VISION 20005/2002
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Gott wollte, daß Du lebst

Artikel drucken Jedes Leben hat einen tiefen Sinn (Von P. Karl Wallner OCist)

Wir besitzen das Leben nicht wie eine Armbanduhr oder wie ein Auto oder wie ein Grundstück. Irgendwann einmal ist uns bewußt geworden: Ich lebe! Jeder von uns ist gleichsam in dieses Leben hinein “aufgewacht". An den Augenblick unserer Entstehung haben wir alle nicht die geringste Erinnerung. Und alle anderen um uns wußten damals früher als wir selbst, daß es uns gibt. Und als wir noch im Mutterschoß waren, haben sich Mutter und Vater schon überlegt, welchen Namen sie uns geben werden. Sie haben sich schon überlegt, mit welchem Namen sie uns rufen werden. Und als wir dann Kinder waren, da sind wir nur deshalb, weil uns Mutter und Vater immer wieder bei unserem Namen gerufen haben, mit der Zeit zu unserem “Ich" erwacht.

Wir sind ins Leben “gerufen", sagt die Bibel. Wir verdanken unseren Eltern sehr viel, sie haben zu unserem Leben durch ihre Liebe mitgewirkt, sie haben uns einen Namen gegeben, mit dem wir gerufen werden. Doch noch vor unseren Eltern “allem voraus und zugrunde" gab es einen, der an uns gedacht hat. Einen, der zu uns sagt: “Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt!" (Jer 31,3).

Noch vor den Eltern hat der Schöpfer des Himmels und der Erde uns aus dem Nichts ins Dasein gerufen: Er hat zu uns gesagt: Komm, ich möchte, daß du lebst; ich freue mich auf dich; ja, Dich meine ich! Es soll diese meine Welt nicht ohne dich geben! Gott hat gesagt: Ich will Dich, es soll diesen Kosmos nicht ohne Dich geben!

Am Anfang von allem und an unser aller Ursprung steht nicht irgendetwas, sondern Gott in seiner schöpferischen Liebe. Er hat jede und jeden von uns beim Namen gerufen. Kein Mensch in dieser Welt ist ein Zufallsprodukt oder Blindgänger. Jeder ist ein Original, keiner eine Kopie. Mit jedem hat Gott Besonderes vor.

Auf dem Kalenderblatt heißt es: “Man kann dem Leben nicht mehr Tage geben, aber den Tagen mehr Leben." Viele Menschen wissen nicht, warum sie leben. Sie sehen in ihrem Leben keinen Sinn, weil sie ihren Ursprung nicht kennen: die Liebe Gottes, die uns ins Dasein gerufen hat.

Das erste, was wir bei unserem Nachdenken über Berufung wissen müssen ist: Gott hat uns ins Dasein gerufen, weil er einen Plan mit uns hat.

Das zu wissen, kann unseren Tagen mehr Leben geben, ob wir jung sind oder alt und hochbetagt, ob wir erfolgreich sind oder ein Pechvogel, unbefangen oder durch eine tiefe Verletzung gezeichnet. Ihr Verzagten, richtet Euch auf und bedenkt: Wenn Gott Dich nicht lieben würde, wärst Du nicht in dieser Welt.

Leo Tolstoi sagt: “Liebe deine Geschichte. Sie ist der Weg, den Gott mit dir gegangen ist." Und das Zweite Vatikanische Konzil spricht nachdrücklich von der “hohen Berufung des Menschen" und “erklärt, daß etwas wie ein göttlicher Same in ihn eingesenkt ist." (GS 3).

Gottes Liebe ruft also jeden Menschen ins Dasein. Das ist der Grund für seine hohe Würde, das ist der Grund für die Unantastbarkeit des Lebens, ob es jetzt ungewollt gezeugt oder ungewollt alt ist: Jeder Mensch ist ein Wunder des göttlichen Rufes. Jedes Verbrechen gegen die Heiligkeit des menschlichen Lebens ist ein Verbrechen gegen Gott.

Doch gehen wir einen Schritt weiter: Gott hat uns alle ins Dasein gerufen, aber das Leben ist für viele eine abenteuerliche Reise, ein Herumirren ohne Orientierung.

Wer aufmerksam die Zeichen der Zeit beobachtet, kann eine Entdeckung machen: Bücher, Filme und Bilder haben Konjunktur, die das Leben als Entdeckungsreise beschreiben. Ob in den Weltraum oder in fiktive Welten, ob in den Innenraum der eigenen Seele und des Körpers, ob in ferne Länder, Kulturen und Religionen. Aber was rede ich von Reisebüchern und Filmen über abenteuerliche Reisen: wir fahren ja gerne und weit in der Welt herum. Nicht nur weil wir es uns leisten können, einmal in der Dominikanischen Republik auszuruhen oder in Australien Abenteuer zu erleben usw., sondern weil wir doch alle irgendwie auf der Suche sind. Wir wollen etwas Großes entdecken, etwas Großes erleben.

Das Herumfahren und Herumreisen war ja immer schon ein Abbild des Lebens. Auch die Bibel spricht davon, daß die Glaubenden und das ganze Volk Gottes unterwegs sind, wie auf einer abenteuerlichen Entdeckungsreise.

Die Urgestalt des Aufbruchs ist Abraham. Gott sagt zu ihm: “Geh deinen Weg vor mir und sei rechtschaffen" (Gen 17,1). Und Abraham vertraut diesem Ruf Gottes. Der Glaube gibt ihm festen Boden unter die Füße, so kann er seinen Weg gehen. Paulus nennt Abraham darum den Vater der Glaubenden.

Was ist hier geschehen? Plötzlich hat Gott in die Geschichte eines Menschen hineingesprochen. Gott redet Menschen an, Gott ruft in die Geschichte hinein. Das ist der Beginn der Offenbarung.

Schon das Alte Testament ist voll von Berufungserlebnissen, wo Menschen sich von Gott angesprochen wissen. Sie erleben den Ruf, die Stimme, das Wort Gottes. All diese Begebenheiten weisen gemeinsame Merkmale auf. Zunächst fällt auf, daß Offenbarung immer in Form einer Überraschung geschieht: Gott kommt ganz ungefragt und unerwartet! Er bricht in das Leben ein mit einer Dynamik, die einer Überrumpelung gleicht.

Bitte beachten wir auch: Das Christentum ist nicht eine Religion wie alle anderen auch, wo sich irgendwelche weisen Leute etwas über Gott denken! Nein! Das Besondere der biblischen Offenbarung ist, daß nicht der Mensch sich an Gott herantastet, herandenkt oder heranmeditiert! Sondern die Bewegung ist geradezu umgekehrt: Gott ruft von sich aus den Menschen an: frei, souverän und unerwartet.

Es gibt eine Art “Vorrang" des Handelns Gottes. Das Johannes-Evangelium wird diesen Vorrang auf den Punkt bringen: “Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch er-wählt!" (Joh 15,16)

Die Bibel ist daher eine Symphonie unzähliger Berufungs- und Aufbruchsgeschichten. Keiner beruft sich selbst. Gott ruft. “Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten ..." (Offb 3,20).

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