VISION 20004/2001
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Weisheit aus der Wüste

Artikel drucken Die Aktualität des ägyptischen Mönchstums entecken (Bernhard A. Eckerstorfer)

In den letzten Jahrzehnten hat die kirchlich gebundene Religiosität für eine große Anzahl von Menschen ihre Anziehungskraft enorm verloren. Viele versuchen, ihre Sehnsucht nach Sinngebung und Transzendenz durch Aufnahme außerchristlicher Lebensweisheiten zu stillen. Oft werden Glaubensvollzüge und Wertesysteme aus verschiedenen Traditionen zusammengestoppelt, wodurch allzu leicht das eigene Leben als entwurzelt und bruchstückhaft erlebt wird.

Für das westlich geprägte Christentum wird es deshalb zur Überlebensfrage, ob es gelingt, die ihm zugrunde liegende Weisheitstradition in ansprechender Form dem Menschen von heute als ganzheitlichen Alternativentwurf anzubieten.

Die vielen Aufbrüche in der Kirche zeugen davon, daß es gerade heute wieder möglich ist, den Reichtum christlichen Glaubens lebendig zu erschließen.

Leben und Kraft aus der eigenen Tradition neu zu schöpfen, dazu können Bücher wie das neueste von Anselm Grün großartige Hilfen bieten: Der Benediktinerpater macht die über 1600 Jahre alten Lebenslehren der Wüstenväter für den Menschen des 21. Jahrhunderts verständlich, indem er 40 Weisheitssprüche der sogenannten Apophthegmata Patrum und des Mönchsvaters Evagrius Ponticus (+399) auswählt und ihren Sinn erläutert.

Die spärlichen Worte der Altväter muten oft allzu selbstverständlich oder überhaupt unzugänglich an; ihr tieferer Sinngehalt für die heutige Zeit muß deshalb erst freigelegt werden.

Der scheinbar banale Satz “Er ist Mönch genau deswegen, weil er sich allein mit Gott unterhält Tag und Nacht" führt Grün z.B. zu einer schlichten Anleitung zum immerwährenden Gebet - für die Hausfrau ebenso wie für den Manager. Oder was bedeutet: “Wenn der Mensch Ordnung einhält, dann wird er nicht verwirrt"? Dazu die Erläuterung: “Wenn wir unser äußeres Leben in Ordnung bringen, wird das auch unsere Seele ordnen ... Die äußere Ordnung entwirrt die Verwicklungen unserer Seele und bringt in das innere Chaos eine klare Struktur. Sie ist die Bedingung dafür, daß wir selbst leben können, anstatt gelebt zu werden."

An den vermeintlichen Allerweltssatz: “Tu nichts ohne Gebet, und du wirst nichts bedauern", schließt sich diese Verstehenshilfe: “Das Gebet reinigt meine Motivation und dadurch macht es mein Handeln effektiver und klarer. Ich werde mich nicht blindlings in die Arbeit stürzen, sondern von Gott her beurteilen, was wichtiger ist und wie ich die Arbeit vollbringen soll. So ist das Gebet die Voraussetzung, daß mein Handeln gelingt und zur Quelle des Segens wird für mich selbst und für viele andere."

Anselm Grün ist es gelungen, die alten Weisungen der Mönchsväter für unsere Zeit verstehbar zu machen, und regt an zur selbständigen Schatzsuche in den über 1200 weiteren Spruchweisheiten (als “Weisung der Väter" erschienen in der Übersetzung von B. Miller im Paulinus Verlag, Trier).

Bernhard A. Eckerstorfer

Der Weg durch die Wüste - 40 Weisheitssprüche der Wüstenväter, Vier Türme-Verlag, Münsterschwarzach 2001, 104 Seiten.

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