VISION 20004/2002
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Zölibatär leben

Artikel drucken Probleme und Chancen eines Lebensstils

Es gibt heute immer mehr alleinstehende Menschen. Allein zu leben, ist aber schwierig, es ist auch Quelle von Leiden. Wie kann man damit umgehen, wie dieses Leiden überwinden, es fruchtbar machen?

Was ist Ihrer Meinung nach das Schwierigste am zölibatären Leben?

Dominique de Monléon:Als durchgehendes Problem, so scheint mir, die Einsamkeit. Sie ist eine schwere Prüfung: “Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei." (Gen 2,18) Zu diesem Leid gesellt sich der Umstand, daß die Umgebung über die Zeit des Zölibatären verfügt: “Du mußt Dich um Deine Eltern kümmern, um meine Kinder..." Ebenso im Berufsleben: “Du kannst am Samstag arbeiten, bist ja alleinstehend!" Ist der Freiraum des Alleinstehenden nicht erkennbar oder offiziell verplant, wird er negiert. Wer zölibatär lebt, wird nicht als wirklich erwachsen wahrgenommen. Und dabei hat er für alles selber zu sorgen! Die Steuern, der Elektriker, das kaputte Auto - wenn es sich um Frauen handelt. Und für die Männer: der Kauf eines Anzugs, das Bügeln von Hemden, die Knöpfe, die anzunähen sind... Das ist eine Last! Und was noch dazukommt: Man billigt dem Alleinstehenden diese Last nicht zu: “Er hat ja doch nur für sich selbst zu sorgen!" Als ob man Leiden messen oder vergleichen könnte...

Und noch etwas: Familie und Freunde sind auf der Suche nach einer Ursache für das Alleinstehen. Daher regnet es Bemerkungen, Ratschläge - meist in Form von Zweifeln: Ist er (sie) nicht etwas schwierig, zu sehr zurückgezogen, zu aktiv? Hört er (sie) nicht auf den Anruf Gottes?

Was ist die große Herausforderung für Alleinstehende?

de Monléon:Wenn man allein ist, entwickelt sich die Phantasie viel stärker. Man gerät in Gefahr, die Kleinigkeiten des Alltagslebens übertrieben zu sehen, sie zu dramatisieren. Im Gespräch mit dem Ehepartner könnte das auf das richtige Maß zurechtgerückt werden. Aber das ist keine Konstante im zölibatären Leben. Vielen gelingt es sehr gut, im Augenblick zu leben: Sie geben sich hin. Das ist das beste Mittel gegen die wuchernde Einbildungskraft.

Wie kann man ohne Verdrängung keusch leben?

de Monléon:Der Logik der Welt zufolge müßten Zölibatäre zwischen zwei Fehlhaltungen schwanken: Entweder sind sie verklemmt oder sie trösten sich in flüchtigen Beziehungen. Einige tappen in diese Falle und wechseln ununterbrochen den Partner. Und dabei beschränkt sich die Sexualität ja nicht auf den Körper: Das ganze Wesen des Menschen ist geschlechtsbestimmt. Wer als Alleinstehender keusch lebt, an die anderen denkt und sich großzügig für sie einsetzt, verleugnet seine Männlichkeit oder seine Weiblichkeit weit weniger als jemand, der sich in ich-bezogenen Abenteuern verliert.

Sind nicht Angst vor der eigenen Hingabe und Krise der Bindungen Folgen einer Krise der Weiblichkeit?

de Monléon:Unsere Gesellschaft ist sehr individualistisch. Wenn nun die Frau sich auf Verführung verlegt, trägt sie zu diesem Zustand bei: Statt den Partner für die Liebe zu öffnen, bindet sie ihn dann an sich selbst. Um aber wirklich zu sich selbst zu finden, um sein Leben bestimmen und ausrichten zu können, braucht der Mensch diesen Raum der Liebe, der Selbstlosigkeit, der wahren Freiheit. Heute verdrängen manche Frauen ihre Weiblichkeit, indem sie auf Karriere setzen. Das eigentliche Charisma der Frau ist aber nicht so sehr, daß sie sich als höchst leistungsfähig in allen Berufszweigen erweist, sondern daß sie ein Klima, eine Atmosphäre, ein Umfeld zu schaffen vermag, wo andere sich entwickeln und voll entfalten können.

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Und welches ist das spezifische Zeugnis der Zölibatären?

de Monléon:Es gibt Menschen, die den Zölibat erfüllt leben, auch wenn sie darunter leiden, keinen Ehepartner zu haben. Sie legen damit Zeugnis für das eigentliche Wesen des Glücks ab. In einer Gesellschaft, die alles absichern will, bezeugen sie, wie man sich in einer gewissen Beziehungs- und Gefühlsarmut voll entfalten kann. Ihre Lebensfreude verweist auf das Wesen des Glücks: sich von Gott geliebt zu wissen und den Wunsch zu hegen, Ihm zu dienen.

Ohne Gott - lehnt sich da nicht alles gegen den Zölibat auf?

de Monléon:Einsamkeit erträgt man eigentlich nur in Gottes Gegenwart - mit all Seinem Mitleid. Hier rührt man an das Geheimnis von Gethsemani: In Seiner Agonie hat Christus die Last der Einsamkeit all jener getragen, die unter ihr zusammenbrechen. Der große Kampf um die Freiheit - er kann sehr hart sein -, bedeutet, diese Gegenwart zu bejahen, daran zu glauben, daß Gott für jeden einen Heilsplan hat - und einen Schritt nach dem anderen zu setzen, sei er noch so klein. Und im je eigenen Rhythmus. Ein Akt des Glaubens, der Hoffnung, der Hingabe!

Dominique de Monléon hat nach langen Jahren zölibatären Lebens geheiratet und ist Autorin des Buches “Dieu ne m'a pas oublié" (Gott hat mich nicht vergessen), éd. Saint-Paul. Das Interview ist ein Auszug aus “Famille Chrétienne" v. 22.-28.6.02

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