VISION 20002/2003
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Sie sitzen im Dunkeln und warten auf uns

Artikel drucken In unserer verwirrten Welt sucht die Jugend nach Antworten auf Sinnfragen (Von Urs Keusch)

Ich möchte mit einem Erlebnis beginnen, das mein ganzes späteres Wirken als Seelsorger geprägt hat. Damals war ich noch in meinem ersten (technischen) Beruf tätig und befand mich in einer Phase, wo ich mir ernsthaft überlegte, Theologie zu studieren...

An einem Abend nach der Arbeit fuhr ich zu einem Freund, der in der Jugendarbeit tätig war. Schwere Schneeflocken klatschten auf die Frontscheibe meines Autos. Die Straße führte durch einen Wald. In einer langgezogenen Kurve mitten im Wald glaubte ich auf einmal, ein Kind am Straßenrand sitzen gesehen zu haben. Doch was sieht man nicht alles, wenn es dunkel ist und schneit! Ich fuhr also weiter, zwei, drei Kilometer.

Doch der Gedanke wollte mir nicht aus dem Kopf, es könnte ein Kind gewesen sein. Dummes Zeug, dachte ich mir. Je länger ich dahinfuhr, umso stürmischer bedrängte mich der Gedanke, es könnte doch ein Kind gewesen sein, nicht bloß ein Baumstrunk. Also hielt ich an, wendete und fuhr die ganze Strecke zurück.

Als ich in die Kurve hineinfuhr, wo ich glaubte, das Kind sitzen gesehen zu haben, machte ich die Scheinwerfer an, stieg aus dem Auto, lief auf die Stelle zu und - ich sehe es noch heute, als wäre es gestern gewesen: Ein kleiner, etwa zehnjähriger Junge stellt sich auf die Beine, schaut mich erstaunt an und bleibt wie ein verschneites Bäumchen vor mir stehen. Ganz erschrocken frage ich ihn: “Was tust Du da, mitten im Wald?" Und er gibt mir seelenruhig zur Antwort: “Ich habe auf Dich gewartet!" (Der Knabe war aus einem Kinderheim ausgerissen, wohin ich ihn dann zurückgebracht habe.)

“Ich habe auf Dich gewartet!" Wenige Wochen nach diesem Erlebnis habe ich meine Stelle gekündigt und mich in den Dienst der Jugendarbeit gestellt.

Ich denke mir, dieser kleine Junge spricht für die Kinder und die jungen Menschen überhaupt: “Wir warten auf Dich. Wir warten auf Euch. Wir sitzen im Regen. Wir sitzen im Dunkeln. Wir frieren. An uns rasen alle vorbei. Wir sind ausgerissen und finden nicht mehr nach Hause. Ihr müßt uns helfen."

Es gehört zu den schmerzlichsten Tatsachen, daß weitherum in der Kirche für die jungen Menschen viel zu wenig getan wird. Man vergißt sie. Man glaubt, sie bräuchten uns nicht. Wir lassen sie am Straßenrand sitzen. Gewiß wird heute noch in den meisten Pfarreien schulischer Religionsunterricht erteilt. Aber jeder, der darin Erfahrung hat, weiß, wie schwierig es geworden ist, in diesem Umfeld junge Menschen innerlich für Christus zu gewinnen, mit ihnen über Jahre hinweg einen Weg des Glaubens und der Liebe zu gehen.

Und ich denke hier vor allem an die Jungen, die nicht mehr zur Schule gehen, die eine Lehre machen oder studieren und den Draht zur Kirche verloren haben. Denn es gibt unter ihnen gar nicht wenige, die ernsthaft nach Gott fragen, nach dem Sinn des Lebens, nach einer sinnvollen Zukunft. Und die sich sehnen nach einer Gemeinschaft gleichgesinnter junger Menschen!

Ich habe es in den letzten Jahren oft erlebt, daß ich solchen Jungen im Umkreis von zehn, 20 oder mehr Kilometern keine kirchliche Jugendgruppe empfehlen konnte, in der sie hätten Anschluß finden können - weil es schlichtweg keine gab!

Wie oft habe ich erlebt, daß sich dann solche Jugendliche freikirchlichen Jugendgruppen angeschlossen haben, wo gemeinsam die Heilige Schrift gelesen wird, wo man zusammen betet, diskutiert und sich an den ethischen Idealen der Bibel ausrichtet. Ja, ich kenne katholische Eltern, die sich vergeblich für ihre heranwachsenden Jugendlichen nach kirchlichen Jugendgruppen umgesehen haben und diese heute in evangelischen und freikirchlichen Gruppen bestens aufgehoben wissen.

Ich habe es selbst in meiner Jugend so erlebt. Damals war auch ich, wie viele junge Menschen in der Zeit ihrer Identitätsfindung, meilenweit von der Kirche entfernt, ohne für die tieferen Fragen des Lebens einfach gleichgültig zu sein. Ich war in Zürich. Junge Leute, die Christen waren, sprachen mich auf der Straße an und luden mich zu ihrer Zeltmission ein. Ich bin hingegangen, immer wieder, und habe dort meinen “Jesuskick" bekommen. Irgendwie habe auch ich auf sie gewartet. Sie kamen jedenfalls zur rechten Zeit. Wären sie nicht gekommen, würde ich wohl diesen Artikel nicht schreiben.

“Ich habe auf Dich gewartet!" - das ist auch heute so und wird immer so bleiben.

Als Christus kam, ist Er auch auf die Straßen zu den Menschen gegangen. Er hat sich nicht in den Tempel gesetzt und dort auf die Leute gewartet. Er hat keine kostenschweren Inserate- und Flugblattkampagnen gestartet, um wenigstens zwei, drei verlorene Seelen zu gewinnen. Nein. Er kam als der Gute Hirte, der Seinen verlorenen Schafen nachgeht (Joh 10). Und so verläuft auch unser Weg, wenn wir wirklich Jünger des Herrn sein wollen. Ich denke, wir könnten in diesem Punkt von evangelischen und freikirchlichen Bewegungen lernen:

* Eltern, denen daran gelegen ist, daß ihre Kinder tiefer in den Glauben eingeführt werden, als das im schulischen Religionsunterricht möglich ist, sollten sich mit ihren Seelsorgern zusammentun und gemeinsam mit ihnen nach Wegen der religiösen Vertiefung für ihre Kinder suchen. Das können außerschulische Angebote sein: Tagungen, Sommerlager, Gottesdienste usw. An manchen Orten existieren solche Angebote bereits (siehe Artikel über Pöllau).

* Vermehrt sollten kirchliche Erneuerungsbewegungen in einen solchen Prozeß einbezogen werden. Wichtig scheint mir, daß alles im Geist der Einheit mit der Kirche und in der Liebe zu ihr und den jungen Menschen geschieht. “Liebe zu den Jungen ist das geeignetste Mittel, ihnen Gutes zu tun. Unsere Sachen müssen wir mit Geduld und Liebe zum gewünschten Ziel führen." So rät uns der hl. Johannes Bosco.

Ich bete seit vielen Jahren um ein großes Geschenk vom Himmel (und vielleicht tun Sie es mit mir!): Daß Gottes Liebe uns wieder viele Menschen schenke, die sich in der Liebe und der Freude des Heiligen Geistes auf die Straßen hinaus wagen, wo die jungen Menschen sich aufhalten, um sie in Geduld und Liebe für Christus zu gewinnen.

Ja, ich sehe Menschen vor mir, Frauen und Männer, die ihre ganze Liebe der Jugend schenken, die ihre Familie in denen finden, die keine Familie haben, und die bereit sind, auch ihr Leben für sie hinzugeben (Joh 10,11).

Haben das nicht alle großen Freunde der Jugend unserer Kirche getan, nicht nur der katholischen, sondern auch bei unseren Mitchristen? Ich denke an einen heiligen Don Bosco, eine heilige Maria Mazzarello, einen P. Brisson, an Leonie Aviat, die letztes Jahr heiliggesprochen wurde. Aber ich denke auch an große Menschen und Christen wie Johann Heinrich Pestalozzi. Seine ganze Liebe galt der christlichen Bildung der jungen Menschen.

Was war das Geheimnis all dieser großen Erzieher und Freunde der Jugend? Was macht das Geheimnis eines heiligen Don Bosco aus, von dem gesagt wird, er habe über 100.000 Jugendlichen einen besseren Weg gezeigt? Das Geheimnis heißt: Liebe. Es ist die Liebe, von der Paulus sagt: Sie drängt uns (2Kor 5,14).

Diese Liebe war es, die alle Freunde der Kinder und Jugendlichen auf die Straßen gedrängt hat. Diese Liebe ist es auch, die heute den Papst hin zur Jugend drängt. Diese Liebe ist es, die in vielen Jugendlichen die Liebe und die Verehrung zu ihm weckt. Von Don Bosco gibt es ein wunderbares Wort, das Eltern und alle, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, sich immer vor Augen halten sollten:

“Das wirksamste Werk, um die Sünden nachgelassen zu bekommen und einmal das ewige Glück zu erreichen, ist die Liebe, die den Kindern erwiesen wird." Und Gleiches gilt für die Liebe zu den Jugendlichen. Dann fährt Don Bosco fort: “Wer beliebt sein will, beweise, daß er liebt. Wer weiß, daß er geliebt wird, liebt wieder, und wer beliebt ist, erhält alles, vor allem von den Jungen."

Wenn wir heute den Glauben an die jungen Menschen weitergeben wollen, dann geschieht das vor allem durch jene Menschen, die von der Liebe Gottes erfüllt sind und von dieser Liebe gedrängt werden. Das sagt auch Don Bosco: “Im Bemühen, junge Menschen für Gott zu gewinnen, gilt eine Unze Frömmigkeit so viel wie 1.000 Kilogramm Wissenschaft."

Mit welchem Aufgebot an Psychologie, Theologie, Pädagogik, Didaktik, Methodik gehen wir heute auf die jungen Menschen zu - und wie wenig erreichen wir gewöhnlich! Doch wie sieghaft ist jene Liebe, die wir im Gebet von Gott erbitten und die uns vor keiner Herausforderung kapitulieren läßt. “Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit." (2Tim 1,7)

Ja, es geht bei der Weitergabe des Glaubens vor allem um die Liebe. Das bestätigt mir auch eine Vision-Leserin, die mir neulich geschrieben hat. Mit einer Freundin, die Kindergärtnerin ist, leitet sie einen Kindergebetskreis. Sie schreibt: “Wir haben in unserer Gruppe Kinder, deren Eltern weitgehend dem Glauben fernstehend sind. Die Kinder kommen, weil sie ihre Kindergärtnerin lieben, die sie eingeladen hat." - Weil sie die Kindergärtnerin lieben, kommen die Kinder. Das ist das Geheimnis!

Noch ein letzter Gedanke. Ich erlebe es immer wieder, wie verzweifelt gläubige Eltern sein können, wenn sie nach und nach erleben müssen, wie ihre heranwachsenden Kinder auf einmal auf Protest umschalten, von der Kirche (vorübergehend) nichts wissen wollen und eigene Wege gehen. Sie sollen wissen, daß dies bis zu einem gewissen Grad in der Zeit der Identitätsfindung natürlich und auch notwendig ist.

Eltern sollten nie vergessen, daß Gottes Liebe ihre Kinder liebt und unendlich mehr liebt, als sie selbst es tun. Diese Liebe geht ihren Kindern nach, wie ein guter Hirte seinen Schäflein nachgeht, das ihm davongaloppiert. Das liebenswürdige Wort, das der Papst zu den Kindern in Innsbruck beim Kinderfest gesprochen hat (27. Juni 1988), gilt auch Ihrem Sohn, Ihrer Tochter ganz persönlich: “Niemand liebt dich so wie Er. Niemand gibt soviel um Dich!"

Christus liebt die jungen Menschen mit einer Liebe, für die wir keine Begriffe und Vorstellung haben. Das sollten Eltern nie vergessen. So werden sie die schwierige Zeit mit ihren heranwachsenden Kindern viel gelassener überstehen. Sie dürfen wissen, daß sie in dieser Phase der Entwicklung ihrer Kinder für diese unendlich mehr tun, wenn sie nicht aufhören, diese zu lieben, täglich für sie zu beten, sie jeden Tag zu segnen und sie ganz der gütigen Fürsorge Gottes anzuvertrauen, als wenn sie in ihrer Verzweiflung täglich auf sie einreden. Es gilt auch hier: “Wer seine Kinder (in Gott) verlieren kann, wird sie gewinnen."

Noch ein letzter Rat: “Vergeßt niemals die Liebenswürdigkeit im Umgang mit den Jugendlichen; ihr gewinnt die Herzen der Jugend nur durch Liebe."

Der Autor ist Priester und wohnt in der Schweiz.

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