VISION 20005/2003
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Gott kommt uns Menschen seit jeher entgegen

Artikel drucken Christus ist keine Erscheinung des Göttlichen, sondern Gott (Von Kardinal Dr. Joseph Ratzinger)

Das Christentum, der christliche Glaube, (...) ist nicht Produkt unserer inneren Erfahrungen, sondern Ereignis, das von außen her auf uns zutritt. Der Glaube beruht darauf, daß uns etwas (oder jemand) begegnet, an das unsere Erfahrungsfähigkeit von sich aus nicht heranreicht. Nicht Erfahrung weitet sich aus oder vertieft sich - das ist bei den streng “mystischen" Modellen der Fall, sondern es geschieht etwas. Die Kategorien “Begegnung", “Andersheit", Ereignis beschreiben den inneren Ursprung des christlichen Glaubens und verweisen auf die Grenzen des Begriffs Erfahrung.

Freilich, was uns da berührt, bewirkt in uns Erfahrung, aber Erfahrung als Frucht eines Ereignisses, nicht einer Vertiefung ins Eigene. Genau dies ist mit dem Begriff Offenbarung gemeint: Das Nicht-Eigene, im Eigenen nicht Vorkommende, tritt auf mich zu und reißt mich aus mir heraus, über mich hinaus, schafft Neues.

Damit ist auch die Geschichtlichkeit des Christlichen gegeben, das auf Ereignissen beruht und nicht auf der Wahrnehmung der Tiefe des eigenen Inneren, die man dann “Erleuchtung" nennt. Trinität ist nicht Gegenstand unserer Erfahrung, sondern etwas, was von außen gesagt werden muß, als “Offenbarung" von außen an mich herantritt. Das gleiche gilt von der Menschwerdung des Wortes, die eben ein Ereignis ist und nicht in innerer Erfahrung gefunden werden kann.

Dieses Zukommen von außen ist für den Menschen skandalös, der nach Autarkie und Autonomie strebt; es ist für jede Kultur eine Zumutung. Wenn Paulus sagt, das Christentum sei für die Juden ein Skandal, für die “Völker" Torheit (1Kor 1,23), so will er damit eben dies Eigentümliche des christlichen Glaubens ausdrücken, der für alle “von außen" kommt. (S.73f)

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Das interreligiöse Gebet stellt einige wichtige theologische Motive zur Diskussion, zum Beispiel, was heißt es, wenn wir sagen Gott ist einer? Beten wir alle zu ein und demselben Gott, auch wenn unsere Bilder und unsere Auffassungen von Gott verschieden und unterschiedlich sind? (...) Zunächst einmal: Wenn personale und impersonale Gottesvorstellung gleichrangig sind, austauschbar, dann wird das Gebet zur Fiktion, denn wenn Gott kein sehender und hörender Gott ist, wenn er nicht erkennt und mir nicht gegenübersteht, dann geht das Gebet ins Leere. Dann ist es nur eine Form der Selbstbesinnung, des Umgangs mit sich selber, kein Dialog.

Es mag dann Einübung ins Absolute, versuchtes Aussteigen aus dem Getrenntsein des Ich in ein Unendliches sein, mit dem ich im Tiefsten identisch bin und in dem ich versinken will. Aber es hat keinen Bezugspunkt, der mir Maß ist und von dem ich in irgendeiner Weise Antwort erwarten dürfte.

Mehr noch: Wenn ich den Glauben an Gott als “Person" hinter mir lassen darf, als eine mögliche Vorstellungsgestalt neben der impersonalen, dann ist dieser Gott nicht nur kein erkennender, hörender, redender Gott (Logos) - dann hat er erst recht auch keinen Willen.

Erkennen und Wollen sind die beiden wesentlichen Inhalte des Begriffs Person. Dann gibt es keinen Willen Gottes. Dann gibt es auch keinen letzten Unterschied zwischen gut und böse: Gut und böse ist dann kein Widerspruch mehr, sondern nur noch Gegensatz, in dem beides komplementär zueinandersteht. Dann ist das eine wie das andere Wellenschlag des Seins, dann stehe ich unter keinem Maß.

Dann aber ist nicht nur irgendein Bild oder ein Begriffsschema geändert, sondern dann ist im Tiefsten alles anders. Wenn aber Gott Person ist, dann ist das Allerletzte und Allerhöchste zugleich das Konkreteste - dann stehe ich unter den Augen Gottes und im Raum Seines Willens, Seiner Liebe.

Weil es so steht, ist das “sh ma Israel" für Israel wie für die Kirche gleichermaßen die unverrückbare Grundlage unserer Existenz: “Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzer Kraft" (Dtn 6,4f). Für diesen Glauben sind die Märtyrer Israels wie die Märtyrer Jesu Christi gestorben.

Das erste Gebot “Du sollst keine fremden Götter neben mir haben" (Ex 20,3; Dtn 5,7) ist nicht nur numerisch, sondern seinem inneren Rang nach das erste Gebot, auf dem alles weitere steht. Christus hat es in der Versuchungsgeschichte neu lapidar als Fundament christlicher Existenz vor uns hingestellt: “Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen" (Mt 4,10).

Zwischen Gott und Göttern, zwischen personalem und impersonalem Gottesverständnis gibt es keine letzte Vermittlung, so sehr es wahr ist, daß sich auch im Polytheismus wie in der Identitätsmystik Wahrheit findet, die im christlichen Glauben einen Platz hat, aber erst dann in ihrer wahren Bedeutung erscheinen kann, wenn zuerst die Unterscheidung des Christlichen geübt und das “Gesicht Gottes" dabei nicht aus dem Blick, nicht aus dem Herzen verloren wird.

Nur von hier aus, vom Gottesglauben her, kann der Christusglaube der Kirche richtig verstanden werden. Die Einzigkeit Christi ist an die Einzigkeit Gottes gebunden und deren konkrete Gestalt. Christus ist nicht ein - vielleicht besonders beeindruckender - Avatar Gottes, eine der vielfältigen endlichen Erscheinungsformen des Göttlichen, in denen wir das Unendliche zu erahnen lernen. Er ist nicht eine “Erscheinung" des Göttlichen, sondern er ist Gott. In ihm hat Gott sein Gesicht gezeigt. Wer ihn sieht, hat den Vater gesehen (Joh 14,9). Hier kommt es wirklich auf das “Ist" an - es ist die eigentliche Unterscheidungslinie der Religionsgeschichte... (...)

Von da aus sind zuletzt noch zwei Grundbegriffe des christlichen Glaubens zu verstehen, die heute geradezu zu verbotenen Wörtern geworden sind: Bekehrung (conversio) und Mission. Heute ist die Meinung fast allgemein geworden, daß man mit Bekehrung nur Umbrüche des inneren Weges, nicht aber den Übergang von einer Religion zur anderen, also auch nicht den Übergang zum Christentum verstehen dürfe. Die Vorstellung der letzten Äquivalenz aller Religionen scheint ein Gebot der Toleranz und der Achtung vor dem anderen zu sein; wenn es so ist, muß man zwar den Entscheid des einzelnen respektieren, der sich zu einem Religionswechsel entschließt, aber Bekehrung darf man dies nicht nennen: Das würde ja dem christlichen Glauben einen höheren Rang einräumen und damit dem Gleichheitsgedanken widersprechen.

Der Christ muß dieser Gleichheitsideologie widerstehen. Nicht als ob er sich selber zu etwas Höherem machen würde - keiner ist Christ aus sich selbst, sagten wir; jeder ist es nur durch “Bekehrung". Aber dies freilich glaubt der Christ, daß uns der lebendige Gott in Christus auf eine einzigartige Weise ruft, die Gehorsam und eben Bekehrung verlangt. Vorausgesetzt ist dabei, daß im Verhältnis der Religionen die Wahrheitsfrage eine Rolle spielt und daß die Wahrheit für jeden eine Gabe und für niemanden Entfremdung ist. (...)

Damit ist auch schon das Wesentliche zum Begriff “Mission" gesagt. Wenn die prinzipielle Gleichheit der Religionen gilt, dann kann Mission nur eine Art von religiösem Imperialismus sein, dem man widerstehen muß. Wenn uns aber in Christus eine neue Gabe, die wesentliche Gabe - Wahrheit - geschenkt ist, dann ist es Pflicht, sie auch dem anderen anzubieten, in Freiheit natürlich, denn anders kann Wahrheit nicht wirken und Liebe nicht sein. (S.83ff)

Aus Glaube, Wahrheit Toleranz, Besprechung siehe unten.

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