VISION 20002/2001
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Da ist kein Problem zu groß

Artikel drucken Rückblick auf viel Jahre Erfahrung mit dem Rosenkranzgebet (Christa Stadler)

Vielleicht war es mein großer Vorteil, daß ich keine Erinnerungen an monoton geleierte Gemeinschaftsgebete, langweilige Pflichtübung in kalten Kirchen hatte (ich war bis 25 evangelisch), was mir den Zugang zum Rosenkranz als sehr persönliches Bittgebet erleichterte...

Der für mich recht verstandesmäßigen, etwas unterkühlten Kirche meiner Kindheit entwachsen, fand ich in Maria, der gemeinsamen Mutter aller Christen, eine Zuflucht, die mir in Liebe, auch in kleinen Dingen, immer zuhörte und mich verstand.

Ich hatte oft die Scheu gehabt, Jesus (oder gar “Gott-Vater") mit meinen alltäglichen Sorgen zu belästigen, vieles erschien mir zu banal und zu geringfügig - und oft genug hinderte mich das Bewußtsein meiner Unwürdigkeit am Gebet. Aber zur Mutter kann man mit allem und jederzeit kommen, sie ist immer in Liebe für uns da, hört zu, tröstet - und führt uns immer wieder zu ihrem Sohn, auf den richtigen Weg.

Vor der Geburt meines ersten Kindes, als ich mit Wehen schlaflos 30 Stunden “spazieren ging", da habe ich Rosenkranzbeten gelernt! Im Spital, allein, in der Angst um das Baby - da fühlte ich mich von ihr als Mutter verstanden, die selbst in solcher Situation gewesen war. Ich erhielt dann auch viel Kraft, mein Kind kam gesund zur Welt, meine Freude (auch mein Dank) waren groß.

Leider habe ich diese Erfahrung bald wieder vergessen; wir beteten mit den Kindern zwar Tischgebete, ein Gute-Nacht-Gebet, die Grundgebete der Kirche, also auch das Ave - aber zu einem gemeinsamen “Familien-Rosenkranz" kam es nie.

Erst viel später, in schwerer seelischer Krise, als alles in unserer Familie zu zerbrechen drohte, war der Rosenkranz in der Früh mein Rettungsanker, der Leitstern für meinen Tag, für mein Leben. An dieser Perlenschnur war ich gehalten und hielt ich mich an, um nicht unterzugehen.

Das einfache, wellenartig sich wiederholende Gebet beruhigte meine Seele, gab ihr Geborgenheit, wie in den wiegenden Armen der Mutter, wie beim Betrachten von ruhig fließendem Wasser. Ich fand Kraft für den Beruf, für den neuen Tag, für das Leben in der Familie. Außerdem aber fand ich auch Erhörung meiner inständigen Bitten, meiner wortlos hingetragenen Sorgen. Allmählich wurde die Lebenssituation wieder besser, meine Kinder fanden ihren eigenen Glaubensweg, mein Mann und ich erlebten gemeinsam eine wunderbare Bekehrung. Nun waren es vor allem Dankbarkeit, Freude und Lobpreis über den neuen gemeinsamen Weg, die uns zur Mutter aufblicken ließen.

Das treue Rosenkranzgebet war und ist uns besonders dann wichtig, ja unentbehrlich, wenn wir sonst gar nichts tun können: wenn jemand in Gefahr ist, wenn wir nur abwarten können, wenn wir zuschauen müssen, wie ein Kind den falschen Weg geht; wenn uns Situationen unausweichlich an den Nerven zerren... Dann können wir um Hilfe rufen und die Angelegenheit abgeben, die für uns, aber nicht für die Muttergottes unlösbar ist.

Wir haben schon in so vielen Fällen und Anliegen Erhörung erfahren, Lösungen erhalten, die besser, großzügiger, liebevoller waren, als die von uns erbetenen. Ich glaube nicht, daß ein Problem zu groß ist, als daß es nicht durch die Fürbitte Marias zu einer Lösung kommen kann, wenn sie von gläubigen Menschen vertrauensvoll, treu und ausdauernd darum gebeten wird.

Klingt das alles zu salbungsvoll, zu theoretisch? Ich kann es bezeugen und zur Nachahmung, zum Ausprobieren empfehlen: Wenn einem alles aussichtslos vorkommt, wenn die Probleme riesengroß werden und man sich selber immer kleiner und hilfloser fühlt, dann bete man ein Gesätzchen des Rosenkranzes mit freigewähltem Geheimnis (z. B. “Jesus, dem nichts unmöglich ist"), vielleicht sogar einen ganzen Rosenkranz. Danach hat sich vielleicht das Problem selbst noch nicht gelöst, aber es ist wahrscheinlich auf die Bedeutung geschrumpft, die ihm zukommt.

Es ist auch durchaus möglich (geradezu üblich!), daß ein Gedanke zur Lösung aufgetaucht ist, eine Idee die Sache von einer anderen Seite beleuchtet - jedenfalls fühlt man, daß man gehört, verstanden und geliebt wird.

Auch wenn mich eine Sache plötzlich sehr gefangen nimmt, weil sie so laut, so aufdringlich, so rasend wichtig zu sein scheint - nach einem Gesätzchen Rosenkranz wird die rechte Ordnung der Dinge wieder ins Lot gebracht. Die Seele findet wieder zu Frieden und Gelassenheit, und ich weiß wieder, daß es unsere Aufgabe ist, in der Welt zu leben, aber nicht “von der Welt" zu sein. Als Christen sind wir nicht abhängig vom Wollen, vom Beifall der Welt, sondern wir gehören Christus.

Vielleicht wäre es gerade heute so wichtig, daß die Christen einander besser und schneller erkennen könnten. Wäre nicht der Rosenkranz in der Hand (oder als Ring am Finger) ein gutes Erkennungszeichen für heutige Christen? Ein guter Weg, um Gemeinschaft zu finden, ist die Teilnahme an einer Gebetsgruppe, in der auch der Rosenkranz gebetet wird, oder die Teilnahme an Gebetsaktionen in bestimmten Anliegen, z. B. “Väter und Mütter beten für ihre Kinder" oder “Rosenkranz für die Ungeborenen", oder auch im Rosenkranz-Sühnekreuzzug für den Frieden der Welt.

Der frühere Brauch, um 18 oder 19 Uhr beim Ave-Läuten den Engel des Herrn und anschließend den Rosenkranz zu beten, wäre wert, in unserer hektischen, friedlosen Welt als Atempause wieder aufgenommen zu werden.

Ich hätte einen Vorschlag: jene Menschen, die zu dieser Zeit nicht mehr mitten im Berufsleben stehen, könnten dieses Gebet auch für andere (die eigenen Kinder oder nahestehende “Sorgenkinder") beten und dabei eine brennende Kerze ins Fenster stellen. Sie werden sich dann (auch sichtbar) in der Gemeinschaft vieler anderer wissen - und wer weiß, vielleicht finden sich so auch Gebetsgemeinschaften zusammen? Wie gut endet ein Tag, wenn er beim Rosenkranz überdacht und zurückgegeben wird, wie schön ist eine spontane Gemeinschaft, die miteinander beten kann!

In vielen Gelegenheiten und Orten hat mich der Rosenkranz schon begleitet und mir auch geholfen, meine Zeit zu nützen - beim Warten, im Autobus, in Angst und Gefahr, im Stau und in Verzweiflung. Ihn zu beten hilft mir immer, und zumeist wirkt er auch in der erbetenen Weise - unsere himmlische Mutter verläßt ihre Kinder nicht und setzt sich für sie ein.

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