VISION 20004/2003
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Straßenwerbung für Christus (II.)

Artikel drucken Erlebnisse vor und während der Stadtmission

Wie vielfältig die Erfahrungen und Eindrücke dieser Tage der Stadtmission und ihrer Vorbereitung waren, zeigt auch der folgende Rückblick unseres Mitarbeiters Helmut Hubeny:

Eine “Frucht" der Stadtmission war für mich schon in der Vorbereitungszeit spürbar - sozusagen eine Frühernte. Ich war als “Pfarrbetreuer" eingesetzt, der für die Verbindung zwischen dem Organisationsteam und den “Kontaktpersonen" in den Pfarren zu sorgen hatte. Den Austausch mit “meinen" fünf Pfarren erlebte ich als wohltuend und wurde von allen freundlich und interessiert angenommen, auch dann, wenn sich Skepsis und Kritik meldete.

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Ich hatte es auch übernommen, für die behördlichen Bewilligungen einiger Straßenaktionen zu sorgen. Obwohl wir spät dran waren, bemühten sich alle beteiligten Verantwortlichen der Stadt Wien, der Polizei und der Bezirksvertretungen um rechtzeitige Genehmigung. Nach Abschluß der Verhandlungen folgte ich dem Rat eines Freundes und erklärte stets lächelnd: “Wir wollen uns auf christliche Art für Ihren Einsatz bedanken. Bitte sagen sie mir ein Anliegen, das Ihnen wichtig ist - unsere ganze Gruppe wird dafür beten."

Beim ersten Mal kostete mich das ein wenig Überwindung. Aber seit ich das zuerst verwunderte und dann immer berührende Lächeln in den Gesichtern aller Gesprächspartner gesehen habe, bin ich fasziniert von dieser unaufdringlichen Möglichkeit, für Christus neue Türen zu öffnen. Weil wir seither dieses bewährte Angebot auch in neuen Situationen machen, beten wir für die Gesundheit von immer mehr Betroffenen und ihrer Kinder, für das Gelingen ihrer Beziehungen, für ihr Glück ....

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Straßenmission - für mich eine Premiere. Zum ersten Mal in meinem Leben stand ich ausschließlich zu dem Zweck auf der Straße, um für Christus einzuladen - einmal am Praterstern, einmal in der Mariahilferstraße. Da erlebte ich Christi Anwesenheit, weil wir zu in Seinem Namen beisammen standen, gemeinsam im Gebet mit Renate, mit Anne-Sophie. Und da nahm ich die vielen vorbeiströmenden Menschen ein wenig mehr mit Seinen Augen wahr - als Menschen in ihrer von Gott gestalteten Verschiedenheit, nicht als unterschiedslose Passanten. Und ich erlebte, wie viele an Ihm vorbei laufen, wie schwer sie Seine Einladung annehmen; und daß wir nicht aufhören dürfen, mit offenem Herzen einzuladen. Daß wir nur für die unbekümmerte, fröhliche Einladung und nicht für irgend einen meßbaren Erfolg verantwortlich waren, fand ich ungeheuer erleichternd.

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Aus der Schar derer, die an mir vorbei liefen, grüßte mich plötzlich strahlend ein junger Mann in Begleitung seiner Frau und seiner zwei kleinen Buben: “Erinnern Sie sich, ich war für die Bezirksvertretung bei der Verhandlung für die Platzgenehmigung?" Da erkannte ich ihn mit großer Freude, zeigte ihm stolz, wie genau wir uns an die Vereinbarungen hielten und begleitete ihn einige Schritte auf seinem Weg in den Prater. Ich erzählte ihm mit wenigen Worten von meiner Begeisterung für Christus und vom Sinn der Stadtmission. “Wissen's, mit der Kirche hab' ich nicht viel am Hut, da hab' ich seit Jahren Schwierigkeiten. Vielleicht wär' alles anders, wenn mir so freundliche Leute wie Sie begegnet wären."

“Dort gibt es viele andere ..." meinte ich zuversichtlich, zeigte auf unsere singende Gruppe und verabschiedete mich. Ein wenig später kam ein Mann zu mir zurück, dem ich zuvor ein Programm der Stadtmission überreicht hatte. “Sind Sie Diakon?" fragte er, “mir geht es schlecht". Ich erklärte ihm, daß ich ein einfacher Christ sei.

Dann erzählte er mir in ungeübtem Deutsch mit mehrfachen Entschuldigungen seine Geschichte: er, seine Frau und seine beiden Kinder wären seit drei Jahren legal in Österreich, hätten aber keine Arbeitsbewilligung. Um leben zu können, müßten die Eltern also schwarz arbeiten. Er zeigte mir seine “vorläufige Aufenthaltsgenehmigung" und berichtete vom dreifachen vergeblichen Ansuchen seiner früheren Firma um Arbeitsbewilligung. Teilnahmsvoll, aber hilflos hörte ich zu. Nur keine zu frommen Worten, dachte ich. Doch wir konnten uns mit offenen Blicken so gut verständigen, daß mir der Mann Adresse und Telefonnummer anvertraute. Mit dem Versprechen, in meinem Bekanntenkreis Hilfe zur Problemlösung zu suchen, verabschiedeten wir uns freundschaftlich (Anmerkung: der Vorgang ist in Bewegung - wenn auch schleppend).

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Kleine Szene vom Dialogvortrag von Kardinal Christoph Schönborn und Professor Paul Zulehner: Nach der Eröffnungsthese des Bischofs sollte der Professor antworten - doch dessen Mikrofon war ausgefallen. Freundlich tauschten die beiden ihre Rednerpulte, der Kardinal überließ dem Wissenschaftler sein Mikrofon, auch nach Behebung des technischen Fehlers. “Wenn es doch immer so leicht wäre, daß Lehramt und Wissenschaft den Platz tauschen könnten!" Diese schmunzelnd vorgebrachte Bemerkung Professor Zulehners wurde von den Kongreßteilnehmern mit viel fröhlichem Applaus bedacht.

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Andrea Riccardi, Gründer der Gemeinschaft Sant' Egidio in Rom, und Pater Georg Sporschill, Leiter der Initiative “Concordia" in Bukarest, haben mich zutiefst angesprochen mit ihren Erfahrungsberichten über ihre Freundschaft mit den Armen. Sie haben mir geholfen, mein widersprüchliches, von schlechtem Gewissen geprägtes Verhalten gegenüber Bettlern zumindest ein wenig zu korrigieren. Sie nannten es die Schule der Propheten, den an den Rand gedrängten Menschen “auf gleicher Augenhöhe" zu begegnen. Meine zaghaften Versuche am gleichen Tag brachten mir die überraschende Bestätigung. Ich ließ mich also versuchsweise mehrmals in die tiefe Hocke, um mit meinem geduldig wartenden Gegenüber auf Augenhöhe zu kommen, lächelte scheu, grüßte leise und drückte ihm eine Münze in die Hand. Und jedesmal kam ein vorsichtiger Blick und ein Danke mit einem ebenfalls scheuen Lächeln zurück - im übrigen trage ich seit dem Kongreß stets mehrere 50-Cent-Münzen in der Hosentasche.

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Ein großer Eindruck war die bunte Vielfalt der Kongreß-Impulse - inspirierte Analysen, temperamentvolle Zeugnisse, ermutigende Erfahrungsberichte und hoffnungsvolle Aufrufe von erfahrenen Pionieren -, alles perfekt in vier Sprachen simultan übersetzt, dazwischen schwungvolle Lieder, Lachen und Klatschen. Es gab Zeiten der großen Meßfeier, der stillen Anbetung, der Einkehr und der Umkehr. Das bunte Spektakel auf der Bühne vor dem Dom war eine Einladung an alle Besucher des Stadtzentrums.

Ich habe den Dom zuletzt vor 30 Jahren im eher geschlossenen Kreis der damaligen “charismatischen" Bewegungen so erlebt. Heute ist es für mich ein ermutigendes Zeichen, daß sich die “klassische" Diözese den fröhlichen Stil - diesmal getragen von der jugendlichen Gemeinschaft Emanuel - endlich zu eigen gemacht hat.

Ich wünschte mir, daß sehr viel mehr ermüdete Wiener diese gemeinsame Freude mit Christus erfahren hätten. Und ich hoffe sehr, daß die Lebendigkeit nicht mit falsch verstandener Berufung auf “Ehrfurcht" erstickt wird.

Helmut Hubeny

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