VISION 20005/2002
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Jesus das Leben übergeben

Artikel drucken Nur der Herr weiß Auswege aus der tiefreichenden Krise unserer Zeit (Von Christof Gaspari)

Den Aufbruch wagen und sich radikal für Gott zu entscheiden, das war für Christen seit jeher die eigentliche Herausforderung. Die Notwendigkeit einer solchen Entschiedenheit war jedoch nicht immer so offenkundig wie heute.

Denn nunmehr befinden wir uns in einer Situation, in der sich ein Großteil der in der Öffentlichkeit wirkenden Akteure in ihrem Tun der Gottlosigkeit verschrieben haben - unausgesprochen oder ausdrücklich: weitgehend gottlos werden die Gesetze gemacht, gottlos wird geforscht, gottlos Recht gesprochen, gottlos unterrichtet, gottlos das Informationsangebot zusammengestellt und an die Menschen herangetragen.

Viele, ja vielleicht sogar die meisten Akteure finden das durchaus ok. “Was soll das?",werden sie fragen, “muß man denn überall den kleinen Jesus hineinmanövrieren?" Keineswegs: Es muß nicht jedes Forschungsprojekt ein Bibelzitat enthalten, nicht in jedem Unterricht die Gottesmutter vorkommen und nicht jedes Gesetz ausdrücklich Bezug auf die zehn Gebote nehmen. Aber weil menschliches Tun geistgeprägt ist, ist es nicht einfach neutral. Und wo nicht der Heilige Geist zum Zug kommt, schleicht sich der Geist des Herrschers der Welt ein.

Das Ergebnis ist entsprechend: Der Mensch hat alles in die Hand genommen. Derzeit ist er dabei, die Steuerung der Lebensprozesse zu durchschauen, um neue Gebilde für seine Zwecke zu schaffen. Nicht einmal davor schreckt er zurück, den Menschen zum Rohmaterial nützlicher Präparate zu degradieren.

Das Nützlichkeitsdenken produziert auch zerstörerische gesellschaftlichen Spielregeln: Der Mensch schwingt sich dazu auf, über Leben und Tod zu entscheiden, mittels Abtreibung, künstlicher Befruchtung, Präimplantationsdiagnostik und Euthanasie Lebensrecht zuzuteilen oder zu entziehen. Durch die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Beziehungen mit der Ehe wird die Grundordnung des Zusammenlebens der Menschen aufgelöst.

Das entscheidend Neue an dieser Situation ist, daß sich die Menschheit heute mit einer bisher ungeahnten Konsequenz und beinahe weltweit jenen Wunsch erfüllt, der die Ursünde im Paradies ausgelöst hatte: Wie Gott sein zu wollen. Vielen mag es scheinen, als wäre das Projekt knapp vor seiner Erfüllung. Manch vorlauter Wissenschaftler spricht es sogar aus und weckt Hoffnung auf die Perspektive, dem Menschen zur Unsterblichkeit zu verhelfen.

Allerdings spüren viele, die nur ein bißchen Abstand vom Alltagstrubel nehmen, daß im normalen Alltag die Tiefendimension verlorengegangen ist. “Wozu lebe ich eigentlich?", fragen sich viele. Bei näherem Hinsehen scheint alles schal, fragwürdig, sinnlos, nur kurzfristig das Interesse oder die Sinne ansprechend... Und vor allem greift eine diffuse Angst um sich: Das gigantische in den letzten 200 Jahren aufgebaute Menschenwerk wirkt äußerst bedroht. Der Jahrestag der Attentate in den USA ist nur ein weiterer Anlaß uns das in Erinnerung zu rufen.

Das Zeugnis so vieler aus dem World-Trade-Center Geretteter macht übrigens auch sehr klar, was in Momenten, in denen das Menschenwerk zu Bruch geht, wirklich trägt: Die Zuflucht beim lebendigen Gott.

Aus all dem wird deutlich: Christen stehen vor der radikalen Herausforderung aufzubrechen - allerdings im massiven Gegenwind. Das macht es ja so schwer. Es ist illusorisch, alles auf eine andere Politik zu setzen, auf andere Schwerpunkte in den Medien, eine besseren Schule, einen ordentlichen Religionsunterrricht, mutige Bischöfen, die prophetisch reden...

Keine Frage - all das wäre sehr wünschenswert. Nur: Voraussichtlich werden sich in diesen Bereichen die Dinge zunächst nicht ändern. Es sie denn, auch dort vollziehen Menschen einen Kurswechsel. Dann müßten sie aber auch die Angst aufzufallen, sich lächerlich zu machen, ablegen. Nur aus eigener Kraft schafft man das nicht, das weiß jeder aus eigener Erfahrung.

Die extreme Herausforderung heute verlangt aber eine extreme Antwort. Und diese Antwort lautet: Nur Gott kann diese Welt retten, nur Er kann uns aus der verfahrenen Situation herausholen, nur Er weiß Auswege aus der unüberblickbaren Misere. Der Aufbruch, um den es heute geht, erfordert eine radikale Hinwendung zum lebendigen Gott, die Hingabe an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Mit bewährten Rezepten für ein ordentliches Leben - so nützlich diese auch sind - werden wird nicht das Auslangen finden, das Hochhalten christlicher Werte wird nicht reichen. Denn es geht nicht um die Verteidigung des christlichen Abendlandes, nicht um die Wiederherstellung einer bewährten Tradition. Es geht darum, daß Gott herrscht.

Das Konzept der Selbsterlösung des Menschen scheitert vor unseren Augen so offenkundig wie nie zuvor. Die einzige Alternative dazu ist die Rückübertragung der Welt an Gott.

Klingt fromm - und sehr weltfremd, wird mancher denken. Wäre es nicht besser endlich massiv aufzutreten? Es den anderen hineinzusagen? Schließlich haben Christen ja gute Argumente bei der Hand, läßt sich doch überall das Scheitern der seit Jahren propagierten Lösungen beobachten: Wirtschaftskrise, überhandnehmende Armut, Umweltprobleme, wohin man schaut... Ich erspare Ihnen, liebe Leser, eine weitere Aufzählung.

Da ist die Versuchung groß, sich die Hände zu reiben und zu sagen: Seht, wir haben es euch immer schon gesagt. Hättet ihr doch auf uns gehört. Tatsächlich hat es ja einiges für sich, wenn man einer Gesellschaft, die sich so viel auf rationale Lösungen zugute hält, die Überlegenheit der christlichen Ansätze unter die Nase reibt.

Allerdings zeigt die Erfahrung, daß solche auf der rationalen Ebene geführten Gespräche oft nicht zum Ziel führen und vielfach in einem Schlagabtausch von Argumenten enden. Allzu leicht wird man als Moralisierer abgestempelt oder verfällt sogar in lieblose Besserwisserei.

Daher dürften unsere Gespräche nicht auf dieser Ebene stehen bleiben. Christus macht uns zwar darauf aufmerksam, daß das Einhalten der Gebote wichtig, ja sogar eine Form ist, in der sich unsere Liebe zu Ihm artikuliert: “Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten" (Joh 14,15). Aber das Entscheidende - auch bei der Erfüllung der Gebote - ist die Liebe zum Herrn.

Von dieser Liebe allerdings reden die Christen im allgemeinen zu wenig. Es ist erstaunlich, welche Scheu da herrscht. Kluge Abhandlungen und Argumente, ja, das gibt es in reicher Auswahl. Aber das begeisterte und daher mitreißende Reden von Jesus Christus selbst, das trifft man nur selten an. Woran das wohl liegt?

Am besten gebe ich an dieser Stelle eine persönliche Antwort: Weil meine Beziehung zum Herrn so unterentwickelt ist. Was könnte ich schon antworten auf die alles entscheidende Frage, die Jesus dem Petrus stellt: “Liebst du mich?" (Joh 21,16f) Da käme wohl ein ziemliches Gestammel heraus. Ja, sicher, ich habe in meinem Leben eine Wende vollzogen, habe wie Petrus erkannt, daß unser Herr “Worte des ewigen Lebens" (Joh 6,68) hat, die ich bei keinem anderen finden werde. Diese Worte haben mir lebensträchtige Wege gewiesen, für die ich sehr dankbar bin. Auch habe ich in vielen Situationen meines Lebens die Erfahrung gemacht, daß mich der Herr konkret geführt hat, daß Er mir beigestanden ist. Ich habe den Herrn auch Wunder wirken sehen - und dennoch.

Allzu stark war die Versuchung, Gott vor den eigenen Karren zu spannen, Ihn zu instrumentalisieren - statt staunend Seine Größe anzubeten und zu bewundern und Ihn wegen Seiner grenzenlos barmherzigen Zuwendung zu uns zu lieben.

Ihn zu lieben, das heißt mich mit meiner ganzen Person für Ihn zu öffnen, Ihm Zutritt zu meinem tiefsten Inneren zu öffnen, wissend, daß vor allem anderen meine Erfüllung darin besteht, daß Sein Reich in mir anbrechen kann. “Dein Reich komme, Dein Wille geschehe", beten wir so oft im Vaterunser. Und dabei denken wir daran, was sich alles in unserer Umgebung, in der weiten Welt, in der Politik, in den Medien ändern müßte. Keine Frage - überall dort müßte sich sehr viel verändern. Aber wie soll das geschehen, wenn nicht zuerst in mir Gott die Herrschaft antritt?

Wenn wir in unseren Tagen die Notwendigkeit eines Aufbruchs so schmerzlich wie kaum je zuvor spüren, so erscheint es mir wichtig, den Ort dieses Aufbruchs klar zu benennen: Ich bin es, der aufbrechen muß, ja aufbrechen darf, damit der Heilige Geist in mir wirken kann, was das Kommen Seines Reiches fördert.

Diesen Aufbruch zu wagen, erfordert meine Bereitschaft, den Herrn immer mehr in allem und jedem, was mein Leben ausmacht, zum Zug kommen zu lassen. “In Deine Hände lege ich meinen Geist" (Lk 23,44). Das geschieht nicht nur einmalig in einem heroischen Entschluß, sondern es muß zu einem Vorgang werden, der mehr und mehr mein ganzes Leben erfaßt. Jeden Morgen bewußt bei Tagesbeginn: nicht als routiniert absolviertes Ritual, sondern als wieder neu gefaßter Vorsatz, heute das Geschehen und meine Begegnungen in Gottes Hände zu legen. Dann gilt es, diesen Entschluß möglichst oft, möglichst konkret zu erneuern, besonders dann, wenn Ärger hochzukommen droht, Hektik überhand zu nehmen beginnt, Verzagtheit oder Ratlosigkeit um sich greifen, die Lieblosigkeit sich zu etablieren beginnt...

Dein Reich komme - nicht irgendwo, nicht irgendwann, sondern jetzt und in mir, damit etwas von der Liebe Gottes durch mich in dieser Welt aufleuchten kann.

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