VISION 20006/2000
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“Ich war immer sicher: Gott meint es gut mit uns"

Artikel drucken Mutter von vier Kindern (Irmgard Lienhart)

Immer wieder werde ich gefragt, wo ich die Menschen kennenlerne, die ich portraitiere. Ich glaube, daß ich irgendwie zu ihnen geführt werde. So auch zu Irmgard Lienhart, die ich erst vor drei Wochen kennengelernt habe. Es war in der Festhalle von St. Michael im Lavanttal nach einem Vortrag, den mein Mann gehalten hat. Irmgards Schwester Elisabeth hatte dort einen Tag der Begegnung gestaltet. Die beiden Schwestern saßen mit uns am Tisch und waren uns auf Anhieb sympathisch. Im Laufe des Gesprächs wurde mir klar: Diese hübsche Frau mit den vier Kindern muß unbedingt dein nächstes Portrait sein. So einfach ist das!

Nun findet unser Gespräch bei Irmgard zu Hause in der Nähe von Graz statt. Es geht recht munter und laut zu, wimmelt es doch vor Kindern: Zu ihren vier Kindern kommen zwei meiner Enkeln, die mit nach Graz gekommen sind sowie Irmgards dreijährige Nichte. Irmgard erträgt das Getriebe mit erstaunlicher Gelassenheit und Heiterkeit.

Sie ist in Unterpremstätten in der Nähe von Graz geboren, wo sie mit ihren vier Geschwistern, Eltern und Großeltern auf einem Bauernhof gelebt hat. Ihre Kindheit hat sie in sehr schöner Erinnerung: Beide Eltern sind stets erreichbar. “Brauchten wir etwas von unserem Vater, stellten wir uns vor das Haus und haben ,Vati' gerufen. Von irgendwoher kam dann immer eine Antwort."

So erleben die Kinder einerseits Freiheit - in Hörweite der Eltern dürfen sie sich im Dorf frei bewegen - und Geborgenheit durch die stete Anwesenheit von Eltern und Großeltern. Der Besuch der Sonntagsmesse ist selbstverständlich, der Glaube Grundstein des täglichen Lebens. Irmgard hat damals wohl die nötige Kraft bekommen, um die schweren Zeiten, die sie später erleben wird, durchzustehen. Schon in ihrer Jugend nimmt sie sich vor, auch ihren Kindern einmal eine so schöne und geborgene Kindheit zu bieten.

Nach der Hauptschule bei den Schulschwestern geht sie ins Oberstufen-Realgymnasium, wo sie 1980 maturiert. Die Pubertät übersteht sie ohne große Glaubenszweifel, da sie in dieser Zeit in der Pfarre Straßgang als Jungscharführerin gut aufgehoben ist. Dort lernt sie auch mit 16 Hubert, ihren späteren Mann, kennen und lieben. Der Anziehungspunkt für die Pfarrjugend ist die Freitagabendmesse mit Kaplan Konrad Sterninger. Gemeinsam mit ihm wachsen die Jugendlichen in die charismatische Erneuerung hinein. Eine schöne Zeit, in der die jungen Leute viel miteinander unternehmen.

“Das Zentrum, das Wichtigste für uns aber war Jesus," betont Irmgard. “Er hat uns durch diese Zeit durchgeführt. So bin ich vom Behütetsein im Elternhaus ins Behütetsein des Pfarrlebens gekommen." Der Großteil der damaligen Pfarrjugend, so erfahre ich, hat sich den Glauben bewahrt.

An der “PädAk" macht sie dann die Ausbildung zur Volksschullehrerin. Nach dem Abschluß - Irmgard ist gerade 21 - heiratet sie. Ihre erste Stelle tritt die Jungvermählte bei den Schulschwestern als Horterzieherin an.

Dort macht sie eine wichtige Erfahrung: “Im Hort habe ich gesehen, wie die Horttante für die Kinder zum Mutterersatz wird, an den sie sich klammern. Und je später der Nachmittag, desto trauriger und leiser wurden die Kinder, die noch nicht abgeholt worden waren. Sobald ich ein Kind habe - so nahm ich mir damals vor - möchte ich für dieses Kind da sein. Es ist ja mein Kind, mein Geschenk und das werde ich nie zu jemand anderem abschieben."

Die ersten eineinhalb Jahre ihrer Ehe wohnt das junge Paar bei Irmgards Eltern in einem Wirtschaftsgebäude. Die Unterkunft ist aber eher einfach und für ein Baby zu kalt. Daher übersiedeln sie vor der Geburt des ersten Kindes zu den Eltern ihres Mannes. Die ganze Familie freut sich schon riesig auf das Baby. Alles ist vorbereitet.

Am Tag der Geburt wird Irmgard zu einer Reihe von Untersuchungen geschickt. “Am Gesicht des Arztes, der die Ultraschalluntersuchung gemacht hat, merkte ich, daß etwas nicht stimmt. Ich bin mit kalten Schweiß dort gelegen. Doch erst nach weiteren Untersuchungen durch andere Ärzte sagt einer von ihnen: ,Das Kind ist abgestorben'." Verzweifelt betet Irmgard: “Lieber Gott, das darf doch nicht sein! Das Herz muß doch wieder zu schlagen anfangen!"

Nach der Geburt will sie das tote Kind sehen. Aber es heißt, es sei besser, wenn sie es nicht zu Gesicht bekäme. Heute weiß sie, daß es für sie wichtig gewesen wäre, sich von ihrem Kind zu verabschieden. Man sagt ihr, das Kind habe eine Spaltbildung an der Wirbelsäule, MMC genannt, gehabt. Es wäre sehr behindert gewesen.

Eine für Irmgard schwere Zeit bricht an. “Ein Jahr Trauerarbeit war es," erzählt sie mir im Rückblick. “Anfangs hatte ich täglich Weinkrämpfe. Ich dachte, ich würde den Schmerz nicht aushalten. Bei uns in der Kirche gibt es in jeder Messe nach der Kommunion einen Kindersegen. Ein ganzes Jahr lang mußte ich beim Kindersegen jedesmal weinen. Mit dem ersten Geburtstag des Kindes aber, an einem Sonntag, war das Weinen aus. Schlagartig."

In dieser Zeit erlebt sie auch, wie gut ihr der Rückhalt und das liebevolle Aufgefangenwerden in der Familie und im Freundeskreis der Pfarre tat: Gespräche, Betreuung und Gebete halfen, den Schmerz zu verarbeiten.

Beruflich nimmt sie eine Stelle bei den Ursulinen an und arbeitet vor allem im Tagesheim. Als eine Lehrerin in Karenz geht, übernimmt sie deren Klasse. Eine schöne Zeit als Lehrerin bricht an.

Die zwei Jahre bis zu ihrer zweiten Schwangerschaft sind eine Periode voller Zweifel und Hoffnungen. Als sie wieder schwanger wird, bedrängt sie die Sorge, ob dieses Kind jetzt gesund sein würde. Bei Thomas - er ist jetzt 14 - geht alles gut. Damals möchte sie es am liebsten in die ganze Welt hinausschreien, wie glücklich sie ist. Ähnlich groß ist die Freude, als zwei Jahre später auch Christoph gesund geboren wird.

Das junge Paar hat also zwei liebe gesunde Buben und ist sehr glücklich. Die beiden sind sich einig noch mehr Kinder zu wollen. Als Irmgard wieder schwanger wird, ist ihre Angst, sie könnte ein behindertes Kind bekommen, weitgehend geschwunden.

Im 5. Monat ihrer vierten Schwangerschaft erkennt der Arzt jedoch am Ultraschallbild eine Auffäligkeit. Er vermutet, es sei eine Zyste im Großhirn oder das Kleinhirn sei zu wenig oder gar nicht ausgebildet. “Als uns der Arzt das gesagt hat, war mir, als hätte ich den Boden unter den Füßen verloren. Wie sollte unser Leben jetzt weiter verlaufen!?", höre ich mein Gegenüber sagen.

Genauere Untersuchungen folgen: Im Landeskrankenhaus schlägt man ihr eine Fruchtwasseruntersuchung vor. Ob die einzige Alternative bei einem schlechten Befund die Abtreibung sei, fragt Irmgard. “Ja," bekommt sie zur Antwort. Darauf sie: “Das kommt für mich nicht in Frage, dann mache ich diese Untersuchung gar nicht erst." Nun hielt man ihr entgegen, ein zerebral gestörtes Kind sei oft nur im Mutterleib lebensfähig, nicht aber außerhalb. Es wäre ein Irrsinn, sich in einer solchen Situation vier Monate lang zu quälen. Da sei es besser, das Kind gleich abzutreiben.

Darauf gibt Irmgard eine Antwort, die mich sehr beeindruckt: “Wenn mein Kind sterben soll, wird es sterben. Aber ich will diesen Zeitpunkt nicht bestimmen. Das ist Sache Gottes. Er ist der Herr über Leben und Tod. Wie es kommt, so wird es kommen. Wir nehmen das Kind so an, wie es ist." Und außerdem, sagt sie mir jetzt ganz richtig: “Jeder kann im Leben einen Unfall haben oder eine chronische Krankheit bekommen und von daher behindert sein. Dann bleibt das Leben dennoch lebenswert für diese Menschen! Bei den ungeborenen Kindern stellt man das aber infrage und spricht ihnen das Lebensrecht überhaupt ab!"

Als ihr Frauenarzt von der Entscheidung der Mutter erfährt, bewundert er ihre Haltung. Er hätte wohl in ihrer Lage ebenso entschieden, meint er. Das wiederum bestärkt das junge Paar in ihrer Entscheidung. Auch die Familien stehen 100prozentig hinter ihnen.

Wie Irmgard mir das erzählt, wird mir klar, wie wichtig es ist, daß Familie, Freunde und Ärzte eine solche Entscheidung mittragen und zu verstehen geben, es sei für sie kein Problem, ein behindertes Kind anzunehmen. Besonders zu Herzen gegangen ist Irmgard, was ihre jüngere Schwester gesagt hat: “Gott sei Dank wären wir gar nicht imstande, ein Kind abzutreiben. Der liebe Gott tragt uns da durch."

Nachdem nun diese Behinderung in Aussicht steht, empfängt Irmgard für das Kind im Mutterleib eine Krankensalbung. Das stärkt sie und gibt dem Paar für die nächste Zeit Kraft. Eine gewisse Beruhigung kehrt auch ein, als ein Gehirnspezialist feststellt, daß jedenfalls mit dem Gehirn alles in Ordnung sei. Dennoch stehen die Eltern bis zur Geburt viele Ängste aus .

Ob sie nicht mit Gott gehadert habe, frage ich? Ruhig und umwerfend selbstverständlich antwortet sie: “Nein. Behinderungen und Leid gibt es nun einmal in der Welt. Wir sind ja noch nicht im Himmel. Ich denke mir, ja, es wird seinen Sinn haben... Ich war mir auch sicher: Eigentlich meint Gott es gut mit uns. Was Er uns schickt, ist wohldurchdacht. Wenn ich Gott etwas im Gebet hinlege, nehme ich schon an, daß es in Seiner Weisheit gut aufgehoben ist."

Bei der Geburt stellt sich heraus, daß der Bub dieselbe Behinderung hat wie das totgeborene Kind: eine Spaltbildung an der Wirbelsäule. Eine halbe Stunde darf Irmgard das Baby bei sich haben. Dann bringt es die Rettung weg. In derselben Nacht wird es vier Stunden lang operiert.

Der kleine Simon muß drei Monate im Spital bleiben. Es stellen sich Komplikationen ein: Er braucht eine Kanüle im Kehlkopf und eine künstliche Ableitung seiner Gehirnflüssigkeit. Ein Problem ergibt das nächste. Gott sei Dank paßt Irmgards Schwiegermutter auf die größeren Kinder auf und so kann sie ein- bis zweimal täglich ins Spital fahren. Ihre Kinder bestehen sogar darauf. Das Baby dürfe nicht allein bleiben, sagen sie. So kann sie Simon streicheln, ihm Lieder vorsingen und mit ihm sprechen, damit er weiß: Seine Mama ist jetzt da und er ist nicht allein. “Wie ein Froscherl ist er dagelegen, angehängt an so vielen Schläuchen. Da wollte ich ihm so viel Liebe und Geborgenheit vermitteln wie nur möglich," erzählt sie.

Mit drei Wochen wird er auf der Intensivstation getauft. Mit 2,5 Monaten kommt Simon für zwei Wochen nach Hause. Welch ein Glück - und sie kann ihn stillen! Doch dann muß er wieder ins Krankenhaus. Als er schließlich heimkommt, hat er eine Kanüle in der Luftröhre. Sie muß mindestens alle zwei bis drei Stunden abgesaugt werden. Man kann auch nicht hören, wenn er weint. Ein eigenes Gerät überwacht Simons Schlaf. Immer wieder gibt es Alarm. Bei leichten Infekten muß die Kanüle bis zu 15mal in der Nacht gereinigt werden.

Wenn jemand mit dem Kind aus dem Haus geht, muß er stets die schwere Absaugpumpe, sterile Sonden und Handschuhe mitschleppen. Drei Jahre hat Simon die Kanüle. Als sie endlich entfernt wird, stellt sich heraus, daß er eine beidseitige Stimmbandlähmung hat. Nun stehen die Eltern vor der furchtbaren Alternative: Entweder wieder eine Kanüle für den Rest seines Lebens oder eine Operation, die dem Kind zwar das Atmen ermöglicht, das Sprechen aber verwehrt.

“Eine schreckliche Entscheidung," erinnert sich die Mutter: Ihrer Stimme höre ich heute noch an, welche seelische Belastung das gewesen sein muß. “Wir wollten auf keinen Fall, daß er nicht sprechen kann. Es war ja damals ziemlich sicher, daß er nicht gehen können würde." Nicht gehen und nicht sprechen - eine zu schreckliche Vorstellung!

So drängen sie die Ärzte nach einer anderen Lösung zu suchen und tatsächlich wagt der Spezialist in Graz einen Versuch, um dem Kind Sprechen und Atmen ohne Kanüle zu ermöglichen.

Wie vor jeder Operation bisher bekommt Simon auch diesmal die Krankensalbung. Die Pfarrgemeinde betet für ihn. Und tatsächlich: Nach der Operation bekommt Simon besser Luft und hat auch seine Stimme. Doch es bilden sich Narben, das Atmen fällt schwer. Oft klingt es, als würde er ersticken. Also noch eine Operation, die letzte, wie der Arzt erklärt. Gelingt es nicht, bleibt endgültig die Kanüle. Die Erstickungsgefahr sei sonst zu groß.

Nach der Operation erfolgt die alles entscheidende Untersuchung. Irmgard steht vor der Tür und betet wie kaum je zuvor in ihrem Leben: “Wenn Du ihm helfen willst, dann bitte jetzt, Herr!" Und der Arzt kommt von der Untersuchung mit den Worten: “Optimal, besser hätte es nicht sein können." Das Wunder war geschehen: Simon kann atmen und sprechen.

In all den Jahren im Spital traf Irmgard immer wieder auf Ärzte und Schwestern, die sie fragten, ob sie vorher schon gewußt habe, daß ihr Kind behindert sein würde? Auf ihr Ja hieß es dann regelmäßig: “Warum ist er dann auf der Welt?"Irmgard ist ärgerlich: “Das ist wirklich schlimm. Mitgeschwungen ist stets ,Wie kann man nur so dumm sein, so ein Kind zur Welt zu bringen'."

Seine letzte, die 13. (!) Operation hat Simon mit vier Jahren. Wie hat er diesen Leidensweg bewältigt? Zu meiner Überraschung höre ich: “Er hat eigentlich nie Angst im Krankenhaus gehabt. Ich war ja immer dabei, habe auch bei ihm geschlafen. Und mit der Kanüle zu leben war für ihn selbstverständlich."

Gehen konnte Simon damals nicht, war er doch von der Hüfte abwärts praktisch gelähmt. Nur mit einem Gehwagerl konnte er sich fortbewegen. Auch mit Physiotherapie gelang es nicht, ihm das Gehen mit Krücken beizubringen. Sinnlos, meinen die Ärzte, aussichtslos, auch weil die Muskel fehlen.

Zu Pfingsten 1997 fährt die Familie nach Medjugorje. Auf dem Weg zur Messe möchte Simon wissen, warum sich alle so beeilen. Die Mutter erklärt ihm, daß die Muttergottes kurz vor der Messe erscheint. Auch wenn er sie nicht sehen könnte, so sei sie doch da. Darauf Simon: “Also schnell. Ich möchte ihr sagen, daß ich gehen möchte."

Die Familie verbringt schöne Tage in Medjugorje - ohne besondere Vorkommnisse. Zurück in der Steiermark versuchen die Eltern es noch einmal mit den Krücken: Simon nimmt sie und geht mit ihnen quer durchs Zimmer und wieder zurück! Für die Familie es eindeutig ein Wunder.

Seither braucht Simon das Gehwagerl nicht mehr und geht nur mehr mit Krücken. (Was nicht heißt, daß er nicht manche Wege lieber mit dem Rollstuhl zurücklegt.) Die Ärzte wissen keine Erklärung. Lächelnd meint Irmgard: “Wir haben uns immer vorgenommen Zeugnis von dem Wunder zu geben, waren aber zu feig. Und nun hat es mich erwischt." Gott sei Dank, kann ich da nur sagen.

Nachdem Simon nun mobil ist, kommt er in den Kindergarten und in die normale Schule, in die auch seine Brüder und Cousins gehen. Er wird von Schülern und Lehrern liebevoll aufgenommen. Irmgard strahlt, als sie erzählt: “Bei keinem anderen unserer Kinder haben wir so viele Freunde im Haus gehabt wie bei ihm. Er will auch keinen Tag die Schule versäumen."

Als Simon sechs ist, beginnt ein glücklicher Lebensabschnitt und in den Eltern erwacht der Wunsch nach einem weiteren Kind. Aber alle würden sie für verrückt halten. So wagen sie nicht, darüber zu sprechen, legen aber Gott ihren Wunsch vor. Und Gott wünscht sich offenbar noch ein Kleines.

Kaum wissen die Eltern, daß Florian unterwegs ist, weihen sie ihn der Muttergottes. Ihren Schutz werden sie tatsächlich die ganze Schwangerschaft hindurch brauchen. Denn laufend gibt es Hiobsbotschaften: vom Bluterguß in der Gebärmutter bis zur Vermutung, das Kind wachse nicht mehr. Immer wieder hört sie von Ärzten: “Wissen Sie worauf Sie sich da einlassen?"Sie verstehen einfach nicht, daß eine Abtreibung überhaupt kein Thema ist.

Jeden Tag der Schwangerschaft wird das Kind der Muttergottes ans Herz gelegt. So ist alles in bester Ordnung, obwohl die Geburt ein paar Wochen zu früh stattfindet. Florian ist ein normal großes Kind, vollkommen gesund. “An der ganzen Panikmache war nichts dran," meint Irmgard kopfschüttelnd.

Waren die schweren Zeiten für ihre Ehe und ihre Familie sehr belastend? Ohne lange zu überlegen, meint die vierfache Bubenmutter überzeugend: “All die Erfahrungen haben unsere Ehe gestärkt und uns zusammengeschweißt. Ich weiß, daß es bei vielen Ehepaaren anders ist, wo die Ehe dann wegen der starken Belastungen auseinandergeht.

Oft sind es die Männer die es nicht schaffen, ein behinderte Kind anzunehmen, vor allem weil die Mutter ja so viel Zeit für dieses Kind braucht. Doch mein Mann hat einen sehr starken Glauben. Er wäre nie auf die Idee gekommen, ein behindertes Kind nicht mit der gleichen Liebe und Freude anzunehmen wie ein gesundes. Er ist von Natur aus sehr fröhlich und zuversichtlich. Wenn ich einen Tiefpunkte hatte, so hat er mich immer aufgebaut und mir Mut gemacht. Wenn ich nahe am Zerbrechen war, konnte er mir immer Halt geben."

“Die Kraft kommt auch daher," fährt sie fort, “daß man sein eigenes Kind so wahnsinnig gern hat. Aus dieser Liebe erwächst dann Kraft. Und die Liebe, die man von den eigenen Kindern zurückbekommt, ist überhaupt durch nichts zu ersetzen. Auch die beiden großen Kinder sind sehr gereift. Sie wissen, was für ein Glück es ist, wenn man laufen und springen kann. Sie sind dankbar dafür, daß sie gesund sind. Wir haben festgestellt, daß auch die anderen Kinder, die mit Simon zusammenkommen, an dieser Situation reifen. Ein behindertes Kind kann eine enorme Bereicherung für seine Umgebung sein. Für uns ist Simon ein ganz großes Geschenk"

Rückblickend stellt sie fest, daß Simons Leben reiche Früchte getragen hat. Und noch eines: Er ist ein glücklicher Bub, der genauso mit seinen Geschwistern und Freunden lacht, spielt und rauft wie alle anderen Kinder. “Das sind die vielen Gnaden, die wir für ihn im Laufe seines Lebens erbeten haben," erklärt mir Irmgard.

Sie macht auf mich den Eindruck einer starken Persönlichkeit: In sich ruhend ist sie eine aufopferungsvolle, aber auch glückliche und zufriedene Mutter, bereit, Tag und Nacht für ihre Kinder dazusein. Ihre Erfahrungen haben ihren Glauben gestärkt.

Diesen Glauben gibt sie nun seit Jahren an ihre Kinder zu Hause weiter: beim Bibellesen und Erzählen den Jüngeren - ihre Fragen zwingen oft, den eigenen Glauben zu hinterfragen - und bei abendlichen trauten Gespräche und Diskussionen den Großen.

Auf der Heimfahrt mit meiner Tochter Nicole - sie hatte mich nach Graz geführt - frage ich mich, was mir bei dieser bewegenden Geschichte besonders bemerkenswert erscheint: Zum Einen wohl, wie wertvoll es ist, wenn eine große Familie zusammenhält. Dann aber vor allem: Was ein tiefer Glaube vermag, vor allem, wenn er in einer lebendigen Pfarrgemeinde (in der sich das Ehepaar Leinhart in Pfarrgemeinderat, Chor, Erstkommunion und Firmrunden engagiert) eingebettet ist. Ja, so kann man sogar sehr schwere Zeiten annehmen, miteinander durchstehen und gestärkt daraus hervorgehen. Bewunderns- und nachahmenswert.

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