VISION 20005/2003
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Wo mehr Wahrheit, da mehr Licht

Artikel drucken Christen müssen wieder tiefer begreifen, was es bedeutet, an den dreifaltigen Gott zu glauben (Von P. Dr. Karl Josef Wallner OCist)

Der christliche Glaube ist einer enormen Konkurrenz ausgesetzt. Einerseits bedrängt ihn der Rationalismus, der Gott einfach abgeschafft hat, und andererseits wuchert ein kaum überschaubares Angebot an Religionen.

Das Christentum findet sich plötzlich als ein Mitanbieter unter vielen auf einem bunten Markt der Möglichkeiten und Unmöglichkeiten vor, schreierisch und suggestiv preisen sich die Religiositäten und Ideologien selbst an.

Es ist an der Zeit - und hoffentlich noch nicht zu spät -, sich dem geistigen Konkurrenzkampf zu stellen, und das eigene anzupreisen. Und hier müßten wir bei der Substanz, beim Zentrum ansetzen, und das ist letztlich die Frage, wer den besseren Gottesbegriff hat.

Solche Konkurrenz könnte der Theologie guttun. In den Blütezeiten der Theologie haben die christlichen Theologen immer “nach außen" gedacht. Im Mittelalter etwa hat man gegen den Islam argumentiert. Der heilige Thomas schreibt ja seine große “Summa contra gentiles" gegen die Heiden. Wie damals müssen auch wir heute wieder anfangen, Gott selbst als das “summum, maximum, optimum", das “höchste Gut" zu begreifen.

Der heilige Anselm nannte damals Gott “das, worüberhinaus nichts Größeres gedacht werden kann". Das “Größere" der göttlichen Offenbarung ist das innerste Wesen Gottes, Seine heiligste Dreifaltigkeit.

Auf dem Markt des religiösen Pluralismus wäre es fatal, wenn wir dieses zentrale Mysterium unter dem Schautisch versteckten. Wir müssen über Gott reden, denn das tun auch unsere neuen und alten Mitbewerber. Die allerdings verkünden einen anderen Gott.

Wir haben heute eine grüne Mystik, in der die Naturkräfte vergöttlicht werden: Aus der spirituellen Wiedervereinigung mit der unpersönlichen göttlichen Natur erwachsen dem Menschen urtümliche Kräfte. Man soll sich die Kraft der Sterne, der Bäume, der kosmischen Schwingungen, der Bachblüten usw. aneignen. Der Mensch soll sich in Meditation selbst als Teil des Ganzen entdecken und so den göttlichen Funken in sich zur Schwingung bringen. Alte Gnosis neu aufgegossen!

Daneben gibt es die alten Mitbewerber, die auch einen absoluten Gottesbegriff verkünden, das sind die monotheistischen Religionen. Der Islam etwa ist eine Religion mit einem streng monotheistischen Gottesbild. Er ist bei uns immer stärker vertreten. Eine geistige Auseinandersetzung mit dem Islam wird schon deshalb notwendig sein, weil in Europa bereits 40 Millionen Muslime leben, davon in Deutschland drei Millionen. Die meisten werden im Lande bleiben, ja es werden noch mehr werden, weil dort Kinder als Segen angesehen werden.

Der Islam wurzelt wesentlich in dem alttestamentlichen Gottesverständnis; er lehnt den christlichen Trinitätsglauben als Vielgötterei ab. Im Koran heißt es: “Wahrlich ungläubig sind, die da sprechen: ,Siehe Allah ist ein dritt von drei.' Aber es gibt keinen Gott, denn einen einzigen Gott... Nicht ist der Messias, der Sohn der Maria, etwas anderes als ein Gesandter." (Koran Sure V,76.77.79)

Es ist eine Tatsache, daß der Islam heute gerade mit seiner Einfachheit und Eindeutigkeit im Gottesbild eine große Faszination ausübt: ein absoluter, souveräner Gott-Allah, herrlich erhaben in seiner Totalität und Weltregierung, kein Kreuz, keine komplizierte Dreifaltigkeit, deshalb auch eine klare strenge Moral und Sittlichkeit, usw...

Schließlich sei noch erwähnt, daß eine ähnliche Faszination vom Gottesbegriff der Zeugen Jehovas ausgeht. Diese sind keine Christen, da sie eine Gottessohnschaft Christi vehement ablehnen und heftig gegen die Dreieinigkeit polemisieren. Durch die Zeugen Jehovas ist der Arianismus im 20. Jahrhundert wiedererstanden.

Es gibt also maßgebliche Herausforderungen an das Christentum, sich von der Substanz her zu legitimieren, mehr noch: von der Substanz her den dreifaltigen Gott als den wahren zu erweisen.

Freilich bekennt die Kirche mit dem 2. Vatikanum, daß in allen Religionen “Wahres und Heiliges" (Nostra Aetate 2,2) enthalten ist. Und es ist ohne Zweifel, daß sich Lichtstrahlen der Wahrheit überall finden. Und doch ist in der christlichen Botschaft das Helle der anderen Erkenntnisse nochmals vom Glanz der göttlichen Selbstoffenbarung überstrahlt und übertroffen, so das Konzil.

Hans Urs von Balthasar hat im “Epilog" auf seine große Trilogie daher als Kriterium der Wahrheitserkenntnis formuliert: wer mehr sieht, hat mehr recht! Wo mehr Wahrheit ist, ist mehr Licht!

Ich meine, daß wir uns vor allem theologisch den Blick auf dieses Mehr des trinitarischen Gottesbegriffs zurückerobern müssen, weil wir in Zukunft für eine fruchtbare Konfrontation mit den Mitbewerbern auf dem postmodernen Markt der Religiositäten gerüstet sein müssen.

Im Kern besagt die dogmatische Lehre von dem einen Gott in drei Personen, daß Gott wahrhaft universal ist, im wahrsten Sinne umfassend. Gott ist in sich “das Ganze der Wirklichkeit".

Wir müssen festhalten, daß wir Monotheisten sind. Wir glauben an nur einen einzigen Gott, weil dies der Kern der Offenbarung des Glaubens ist. Auch und gerade für uns gilt der Satz: “Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig." (Dtn 6,4) Jedoch diese Einzigkeit und Einheit Gottes offenbart sich durch die Menschwerdung des Wortes als in sich differenziert und strukturiert: Wir glauben, daß der eine Gott von Ewigkeit her in dreifacher Weise die Liebe ist: schenkend in dem, was wir Vater nennen; empfangend und verdankend in dem, was wir Wort, Logos oder Sohn nennen; einigend in dem, was wir Geist nennen: ein Gott, in dreifacher Weise die Liebe.

Daß Gott von Ewigkeit in sich erfüllte, dreifaltige Liebe ist, nennen wir “immanente Trinität". Wo Gott an der Welt handelt, sprechen wir von “Heilstrinität".

Da jede der göttlichen “Personen" Gott ist, können wir davon sprechen, daß Gott Mensch geworden ist. Wir meinen damit aber genaugenommen nur die zweite göttliche Person, denn der Vater bleibt in Seiner Ewigkeit, und der Geist wird erst vom Auferstandenen her in die Geschichte hinausgehaucht, um Christus in die Herzen aller zu tragen.

Das Faszinierende an der Heilstrinität ist, daß sie alle Bereiche der Wirklichkeit in einem “Zugleich" umfaßt und abdeckt. Gott ist ewig und unfaßbar (im Vater) und doch zugleich in der Zeit anfaßbar (im Sohn) und wiederum zugleich im Glauben allezeit erfaßt (im Heiligen Geist). Dreifaltigkeit ist absolute Fülle: Gott umfaßt alles, ohne mit der Welt identisch zu sein.

Ein Beispiel: Der Gott des New Age ist keine Person. Er ist ein Etwas jenseits von hier und da, draußen und drinnen. Dieser Gedanke ist faszinierend und erweckt den Eindruck, daß hier ein größerer Gottesbegriff gedacht wird als im Christentum mit seiner Fixierung auf einen persönlichen Gott.

Doch das Gegenteil ist wahr: In Wirklichkeit hat der abstrakte Gott des New Age ja seine Begrenzung und Fixierung, und zwar eben gerade darin, daß dieser Gott an einem Ort nicht sein kann: im Besonderen, im Endlichen, in der Unterschiedlichkeit. Das Konkrete ist diesem Gott fern. (Und auch seinen Jüngern! Denn wer sich auf den Gott der Yin-Yang-Einheit einläßt, der muß die Endlichkeit und ihre Verwirklichung in meditativer Entrückung als Schein durchschauen und abstreifen.)

Das Christentum sieht hier tiefer, denn unser Gott umfaßt alles: Ewigkeit und Zeitlichkeit, Unendlichkeit und Endlichkeit. Auch unser Gott ist im Vater bleibend verborgener Urgrund, niemals vorstellbares und habbares Jenseits, alles durchdringender Urgrund.

Doch darüberhinaus bekennt das Christentum die Anwesenheit eben dieses selben Gottes auch im Endlichen durch die Menschwerdung der zweiten göttlichen Person. Hier begegnet Gott in der Form der Endlichkeit, der Universale in der Gestalt des Konkreten. Jesus ist Gott in der Gestalt des Anschaubaren, Angreifbaren, Hörbaren, Gott in der Gestalt des Bruders und Nächsten.

Mehr noch: In der Menschwerdung ist Gott sogar an jenen tiefsten Punkt hinabgestiegen, wo der gnostische Gedanke Gott nie vermuten könnte: nämlich in den Tod. Er stirbt unseren Tod, ohne als Gott zu sterben, im Gegenteil, Sein Tod erweist Seine Lebendigkeit und schenkt uns Leben. Durch die endlichste Form der Endlichkeit erweist Er Seine absolute Unendlichkeit.

Ich möchte dies nachdrücklich unterstreichen: Unser Gott ist daher viel universaler, weil Ihm nichts fremd ist. Er ist nicht platte Abstraktheit des Yin-Yang-Nebels, nicht die schlechte Unendlichkeit, sondern die wahre Fülle, die Er in Seiner Offenbarung erwiesen hat.

Das Wesen des dreifaltigen Gottes ist die Universalität, die Fülle, die Totalität: Gott ist das eine, das andere und das vereinigende. Gott ist nicht bloß jenseits draußen, Er ist auch anwesenheitsfähig in dieser Welt: in der Fülle der Zeit in Jesus Christus, in alle Ewigkeit durch den Heiligen Geist.

Die Weltreligionen zeichnen das Bild eines überweltlichen Allah oder einer schlechthin gegensatzlosen Yin- und-Yang-Einheit, in der sich alle endlichen Gegensätze auflösen. In der Idee einer unnahbaren Erhabenheit und unfaßlichen Absolutheit Gottes stimmen ja alle religiösen Vorstellungen überein.

Dem stellt das Christentum das Paradox gegenüber, einen menschgewordenen Gott zu verkünden! Gott kann Mensch werden, ohne aufzuhören, Gott zu sein, weil Er dreifaltig ist. Dieses Grundprinzip der Endlichkeitsfähigkeit Gottes ist uns sogar in einem Sakrament verbürgt, in der allerheiligsten Eucharistie. Die Eucharistie erinnert uns also bleibend an das Urgeheimnis unseres Glaubens, an die Menschwerdung des Sohnes des Vaters im Heiligen Geist.

Die Gestalt der Eucharistie stellt eine beständige Provokation des religiösen Denkens dar: Gottes Fülle im Fragment der Materie! Der Glaube an die Realpräsenz besagt ja nicht weniger, als daß die Hostie der verklärte Herr selbst ist. Das Endliche wird zur Darstellungsform des Göttlichen. Und eben das ist für unsere Frömmigkeit entscheidend.

Entgegen allen entleiblichten und sinnentleerten Spiritualismen lehrt uns der Blick auf die Eucharistie, daß die göttliche Herrlichkeit sich in unserer konkreten Welt vergegenwärtigen kann. Der Blick auf die Hostie, die ja in ihrer äußeren Gestalt das bleibt, was sie ist, nämlich Materie, besagt, daß wir Gott nicht draußen suchen müssen, sondern Ihm im Inneren unserer Lebenswelt begegnen können.

Der zu uns gekommene Gott ist wirklich der, “worüberhinaus nichts größeres gedacht werden kann". Weil unser Gott überall ist, auch in der Welt, lehrt unser Glaube eine Spiritualität, welche die Welt nicht übersieht, sondern Gott gerade in der Zuwendung zur Welt anbetet.

Der Autor ist Dekan der theologischen Fakultät in Heiligenkreuz. Siehe seinen Beitrag in Der Eine und Dreifaltige Gott als Hoffnung des Menschen zur Jahrtausendwende (Franz Breid, Hrsg), Verlag Ennsthaler, Steyr 2001.

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