VISION 20006/2000
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Hört uns Gott überhaupt zu?

Artikel drucken Wenn Bittgebete scheinbar nicht erhört werden (Alain Bandelier; Tatjana Goritschewa)

“Herr, höre uns, Herr, erhöre uns!" In welcher Tonhöhe soll dieser Ruf erklingen? “Hörst Du mich, Herr?" Ehrlich gesagt: Wie oft sind wir uns diesbezüglich gar nicht so sicher...

Ich bete - und es ändert sich nichts. Wozu dann überhaupt noch beten?"

Vielleicht wäre zunächst die Frage zu stellen, wie wir beten, und an welchen Gott wir uns wenden. Die Gebete der Christen sind nicht immer christliche Gebete. Manchmal handelt es sich um heidnische Beschwörungen, die an einen fernen Gott (weit über den Wolken) gerichtet sind, an einen gleichgültigen (wie überzeuge ich ihn, sich für mich zu interessieren?), ja einen gefährlichen Gott (wie schütze ich mich vor den Streichen, die er mir spielen will?)...

Wir verdienen dann den Spott des Propheten Elia wie die Baal-Priester: “Ruft lauter! Er ist doch Gott. Er könnte beschäftigt sein, könnte beiseite gegangen oder verreist sein. Vielleicht schläft er und wacht dann auf." (1Kön 18,27)

Wieviele Gebete sind geradezu das Gegenteil vom Vater unser, dem Gebet, das Jesus Seine Jünger lehrt? Gebete, mit denen wir von Gott erreichen wollen, daß unser Wille geschehe, unserReich komme! Dann ist Beten ein Kräftemessen oder ein “Geschäft", um den Meister zu etwas zu zwingen oder die Gunst des Chefs zu erkaufen.

Wer dieser heidnischen Sichtweise huldigt, versteht auch das Gleichnis der armen Witwe und des Richters im 18. Kapitel bei Lukas falsch. Dann meint man nämlich, Beten bestünde darin, dem Herrn auf die Nerven zu gehen: Zu guter Letzt wird Er das, was man verlangt, schon gewähren - und sei es um endlich Frieden zu haben.

Dabei betont Jesus den Widerspruch zwischen dem “ungerechten Richter", der so lange wie möglich das Verlangen verwirft, und dem gerechten Gott, der geduldig auf den Moment wartet, um “unverzüglich" zu handeln. Wenn wir also nicht sofort erhört werden und daher “allezeit beten und darin nicht nachlassen" sollen, so liegt das nicht an Gott, sondern an uns. Es braucht Zeit, bis man wirklich, bis man “richtig" betet.

Das erreicht man durch Ausdauer und Beharrlichkeit, wie Lukas hervorhebt, als die Apostel vor und nach Pfingsten im Gebet verharrten (Apg 1,14; 2,42). Das Gebet ist ausdauernde Erwartung und sehnsüchtige Geduld. In einer Welt der Automaten und der Selbstbedienung, für eine Generation, die dem Vergnügen huldigt, das Begehren zum Gesetz erhebt und Wünsche für Wirklichkeit hält, ist das schwer zu verstehen.

Die demütige und treue, mühselige, ja sogar schmerzhafte Bitte unterwirft das Gebet einem Wahrheitstest: Was erwarte ich von Gott? Ist es wirklich das, was ich erwarten soll? Ist diese Erwartung tief verwurzelt, ist sie wirklich meine eigene, ist sie vertrauensvoll? Auf lange Sicht führt mich das inständige Gebet vom “was ich will" zum “was Du willst." (Mk 14,36)

Dann beten wir “im Namen Jesu" und dieses Gebet wird immer erhört (Joh 14,14; 15,17). Man erkennt das im Leben der Heiligen: Sie verweigern Gott nichts, und man gewinnt den Eindruck, daß Gott ihnen nichts verweigert, nicht einmal Wunder. Ja, so sagt das Gleichnis, Gott wird jenen Recht verschaffen, die Tag und Nacht zu Ihm rufen.

Das ist auch die Verheißung der Apokalypse als Antwort auf das Flehen der Märtyrer: “Wie lange zögerst Du noch, Gericht zu halten" (Offb 6,10). Genau in dieses Umfeld von Gericht und Ende der Zeiten stellt Lukas übrigens auch dieses Gleichnis. Gott hört, Gott antwortet. Wenn wir Ihn bitten, gibt er uns heute, sowohl in den großen wie in den kleinen Dingen, alles, was uns und die ganze Welt zur ewigen Fülle führt.

Alain Bandelier

“Famille Chrétienne" v. 15.10.92


Die Ehrfurcht wiederentdecken

Als ich in Wien in die ersten katholischen Kirchen kam, war ich erstaunt: Die Menschen kommunizieren alle, aber so oberflächlich, ehrfurchtslos und langweilig, als ob sie einen Schluck Wasser tränken. Ich fragte mich: Wissen sie eigentlich überhaupt, was sie da tun? Und der Priester war eher so etwas wie ein Kommunikator, ein Animateur. Er sprach wie ein Redner oder wie im Theater. Er stand nicht im Inneren eines Mysteriums.

*

Ich war im Westen immer wieder beleidgt durch den Mangel an Ehrfurcht. Lieber hatte ich mich in der Sowjetunion physisch schlagen lassen. Ohne Ehrfurcht wird der Mensch dumm. Ich selbst bin inzwischen schon so verwestlicht, daß ich, wenn ich nach Rußland komme, einige Wochen brauche, um die Ehrfurcht in meiner Seele wieder zu entdecken.

*

Ich bemerke, daß die meisten Christen im Westen nicht richtig beten können. Die Starzen, unsere geistlichen Väter, lehren uns beten. Sie verbinden eine große Liebe und mütterliche Zärtlichkeit mit großer Strenge. Sie fordern das Absolute, das absolut Unmögliche des Evangeliums. Vor allem fordern sie, nicht stehen zu bleiben. Man fällt, so sagen sie, oder man geht weiter. Die Gesetze des geistlichen Lebens sind diamantene Gesetze. Einige Väter sagen: Habe keine Angst zu sündigen, aber habe Angst, nicht richtig zu beten.

Tatjana Goritschewa

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