VISION 20003/2002
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Gib mir ein reines Herz!

Artikel drucken Der tägliche Kampf gegen die geistige Umweltverschmutzung (Von Christof Gasparl)

Alltagserfahrungen: Auf meinem Weg zur Badener Bahn komme ich an Plakatwänden vorbei. Nicht zu übersehen die neueste Palmers-Werbung: Frauen in provozierenden Posen. Auf dem Bahnsteig Grafittis: Ordinäres, Aggressives, “Ruf mich doch an"... Ich schlage die Zeitung auf: Berichte von Katastrophen, Kinderpornoring ausgehoben, Nahaufnahme von Attentatsopfern...

Kann man in einem solchen Umfeld ein reines Herz bewahren? Diese Frage beschäftigt mich schon lange, besonders intensiv aber seit ich Enkel habe, um deren Entwicklung ich mich sorge. Unwillkürlich frage ich mich, wenn ich durch die Straßen gehe, die Fernsehwerbung anschaue oder die Titelseiten der Illustrierten in den Kiosken sehe: Wie können diese hellwachen Buben in einem solchen Umfeld zu reifen Persönlichkeiten heranwachsen?

Durch die Macht der Gewohnheit übersieht man leicht, in welchen Sumpf wir geraten sind. Manchmal aber werden wir aus unserem Dämmerschlaf herausgerissen. Zuletzt durch die Katastrophe des Massenmordes in der Erfurter Schule. Plötzlich leuchtet auf, wie schwer deformiert manche Menschen sind, die mitten unter uns leben.

Kurzfristiges Entsetzen auch in den Medien. Expertenrunden werden befragt: Wie konnte es nur dazu kommen? Man hört kluge Statements, unterschiedliche Meinungen, politische Forderungen... Nach zwei Wochen intensiver Berichterstattung ist das Thema totgeschrieben. Die Welt wendet sich neuen Katastrophen zu und tut - zwar bedrückt - weiter wie bisher.

Und dabei wäre gerade ein solch schreckliches Ereignis eine große Chance gewesen, um innezuhalten und sich Rechenschaft über die systematische geistige Umweltverschmutzung abzulegen, die tagein, tagaus produziert wird.

Schauen Sie sich die Werbung an: Welches Produkt wird da nicht als Lusterzeuger dargestellt? Meist ist die sexuelle Dimension des Menschen im Visier. Da wurden in Österreich etwa Schuhe und Angebote von Banken als Erzeuger weiblicher Orgasmen g'schmackig gemacht. Daß bei Shampoo- oder Sonnencremewerbung viel nackte Haut zu sehen ist, versteht sich ohnedies von selbst. In Sachen Sex also ein Dauerbombardement: Immer weniger Filme ohne Bettszene, im Nachtprogramm des Fernsehens “Soft Porno". Und sollte es gelingen, die eigenen Kinder von all dem fernzuhalten, haben diese sicher den einen oder anderen “guten" Freund, der all das sehen darf.

Nicht ohne ist auch, was uns an Konfrontation mit Leid, Elend und Brutalität ins Haus geliefert wird. Krimis mit ein paar Toten gehören ebenso zur Alltagskost wie die Nahaufnahmen von blutüberströmten Terror-, Katastrophen oder Verkehrsopfern. Die moderne Elektronik ermöglicht den Filmemachern wahre Wunderwerke im Bereich Horrorfilm. Den Vogel aber schießen wohl die Videospiele ab: Da wird erschossen, ertränkt, in die Luft gesprengt. Das Blut spritzt, die Sterbenden röcheln. Je näher an der Wirklichkeit, umso attraktiver. Rasche Reaktion und Treffsicherheit werden belohnt. Das ist das Ambiente, in dem viele Jugendliche und Kinder Stunden des Tages verbringen, vollkommen im Bann des Gemetzels. Welche Last wird da einer ganzen Generation aufgebürdet!

Unsere Welt konditioniert den Menschen, insbesondere den jungen, also systematisch durch die Stimulierung mit sexuellen und aggressiven Motiven zu einem ausbeuterischen Verhalten. Wir stehen unter einem medialen Dauerfeuer, dessen wiederkehrende Botschaft lautet: Verschaff dir auf kurzem Weg Glückserfahrungen, reize deine Sinne, befriedige deine Besitzgier, deinen Drang zur Absicherung, dein Streben nach Geltung.

Man sage nicht, all das sei nur halb so schlimm, die Bilder blieben ohnedies nicht hängen. Die Werbewirtschaft würde nicht viele Milliarden ausgeben, wüßte sie nicht genau, welch starke Motivation von Bildern ausgeht. Diese sind umso mächtiger, je weniger sie uns bewußt und je tiefer sie in uns eingedrungen sind.

Und damit stehen wir alle, groß und klein, die wir laufend mit Bildern konfrontiert sind, vor einer schwer zu beantwortenden Frage: Wie bewahrt man unter diesen Umständen sein Innenleben in Ordnung, wie bewahrt man ein halbwegs reines Herz?

Ich möchte an dieser Stelle wiederholen, was ich schon öfter festgehalten habe, weil es mir von zentraler Bedeutung erscheint: Im Geistigen gibt es keine Neutralität. Da stehen wir in einer Auseinandersetzung, in der es um alles geht, um die Wahl zwischen Leben und Tod, Segen und Fluch (Dt 30,19: Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben...), zwischen Jesus Christus und dem Widersacher (Lk 11,23: Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich, wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut).

Es gilt also, sich immer wieder in Erinnerung zu rufen: Bilder, Nachrichten, Filme und sonstige Botschaften sind nicht neutral, sondern wertbeladen. Diesen Umstand darf der wache Mensch, insbesondere der wache Christ, nicht übersehen. Es ist nicht einerlei, was wir hören, sehen und womit wir unsere Zeit vertreiben. In einer Welt, die so gottfern ist wie die unsere, ist daher Wachsamkeit angebracht, ja überlebensnotwendig.

Das bedeutet: Nicht gedankenloser, sondern wohlüberlegter Medienkonsum und Bereitschaft zu einer gewissen Askese auf diesem Sektor - nicht nur in der Fastenzeit und nicht nur den Kindern verordnet, die “noch zu klein dafür sind". Denn die Informationsgesellschaft hat es darauf abgezielt, den Menschen in den Bann einer Dauerunterhaltung zu ziehen. Und, wie gesagt: Nichts davon ist wertfrei.

Askese aber nicht nur im Umgang mit Medien, sondern ganz allgemein im Ausnützen der Vielzahl von Möglichkeiten, die unsere Zeit im übergroßen Maß bereithält: Auto und Wohnung, Shopping und Urlaub, Hobby und Sport, Fitneß und Gesundheit, Fortbildung und Karriere, und, und... Sie nähren unsere Sehnsüchte, erzeugen Wünsche und Pläne. Ich weiß: Es klingt sauertöpfisch, wenn ich da von Beschränkung in einer Welt rede, die Konsum und Leistung zu staatsbürgerlichen Tugenden hochstilisiert. Spielverderber, wird es heißen.

Und dennoch: Ich weiß, wovon ich rede, weil ich selbst einer bin, der sich allzu sehr von Aktivitäten in den Bann ziehen läßt. Diese entwickeln - wie alles andere, das Faszination ausübt - leicht eine Eigendynamik, belegen Denken und Fühlen mit Beschlag, bereiten Sorgen, füllen also mit einem Wort das Herz aus und lassen anderes in den Hintergrund treten. Schlimm ist das dann, wenn Gebetszeiten zu Lückenbüßern im Tagesablauf werden, Zeiten der Stille zu seltenen Ausnahmen und tiefe, aufbauende Begegnungen wegen Überforderung und mangelnder Fähigkeit zuzuhören gar nicht erst zustande kommen.

Wo das geschieht, geht das reine Herz verloren und damit die Fähigkeit, Gott zu schauen. Die eigenen Pläne, Wünsche, Zwangs- und Triebvorstellungen gewinnen ebenso die Oberhand wie das Sorgen und sich Ängstigen, ob man all das, was einen so antreibt, auch verwirklichen kann.

Wie man da herauskommt? Nicht ohne Abladen all dessen, was unser Innerstes mit Beschlag belegt, ausfüllt und uns daran hindert Gott zu schauen. Also nicht ohne Reinigung, eben um ein reines Herz zu gewinnen.

Wenn es um das Äußere, also um die Kleidung, die Wäsche, die Haut, die Haare, die Küche geht, leuchtet das jedermann ein. Da kann es auch heute gar nicht rein genug hergehen. Rein gilt als schön und erstrebenswert. Sie kennen doch den Slogan: “Ist der Pulli neu?" - “Nein, Fewa Wolle gewaschen!" Er sagt uns: Optimale Reinigung ist Wiederherstellen des ursprünglichen Zustands. Wie neu.

Was uns für das Äußere, die Oberfläche so selbstverständlich erscheint, ist überlebenswichtig, wenn es um das Zentrum der Person geht:Auch unsere Herzen bedürfen laufend der Reinigung, stündlich, täglich, immer wieder - also der Wiederherstellung des von Gott gewollten und in der Taufe hergestellten Zustandes.

Einer meiner Freunde - bemüht, jeden Tag die hl. Messe zu besuchen - hat mir erzählt, er bete vor jeder hl. Kommunion um ein reines Herz. Das hat mich beeindruckt. Klar! Darum geht es: Immer wieder Gott bitten, Er möge im tiefsten Inneren meines Wesens - das Er ja bei weitem besser kennt als ich - Ordnung schaffen und Raum für Sein Wirken.

“Gib mir ein reines Herz!" - diese Bitte ist das Gegenmittel schlechthin gegen die überhandnehmende geistige Umweltverschmutzung in unseren Tagen.

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