei, für die christliche Märtyrer nicht wirklich ein Thema waren und sind. Was das Geschehen im islamischen Raum anbelangt, wird im Zeitalter des Gesprächs der Religionen nur ungern Kritik geübt. Und den mächtigen Erdölexporteuren gegenüber drückt man auch gern ein Auge zu. Alles schließlich, was in Afrika geschieht, wird als so chaotisch eingeordnet, daß wir Europäer dem ohnedies nur verständnislos gegenüberstehen.

Einzig die Greueltaten des Dritten Reichs haben wir vor Augen. Doch auch hier stehen wir dermaßen im Bann der unsagbaren Leiden des jüdischen Volks - die in keiner Weise relativiert werden sollen -, daß wir das Zeugnis der Christen fast übersehen. Durch zahlreiche Selig- und Heiligsprechungen hat uns auch in dieser Hinsicht Papst Johannes Paul II. die Augen geöffnet.

Warum ist das aber wichtig? Sollen wir nicht die Geschichte ruhen lassen? Nein, denn das Zeugnis der Märtyrer gehört auch heute zum größtenSchatz der Kirche. Dabei geht es nicht um eine subtile Form der Heldenverehrung, etwa nach dem Motto: Schaut, welche tapfere Leute wir in unseren Reihen haben!

Die Märtyrer machen uns vielmehr auf eine Grunddimension unserer eigenen Berufung aufmerksam: Es ist die Berufung jedes Christen, sich vollkommen hinzugeben, sein ganzes Leben einzusetzen. Wer der Märtyrer gedenkt, wird damit nicht nur dem Gedächtnis der Opfer gerecht, er begnügt sich nicht damit Unrechtsregime zu entlarven und eine Art Heldenkult zu betreiben, sondern er bewahrt das Zeugnis jener, die zu einem totalen Einsatz ihres Lebens für Jesus Christus bereit waren - und zwar bis zur letzten Konsequenz.

Im Martyrium kommt eine Unbedingtheit, ein Absolutheitsanspruch des Glaubens an Jesus Christus zum Ausdruck, der uns in einem Zeitalter, das von Pluralismus und falsch verstandenem Dialog geprägt ist, einigermaßen überzogen erscheint. Wir neigen eher zu Kompromissen, drücken da und dort lieber ein Auge zu, lesen die Heilige Schrift so, daß viele Aussagen ihre Kanten verlieren und leichter umsetzbar werden.

Damit sei keineswegs einer kämpferischen I-Tüpfel-Reiterei und einem lieblosen Gesetzesglauben das Wort geredet. Sehr wohl aber stehen wir alle vor der Anfrage, ob wir nicht den Versuchungen von “glauben light" allzu leicht nachgeben. Mutter Teresa (Seite 13) hat es oft und oft wiederholt. Wir Christen seien herausgefordert zu lieben, “bis es wehtut". Und genau daran erinnern uns die Märtyrer unseres Jahrhunderts: Sie haben geliebt, bis es wehtat.

Und darum ist ihr Zeugnis so kostbar, weil es Mut macht, dem Weg, den sie unter äußerst widrigen Bedingungen gegangen sind, auch in unserem sehr günstigen Umfeld zu folgen. An den Märtyrern ist erkennbar, welche unfaßbare Freiheit Gott zu schenken vermag. Indem diese Menschen die Angst verlieren, überwinden sie die Zwänge der Welt. Sie entziehen selbst dem Terror, der Basis aller gottloser Regime den Boden. Welche Befreiung das bedeutet, hat einmal die russisch-orthodoxe Christin, Tatjana Goritschewa, die wegen ihres Glaubens verfolgt worden war, beschrieben: “Wir schenken den relativen Dingen, dem eigenen Schutz und einem ruhigen Leben keine Aufmerksamkeit. Wir verlieren alles --- und doch war ich glücklich. Sich von allem absagen, macht man nicht in Traurigkeit, sondern mit Freude. Die verfolgten Christen in Rußland sind die glücklichsten Menschen, die ich überhaupt gesehen habe; sie sind zwar arm und schwach, aber von großer Kraft und Herrlichkeit erfüllt."

Das ist die Botschaft der Märtyrer an uns: Auch wir können zu dieser Freiheit finden, wenn wir unser Leben mehr und mehr in die Hand Jesu Christi legen. Daß sich diese Botschaft in der Kirche an der Schwelle des 3. Jahrtausends wieder Bahn bricht, bereitet den großen Aufbruch vor, das neue Pfingsten von dem die Päpste dieses Jahrhunderts prophetisch gesprochen haben. Es ist die Frucht der Opfer eines Jahrhunderts der Märtyrer.

Christof Gaspari

© 1999-2024 Vision2000 | Sitz: Hohe Wand-Straße 28/6, 2344 Maria Enzersdorf, Österreich | Mail: vision2000@aon.at | Tel: +43 (0) 1 586 94 11