VISION 20001/2002
« zum Inhalt Schwerpunkt

Ein Kampf zwischen Finsternis und Licht

Artikel drucken Über eine 2000 Jahre alte Lehre der Kirche, die heute meist unterschlagen wird (Von Gabriele Kuby)

Gabriele Kuby hat einen langen Weg des Suchens im Bereich der Psychotechniken und der Esoterik hinter sich. Vieles hat sich da als Sackgasse erwiesen. Heute sieht sie daher besonders klar, wie wichtig die Unterscheidung der Geister ist.

Es liegt nicht im Trend, die Geister zu unterscheiden. Gibt es überhaupt “Geister"?, fragen heute viele. Sie haben den Glauben der Wissenschaft, es gäbe nur das, was man messen kann, zu ihrem eigenen gemacht und streben nach der irdischen Erfüllung der irdischen Bedürfnisse. Wenn sie sich wundstoßen an der lebensfeindlichen Begrenzung der Wirklichkeit und nach Sinn und Lebenshilfe suchen, stoßen sie auf die Angebote der Esoterik, die allerorten feil geboten werden: Wenn du dieses Buch liest über die geheimen Gesetze des Kosmos, jene Übung machst, zu diesem Workshop oder jenem Guru gehst, dann wirst du zum Meister deines Schicksals und erlangst Erfolg, Gesundheit, Reichtum, sexuelle Erfüllung, kurzum: du wirst frei von jedem Leiden.

Es ist eine materialistische Spiritualität, in der es darum geht, durch Kontrolle über unsichtbare Kräfte, das irdische Glück zu mehren. Geht man in einen esoterischen Buchladen, so findet man Versatzstücke der Weltreligionen, Magie und Okkultismus in bunt gemischter Fülle.

Die unsichtbare Welt gilt dem esoterischen Zeitgeist als eine Welt des Lichts und der Liebe, und alle Bemühungen sind darauf gerichtet, mit dem Licht und der Liebe, die den Kosmos aber auch den Kern jedes Menschen ausmachen, zu verschmelzen. Eine Notwendigkeit zur Unterscheidung der Geister ist somit nicht gegeben, denn wo alles Licht und Liebe ist, gibt es nichts zu unterscheiden.

Die Unterscheidung der Geister wird erst dann zur Notwendigkeit, wenn wir glauben, daß es eine Welt der Geister gibt, die auf den Menschen einwirkt, daß es gute und schlechte Einflüsse aus dieser unsichtbaren Welt gibt und daß dem Menschen die Freiheit geschenkt und zugemutet wird, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden.

Das hat die Kirche 2000 Jahre lang beharrlich gelehrt, lehrt es immer noch, aber die Lehre wird nicht mehr in ihrer Integrität verkündet, nämlich: Es gibt Gott und Satan, es gibt Himmel und Hölle, es gibt das ewige Leben und die ewige Verdammnis, es wird für jeden Menschen ein Gericht geben, in dem der Mensch vor dem Angesicht des gerechten und barmherzigen Gottes steht und eine Entscheidung über sein ewiges Schicksal fällt. Ewigkeit kann der Mensch nicht fassen, weder das ewige Licht, noch das ewige Feuer, aber Jesus läßt keinen Zweifel daran, daß das Menschenleben auf diese letzte und endgültige Entscheidung ausgerichtet ist.

Theologen, die das Lehramt der Kirche nicht anerkennen, haben den Ernst der Entscheidungssituation des Menschen wegargumentiert. Für sie gibt es nur noch den liebenden Gott, auf dessen Barmherzigkeit wir gar nicht angewiesen sind, wenn das Leben ein Freischein zu Licht und Liebe ist. Bloß, warum tragen wir dieses unaustilgbare Empfinden in uns, daß es eine Rolle spielt, ob wir - oder doch wenigstens unsere Kinder - sich fürs Gute oder Böse entscheiden?

Die negative Seite der polaren Begriffe sind Reizworte, die wir nicht mehr hören wollen, die dem modernen Menschen als bleierne Altlast der katholischen Kirche gelten. Sie waren die großen Hindernisse auf meinem Bekehrungsprozeß, der vor sechs Jahren begonnen hat, nachdem meine 25jährige Suche auf den Wegen des Zeitgeistes zu nichts als Scheitern und Verzweiflung geführt hatte.

Am Anfang hatte ich Widerstand gegen den Begriff Sünde. Ich hätte gerne gebetet: Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns jetzt und in der Stunde unseres Todes. Es heißt aber, bitte für uns Sünder. Ich führte heiße Diskussionen darüber, ob es Satan gibt. Mir schien, daß das Böse in dieser Welt aus dem Menschen selbst zu erklären sei - daß es eine Eigendynamik besitze, die von der ersten Lieblosigkeit bis nach Auschwitz führe.

Dann begann ich zu experimentieren: Nicht ich bin - durch Kindheitsverletzungen, versteht sich - böse, sondern da gibt es eine böse Kraft, die mich in Versuchung führt, mich angreift. Ihr Angriffspunkt sind meine Verwundungen,meine Schwächen, insbesondere die unerkannten.

Ich las die Bibel und stellte fest: Jesus spricht immer wieder von Satan in unmißverständlichen Worten. Die ganze Bibel beschreibt den Kampf zwischen den Kräften der Finsternis und den Kräften des Lichts.

Dann das Zeugnis der Heiligen, die durch ihre Bereitschaft, mit Jesus Christus stellvertretend zu leiden, Seelen retten: Sie bekommen es sehr massiv mit Satan zu tun. Das bezeugen sie alle, sei es Hildegard von Bingen, der Pfarrer von Ars, Pater Pio, Marthe Robin... Das bezeugen auch die Menschen, die vom Himmel zu Propheten unserer Zeit ausgewählt wurden, die Seher von Marienerscheinungen, denen Höllenvisionen zuteil wurden.

Allmählich wurde mir klar, daß die geistigen Kräfte personale Gestalt haben. Wir glauben an einen persönlichen Gott, an Gott Vater, an den menschgewordenen Sohn Jesus Christus, an den Heiligen Geist als Person, an einen Himmel, der von Engeln bewohnt ist und von Heiligen, zu deren Königin eine menschliche Frau gekrönt wurde, Maria. Warum sollte dann das Böse nicht auch Person sein, eben der gefallene Engel Luzifer, der in seinem Stolz nicht ertragen kann, daß Gott den Menschen dient?

Diese personale Macht, so steht es in der Bibel, so lehrt die Kirche, hat ein ewiges Reich errichtet, die Hölle. Jesus sagt, wir sollen lieber unsere Hand abhacken und unser Auge ausreißen, als daß wir mit zwei Händen und zwei Augen ins ewige Feuer geworfen werden. Bleibt da etwas an Klarheit zu wünschen übrig?

Für mich ist es bis heute schwer anzunehmen, daß es in diesem Universum für alle Ewigkeit einen Ort des Bösen geben soll, und daß die Möglichkeit besteht, daß Menschen ewig leiden. Manche Theologen mildern diese Lehre, indem sie sagen, die Hölle sei leer. Aber darf ich, weil mir dieser furchtbare Ernst “contre coeur" - gegen das Herz - geht, sie einfach ignorieren, wie es heute in der Verkündigung überwiegend geschieht?

Wenn die einzig wichtige Entscheidung in diesem Leben die zwischen Gut und Böse ist, und wenn wir diese Entscheidung in jedem Augenblick unseres Lebens treffen müssen, im Großen und im Kleinen, dann stellt sich die Frage, wie wir fähig werden zur Unterscheidung der Geister.

Romano Guardini sagt in seinem Buch “Der Herr": “Nach der Logik des Bösen setzt sich die Sünde in Verblendung um, diese wird wieder zur Sünde und die neue Sünde verblendet noch mehr."

Eine erschreckende Wahrheit! Jede Sünde zieht sofort Verblendung nach sich. Wir sind also, in dem Maß, in dem wir sündigen, auch verblendet, erkennen gar nicht mehr, daß wir sündigen. Bei anderen ist das leicht wahrzunehmen und in der gesellschaftlichen Entwicklung auch. Das Wort Sünde ist verpönt, und doch sind wir im Begriff, in der Sünde zu ertrinken. Unsere demokratisch gewählten Parlamente schaffen ein Gesetz nach dem anderen, das die schwere Sünde für rechtens erklärt.

Aus dem Satz von Guardini kann man auch die Logik des Guten ableiten, nämlich: Tugend setzt sich in Erkenntnis um, diese wird wieder zur Tugend und die neue Tugend erweitert die Erkenntnis noch mehr.

Welche Untugend liegt an der Wurzel der Verblendung? Meine Antwort ist: Angst in zweierlei Form: Angst vor Selbsterkenntnis und Angst vor Isolation unter den Menschen, die mir wichtig sind. Auch hinter der Angst vor Selbsterkenntnis, das heißt der Wahrnehmung der dunklen Seiten, die nicht in das sozialverträgliche, geschönte Selbstbild passen, steckt die Angst, Liebe, Zuneigung, Akzeptanz der Mitmenschen zu verlieren und ausgegrenzt zu werden.

Die deutsche Demoskopin Noelle-Neumann stellte einmal fest: “Menschen haben Isolationsfurcht! Jeder weiß, wie schön es ist, auf der richtigen Seite zu sein. Etwas ganz anderes ist es dagegen, ausgegrenzt zu werden. Ausgrenzung ist eine fürchterliche Erfahrung des Menschen. (...) Wenn er glaubt, daß er sich durch seine Ansichten isolieren wird, dann wird er schweigsam werden..."

In der christlichen Terminologie heißt diese Angst Menschenfurcht. Sie beginnt mit Schweigen, dem ersten kleinen, unauffälligen Verrat des eigenen Gewissens. An diesem Punkt, fast unmerklich, werden die Weichen gestellt. Dann setzt die von Guardini bezeichnete Dynamik von Sünde und Verblendung ein. Deswegen sagen die Heiligen: Keine Heiligkeit ohne Selbsterkenntnis.

Das Sakrament der Selbsterkenntnis ist die Beichte. Das Lösegeld ist schon bezahlt, die unerschöpfliche Barmherzigkeit Gottes uns zugesichert, aber es gibt eine Bedingung, daß wir des Lösegelds teilhaftig werden: Wir müssen uns bewußt machen, welche Schulden wir angehäuft haben. Wie könnten wir sonst geläutert werden? Ohne Selbsterkenntnis können wir nicht fortschreiten auf dem religiösen Weg. Wo die Selbsterkenntnis fehlt, wird man entweder ein lauer Mitläufer, ein Scheinheiliger oder ein Fanatiker.

Immer befinden wir uns also in einer Bewegung nach oben oder nach unten, hin zu Gott oder von Gott weg. Durch die Sakramente der Kirche wird uns die Gnade geschenkt, um den schmalen Weg gehen zu können, auf daß die Verheißung der Bergpredigt sich erfülle: Die reinen Herzens werden Gott schauen.

Gabriele Kuby ist Autorin des empfehlenswerten Buches “Mein Weg zu Maria". Wir brachten ihr Portrait in VISION Nr. 1/2001.

© 1999-2020 Vision2000 | Sitz: Beatrixgasse 14a/12, 1030 Wien | Mail: vision2000@aon.at | Tel: +43 (0) 1 586 94 11