VISION 20004/2002
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Leben aus der Fülle des Glaubens

Artikel drucken Hinführung zum Werk Hans Urs von Balthasars

Hans Urs von Balthasar, der 1905 in Luzern geborene und in Basel 1988 kurz vor der Erhebung in den Kardinalsstand verstorbene Schweizer Theologe, Übersetzer und Verleger, wird international zunehmend rezipiert und beachtet. Die anschwellende und geradezu ausufernde Sekundärliteratur wird vom Basler Hans-Urs-von-Balthasar-Archiv seit kurzem auch über das Internet aktuell zugänglich gemacht.

Wie aber läßt sich ein wirklich lebendiger Zugang zu seinem Werk finden, ohne in akademische Einzelheiten abzugleiten? Einer der ersten, der als junger Theologe 1980 in Slowenien Balthasar eine Dissertation widmete, war Anton Strukelj, jetzt Professor für Dogmatik in Ljubljana und seit einiger Zeit Mitglied der Internationalen Theologischen Kommission des Hl. Stuhls. Als Thema wählte er Balthasars Theologie der christlichen Stände, die in seinem langen Leben behutsam heranreifte und 1977 im Buch “Der christliche Stand" gipfelte.

Diese sehr an den ignatianischen Exerzitien ausgerichtete Darlegung führt zum glühenden und Begeisterung erweckenden Kern der theologischen und spirituellen Sendung Hans Urs von Balthasars. Daher stellt Strukeljs nun auch im Grazer Styria Verlag publizierte Untersuchung auch eine Hinführung zum Gesamtanliegen Balthasars dar.

Balthasar hat damals, als man ihn an vielen theologischen Fakultäten nahezu totschwieg, ein eigenhändiges sehr dichtes Geleitwort verfaßt, das (zusammen mit einem aktuellen Vorwort des Grazer Diözesanbischofs Egon Kapellari) auch der bibliographisch aktualisierten deutschen Übertragung vorangestellt ist.

Strukelj scheut sich nicht, in seiner Arbeit ungewöhnlich viele Originalzitate Balthasars zu verwenden, so daß man bei der Lektüre das Gefühl erhält, nicht “über" Balthasar etwas Kluges oder Abwägendes zu erfahren, sondern dem Genius des Schweizers unmittelbar, oder wie Erich Przywara immer sagte, “Aug in Aug" zu begegnen.

Daß Strukelj Balthasars Gedanken zur Ständefrage, zu den evangelischen Räten und nicht zuletzt zur Frage des Priestertums beinahe unbemerkt und wie von selbst in eine klare und übersichtliche Ordnung bringt, geschieht ohne irgendeinen systematischen Drang, der dem Ursprungsfeuer der Texte Gewalt antäte.

Von den christologisch-trinitarischen und mariologischen Grundlagen christlicher Stände führt die Untersuchung über die Kirchlichkeit der Stände (mit sehr schönen Ausführungen über die “Anima ecclesiastica" und das “Sentire cum ecclesia") zu Balthasars Betonung der “Scheidung der Stände" in einerseits Weltstand und Rätestand, andererseits Priester- und Laienstand.

Hier liegen bis heute in der Berufungspastoral kaum beachtete Impulse bereit. Strukelj behandelt sodann ausführlich Balthasars ignatianische Betrachtung vom “Ruf" und schildert daran anschließend die kirchlichen Stände im einzelnen, wobei besonders die Überlegungen und Zitate zu Priestertum und Zölibat äußerst unzeitgemäß und erhellend sein dürften.

Am Ende werden die für Balthasar charakteristischen sogenannten “Weltgemeinschaften" (ein weiterführender Begriff als der eher kirchenrechtliche “Säkularinstitut") bedacht, von denen er eine selbst zusammen mit der Basler Ärztin und Konvertitin Adrienne von Speyr 1945 als “Johannesgemeinschaft" gegründet hat.

Einen besseren Titel als “Leben aus der Fülle des Glaubens" hätte der Autor seinem Werk, das in Slowenien bereits drei Auflagen erlebte, nicht geben können. “Möge es neue Berufungen hervorrufen", wie Bischof Egon Kapellari im Vorwort wünscht.

Stefan Hartmann

Anton Strukelj, Leben aus der Fülle des Glaubens. Theologie der christlichen Stände bei Hans Urs von Balthasar, Styria, Graz 2002.

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