VISION 20005/2001
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Der Kampf um das verheißene Land

Artikel drucken Der Nahost-Konflikt auf dem Hintergrund der Heiligen Schrift (Br. Tilbert Moser)

Eskalation der Gewalt im Heiligen Land. Kein Tag ohne neue Schreckensmeldung. Kann es zwischen den Israelis und ihren Nachbarn überhaupt je Frieden geben? Der folgende Beitrag beleuchtet diesen Konflikt und versucht ihn auf dem Hintergrund der biblischen Aussagen zu deuten.

Das Geschehen im Land der Bibel hat eine Tiefendimension, die das Besserwissen der “Weisen und Klugen" sprengt. Gott möchte hier besonders zeichenhaft seine Geschichte weiterführen und biblische Verheißungen erfüllen, mögen die darin Handelnden noch so weltlich denken und politisieren. Um zu verstehen, was sich in diesem Land zusammenbraut, brauchen wir darum vor allem die Bibel als Kompaß. Darauf hat auch der Nahostspezialist Peter Scholl-Latour gerne hingewiesen.

Westliche und christliche Weichenstellungen stehen als Ursache hinter der Nahostkrise. Treffend faßt dies Professor Thomas Willi in seiner Rede zum 50. Jubiläum des Staates Israel an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität zusammen: “Die oft wirklich verzweifelte Lage palästinensischer Menschen und Familien ist nur mittelbar eine Folge der Entstehung des Staates Israel - unmittelbar ist sie die Frucht der ideologischen und politischen Intransigenz der Umliegerstaaten gegenüber diesem Israel... Wichtig ist: die Konzeption eines jüdischen Staates stammt nicht von Juden. Sie resultiert daraus, daß die Araber jede jüdische Einwanderung ablehnten und Großbritannien sowie in seinen Spuren die Vereinten Nationen ihnen entgegenzukommen suchten."

Unvoreingenommene Palästinenser sagen klar, daß nicht die Israelis ihre Hauptfeinde sind, sondern die arabischen Nachbarstaaten, welche alles taten, um die Palästinenser als Speerspitze gegen Israel hochzuzüchten.

Während die Israelis unter großen Opfern ihre aus vielen Ländern zum Teil wegen Verfolgung eingewanderten Volksgenossen integrierten, weigerten sich die meisten arabischen Staaten, dies mit ihren arabischen Brüdern zu tun. Sie hielten die Flüchtlingslager als Brutstätten des antiisraelischen Terrors aufrecht.

Ein Beispiel dieser Vernetzung ist das große Unrecht der zionistischen Invasoren, als sie 1948 bei ihrem Einmarsch rund 400 galiläische Dörfer niederwalzten und die friedlichen arabischen Einwohner vertrieben, um ihre eigenen Siedlungen zu bauen.

Doch beim näheren Zusehen verteilt sich die Schuldzuweisung. Die Zionisten, die schon ab Ende des 19. Jahrhunderts begannen, das unter der Türkenherrschaft sehr dünn bewohnte und landwirtschaftlich herunterkommene Land wieder fruchtbar zu machen, waren bereit zum friedlichen Zusammenleben und boten den Arabern neue Arbeitsmöglichkeiten, was viele arabische Einwanderer anlockte. Dann kamen 1917 die Engländer und versprachen den Juden mit der Balfour-Erklärung, ihnen beim Errichten einer “Heimstätte" im Land der Väter behilflich zu sein.

1947 entwarf die UNO einen Teilungsplan, gemäß dem Jerusalem mit Bethlehem internationalisiert worden wäre; die Palästinenser hätten Judäa und Samaria bekommen, nachdem schon 1923 der größte Teil des britischen Mandatsgebietes (77%) als Transjordanien für die Palästinenser abgetrennt worden war. Die Juden stimmten für den Plan, die Palästinenser dagegen. Sie hätten also schon damals ihren Staat haben können. Ihr typisches “alles oder nichts" hinderte sie daran.

Auf die Anklage, Israel verletze andauernd die UNO-Resolutionen, läßt sich leicht zurückfragen: Hat Arafat sich jemals an Vereinbarungen gehalten? Nach arabisch-islamischer Auffassung ist man nicht an Verträge gebunden, wenn sie nicht mehr den Interessen des Islam dienen.

Die oft angeführte Resolution 242 verpflichtet Israel, besetzte Gebiete (nicht alle, wie manche fälschlich interpretieren), soweit es für die Sicherheit Israels zumutbar ist, zurückzugeben. Alle Gebiete zurückzugeben, wäre strategisch Selbstmord. Tatsächlich hatte Ministerpräsident Barak bei den Friedensverhandlungen angeboten, den größten Teil (97%) dieser Gebiete zurückzugeben, viel mehr als es das Parlament bewilligt hätte. Arafat hat abgelehnt. Die Palästinenser wollen ja nicht einen palästinensischen Staat neben einem jüdischen Staat, sondern sie wollen alles, mit Jerusalem als Hauptstadt.

Sie würden ein weiteres Nachgeben nur als Zeichen der Schwäche und als Signal zum weiteren Dreinschlagen deuten. Es hat sich gezeigt, daß nur ein militärisch starkes israelisches Regime Frieden schließen kann, wie 1979 nach einem militärischen Sieg mit Ägypten.

Ein nachgiebiges israelisches Regime ermutigt die Terroristen mit der Folge, daß die Israelis wieder einen härteren Führer wählen. Zurecht sagt man, daß Arafat Scharon gewählt hat. Ein Teufelskreis. Doch am Ende wird Israel erkennen müssen, daß dieser Konflikt nicht durch Heer oder Macht, sondern allein durch “meinen Geist" (Sach 4,6) gelöst werden kann.

Diese Darlegung könnte den Eindruck wecken: die bösen Palästinenser - die guten Juden. Das wäre falsch. Die Palästinenser sind genauso wie die Juden von Gott geliebt und darum liebenswürdig. Durch das, was die Palästinenser erlitten haben, verdienen sie unsere Sympathie. Sie sind (wie damals die Deutschen unter Hitler) das Opfer dunkler Verflechtungen und Ideologien, die es offenzulegen gilt.

Die Juden bleiben das Demonstrationsvolk Gottes im Guten wie im Bösen. In ihnen widerspiegelt sich konzentriert der Sündenfall und die Erwählung der ganzen Menschheit. Sie bleiben das zu einer besonderen messianischen Aufgabe auserwählte Volk Gottes, sein Augapfel (Sach 2,8). Sie sind Erwählte dem Stande nach, aber noch nicht dem Zustande nach.

Das hat das letzte Konzil gegen den Widerstand der arabischen Konzilsväter klar in “Nostra Aetate" gemäß Röm 11 proklamiert. Es stellt klar, daß wir “Heidenchristen" nicht der Kern, sondern die Zugewanderten und Aufgepfropften des Gottesvolkes sind, und daß die Gemeinde des Messias erst vollständig ist, wenn in ihr Juden und Heiden versöhnt miteinander leben (Röm 11,18; Eph 2,14ff). Die bleibende Erwählung der Juden, ob diese daran glauben oder nicht, ist der tiefste Grund des Antijudaismus und wird ständig Neid und Aggressionen wecken.

Humanisten verurteilen die Juden beziehungsweise Israel gerne einseitig für die Verletzung der “Menschenrechte". Dies ist insofern berechtigt, als Gott von seinem Volk (wie auch von uns Christen) mehr erwartet als von anderen. Man wird den Juden nicht gerecht, wenn man sie gleich wie “alle andern Völker" behandelt und beurteilt. Denn Gott hat die Juden “aus allen Völkern" zu einem besonderen Dienst berufen, auch wenn sie sich gegen diese Berufung wehren. Ihre Sünde ist es, sein zu wollen “wie alle andern Völker" (1 Sam 8,20).

Obwohl sie sich damals in Deutschland als Assimilierte bemühten, besonders wertvolle Deutsche zu sein, mußten sie im Holocaust schmerzlich erfahren, daß sie trotz aller Loyalität zum Anderssein “verurteilt" sind. Wir begreifen, daß viele Juden nichts mehr wissen wollen von ihrer Sonderberufung, die ihnen durch alle Jahrhunderte so viel Leid von Seiten der Christen eingebracht hat.

Die Christenheit hat die Juden im Namen Jesu verfolgt und es ihnen dadurch praktisch unmöglich gemacht, in Jesus von Nazaret ihren Messias zu erkennen. Es braucht viel Umkehr und Versöhnungsarbeit von uns Christen, um diese Wunden zu heilen. Begreiflicherweise sind Juden allergisch gegen christliche Missionierungsversuche.

Unser Bestreben soll es nicht sein, sie zu Christen nach unserem Sinn zu “bekehren", sondern sie mit demütiger Liebe zu ihrer ureigenen messianischen Berufung zurückzuführen, damit sie von innen her ihren Messias erkennen können. Unser Papst ist mit gutem Beispiel vorausgegangen.

Damit kommen wir zum Kern der Nahostkrise. Die Berufung der Juden ist nämlich unlöslich mit dem ihnen verheißenen Land verbunden. Wenn Juden heute, gezwungen durch die Judenverfolgungen, aus über 140 Ländern ins Land ihrer Väter, zu dem sie ihre Beziehung nie aufgaben, heimkehrten, dann ist dies nicht gleich zu beurteilen, wie wenn ein Herrenvolk über Einheimische eine Fremdherrschaft errichtet wie einst die westlichen Kolonialvölker, dann ist es vielmehr der ausdrückliche Wille Gottes, der sein ersterwähltes Volk wieder “aus der Versenkung auf die Rolle schiebt", um seine Heilsgeschichte zu vollenden.

Der israelische Premierminister Ben Gurion erklärte richtig bei dem Allgemeinen Zionistenkongreß 1957: “Das Leiden der Juden in der Diaspora, ob wirtschaftlich, politisch oder kulturell, stellte einen mächtigen Faktor für die Rückkehr der Juden in ihr Land dar. Jedoch war es nur die messianische Vision, die diesen Faktor fruchtbar machte und zur Gründung des Staates Israel führte. Das Leiden allein erniedrigt, Unterdrückung vernichtet; wenn wir nicht von den Propheten die messianische Vision der Erlösung geerbt hätten, hätte das Leiden des jüdischen Volkes zu seinem Aussterben geführt. Das Zusammenführen der Verbannten, die Rückkehr des jüdischen Volkes in sein Land stellt den Neubeginn der Realisierung der messianischen Vision dar."

Dazu ist beizufügen, daß viele Juden sich gegen diese Vision sträubten. Jene, die sich “bei den Fleischtöpfen Ägyptens" (z.B. in USA) wohl fühlten, scheuten die Mühen der Aufbauarbeit in einem armen Land, und die Orthodoxen hielten eine Staatsgründung als Frevel, da nur der Messias, wenn er kommt, das Reich Israel aufbauen könne.

Gott selber mußte durch die Ereignisse die Juden drängen, gemäß den Verheißungen für die messianische Zeit wieder in ihr Land heimzukehren (vgl. u.a. Jer 32,37ff; Ez 36,22ff).

Offenbar ist nun die “Zeit der Heiden" (Lk 21,24; Apg 1,6f)) am Ablaufen, wo Gott sich wieder machtvoll seinem Volk Israel zuwendet. Gemäß der Vision der Erweckung der Totengebeine (Ez 37) geschieht die “Wiederherstellung Israels" in zwei Etappen: zuerst kommt die äußerliche Zusammenführung der Juden “aus allen Ländern, in die ich sie zerstreut habe", wie es mit der Staatsgründung Israels geschehen ist.

Doch wichtiger ist die noch ausstehende zweite Etappe: die innere Erweckung durch den Heiligen Geist, durch die Israel seinen Messias erkennen wird (Sach 12,10ff). Das wird sein wie eine Auferstehung, wie “Leben aus dem Tod" (Röm 11,15). Eine Vorhut dieser Erweckung sind die seit 1967 stark anwachsenden “messianischen Juden" (in Israel etwa 4000 bis 5000), in welchen gleichsam die jüdisch-neutestamentliche Muttergemeinde wieder auflebt.

Doch damit auf breiterer Basis eine geistliche Erweckung über “das Haus Israel" kommen kann, braucht es, wie prophetische Stimmen sagen, eine entsprechend starke pfingstliche Erweckung unter den Christen. In diese Richtung weist der Buchtitel des israelischen Autors Victor Mordecai: “Christian Revival for Israel's Survival", was frei übersetzt bedeutet: Israel kann nur überleben dank einer christlichen Erweckung.

Es leuchtet ein, daß der Widersacher den Plan Gottes mit Israel mit allen Mitteln zu verhindern sucht. Es geht um die Verwirklichung der biblischen Vision eines “neuen Jerusalem", in dem sich alle Völker versöhnt unter dem einen Gott Jakobs und seines Messias (Jesus) zusammenfinden (Jes 2).

In diesem Geisteskampf dürfen wir nicht an der Oberfläche der Vorgänge bleiben, sondern müssen sie als “Zeichen der Zeit" hinterfragen und darin anhand der Bibel den Plan Gottes mit Israel erkennen. Der Herr der Geschichte möchte damit uns Christen zu einer einer tieferen Solidarität mit unseren jüdischen Brüdern, insbesondere den jesusgläubigen, führen, auf der Grundlage unserer gemeinsamen Berufung als messianisches Gottesvolk. Das heißt nicht, unkritisch zu sein gegenüber der Politik Israels (mit der auch viele Juden nicht einverstanden sind).

Die Solidarität mit Israel darf aber nicht exklusiv sein. Nichtkatholische Israelfreunde neigen dazu, die Nöte der Palästinenser zu übersehen. Zum Ausgleich müssen wir Katholiken uns besonders der palästinensischen Christen, mit denen wir kirchengeschichtlich näher verwandt sind, annehmen und sie ermutigen, Brückenbauer zu sein zwischen Juden und Moslems. Es ist ein Zeichen der Echtheit, daß die messianischen Juden sich gerne mit arabischen Christen verbinden.

Gegenüber den Moslems, zu denen die meisten Palästinenser gehören, brauchen wir liebevolle, kluge Herzensweite. Während “aufgeklärte" Christen den Islam verharmlosen, soll uns sein militanter Vormarsch ein Ansporn sein, unser christliches Zeugnis für den Gott der Liebe unter Moslems zu verstärken, ohne die Priorität unserer Beziehung zu den Juden aus den Augen zu verlieren.

Der Nahostkonflikt könnte sich zu einem Weltenbrand entwickeln, wenn wir Christen uns nicht mit der vollen Waffenrüstung unseres Glaubens (Eph 6) einschalten. Großes hat die katholische Missionsbewegung der Neuzeit in der Dritten Welt erreicht. Doch nun gilt es zu erkennen, daß unser vorrangiges Einsatzfeld das Land der Bibel ist, mit Jerusalem als dem umstrittenen heilsgeschichtlichen Mittelpunkt in der Mitte.

Im füreinander Dasein wird Reich Gottes erlebt

Seit zwei Jahren unterstütze ich Projekte in der West-Ukraine. Die Nachrichten in den Medien über die dortigen Hochwasserkatastrophen der letzten Jahre habe ich dadurch viel bewußter und mit großer Anteilnahme aufgenommen. Als Wiener ist mir auch klar geworden, daß die Grenze dieses Landes nicht weit weg, irgendwo vor dem Ural, sondern näher als Vorarlberg liegt Wie sehr haben doch die Jahrzehnte des “Eisernen Vorhanges" in meinem Gedächtnis ihre Prägung hinterlassen! Es wird höchste Zeit, eine neue Offenheit für Osteuropa zu schaffen!

Im Juli hatte ich Gelegenheit zu einem persönlichen Besuch. Diakon Erich Steiner (Wien) führte gemeinsam mit Tamas Varföldi (aus Ungarn) eine Gruppe zu Freunden in die Karpat-Ukraine. Dort haben wir viele Früchte der freundschaftlichen Zusammenarbeit “an der Basis" entdeckt. Sie haben uns alle - österreichische und ungarische Gäste und ukrainische Gastgeber - herzlich miteinander verbunden: die hervorragende Höhere Schule von Salank, die Besuche bei flutgeschädigten Familien, in Kindergärten, Ambulatorien, Rehabilitations- und Sozialzentren, beim Bauernring, die Kleideraktion, der Ausflug in die regionale Hauptstadt und die fröhlichen Festabende.

Wir haben bei dieser Reise auch wieder unsere zehnjährige Diana zur Untersuchung nach Wien mitgenommen - sie hat einen angeborenen Herzfehler, für dessen Behandlung sich unsere Gruppe seit zwei Jahren einsetzt.

Einmal mehr habe ich erlebt, wie sich Reich Gottes ereignet, wenn wir uns füreinander öffnen und unmittelbar - nicht über abstrakte Strukturen - miteinander und füreinander handeln.

Das war spürbar in der herzlichen Gastfreundschaft unserer Gastfamilien, in der tatkräftigen Bereitschaft der gläubigen Menschen zu hoffnungsvoller Veränderung unter trostlosen Rahmenbedingungen, in der fröhlich-nüchternen, hervorragend organisierten “Kleideraktion" (Da konnten die Eingeladenen aus immer neu aufgefüllten Altkleiderbeständen auswählen. Ihr symbolischer Geldbeitrag machte sie zu “Kunden").

Uns wurde Traurigkeit und viel Fröhlichkeit geschenkt: Vom verlorenen Blick des namenlosen Waisenbabys - von den Pflegeschwestern nur “Bub" genannt - bis zum Strahlen der Kindergartenkinder, die mit Schultaschen beschenkt wurden. Und Dianas Lächeln! Ich wünsche mir so sehr, daß das Strahlen und das Lächeln gewinnen!

Helmut Hubeny

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