VISION 20006/2000
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Die Königin der Propheten

Artikel drucken Maria - auch heute Brücke zwischen Himmel und Erde (P. Clemens Pilar COP)

“Königin der Propheten, bitte für uns!\" - Ich greife aus der Fülle der Anrufungen der Lauretanischen Litanei diese heraus. Was bedeutet es, daß wir Maria als Königin der Propheten anrufen? Worin besteht das Prophetische ihrer Sendung?

Wenn ich das Wort “Prophet\" höre, denke ich zunächst an die imposanten Gestalten des Alten Bundes. Elija, der in einem beeindruckenden Kampf die Baalspriester besiegt (vgl . 1 Kön 18). Jesaja, der sich mutig der Sendung stellt: “Hier bin ich, sende mich\" (Jes 6, 8), Jeremia, der trotz aller Schwäche eine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit der behäbigen Gesellschaft seiner Zeit durchsteht.

Die Sprache der Prophetenbücher im Alten Testament ist wuchtig. In eine bewegte Zeit hinein sollten die Propheten Gottes Wort verkünden.

Eines haben diese Gestalten gemeinsam: Es sind Menschen des Glaubens, die von Gott erfaßt, ganz in seinen Dienst genommen wurden. Ihr Glaube ist nicht eine Idee, nicht eine Sammlung von Gesetzen. Nicht Tradition und Gewohnheit. Sie haben Gott als den Lebendigen erfahren. Gott hat Mose seinen Namen offenbart: “Ich bin der ,Ich bin da\'\" (Ex 3, 14). Die Propheten haben Gottes lebendige Gegenwart erfahren. Und durch sie wurde diese Gegenwart Gottes dem Volk vor Augen gehalten und zu Ohren gebracht.

Die Propheten des Alten Bundes scheinen mir wie Steuermänner: Gott zeigte ihnen den Sinn der Ereignisse. So konnten sie die Geschichte verstehen. Und so konnten sie begreifen, daß es nicht blinde Zufälle sind, die die Geschicke formen. Sie konnten hinter allem Gottes Handeln erkennen. So sind sie jene, die den Zeitgenossen ihre Zeit erklären.

Sie zeigen, wer Gott ist, und sie machen deutlich was Gott “heute\" will. So führen sie den Weg durch die Zeitenwüste hin in das Gelobte Land. Das gelobte Land, das sie verkünden - es ist das Reich des Gesalbten, das Reich Gottes, das einst anbrechen wird. Das Reich, in dem Frieden herrschen und Gott mitten unter seinem Volk sein wird. (vgl. Jes 65, 16-25; Sach 2, 15)

Ich begreife, daß Maria all diese prophetische Sendung in sich zusammenfaßt. Sie ist die Frau des Glaubens, die in wehrloser Offenheit vor Gottes allmächtiger Gegenwart steht. So hat sie auch das Wort ganz und ungeschmälert aufgenommen. Das ist das große Wunder von Nazareth: Das Wort wird Fleisch - es ist ein Jemand. Das Wort kommt in die Geschichte der Menschen, konkret, so sehr, daß man es greifen kann. Darin ist Maria allein schon Königin der Propheten, daß sie dieses lebendige Wort in die Zeit getragen hat. “Ich bin der \'Ich bin da\'\". Nie wurde dieser Name aktueller als im Namen Jesus - “Gott rettet\". Maria hat das Wort aufgenommen - anders als es ein Studierender wohl machen würde.

In ihrem Ja zur Botschaft des Engels kam die Leistung menschlicher Intelligenz - der Auffassungsgabe - zu ihrem Höhepunkt. Maria hat die Botschaft ganz erfaßt, und sie selbst wurde von ihr ergriffen. Ihr ganzes Leben ist von nun an verwoben mit Gottes Wort.

Ich erinnere mich, daß schon im Alten Bund Gott von seinen Propheten verlangt hat, daß sie ihm das ganze Leben zur Verfügung stellen. Nicht nur das gesprochene Wort, auch das Leben wurde Zeichen. Jeremia durfte nicht heiraten (Jer 16, 2), Jesaja mußte drei Jahre lang nackt laufen (Jes 20, 2-4), Hosea mußte eine Dirne heiraten (Hos 1,2) - der Prophet selber ist zur Botschaft geworden.

Aber keiner wurde so sehr von der Sendung erfaßt, wie Maria. Ihr “Ja\" drückt nicht nur die Offenheit des Verstandes aus, sondern auch die Bereitschaft, ihren ganzen Leib - bis in jede Faser - Gott zu schenken. Maria spricht nicht bloß prophetische Worte (sie tut es einmal, im Lobpreislied des Magnifikat) sie setzt nicht bloß prophetische Zeichen (wie in Kana, als der Wein zu Ende war und sie die Worte sprach: “Was er euch sagt, das tut\"), sie ist selbst ganz und gar zum Zeichen geworden.

Sie ist das große Zeichen Gottes in der letzten Zeit. Johannes schaut es in seiner Vision auf Patmos (vgl. Offb 12, 1-6). Durch Maria kam Gott in diese Welt und auch in unsere Zeit - und durch Maria verstehen wir wirklich, was Gott von uns will: das ganze Herz.

Die Botschaft, die Maria ist, steht kraß im Gegensatz zu allen Stimmen dieser Welt. Zwar sind nur wenige Worte aus ihrem Mund in der Bibel festgehalten. Aber da ist ein Satz, der die Welt verändert hat: “Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe wie du es gesagt hast.\" (Lk 1, 38).

Sie sagt aller Selbstverwirklichung ab, läßt an sich geschehen. Und deshalb kann Gott ihr Wesen zur Vollendung führen, wie kein anderes zuvor. Wird nicht Maria gerade in der lauretanischen Litanei vor Augen gehalten als eine “Frau mit Eigenschaften\". Es ist die Fülle, die Gott in ihr hervorgebracht hat, weil sie ihm das “Ja\" der Magd gegeben hat. Darin wird sie für mich zur Botin für unsere Zeit - in der so viele immer ärmer werden, alles Profil verlieren, weil sie nur sich selber suchen.

Maria nimmt Gottes Wort in einer Weise auf, die sie über alle Schriftgelehrten hebt. Nur weil sie es mit dem Herzen empfangen hat, kann sie verstehen, was nun geschieht. Es ist der Lobpreis des Glaubens, der sich in ihrem Leben ausbreitet. Sie weiß, daß nun alles in Erfüllung geht, was je verheißen wurde.

Es beeindruckt mich, daß Maria den großen Lobpreis, das Magnifikat, am Anfang ihres Weges spricht. Sie ist ja erst im dritten Monat schwanger. Ihr Weg wird sie in immer größere Entäußerung führen und sie wird ganz in das Leiden ihres Sohnes hineingezogen. Aber sie glaubt dem Wort - und hält daran fest: Alles wird zum Heile sein. Alles wird sich erfüllen. Gott wird mit Seinem machtvollen Arm Großes tun. Maria zeigt mir, daß mein Glaube nicht von äußeren Umständen abhängen darf. Sie weist mir einen Weg des Glaubens, der auch in Stürmen noch zu gehen ist.

Dieser Lobgesang wird zur großen Geschichtserklärung. Alles Kommende darf unter dieser Klammer gesehen werden. Das Erbarmen Gottes wird sich vollenden. Alles, was Abraham und den Vätern verheißen wurde, wird sich nun erfüllen. Diese Erfüllung kann nicht mehr aufgehalten werden, denn Maria trägt das Wort bereits in sich.

Dieser Lobgesang ist wie das Überfließen der Freude und des Glaubens Marias. Und alles, was sie anspricht drückt sie in der Gegenwartsform aus. Nicht in ferner Zukunft wird Gott seine Macht erweisen, nicht in ferner Zukunft wird die Ordnung dieser Welt gewandelt, werden die Mächtigen entthront und die Niedrigen erhöht. Jetzt ist es bereits geschehen. Jetzt ist bereits die “Neue Zeit\" angebrochen.

Alles, was von nun an geschieht, kann diese Wirklichkeit nur mehr weiter vorantreiben - selbst dann, wenn der Weg äußerlich ein Weg auf Golgota sein wird. Waren doch Gottes Arme niemals machtvoller, als zu jenem Zeitpunkt, da sie wie ohnmächtig ans Kreuz genagelt sind.

Maria ist die Himmelspforte, durch die der lebendige Gott als Mensch in diese Welt gekommen ist. Maria ist auch heute noch die Brücke zwischen Himmel und Erde. Noch immer kommt das lebendige Wort durch sie in unsere Zeit.

Maria ist die Prophetin für unsere Gegenwart. Ein weiter Bogen spannt sich von La Salette bis Medjugorje und wir erleben Maria auch heute, als die Stimme, die uns in die Liebe ruft. So hilft uns Maria auch heute, die Geschichte als Geschichte Gottes mit dem Menschen zu verstehen.

Als Zeichen am Himmel kommt sie zu uns, und erinnert uns daran, daß Gott ein Gott “für uns\" ist, und daß Er uns im Heute berühren will. Durch Maria ruft uns Gott auch jetzt zur Antwort.

Immer waren die Propheten ein Zeichen dafür, daß Gott sein Volk nicht vergessen hat. Durch das Kommen Marias an so vielen Orten erkennen wir, wie nahe uns Gott heute ist und mit welcher Liebe er uns an sich ziehen möchte. Maria ist das große Zeichen des göttlichen Erbarmens. Denn die Mutterliebe ist es, die die Kinder nicht in bedrängter Zeit alleine läßt. Es ist die mütterliche Liebe Gottes, die uns in Maria gezeigt und verständlich wird. Und was braucht unsere Generation denn mehr als dies umfassende Erbarmen, das alle Menschen an sich zieht?

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