VISION 20004/2003
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Wir müssen zuerst uns selbst evangelisieren, Tag für Tag

Artikel drucken Zeugnis einer mitreißenden Liebe zu Gott und den Menschen (Von Sr. Elvira Petrozzi)

Einer der Höhepunkte der Stadtmission war das Zeugnis von Schwester Elvira, der Gründerin der Gemeinschaft “Cenacolo", in der Drogensüchtige Heilung, Glauben, ja das Leben finden.

Ich bin eine Frau, die die Folgen des materiellen Überflusses dieser Zeit, ihr Unglück und ihre Enttäuschungen erlebt, die Traurigkeit, die Wut und Gewalttätigkeit, die sie bei jungen Leuten heute erzeugt. Sie sind wahre Trümmerhaufen, Ruinen. Betrachtet man sie aus der Sicht der materiellen Versorgung, sieht es aus, als ob ihnen nichts fehlen würde. Aber es fehlt ihnen etwas Entscheidendes - und ich erlebe das seit gut 20 Jahren, in denen ich mit Drogenabhängigen lebe: Es fehlt ihnen die Freude, die Liebe.

Was uns diese jungen Leute sagen, ist sehr weise. Es ist prophetisch. Sie sind an den Rand des Todes geraten - auch physisch. Sie haben den Tod des Herzens, der Hoffnung, des Vertrauens, den Tod der Liebe erlebt. Sie ist ja der größte Wunsch, der in uns lebt.

In unserer Gemeinschaft nun spüren wir die Liebe Christi, der sich besonders den Sündern zuwendet, uns leidenschaftlich liebt, ja der geradezu vor seinen Kindern kniet. Daher haben wir Wunder erlebt, die sich in den Herzen der jungen Leute, die wir betreuen, abgespielt haben.

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Unsere Spezialität ist die Liebe. Jesus hat uns gesagt, daß wir einander lieben sollten. Diese Liebe ist der wahre Wohlstand. Überall, wo wir sind, können wir lieben, verzeihen, einander umarmen, einander dienen und die Füße waschen - mit dem, was wir sind. Manchmal reicht auch ein Lächeln, und der andere fühlt sich schon erhoben. Ein Interesse am anderen - und er fühlt sich wichtig. Wir müssen einfach glauben, daß der Mensch im Zentrum der Welt steht. In ihm können wir Gott sehen, das Antlitz Seines Sohnes Jesus. Auch wenn es um schwache Leute geht, um Sandler, um Drogensüchtige. Alle, alle tragen das Antlitz Gottes. Diese Einsicht hat mein Leben bestimmt und in mir einen Elan entfacht, der vor keinen Schwierigkeiten zurückschreckt.

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In den 20 Jahren haben wir uns immer auf die Vorsehung verlassen. Jesus hat uns ja gesagt, wir sollten uns keine Sorgen machen. Der Vater weiß ja alles, er weiß, was wir brauchen. Wir haben das am eigenen Leib erfahren. In dieser Zeit sind wir nie in ein Geschäft einkaufen gegangen. Wir haben gewartet - und auf die göttliche Vorsehung vertraut.

Am Anfang war das auch eine Erfahrung der Armut. Wenn abends fast nichts zu essen da war, haben wir eben ein Marmeladebrot gegessen. Das, was die Vorsehung uns geschickt hat.

Das hat uns eine große Freiheit beschert. Wir waren frei. Hätten wir Geld gehabt, so hätten wir etwas gekauft, hätten uns aber gesorgt, ob wir weiterhin genug davon haben würden. Das hätte uns beschäftigt und uns Zeit genommen, uns Gott zuzuwenden. Dieses Sorgen um den Leib darf keinen Vorrang haben.

Alle laufen dem Geld nach. Zum Glück hat mir der Herr diese Abhängigkeit erspart. Wir haben es vorgezogen, frei zu sein: Was nicht da ist, ist nicht da. Welch herrliche Freiheit! Diese Freiheit eröffnet den Raum für Gesten der Liebe, der Demut, des Friedens, der Solidarität.

Was haben wir gemacht, wenn es nichts zu essen gab? Ich habe nicht gesagt: Geht in die Kapelle und betet, bis ihr in Verzückung geratet. Vielmehr haben wir etwas gemeinsam unternommen, Ball gespielt - als Ersatz, um den Hunger nicht zu verspüren.

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Die Evangelisation muß vom Inneren des Menschen ausgehen. Wir begehen oft den Irrtum, daß wir andere evangelisieren wollen. Aber wir müssen zuerst uns selbst evangelisieren - Tag für Tag, von früh bis spät. Darum geht es. Wir müssen im Einklang mit dem leben, was Jesus für uns getan hat. Es kommt also auf dich an, auf dein Verhalten, auf dein Gewissen, das frei vom Bösen, von Falschheit, von Ängsten sein soll. Ja, seien wir doch frei von Ängsten! Was kann uns schon passieren - außer daß wir ins Paradies kommen? Wir müssen dem Herrn glauben wollen, daß Er uns alles gegeben hat. Wirklich! Er hat uns die Freiheit gegeben, das Gute zu wollen.

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Das Ertragen des anderen ist eine wesentliche Geste der Evangelisation. Auf diese Weise entsteht eine Gemeinschaft, in der man sich wohlfühlt. Wenn du beginnst, dich so zu verhalten, dann ist jeder ein wunderbares Wort der Hoffnung. Wenn dich einer beleidigt hat, bist du frei zu antworten und ihn einen Dummkopf zu nennen. Du bist aber auch frei zu schweigen. Wenn du schweigst, bist du stark. So beginnst du den Weg der Freiheit zu beschreiten.

Wir haben einen Slogan ausgegeben: Wirst du provoziert, erniedrigt, dann schweige, schlucke es hinunter und leide. Dieses dein Leiden ist viel eloquenter als deine Rechtfertigung, deine Erklärungen. Wenn du leidest, wird dem anderen ein Licht aufgehen. Er wird dein Freund werden.

Möglich ist das nur, wenn wir ein großes Fest der Freude an Gott in unserem Herzen tragen. Das Schönste auf der Welt ist, gut zu sein. Wir sind frei, gut zu sein.

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Zu Beginn, als ich mit der Gemeinschaft begonnen habe, kamen die Wohlmeinenden und sagten: “Elvira, du zwingst deine Religion den anderen auf, du läßt sie beten." Darauf ich: “Was heißt das, welche Religion? Hast du nicht verstanden, daß unser Glaube nicht Religion ist? Was wir Religion nennen, ist Gott, der zu uns herabgestiegen ist. Und um ihn zu treffen, müssen auch wir herabsteigen. Jesus hat uns gesagt: Werdet wie die Kinder! So einfach ist das. Wir können nur wiederholen: Selig sind wir, wenn wir es schaffen, vielleicht auch nur ganz wenig, dieser Wahrheit nahezukommen. Nur ganz wenig der Liebe, dem Mut, der Kraft Jesu nahezukommen."

“Ja, aber die die jungen Leute werden zu etwas gezwungen..." “Sicher, sie werden zu etwas gezwungen. Aber ich will sie nicht täuschen. Und deshalb biete ich ihnen an, was ich aus meiner Erfahrung kenne."

Als ich noch eine junge und verzweifelte Frau war und mich mit Gott durch die Beichte versöhnte, bin ich glücklich geworden - bis heute. Also biete ich den jungen Leuten meine Erfahrungen an. Und sie heißt: Wenn ich fähig bin, ein Unrecht, eine Verleumdung zu verzeihen, so macht das zwar ein bißchen Mühe, es schenkt mir aber die Freiheit.

Behalte ich den Haß in mir, so nimmt mir das die Freude, die Freude, die uns Jesus gebracht hat und die bleiben muß.

So habe ich mir angewöhnt, für jene, die mich kränken, zu beten. Ich bitte: Herr, segne diese Person. Schenke ihm das, worum er dich bittet - auf die Fürsprache der Madonna. Dann kann der Herr nicht nein sagen.

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Die Kraft unserer Freude kommt aus den Knien. Wir dürfen uns nicht täuschen: Sie kommt nicht von uns. Wir besitzen weder Kraft, Freude, noch Liebe im Doppelpack. Unsere Kraft liegt in der Hoffnung auf einen anderen. Es ist die Kraft Gottes. Wir erfahren die Auferstehung Gottes am eigenen Leib.

Der Herr zwingt uns nicht. Aber weil wir die Kraft und den Frieden Gottes um jeden Preis wollen, gewährt Er uns all das. Deshalb habe ich gesagt: Die erste Adresse der Evangelisation, das bist du selbst - du in Christus Jesus. Du, täglich erneuert in einer bestimmten historischen Situation, in einem bestimmten Umfeld, in denen du die Kraft, die Liebe, die Freude, den Frieden Gottes enthüllst.

Auszüge aus ihrem Vortrag im Wiener Stephansdom.

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