VISION 20003/2002
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Wir können von Gott alles erwarten

Artikel drucken Der kleine Weg der heiligen Thérèse (Von Wolfgang Stadler)

1997 hat Papst Johannes Paul II. die heilige Thérèse von Lisieux zur Kirchenlehrerin erhoben, nicht weil sie theologische Studien hinterlassen hätte, sondern weil in ihren Schriften ein besonderes Verständnis des Geheimnisses Christi zum Ausdruck kommt.

Wer im Wort Gottes bei Lukas 10,21f nachliest, versteht, was der Papst damit gemeint hat: “In dieser Stunde rief Jesus, vom Heiligen Geist erfüllt, voll Freude aus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast ... niemand weiß, wer der Vater ist, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will."

In unserer Zeit, da alle Verkündigungskonzepte der Weisen und Klugen anscheinend versagen, die Menschen immer unzugänglicher für das Evangelium werden und sich die Welt immer weiter von Gott entfernt, gibt Thérèse, die so eine Kleine, Unmündige des Evangeliums war, eine andere Wegweisung, ihren “kleinen Weg" des Vertrauens auf die Barmherzigkeit Gottes.

Entstanden aus der Erfahrung ihrer eigenen Schwäche trotz allen Bemühens ist dieser “Weg" keine fromme Theorie, sondern das Ergebnis einer langen geistlichen Entwicklung, sehr praktikabel und lebensnah. Es ist hilfreich, ein wenig in Thérèses Gedankenwelt einzutauchen, sie selbst ihren Weg erklären zu lassen, zugleich aber auch die Bibel zur Hand zu nehmen und dadurch allmählich sie und ihre Lehre besser zu verstehen:

In 1 Joh 4,9ff lesen wir: “Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbart, daß Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. Nicht darin besteht die Liebe, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat." Mit ihrem kleinen Weg will Thérèse uns direkt zum Herzen Gottes führen, dem Zentrum dieser überströmenden Liebe, die Gott für die Menschen hegt.

Das Problem für viele Menschen liegt darin, daß sie diese Liebe nur sehr schwer annehmen können. Auch wir Christen mißtrauen Gott. Oft steht der Versuch im Vordergrund, in einer Art von religiösem Leistungsdenken Gott zu gefallen, ja, Ihn sogar für unseren durchaus gut gemeinten Pläne gefügig zu machen. Damit engen wir jedoch Ihn und uns selbst auf ein menschliches Maß des Glaubens ein.

Thérèse, die von Kind auf “immer eine Heilige werden" wollte, zeigt nun in ihrem Leben eine Entwicklung von der “Eigenleistung" zur Hingabe, zum sich Beschenkenlassen durch Gott. Sie wollte Jesus zunächst “mehr lieben, als Er je geliebt wurde“. Sie hatte ja erkannt: “Lieben, wie ist unser Herz dafür geschaffen! Für mich kenne ich kein anderes Mittel, um zur Vollkommenheit zu gelangen, als die Liebe." Aber es war ihre Liebe, von der sie sprach.

Als allmählich ein Wandel in ihrem Denken einsetzte, tauchten viele Fragen und Zweifel auf. “Ich hatte damals große innere Prüfungen aller Art, die so weit gingen, daß ich mich fragte, ob es überhaupt einen Himmel gäbe." Immer deutlicher erkannte sie nun ihre Schwäche und die Unmöglichkeit, die Heiligkeit mit “des Schwertes Spitze", also durch ihr Tun, zu erobern.

Langsam begann sie zu begreifen, daß man “Gott nur von Gott selbst empfangen" kann. So schrieb sie im Alter von etwa 20 Jahren: “Das Verdienst besteht nicht darin, viel zu tun oder viel zu geben, sondern darin, viel zu empfangen und viel zu lieben." Jesus lehrte Thérèse, “... sich zu überlassen, sich vorbehaltlos auszuliefern ... Jesus lehrt mich nicht, meine Tugendakte zu zählen, Er lehrt mich, alles aus Liebe zu tun ... Dies aber geschieht im Frieden, in der Hingabe: Jesus tut alles, und ich tue nichts." Das war neu: Thérèse verwendet erstmals den Begriff der Hingabe!

Ein Wort aus Spr 9,4 machte sie schließlich tief betroffen: “Wenn einer ganz klein ist, komme er zu mir." Bei Jes 66,12f las sie: “Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch, ich werde euch auf meinen Armen tragen und auf meinen Knien schaukeln." “Ach, niemals sind zartere, lieblichere Worte erfreuend in meine Seele gedrungen", schrieb sie, als sie entdeckte, daß Gott so ist, wie eine Mutter zu ihrem ganz kleinen Kind. Und sie folgerte daraus: “Ich muß ganz klein bleiben, ja es mehr und mehr werden", bis sie so klein sein würde, daß Gott sie mit Seiner Liebe überschüttete, der Liebe einer Mutter.

Von nun an hatte sich für Thérèse alles gewandelt; sie lebte in einem kindlichen Vertrauen zu Gott, zu Jesus, sie pries Gott als den “zärtlichsten aller Väter mit einem mehr als mütterlichen Herzen."

Ihr Klein-Werden, ihr Kindlich-Werden hat jedoch absolut nichts mit Infantilismus zu tun, im Gegenteil. Es verwirklicht Jesu Wort: “Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich eingehen." So schrieb sie: “Was dem lieben Gott an meiner kleinen Seele gefällt, ist zu sehen, daß ich meine Kleinheit und meine Armut liebe, meine blinde Hoffnung auf Seine Barmherzigkeit. Das Vertrauen, und nichts als das Vertrauen muß uns zur Liebe führen." Dennoch erfuhr sie immer stärker ihre völlige Ohnmacht, und so bat sie: “... ich bitte Dich, o mein Gott, sei Du selbst meine Heiligkeit."

Damit hatte ihre Sehnsucht nach Heiligkeit ihr Ziel gefunden, einerseits mit dem Erkennen und Annehmen ihrer Schwäche und andererseits in der Hingabe an die Barmherzigkeit Gottes. Einer Mitschwester erläuterte sie das so: “Sie erinnern mich an ein kleines Kind, das schon stehen, aber noch nicht gehen kann. Es möchte unbedingt die Treppen hinaufsteigen, um zur Mutter zu kommen, und hebt seinen kleinen Fuß, um auf die erste Stufe zu steigen. Unnütze Anstrengung! Es fällt jedesmal zurück, ohne das Ziel zu erreichen. Nun, seien Sie dieses kleine Kind. Durch die Übung der Tugenden heben Sie ihr Füßchen auf die Treppe der Heiligkeit, und Sie werden nicht einmal glauben, Sie wären schon auf der ersten Stufe! Das stimmt, aber der liebe Gott verlangt von Ihnen nur den guten Willen. Auf der obersten Stufe der Treppe schaut er liebevoll auf uns. Bald werden ihn unsere unwirksamen Bemühungen erweichen, und er wird selber zu uns herniedersteigen. Er wird Sie in seine Arme nehmen und Sie in sein Reich bringen, wo Sie ihn nie mehr verlassen werden."

Kinder können keine großen Leistungen vollbringen, aber sie können auf die Liebe des Vaters antworten. “Jesus schaut nicht so sehr auf die Größe der Taten, noch auf ihre Schwierigkeit, als vielmehr auf die Liebe, mit der sie vollbracht werden."

So hilft uns Thérèses “kleiner Weg" zu erkennen, daß wir von Gott geliebte Kinder sind, einmalig, mit vielfältigen Gaben ausgestattet. Diese Liebe, wenn wir sie in unsere Herzen einlassen, wird uns im Alltag befähigen, alles “aus Liebe zu tun", denn es ist der Heilige Geist, den wir eingelassen haben.

Wesentlich sind nicht so sehr unsere Leistungen, sondern unsere Antwort auf die Liebe und Barmherzigkeit Gottes zu uns. Zwar werden wir zunehmend unsere Kleinheit und unsere Ohnmacht auch im Alltag erkennen. Zugleich werden wir aber erfahren, daß es unsere “unwirksamen Bemühungen" sind, die Gott veranlassen, uns in Seine Arme zu nehmen: “Je ärmer Du bist, um so mehr liebt Dich Jesus. Er wird weit gehen, sehr weit, um Dich zu suchen."

Dies ist auch die Strategie, mit der wir Christen für diese gottferne Welt, für die wir ja Mitverantwortung tragen, eintreten können. Paulus sagte es uns unüberhörbar: “Seht doch auf eure Berufung, Brüder! ... das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen ... Wer sich also rühmen will, der rühme sich des Herrn ...." (1 Kor 1,26-31)

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