VISION 20004/2003
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Ich lebe sozusagen immer über meine Verhältnisse

Artikel drucken Gespräch mit dem Kölner Erzbischof über die Hoffnung, die ihn trägt

Von welcher Hoffnung sind Sie getragen, Herr Kardinal?

Kardinal Joachim Meisner: Ich habe in meinem Bischofswappen das Wort stehen: Spes nostra firma est pro vobis - unsere Hoffnung für Euch steht fest. Das bewegt eigentlich auch mein ganzes Dasein als Bischof. Dazu muß ich Ihnen eine längere Geschichte erzählen. Ich bin praktisch überfallen worden mit der Nachricht: “Du mußt Dich über Nacht, also bis morgen früh, entschieden haben - Du sollst Weihbischof werden." Ich durfte mich nur mit meinem geistlichen Berater besprechen. Und der war nicht aufzufinden. Eigentlich hatte ich keinen Mut zu diesem Schritt. Da habe ich das Neue Testament zur Hand genommen und gesagt: “Heiliger Geist, Du bist ja der eigentliche geistliche Begleiter. Ich schlage jetzt blind die Bibel auf. Gib Du mir einen Hinweis!" Ich habe damals Johannes 6, das berühmte Kapitel der wunderbaren Brotvermehrung, aufgeschlagen. Und da habe ich mich in dieser rührenden Randfigur entdeckt, dem kleinen Jungen. Er läßt sich vom Herrn in die Mitte rufen und das Wenige, das der Bub hat, händigt er dem Herrn aus und wird damit ein Hungerleider wie die anderen auch. Er gibt das wenige nicht irgendwohin, sondern in die Hände des Herrn. Und da wird aus dem Mangel die Fülle. Die Überfülle wird dann in den zwölf Brotkörben eingesammelt. In ihnen ist der nie aufzubrauchende Überfluß Gottes in der Kirche enthalten. Darum habe ich mir einen Brotkorb in mein Bischofswappen gesetzt. Das heißt: Meine Hoffnung nährt sich vom Überfluß Gottes in Seiner Kirche und in meinem Leben. Ich lebe sozusagen immer über die Verhältnisse. Als ginge ich einkaufen und kaufte immer mehr, als ich Geld in der Tasche habe. Das mache ich im Vorgriff auf die Fülle Gottes, der mich nicht hängen lässt.

Können Sie uns das anhand einer Begebenheit aus Ihrem Leben illustrieren?

Meisner: Da gäbe es so vieles zu erzählen. Ich sage es mal an einem konkreten Beispiel. Als ich noch Bischof in Berlin war und vorher Weihbischof in Erfurt, durfte ich der tschechischen Kirche sehr viel helfen. Ich habe damals gesagt: “Ihr könnt immer zu mir kommen, wenn Ihr mich braucht." Mein Sekretär sagte mir darauf: “Hoffentlich kommen die nicht zu viel zu Ihnen." Als Weihbischof hat man ja keine Priesterweihen. Und als Bischof in Berlin hatte ich sehr wenige. In dieser Zeit aber habe ich 60 jungen Männern, die heimlich in Tschechien auf die Priesterweihe vorbereitet worden waren, die Priesterweihe gespendet. Bevor ich Erzbischof von Köln wurde, habe ich mehr geheime Priesterweihen gehabt als öffentliche. Ich hatte kein Seminar mit Theologen und doch so viele Priesterweihen. Ich habe sie immer nachts in Berlin gespendet. Da hatten wir einen ganz bestimmten Geheimcode. Die DDR war damals nämlich die einzige offene Tür, durch die Tschechen außer Landes gehen konnten. Polen war schon verschlossen. Damals ist mir klar geworden: Ich hatte eigentlich leere Taschen und trotzdem volle Hände. Heute sind diese Priester alle im Dienst ihrer Diözesen und Orden.

Sie werden das Weltjugendtreffen im Jahr 2005 beherbergen. Welche Hoffnung verbinden Sie mit diesem Ereignis?

Meisner: Lassen Sie mich davor noch etwas sagen: Ich habe dem Papst einmal gesagt: “Heiliger Vater, ich habe auf keinem Gebiet so viel innere und äußere Kraft investiert wie im Bereich des Priestertums. Aber auf keinem Gebiet war ich auch so erfolglos wie auf diesem." Da sagte der Papst: “Ich war in Polen als Erzbischof mit Priesterberufungen auch nicht an erster Stelle. Da geht es um Gnade. Man kann die Priester nicht machen." Im Neuen Testament gibt es ja wenige Spezialanweisungen des Herrn für bestimmte Probleme. Eine Ausnahme gibt es: die geistlichen Berufungen. Dort sagt der Herr: Bittet den Herrn der Ernte um Arbeiter für die Ernte. Offenbar hatte ich nicht genug gebetet. Also sagte ich anderen Christen: “Sie müssen mir bitten helfen." Ich habe dann eine Bewegung gegründet “Rogamus". Und siehe da: Unser eigenes Priesterseminar ist mittlerweile auf 35 Priesterstudenten angewachsen. Und dann haben wir noch ein zweites vom Neokatechumenat auch mit ungefähr 35, so daß ich jetzt 70 Priesteramtskandidaten in der Diözese habe. Man muß Gott eben beim Wort nehmen: Du hast uns das gesagt - und ich halte mich einfach daran. Jetzt bitte laß uns nicht im Stich! Aus der geistlichen Armut heraus darf man das auch, so die arme Witwe aus dem Evangelium, die so viel Krach vor der Tür des Richters macht, bis ihr Anliegen gehört wird...

Zurück zu Ihrer Hoffnung für das Jugendtreffen 2005 ...

Meisner: Ich hoffe sehr stark, daß der europäischen Jugend, aber auch den Jugendlichen aus aller Welt die Freude an Gott, die unsere Stärke ist, geschenkt wird. Das Thema, das der Papst im Hinblick auf Köln gewählt hat, lautet: “Sie fielen vor ihm nieder und beteten ihn an". In der Anbetung durchbricht der Mensch alle Schallmauern der Verzweckung und Verendlichung. Dort tritt er in die wahre Freiheit der Kinder Gottes ein. Er kommt hier auf eine Augenhöhe mit Gott. Man kann sich ja gegen Gott eigentlich nicht wehren, denn Gott ist so faszinierend! Ich hoffe, daß die jungen Menschen hier Geschmack an Gott finden. Dieser Gott schmeckt immer nach mehr. Das Weltjugendtreffen soll kein Strohfeuer sein. Es soll eine unwahrscheinliche Erneuerung der Katholischen Kirche, der Kirche in Europa und in der Welt bringen.

Viele meinen, im deutschsprachigen Raum sei alles dürr und abgestorben. Was antworten Sie Menschen, die das so sehen?

Meisner: Eigentlich stimmt das nicht. Wenn mir manchmal Leute sagen: “Angesichts dieser Lage müssen Sie sich etwas einfallen lassen!" -, dann antworte ich: Nicht nach der Logik der Werbung, sondern nach der Logik Jesu. Bei der wunderbaren Brotvermehrung sind Ihm so viele Leute nachgelaufen. Dann hat er die berühmte Brotpredigt gehalten: Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt ... Und da hieß es: Diese Rede empfanden viele als hart und viele gingen nicht mehr mit Ihm. Und jetzt sagt Jesus zur dieser Handvoll, die noch da war, nicht: Bleibt da, ich mach das alles etwas billiger. Sondern Er fragt: Wollt auch Ihr gehen? An dieser Stelle steht das kürzeste und für mich faszinierendste Glaubensbekenntnis im Neuen Testament. Petrus sagt: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du allein hast Worte des ewigen Lebens. Wir haben keine Alternative zu Gott. Das ist der Grund meiner Hoffnung - auch für das trockene, spröde Deutschland. Es gibt keine Alternative zu Jesus Christus. “Nur Du hast Worte des ewigen Lebens."

Darüber hinaus bin ich schon der Meinung, daß die Menschen Hunger nach Gott haben. Bei der großen Shell-Studie über das Verhalten der Jugend aus dem Jahr 2002 ist ja der dritte große Wert, den die Jugendlichen schätzen, die Treue. Treue ist aber ein religiöser Wert. Fidelis heißt treu - und es heißt zugleich gläubig und fröhlich. Auf mich würde ich nicht hoffen wollen. Hoffnungsvoll im Hinblick auf die Kirche sind wir ja nicht etwa wegen ihrer genialen Bischöfe oder Priester, sondern weil sich der Gott der Hoffnung in diese Kirche investiert hat. Er enttäuscht uns nie.

Ist nicht eine der großen Chancen unserer Zeit, dass wir in so vielen Sackgassen stecken, dass eigentlich jeder, der will, erkennen kann, dass ohne Gott nichts geht?

Meisner: Mir sagte vor Monaten im Hinblick auf den Golfkrieg eine Gruppe: “Das einzige Positive, das man daraus ersehen kann, ist, daß wir Christen noch eine Rolle spielen. Jetzt kommen die Leute wieder und bitten um Friedensgebete. Die Kirchen sind voller." Offen gesagt: Ich brauche keinen Golfkrieg, um von der Bedeutsamkeit der Kirche überzeugt zu sein. Aber für Menschen, die in der Anfechtung stehen, war das ein indirekter Gottesbeweis. Ein bißchen erschüttert mich das. Aber so ist es nun einmal.

Eines muß ich noch sagen: Die einzelnen Menschen sind vom Reiche Gottes gar nicht so weit entfernt. Ich kann mich gut erinnern: Als ich noch in der DDR war, mußte ich 1960 für längere Zeit in ein staatliches Krankenhaus. Ich lag in einem Zweibett-Zimmer mit einem SED-Genossen, einem intelligenten Mann. Er sagte mir eines Tages: “Ich kann nicht verstehen, daß Du als intelligenter Mensch glauben kannst. Das ist doch eine überholte Weltanschauung, die unwissenschaftlich ist." Ich dachte: Wie kann ich ihm einen Weg zu Gott bahnen? Schließlich stellte ich ihm zwei Fragen. “Möchtest Du schlecht sein? So schlecht, daß die anderen sagen: der taugt keinen Schuß Pulver?", fragte ich ihn zunächst. Er darauf: “Nein, um Gottes Willen!" “Und warum eigentlich nicht? Du sagst doch als Materialist: jede Wirkung hat eine Ursache. Also warum willst du nicht schlecht sein?" “Das weiß ich nicht." Darauf sagte ich: “Du bist gar kein Original, Du bist nach einem Urbild geschaffen, und das ist das ’höchste Gut', und das ist Gott. Darum kann keines Seiner Abbilder ungut sein wollen." Und dann stellte ich ihm eine zweite Frage: “Glaubst Du, daß ein Mensch die Worte über die Lippen bringt: Ich möchte niemand haben, der mich liebt?" Er darauf erschrocken: “Das wäre ja die Hölle!" Ja, woher kennt denn ein Atheist ohne Religionsunterricht die exakte theologische Definition der Hölle? Ich fragte ihn, warum er nicht ungeliebt sein möchte. Darauf er: “Das hängt wohl mit Deinem Urbild zusammen." Und dieses sagt: Mit ewiger Liebe habe ich Dich geliebt. Gott ist die Liebe. Darum kann keiner ungeliebt sein wollen.

Selbst ein so tüchtiger Atheist wie Friedrich Nietzsche hatte seine Stunden, in denen das Abbild Gottes in ihm aufschrie. In einer solchen Situation schrieb er das Gedicht “Wanderung durch den Winter". Darin vergleicht er sein Leben mit einer trostlosen Wanderung durch winterliches Land. Der Refrain heißt darin: “Und über mir ziehen die Raben zur Stadt - weh dem, der keine Heimat hat."

Ein paar Jahre später geht in Turin ein Mann auf eine Kutsche zu und legt sein umnachtetes Haupt an den Kopf des Pferdes. Es war der Dichter von “Weh dem, der keine Heimat hat." Er kannte nicht mehr das Haupt voll Blut und Wunden. Ja, wo sollte er dann hingehen? Weh dem, der keine Heimat hat - das ist für mich die ergreifende Darstellung der Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts. Wir haben aber ein Zuhause - und was für eines! Und das gibt uns Hoffnung und Zukunft.

Welchen Stellenwert hat die Familie in dieser Hoffnung?

Meisner: Ich wundere mich über diese Frage. Es läuft doch in dieser Welt nichts ohne Familie. Das hängt mit unserer Gottebenbildlichkeit zusammen. Unser Gott ist ja kein Einzeller, kein Junggeselle. Gott ist dreifaltig. Er ist subsistierende Beziehung. Weil Er die Liebe ist, sagt Er seit Ewigkeit nur ein Wort: Du. Und seit Ewigkeit steht Ihm dieses Du gegenüber, das ist der Sohn. Und dieses Du, weil ganz dem Vater aus dem Gesicht geschnitten, sagt dem Vater seit Ewigkeit nur Du: Das ist der Geist. Wenn jetzt der Mensch als Mann und Frau geschaffen worden ist, so mit dem Hinweis, daß sie drei werden, nämlich in der Familie.

Es gibt eine sehr schöne Ikone im vorder-russischen Bereich, wo die unierte Kirche vertreten ist. Dort ist oben im Bild Gott Vater zu sehen, dann kommt darunter gleich der Geist in Gestalt der Taube und unter dem Heiligen Geist steht auf der horizontalen Linie der Jesus-Knabe. Und an der vertikalen Seite steht: Sanctissima Trinitas increata - die ungeschaffene heiligste Dreifaltigkeit. Links neben Jesus steht Maria, rechts von Ihm Josef. Unter dieser horizontalen Linie steht: Sanctissima Trinitas creata - die heiligste geschaffene Dreifaltigkeit: die Familie.

Ja, wo wollen wir denn außer dem Dreifaltigen Gott Hoffnung haben? Die deutlichste Spur des dreifaltigen Gottes in dieser Welt ist eben die Familie. Daher gibt es für die Familie überhaupt keine Alternative. Die verschiedenen Versuche, die in der Geschichte gemacht worden sind, die Familie zu ersetzen, sind alle schief gegangen. Die klassische Ehe ist laut Shell-Studie den Menschen nicht mehr im Bewußtsein. Aber Partnerschaft in Treue zählt heute noch zu den höchsten Gütern. Das ist die verborgene Sehnsucht der Menschen als Ebenbilder des dreifaltigen Gottes nach dem, was Ehe ist, wie sie sich in der Heiligen Schrift darstellt.

Das Gespräch führten Alexa und Christof Gaspari.

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