VISION 20005/2003
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Die Wahrheit nur in Liebe sagen

Artikel drucken Gespräch mit Maria Loley, die für viele ein Rettungsanker ist

Wie kann man Menschen, die nichts von Gott wissen oder einer anderen Gottesvorstellung anhängen, die Wahrheit Gottes nahebringen?

Maria Loley: Einzig und allein durch das Wesen Gottes: durch die Liebe. Wenn ich den anderen in besonderer Weise bejahe und wertschätze, ihm zuerst all das schenke, was zur Liebe gehört: Achtung, Freundlichkeit, Zuhören - alles Ausdrucksweisen der Liebe, die das Wesen Gottes spürbar machen. Und das nicht nur einmal. Man muß den anderen immer so begegnen.

Unabdingbar zur Verkündigung der Wahrheit gehört also, daß dies in Liebe geschieht.

Loley: Ohne die Liebe ist diese Verkündigung unglaubwürdig. Jesus sagt ja ausdrücklich: Vater laß sie eins sein, damit die Welt erkennt, daß Du mich gesandt hast.

Hast Du erlebt, daß Leute, denen Du in Liebe begegnet bist, zur Wahrheit des Glaubens gefunden haben?

Loley: Der einfachste Weg, einem Menschen den Blick auf Gott freizugeben, ist der Umgang mit ihm - wenn dieser Umgang von Liebe geprägt ist. Das darf natürlich nicht ein Lippenbekenntnis sein. Jeder Mensch, der Freundlichkeit, Ermutigung, Zuwendung erfährt, fragt sich nach einiger Zeit, woher all das kommt. Dann stehe ich vor der Entscheidung: Laß ich mich loben für etwas, was im Grunde genommen ja nicht meines ist - oder sage ich, woher meine Haltung kommt? Konkret: “Was Du jetzt so positiv erfahren hast, das kommt von Gott, auch wenn ich daran beteiligt bin. Aber im Grunde genommen kommt alles von Gott - und zwar weil Er dich lieb hat."So oder ähnlich sage ich es, aber klipp und klar muß zum Ausdruck kommen: Gott liebt dich! Der Heilige Geist schenkt dann jeweils die Formulierung, die es dem anderen dann am besten zugänglich macht.

Stellt das die Gottesvorstellung des anderen in Frage?

Loley: Meist begegnen mir Menschen, die keine Gottesbeziehung haben. Menschen, die in ausweglos scheinenden Situationen leben, kann man nicht einfach von Gott erzählen. Da hilft nur, daß man ihnen in der Art und Weise Gottes begegnet: an der Not anteilnehmen, Nähe schenken, viel zuhören und lange...

Was geschieht nun, wenn sich der andere zu fragen beginnt, woher diese Zuwendung kommt? Wie kommt es dazu, daß eine neue Perspektive ins Leben des anderen tritt?

Das geschieht erst nach längerer Zeit. Mit der Frage öffnet sich unbewußt ein Weg, der zu Gott hinweist. Dann spreche ich davon, daß Gott diese Kraft nicht nur mir, sondern jedem schenkt. Ich frage konkret: Kannst du dir vorstellen, daß Gott dir nahe ist, daß Ihn deine Notlage betrifft? Ich versuche also nicht zu belehren, sondern Fragen zu stellen. Und ich merke ich, wie sich der Mensch öffnet, wenn ich anspreche, daß Gott ja unser Vater ist, daß es Ihm das Herz umdreht, wenn er die Not sieht, in der mein Gegenüber steckt. “Glaubst du das?" Dann kommt meistens keine verbale Antwort, sondern eine weitere Öffnung. Und dann kann ich sagen: “Mach dir darüber Gedanken. Laß Gott an dich herangekommen. Du bedeutest Ihm sehr viel." Ich frage: Hast du schon gehört, wie Jesus mit den Menschen umgegangen ist, den Kranken, den Leidenden?" Dann kommt meist keine Antwort, weil die meisten Menschen Jesus nicht kennen. Woher auch? Und das nehme ich zum Anlaß, um kurz zu erzählen, wie Jesus etwa mit Kranken umgegangen ist.

Du meinst, man muß über Jesus selbst sprechen?

Loley: Er ist ja Mensch geworden, um den barmherzigen Vater zu offenbaren.

Wer Wahrheit weitergeben will, sollte nicht nur abstrakt wegweisende Aussagen machen?

Loley: Jesus sagt ja: Ich bin die Wahrheit. Wer also die Wahrheit erkennen will, muß Ihn kennenlernen. Nicht nur das, was Er sagt - obwohl das wesentlich ist -, sondern vor allem auch das, was Er tut. Der Apostel Johannes sagt ja in seinem ersten Brief, es gehe nicht darum, von der Liebe zu reden, sondern man müsse sie tun. Das überzeugt letztlich.

Wie spricht man aber von Jesus so, daß andere es annehmen?

Loley: Ich muß meine innere Verbindung mit Jesus bekunden, weil Er sich in unserem menschlichen Verhalten weiterhin offenbart. Auch wenn es ein menschlich unvollkommenes Bild ist, das dann entsteht, so kommt es doch - in aller Gebrochenheit - aus dem Herzen Gottes. Mich motiviert immer wieder neu, daß Paulus schreibt: Erschienen ist uns die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes.

Die Wahrheit kann man also nur in Liebe verkünden. Bemühen sich heute aber nicht viele, zwar Zuwendung zu schenken, ohne jedoch auf Gott hinzuweisen, der uns auch Wahrheit zumutet? Caritas, die auf sozialer Ebene stehenbleibt?

Loley: Ja, das geschieht. Wahre Caritas lebt aber von der Führung durch den Heiligen Geist. Wenn ich auf rein sozialer Ebene handle, war ich zwar selbst am Werk, erreiche aber meine Grenzen. Daher ist es wichtig, die Not des anderen vor Gott zu tragen - und ihm das auch zu sagen. Eine Änderung im Verhalten kann ja nur geschehen, wenn der Mensch sich dazu entschließt. Ein solcher Entschluß erfordert aber einen Kraftimpuls. Und um diesen kann ich nur beten. Die Kraft zur Änderung kann nicht aus eigenem kommen.

Hast Du erlebt, daß jemand der auf diese Weise der Liebe begegnet, sich auch mit der Lehre Christi auseinanderzusetzen beginnt?

Loley: Ja. Aber darüber zu erzählen, ist schwierig, weil es sehr persönliche Geschichten sind. Meist geschieht es, wenn jemand zu beten beginnt. Dann bestärke ich ihn: “Wenn Du zum Vater betest - Er hört Dir zu. Sei sicher. Wenn Dein Kind Dich anspricht, drehst Du Dich ja auch nicht um und gehst weg. Unser himmlischer Vater hört Dich." Auf diesem Weg finden die Menschen zu Gott. Sie beginnen in der Bibel zu lesen. Dann warte ich darauf, daß er mir sagt, was ihn angesprochen hat. Dort setze ich ein. Ich schaue immer zuerst, wie sich bei meinem Gegenüber die Führung Gottes zeigt. Welche Impulse setzt der Heilige Geist? Und genau dort versuche ich dann, den Blick des anderen auf Gott hinzulenken.

Die Weitergabe der Wahrheit also als ein sehr auf die ganz besondere Person des anderen ausgerichteter Vorgang?

Loley: Es bekehren sich ja nicht hundert Menschen zugleich - außer es findet Pfingsten auf Jerusalemer Art statt. Meistens ist es ein Weg der Umkehr, der von Mensch zu Mensch führt. Das heißt aber nicht, daß die Predigt an Bedeutung verliert. Die Verkündigung des Predigers ist unverzichtbar. Aber die Berührung durch das Wort muß im persönlichen Gespräch behandelt werden. Der Impuls muß begleitet werden. Leider kommt es gerade dazu viel zu selten. Wann redet ein Pfarrer schon so von Mensch zu Mensch?

Also ein Herausforderung für die Laien?

Loley: Ja, unbedingt. Das ist der Weg des einzelnen Christen auf seinen Bruder, seine Schwester hin. Nur gibt es so wenige, die darin eine Gewissensverpflichtung sehen. Dabei sollten wir uns bewußt machen: Oft reicht ein freundlicher, liebevoller Blick mit dem Herzen, um eine Bekehrung in Gang zu setzen. Meine Erfahrung sagt mir: Der Glaube wird weitergegeben im liebevollen, persönlichen Gespräch.

Das Gespräch führten Alexa und Christof Gaspari.

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