VISION 20005/2001
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Zehn Nothelfer

Artikel drucken Lebensbilder gläubiger Christen (Kranz, Gisbert)

Gisbert Kranz legt mit diesem Band (dem dritten von fünf in der Reihe “Lebensbilder") eine bemerkenswerte Sammlung von Biographien katholischer und protestantischer Christen vor, denen tiefe Verwurzelung im Glauben an Jesus Christus und karitative, soziale und politische Wirksamkeit gemeinsam sind. Es sind dies: Hl. Klaus von der Flüe, Hl. Vinzenz von Paul, P. Friedrich von Spee SJ, Dr. Heinrich Hahn, Johann Hinrich Wichern, Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler, Sel. Frédéric Ozanam, Hl. Don Bosco, Friedrich von Bodelschwingh und P. Damian de Veuster. Der Autor läßt sie alle ausführlich zu Wort kommen.

Vinzenz von Paul gelangt, wie alle ernsthaften Menschen, erst durch Krisen zu seiner Berufung und wird Vorbild der (systematisch organisierten) Nächstenliebe der Neuzeit. P. von Spee setzt sich in einer Zeit des allgemeinen Wahnsinns für die als Hexen verurteilten Frauen ein und kann - vor allem durch die Langzeitwirkung seiner Schriften - viele retten.

Bischof von Ketteler muß sich im Deutschland des 19. Jahrhunderts in einem Mehrfrontenkrieg bewähren: für die materiellen Interessen der Arbeiter (gegen die Nationalliberalen), für den Glauben bei den Arbeitern (gegen die Marxisten), für den Anspruch der Kirche (gegen den totalitären Liberalismus) und für ihre Freiheit (gegen die Bismarck'sche Unterdrückung).

Frédéric Ozanam wirkt als Intellektueller, der um 1850 im kirchenfeindlichen Frankreich den Glauben schriftstellerisch energisch und intelligent verteidigt und Vinzenzkonferenzen gründet, die die konkrete Not vieler Zeitgenossen entscheidend lindern konnten. Dr. Hahn, zehnfacher Familienvater, setzt sich im Aachen des 19. Jahrhunderts für die Arbeiter ein. Neben seiner Tätigkeit als Arzt ist er Abgeordneter im Stadtrat und im Preußischen Landtag und unterstützt die Missionen.

Interessant ist, wie sich die Lebenswege in vielem ähneln: Innere Krisen, Ausbruch aus dem bürgerlichen Rahmen, Arbeit für die in irgendeiner Form Bedürftigen, Unverständnis und Widerstand durch die Umgebung, auch durch Bischöfe. Einige der Charaktere sind dazu ausgesprochen cholerisch. (Dieses Temperament liefert sozusagen den Brennstoff für die jeweiligen gewaltigen Anstrengungen.)

In dem Band finden sich so treffende Einsichten wie: “Nur der zur Einsamkeit Fähige kann der Gemeinschaft als Führer dienen. Nur in der Stille bereiten sich große Dinge vor" und herbe Resümees wie: “Die Nationalsozialisten waren konsequent, was man von jenen Theologen nicht sagen kann, die die Bibel als eine Sammlung von Mythen und Märchen ausgaben und doch wünschten, daß man den Armen in Liebe helfe."

Sehr interessant sind die Darstellungen der beiden protestantischen Christen Wichern (unter anderem Erzieher schwieriger Jugendlicher) und Bodelschwingh (unter anderem Pionier in der Suchtbekämpfung). Sie zeigen, daß die wahre Ökumene voraussetzt, an das wirkliche Evangelium zu glauben und real für die Armen zu arbeiten.

Von kleineren - hauptsächlich formalen - Schwächen abgesehen, überzeugt der Band durch ungekünstelte Klarheit und eine seltene Meisterschaft der Sprache. Er ist allen zu empfehlen, die sich für die eigene Lebensführung Anregungen aus dem Vorbild tätiger Nächstenliebe holen möchten, besonders denen, die in Schule und Firmunterricht der Jugend wirkliche Vorbilder vermitteln wollen.

Wolfram Schrems

Kranz, Gisbert: Zehn Nothelfer, Eos-Verlag, 352 Seiten, öS 263.-

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