VISION 20005/2003
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Ein Herz und eine Seele

Artikel drucken Paßt die Herz Jesu-Verehrung überhaupt noch in unsere Zeit? (Von Helmut Hubeny)

Im Zuge meines sommerlichen Reinigungsprogramms - Wertvolles reinigen, Wertloses ausscheiden - habe ich Gedanken zur Weihe unserer Pfarre an die Herzen Jesu und Mariä aus dem Jahre 1997 entdeckt. Diese Gedanken haben mir damals über die Klippen des Kitschigen geholfen. Da sich für mich an der Provokation des Kitschigen bis heute nichts geändert hat, komme ich wieder darauf zurück.

Die Verehrung des Herzens Jesu und seiner Barmherzigkeit geht auf Privatoffenbarungen der Marguerite-Marie Alacocque im Jahre 1675 und der Schwester Maria Faustina Kowalska im Jahre 1931 zurück. Papst Johannes Paul II. lädt die Pfarrgemeinden ein, sich den Heiligen Herzen zu weihen.

Privatoffenbarungen sind ihrer Natur nach sehr privat - tiefe, persönliche Erlebnisse, deren Zeichenhaftigkeit nicht allen gleich verständlich ist. Manche - auch ich - fangen mit dem Symbol eines offenen Herzens im Zeitalter der Herztransplantationen wenig an. Gewöhnt an die Sachlichkeit unseres Jahrhunderts kann manchen das Bild des milden Jesus mit seiner strahlenden Mitte süßlich, ja kitschig erscheinen.

Und doch ist das Herz ein uraltes Bild für Mitte und Zentrum. Österreich besingt sich in seiner Bundeshymne als “heiß umfehdet, wild umstritten liegst dem Erdteil du inmitten, einem starken Herzen gleich...". Europas Städte von Brüssel über Wien bis Budapest reißen sich darum, als Herz Europas zu gelten. Tirol preist sich als Herz der Alpen an. Grundstückpreise im Herzen der Großstadt erreichen schwindelnde Höhen.

Das Herz ist auch heute als Symbol für Kern und Ganzheit der Person gut verständlich. Verliebte Teenies ritzen es zwar nicht mehr in Bäume, verzieren aber per Spray und Filzstift diverse öffentliche Flächen. Auch die coolsten Typen greifen herzhaft zu, wenn sie finden, was ihr Herz begehrt. Verhaltenstrainierte Manager beherzigen die Ratschläge sündteurer Gurus zum entschiedenen und beherzten Handeln. Sie pflegen dann ihren Mitarbeitern ans Herz zu legen, ihre Arbeiten nicht halbherzig zu erledigen. Die trockensten Intellektuellen schätzen Menschen, die das Herz am rechten Fleck haben. Nur schweren Herzens geben sie zu, wenn sie niemand ins Herz geschlossen hat. Und schließlich kennen alle den bezaubernden Spruch von Saint Exupéry: “Man sieht nur gut mit dem Herzen. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar".

Genau dort hat uns der Gott der Bibel immer schon angesprochen. Die Bibel verwendet den Begriff Herz tausendmal, davon 170 mal im Neuen Testament. Die Autoren des Neuen Testaments beschreiben an etwa zwanzig Stellen, wie Gott unsere Herzen erforscht, die Augen unserer Herzen öffnet und erleuchtet, wie er seinen Geist aussät und seine Gesetze in unsere Herzen aus Fleisch schreibt.

Was wir uns zu Herzen nehmen, im Herzen bewahren, was wir beherzigen, das wohnt verborgen in unseren Herzen. Dort entstehen die Regungen des Herzens, Freude, Trauer. Dort reifen die Gedanken und Absichten, gute und böse, zu Beschlüssen. Wo euer Schatz ist, da ist euer Herz (Lk 12,34). Und wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund (Mt 12,34).

Was hier das Neue Testament in etwa fünfzig Bildern darstellt, sieht die rationale Naturwissenschaft als psychosomatische neuronale Ereignisse. Das Symbol des Herzens schließt diese vereinfachenden biologischen Modelle ein, drückt sie aber in einen komplexen Zusammenhang “ganzheitlicher" aus. Aber nur, wer verstehen will, wird diese Ausdrucksweise wahrnehmen. Wer nicht will, wird nichts darin erkennen. Schon Christus hatte mit solchen Menschen zu tun, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz (Mk 3,5).

Im Kontrast wird an 30 Stellen geschildert, wie es den verschlossenen Herzen ergeht. Die biblischen Autoren warnen eindringlich: “Verstocktheit kann ihre Gesundheit gefährden!" Darin sehen Missgünstige herzlich gern nur eine Drohbotschaft. Doch es geht tatsächlich um Leben und Tod! Herzinfarkt ist eine der häufigsten Todesursachen der Zivilisationsgesellschaft. Vielleicht besteht bei manchen ein psychosomatischer Zusammenhang zwischen Verirrung, Verhärtung, Verstockung der Herzen und der Verstopfung der Herzgefäße? Den tödlichen Herzinfarkt nennt das goldene Wienerherz ganz herzig den Herzkasperl. Gott aber zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind (Lk 1,51).

Christus will uns gesund und lebendig! Er verheißt uns Leben in Fülle! Daher ermutigen die Autoren des neuen Testaments fünfzigmal die reinen, aufrichtigen, demütigen, geläuterten, leuchtenden Herzen. Sie leiten uns auch heute an, unserer tiefen Sehnsucht zu folgen und mit ganzem Herzen zu leben und zu lieben!

So kann die Weihe an die Herzen Jesu und seiner Mutter Maria ein großes Zeichen für das Zentrum unseres Lebens sein. Aus ihren überströmenden Herzen können auch unsere Herzen wieder brennen (Lk 24,34), kann uns die Frohbotschaft wieder mitten ins Herz treffen (Apg 2,37). Wir können gegenüber allen Vorurteilen als Gemeinschaft ein Herz und eine Seele werden (Apg 2,46). Dann werden wir fragen können : Was sollen wir tun?

Und unsere Herzen werden eine Antwort erhalten: als Kirche im Herzen Europas am Beginn des dritten Jahrtausends nach der Geburt unseres Herrn und Bruders.

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