VISION 20006/2001
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Am Ende siegt die barmherzige Liebe

Artikel drucken Das Zeugnis zweier junger Amerikanerinnen (Urs Keusch)

Unsere schnellebige Zeit verdrängt nur allzu leicht die mahnenden Botschaften, die katastrophale Geschehen auch verkünden. Im folgenden ein Rückblick auf die Lehren eines Massenmords, der sich vor etwas mehr als zwei Jahren in den USA ereignet hat.

Als am 20. April 1999 an der Columbine High School in Littleton (Colorado, USA) zwölf Schüler erschossen wurden, sprach man vom schlimmsten Massenmord Amerikas der neueren Zeit. Inzwischen sind in Amerika Dinge geschehen, die alles andere in den Schatten stellen. Wir sind sprachlos angesichts so unvorstellbarer Entfesselung von Haß und Gewalt. Und wir fragen uns: Was geschieht eigentlich mit uns? Wo führt das alles noch hin?

In den Nachkriegsjahren schrieb Friedrich Wilhelm Foerster eine Aufsatzreihe unter dem Titel: “Wir leben in einer apokalyptischen Zeit." Seine Gedanken waren nie aktueller denn heute.

Er schreibt: “Allerlei Sturmzeichen in Ost und West zeigen, daß wir einer Auflösung der menschlichen Gewissensbestände entgegengehen, einer Herrschaft des kollektiven Tieres, einer Diktatur der Feindschaft, von deren letzten Auswirkungen wir heute erst eine leise Ahnung haben. Es können Zeiten kommen, in denen die Menschen einander ins Haus laufen werden, um sich gegenseitig zu erdrosseln, und die Überlebenden davon reden werden, als kämen sie von einer Teevisite. Eines ist klar: Wir leben in einer Wirklichkeit, die noch zaudert, ihre ganze Logik zu entfalten und mit den letzten Hemmungen aufzuräumen, die letzte Scham abzutun. Niemand weiß, wann ein ganz großer Zusammenbruch kommt, der von außen nach innen geht oder von innen nach außen. Alle Vorbedingungen sind erfüllt, um das Reich der geistig gesteigerten Tierheit und der seelisch vertieften Barbarei aufzurichten."

Wir können die Welt und das, was auf ihr geschieht, nicht verstehen ohne diesen Tiefenblick für die metaphysischen Zusammenhänge des Geschehenden. Ein Freund sagte mir kürzlich: “Man mag im Kampf gegen den Terrorismus die militärisch wichtigen Stellen treffen, den Teufel werden sie nicht treffen können."

Vielleicht wird mit dieser einfachen Bemerkung an etwas erinnert, was wir so gern verdrängen und vergessen oder nicht wahrhaben wollen. Wir leben in einer Zeit, die nur “apokalyptisch" verstanden werden kann. Es geht immer mehr um den großen Entscheidungskampf zwischen Gut und Böse, zwischen Himmel und Hölle. Es ist “die offene Kampfansage der langsam entfesselten dämonischen Mächte gegen die Oberherrschaft des Göttlichen in der Seele und Gesellschaft" (Fr. W. Foerster).

Christus nannte den Teufel den “Menschenmörder von Anbeginn" (Joh 8,44). Was wir im vergangenen Jahrhundert an Kriegen und Zerstörung und an seelischer Verwüstung erlebt haben, und was sich heute vor aller Augen tut, hat etwas mit dieser verborgen wirkenden Macht des Bösen zu tun. Das haben die Menschen so empfunden und gedeutet, die den Massenmord an den Jugendlichen in Littleton miterlebt haben. Aber wo immer das Böse sein stolzes Haupt erhebt, dort erweckt der Geist des Herrn seine Seher und Propheten, seine Bekenner und seine Zeugen. Von zwei solchen leuchtenden Beispielen möchte ich Ihnen erzählen.

Wie sich die meisten Leser wohl noch erinnern, hat sich vor zweieinhalb Jahren in Littleton etwas ereignet, was nur in einem solchen tieferen, eben “apokalyptischen" Zusammenhang gesehen und verstanden werden kann. Am 20. April 1999 (dem Geburtstag Adolf Hitlers), dringen zwei schwerbewaffnete Jugendliche in die Columbine High School ein und erschießen 13 Menschen: 12 Jugendliche und einen Lehrer.

Die Mörder gehören zu einer “Trench-Coat-Bande". Sie sind nicht nur für ihr Nazi-Gedankengut bekannt, sondern auch für ihren Haß auf bekennende Christen. Zwei dieser bekennenden Christen waren Cassie Bernall und Rachel Scott. Cassie Bernall war ein 17jähriges Mädchen aus gutem Haus. Mit 13 Jahren geriet sie in einen Kreis Jugendlicher, die Drogen konsumierten, Schwarze Magie und satanische Praktiken betrieben. Cassie verfing sich in so dunklen Abwegen, daß die Polizei eingeschaltet werden mußte. Der Haß und die Wut dieses Mädchens auf ihre Eltern wurden so stark, daß Cassie sich vorgenommen hatte, diese umzubringen.

Ein glücklicher “Zufall" wollte es, daß Cassie von jungen Christinnen eingeladen wurde, an einem Weekend ihrer kirchlichen Jugendgruppe teilzunehmen. An diesem Wochenende findet Cassie zum Glauben an Jesus Christus. Sie trennt sich von der Satansgruppe und wird in den zwei folgenden Jahren eine überzeugte und bekennende Christin.

Es ist der 30. April 1999. Zwei schwerbewaffnete Jugendliche dringen in die Bibliothek der Columbine High School ein, wo sich Cassie aufhält. Sie rufen in den Raum: “Glaubt hier jemand an Gott?" Cassie verläßt ihr Versteck und - steht einem ihrer ehemaligen Freunde aus der Satansgruppe gegenüber! “Ja, ich glaube an Jesus. Und Gott liebt auch dich." Darauf schreit der Killer: “Es gibt keinen Gott." Er drückt den Gewehrlauf an ihre Schläfe und erschießt sie. - Nach jedem Schuß, den die Mörder abgeben, so berichten Augen- und Ohrenzeugen, stießen die Mörder einen Jauchzer aus ...

Wer war Cassie? Viele nennen sie eine Märtyrerin. Denn was an diesem Tag in Littleton geschah, hatte mit Gott zu tun, so grauenhaft die mörderische Tat auch war. Denn in einem Brief, den Cassie am Tag ihres Todes in der Schule ihrer Freundin übergibt, heißt es im post scriptum: “Ehrlich, ich möchte vollkommen für Gott leben. Es ist schwer und beängstigend, aber es lohnt sich total."

Und in der Nacht, bevor Cassie erschossen wurde, schreibt sie in ihr Tagebuch: “Nun habe ich alles andere zurückgestellt. Ich habe den einzigen Weg gefunden. Ich habe Christus echt kennen gelernt, die Macht erfahren, die Ihm das Leben wieder schenkte. Und ich habe erlebt, was es bedeutet, mit Ihm zu leiden und zu sterben. Darum, was immer es von mir abverlangt, ich möchte ein Mensch sein, der dieses frische Leben lebt, wie solche, die vom Tod auferstanden sind."

Und man fand eine Notiz, einen Zettel, auf dem Cassie geschrieben hatte: “Ich versuche, in der Schule für meinen Glauben einzustehen... Das kann sehr entmutigend sein, aber auch sehr lohnend... Ich werde für meinen Gott sterben. Ich werde für meinen Glauben sterben. Das ist das Mindeste, was ich für Christus tun kann, der für mich gestorben ist."

Cassie erinnert uns mit ihrem Zeugnis an die Kühnheit der ersten Christen. Und Christ sein heißt: Zu Gott gehören. In der Freundschaft mit Christus leben. Heißt: Anteilhaben am Leben, an der Liebe, an den Plänen Gottes mit uns Menschen. “Wer mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden, und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren." (Joh 14,21).

Das ist das Geheimnis der Freunde Gottes: Ihnen werden Dinge geoffenbart, die anderen verborgen bleiben. Manchmal wird ihnen auch gesagt, daß sie mit ihrem Leben eine besondere Sendung zu erfüllen haben. Es ist eine “Ahnung im Geiste". Es ist “ein Fühlen" mit der verborgenen allgegenwärtigen Wirklichkeit Gottes, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins sind. So war es bei Cassie. Und so war es bei Rachel Scott, von der ich nun erzählen möchte.

Rachel Scott wurde am gleichen Tag beim gleichen Massaker für Christus um ihr Leben gebracht. Rachel war das mittlere von fünf Kindern und wollte Schauspielerin werden. Ihr Vater war Pastor. Etwa zwei Jahre vor ihrer Ermordung fing sie an, ein intensiv christliches Leben zu leben. Und es klingt unglaublich, wenn das 16jährige Mädchen 1998 in ihr Tagebuch schreibt:

“Das wird mein letztes Jahr sein, Herr. Ich habe bekommen, was ich konnte. Ich danke dir."

Rachel wurde zuerst durch zwei Schüsse getroffen und verletzt und lag in ihrem Blut am Boden. Die Mörder rissen ihren Kopf an den Haaren hoch und fragten sie: “Glaubst du an Gott?" Darauf Rachel: “Ja, das tu ich." Dann sagten sie: “Dann geh zu Ihm." Und sie schossen dem Mädchen direkt in die Schläfe.

Im Tagebuch hinterließ Rachel Scott ihr letztes Gedicht, das uns zeigt, wie tief ihre Gemeinschaft mit dem Herrn war, wie groß ihre Sehnsucht und die Einsamkeit ihrer Sehnsucht. Und wie klar ihr Wissen war von dem, was auf sie zukam:

“Bin ich die einzige, die sieht? Bin ich die einzige, die aus ganzem Herzen nach Deiner Ehre verlangt? Bin ich die einzige, die sich sehnt, für immer in Deinen lieben Armen zu sein? Alles, was ich mir wünsche, ist jemand, der mit mir durch die Hallen der Tragödie geht."

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Märtyrer, und das neue wird es auch auf seine Weise sein. Man schätzt ihre Zahl auf etwa 26 Millionen Menschen: Christen aus allen Konfessionen und Erdteilen. Der Papst spricht immer wieder von der “Ökumene der Märtyrer". “Das Blut der Christen ist ein Same der Christenheit", sagte der Kirchenvater Tertullian. Wo Menschen wie Cassie und Rachel ihr Leben hingeben für ihren Herrn, dort bereitet sich neues und sieghaftes Leben vor. Und das geschieht heute auf der ganzen Welt, meistens im Verborgenen, abseits von Augenzeugen und Filmkameras. Dieser Sieg wird nicht aufzuhalten sein, während die Macht des Bösen zu seiner Stunde wieder gebunden werden wird.

70 000 Menschen wohnten der Beerdigungsfeier von Cassie bei. Der Fernsehsender CNN verzeichnete damals die höchsten Einschaltquoten. Dieser Tag wurde für Zehntausende zu einem Tag der Umkehr und des Neuanfangs. Die Mutter von Cassie berichtet: “Briefe aus allen Staaten der USA fluteten herein, und darüber hinaus aus Ländern rund um den Erdball: England, Deutschland, Australien, Jamaika, Frankreich und Peru. Zu einem Zeitpunkt wurde die Flut der Briefe so groß, daß unser ganzes Wohnzimmer in Geschenken, Briefen und Karten versank."

Niemand ahnt und weiß, wie vielen Tausenden oder Zehntausenden von (jungen) Menschen der Tod dieser Mädchen den Weg zu einem neuen Leben mit Christus bereitet hat und bereiten wird. Denn das Echo auf ihr Glaubenszeugnis war in der ganzen Welt überwältigend. Und eines wissen wir aus der Überzeugung des Glaubens und der Erfahrung von 2000 Jahren Christentum:

Was immer auch geschieht auf unserer Welt - mögen die Mächte des Hasses und der Zerstörung ihr Haupt noch frecher und gemeiner erheben als bisher - immer werden sie den Kürzeren ziehen. Immer wird aus Trümmern und Schmerz, Blut und Tränen das Siegeslied von Ostern aufsteigen. Und immer werden Christen die Kraft finden, ihren Peinigern zu verzeihen und barmherzig zu sein, wie das die Eltern von Cassie und Rachel aus ganzem Herzen getan haben.

Danke Cassie, danke Rachel! Betet für uns und unsere Jugend! Und betet für alle Christen aller Konfessionen, daß sie immer mehr eins werden in ihrer Liebe zu Jesus Christus. Und daß sie “den Ankläger unserer Brüder besiegen durch das Blut des Lammes, durch ihr Wort und ihr Zeugnis." (Off 12,10)

Der Autor ist Priester und wohnt in: Feldheimstraße 21, CH-6260 Reiden. Wer in der Jugendarbeit tätig ist, dem sei das ausgezeichnete Video empfohlen: “Littleton: Das Leben geht weiter" ERFVerlag, Postfach 1444, D-35573 Wetzlar.

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