VISION 20002/2001
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Wenn die Magier wiederkehren und die Sünde abgeschafft wird

Artikel drucken Die charakteristischen Merkmale der vielfältigen Erscheinungsformen der Esoterik (P. Clemens Pilar, COP)

Esoterik - ein Begriff, der uns an allen Ecken und Enden begegnet. Werden darunter nicht unterschiedlichste Strömungen zusammengefaßt? Gibt es überhaupt einen gemeinsamen Nenner für die Vielzahl an Praktiken und Heilslehren?

Der Begriff “Esoterik" ist an sich problematisch. Er dient als Sammelbegriff für ein großes Bündel von Praktiken, Techniken, Denkrichtungen, die oft nur lose zusammenhängen oder einander gar widersprechen. Man kann als nicht von “der" Esoterik reden.

Es gibt kein geschlossenes esoterisches “Bekenntnis", keine abgerundete esoterische Weltanschauung. Die verschiedenen Elemente werden verschieden zusammengestellt, immer wieder anders vermischt. Aberglaube, Magie, Okkultismus, Elemente aus den verschiedenen Religionen der Welt werden bunt zusammengewürfelt, je nach dem Geschmack und Ermessen des einzelnen. Letztlich ist dieser religiöse und weltanschauliche Pluralismus gekoppelt mit der Ansicht, daß Religion und Weltanschauung Privatsache sind.

Der ursprüngliche Sinn des Wortes - als “Geheimlehre" übersetzt - ist heute längst überholt. “Geheimlehren", die man in jeder Buchhandlung und in jedem Reformhaus bekommt, sind eben nicht mehr geheim. (...)

Aus dem Bündel an Ideen, Vorstellungen und Lehren seien nun einige wesentliche Aspekte herausgegriffen, die im Konflikt mit der christlichen Weltanschauung stehen.

* Das göttliche Prinzip:Glaube ist “in". Aber der Glaube an den absolut transzendenten, persönlichen Gott, den Gott, der ein Du ist, ist weniger gefragt. Man glaubt eher “an eine überpersönliche Gottheit oder vor allem an ein gänzlich apersonales göttliches Prinzip".

Der bekannte New-Age Autor Ken Wilber drückt die Vorstellung folgendermaßen aus: “Es ist wahr, daß es irgendeine Art von Unendlichem, irgendeine Form von absoluter Gottheit gibt. Man darf sie sich aber nicht als kolossales Wesen, als liebenden Vater oder einen außerhalb seiner Schöpfung, den Dingen, Ereignissen und den Menschen stehenden großen Schöpfer vorstellen. Am besten stellt man sie sich metaphorisch als den Urgrund, das Sosein oder die Voraussetzung aller Dinge und Geschehnisse vor..."

* Der Kosmos als Teil der göttlichen Urkraft:Die Schöpfung ist ein Ausfluß der göttlichen Energie. Alles Erscheinende sind Schwingungsknoten im kosmischen Energiemuster. Vom Materiellen, Grobstofflichen bis hin zum Göttlichen wird alles als Teil der Gesamtenergie beschrieben. Letztlich kann man die Unterschiede zwischen unbelebter Materie - Seele - Geist - Gott auf Unterschiede im Energieniveau reduzieren. Je höher die Energiefrequenz, desto geistiger, desto göttlicher. Darum glaubt man auch an die Möglichkeit der Transformation - vom Niederen zum Höheren....

* Hauptsache natürlich:Festzustellen ist eine simple Naturverherrlichung. Als letztes Ziel scheint es, in Harmonie und Einklang mit der Natur zu sein. Galt es ehedem in antiker und auch in christlicher Tradition für den Menschen als schicklich, die Natur zu transzendieren und sich durch sein moralisches Verhalten vom Tier zu unterscheiden, so nimmt man heute das Verhalten von Tieren als Rechtfertigung für viele Arten moralischer Verirrung. (...)

* Der hermetische Kosmos: Der Kosmos inklusive des göttlichen Urgrundes ist nach dieser Vorstellung ein geschlossenes Ganzes, er ist “hermetisch" geschlossen (nach dem Namen des geheimnisvollen, mythologischen Hermes Trismegistos, des ägyptischen Zauberers, der oft mit Gott Thot identifiziert wird). Alles innerhalb des Kosmos befindet sich in einem Abspiegelungsverhältnis: Mikrokosmos und Makrokosmos spiegeln einander in geschlossener Analogie wieder. Alles sei in allem enthalten, gemäß den Vorstellungen des Holismus: “In einem Atomkern spiegelt sich das ganze Universum".

Wie sich heute aber darin “Obskurantismus und Quantenphysik" vermischen, zeigt Holdger Platta in seiner Kritik an der Transpersonalen Psychologie: In “Psychologie der Wende" unternehmen die Herausgeber (R.N. Walsh/F.Vaughan) den Versuch, die Verbundenheit und wechselseitige Abhängigkeit aller Dinge aufzuzeigen. Was die Autoren (unter ihnen A. Maslow und F. Capra) unternehmen, “ist nichts weniger als der endgültige Etablierungsversuch des Okkulten im Bereich der Wissenschaften, die Einführung des Obskurantismus in die Traditionen der Aufklärung..."

* Mangelnde Entwicklung der Sünde:Den Begriff der Sünde gibt es in dieser Vorstellung nicht. Leiden, Krankheit sind falschem Denken zuzuschreiben oder einfach das Symptom eines gestörten Energieflusses. Der Weg zur Vollkommenheit besteht daher in der entsprechenden Arbeit an sich selber. Der Mensch muß richtig denken und schwingen. Vor allem muß seine niedere Persönlichkeit in Einheit und Harmonie mit seinem “Höheren Selbst" kommen. Auf verschiedenen Wegen und durch diverse Methoden versucht der Mensch mit seinem Höheren Selbst in Kontakt zu kommen. Ob Yoga, Bachblüten, Edelsteine oder Energiearbeit..., das Spektrum der Angebote scheint uferlos.

Auch die Realität des absolut Bösen wird geleugnet. Und weil der “Teufel" doch ein Teil jener Kraft ist, “die stets das Böse will und stets das Gute schafft", kämpft Esoterik “niemals gegen das Böse und für das Gute, weil sie von der Existenzberechtigung beider Pole ausgeht." Ja, der Teufel wird “hier tatsächlich zum Lichtbringer und wichtigen Mitarbeiter in Gottes Schöpfung." (Rüdiger Dahlke)

* Selbsterlösung durch Technik und Erkenntnis:Der Begriff der Erlösung hat in der Esoterik selbstredend nichts verloren. Der Mensch sucht Vollendung in der Erleuchtung. Moralische Fehlhaltungen, so sie einer Korrektur bedürfen, können durch entsprechende “vergeistigte" Mittel behoben werden. Krankheitsmuster sollen “gelöscht" und durch gesunde Muster ersetzt werden. Auch geistig-seelische Probleme werden in dieser Vorstellung zu Energieproblemen.

Die Energien können durch Meditationen, Bewegungstherapien oder andere Praktiken angehoben werden, auch richtig schwingende Arzneimittel sollen hilfreich sein. Gestörter Energiefluß wird durch Massagen, Nadeln, Bewegungen, Klänge, Farben... korrigiert. Jeder muß selber sehen, wie er vorankommt. Jeder ist für seine Erleuchtung, seine Gesundheit, seine innere Harmonie selber verantwortlich. ...

* Evolutionismus und Reinkarnation:Immer höher, immer besser: In einer eigenwilligen Verbindung wird der Evolutionismus mit dem Reinkarnationsgedanken verknüpft. Die geistige Evolution zum immer Höheren bis hin zum göttlichen Bewußtsein kann über mehrere Inkarnationsstufen reichen. Daß dabei der authentischen östlichen Karma-Lehre Gewalt angetan wird, spielt beim westlichen Esoteriker keine Rolle - meistens weiß er das ja gar nicht. ...

* Die Wiederkehr der Magier:Im Zuge des gesellschaftlichen Wandels wird Magie und magisches Denken wieder salonfähig. Die Definition des Begriffes ist nicht ganz einfach, da er eine gewisse Wandlung erfahren hat. ... Grundsätzlich zielt magisches Wollen auf Allmacht ab. Der Magier möchte Gott nachahmen und vor allem durch das Wort (den magischen Spruch), aber auch durch Nutzung der verborgenen Kräfte der Natur seine Macht ausüben. Er möchte durch das Sichtbare das Unsichtbare beherrschen. Alles Sichtbare sei die Signatur (Zeichen) des Unsichtbaren. Wer die Entsprechungen kennt und zu benützen weiß - durch Wort oder Ritus - dem ist alles möglich, der kann die Welt und sich selbst neu erschaffen...

Das “magische Wissen" ist dann vor allem eines um die verborgenen Wirkzusammenhänge von allem mit allem. Entscheidend sind dabei nicht naturwissenschaftlich erforschte Gesetze, sondern verborgene oder subtile Kräfte, die durch geistige Arbeit beherrscht werden können. ...

* Anything goes - der neue Synkretismus:Typisch für diese Strömung ist ein breiter Synkretismus. Glaubensvorstellungen, Rituale, Symbole aus den verschiedensten Traditionen werden genommen, respektlos aus ihrem angestammten kulturellen Zusammenhang gerissen und neu zusammengestellt.

Da gibt es plötzlich “christliches Yoga"; im Kreis marschierende Gänschen zum Ausmalen werden als Mandalas verkauft und sollen zur Beruhigung von Kindern dienen; hinduistische Mudras verkommen zu Mitteln der Energiesteuerung; Zen, Feng Shui, Qi Gong boomen auch in christlichen Bildungshäusern; für Christen muß dann auch einmal der Rosenkranz als Pendel herhalten; was eigentlich den Unterschied zwischen christlichem Heilungsgebet und Reiki ausmacht, wissen nur noch wenige, zu häufig wird das eine als das andere ausgegeben. In Wallfahrtsorten werden Rosenkränze, Kreuze, Fetische und Heilstein am selben Stand verkauft. Auch schon gesehen wurde ein christliches Kreuz, an dem der Korpus des Gekreuzigten durch ein Yin-Yang Kreissymbol ersetzt wurde.

* Das Zeitalter des Wassermanns:Von Bedeutung ist auch noch die “Eschatologie": Man erwartet ein neues Zeitalter, das Zeitalter des Wassermanns, welches das Zeitalter der Fische ablöst. Diese Bezeichnungen beziehen sich auf das astronomische Weltenjahr, das durch eine Torkelbewegung der Erdachse zustandekommt ... Jetzt vollzieht sich der Übergang vom Fischezeitalter zu dem des Wassermanns. Jedes dieser Zeitalter sei durch ein bestimmtes Denkmuster geprägt. Was wir jetzt erwarten sollen, hört sich dann so an: “Das Christentum, die Religion des Fischers und der Fische, war der große Durchbruch im Denken des Fischezeitalters. Das Heidentum ist die Religion des Wassermannzeitalters." (V. Crowley)

P. Clemens Pilar, COP

Auszug aus “Esoterik und christlicher Glaube - Hilfen zur Unterscheidung"

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