VISION 20001/2005
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Für alles danken?

Artikel drucken Gedanken zu einer umstrittenen Frage

Der Apostel Paulus fordert, die Christen auf, Gott für alles zu danken!
Ist das zumutbar im Angesicht von Katastrophen?

Jedenfalls ist die Feststellung richtig, daß Gott in jeder Situation unseres Lebens gegenwärtig ist. Übrigens ist das eine Überzeugung, die heute zu sehr in den Hintergrund getreten ist. Selbst unter Christen glaubt man leider eher an den Zufall als an die Vorsehung. In schwierigen Zeiten verläßt man sich spontan eher auf sich selbst oder auf seine Beziehungen (wenn es nicht sogar das Horoskop oder die Parapsychologie sind), bevor man den Heiligen Geist anruft.

Wir müssen also lernen unter dem Blick Gottes zu leben, dieses Gottes, der uns liebt, der uns rettet, der uns ruft. Wenn wir dies nicht tun, verfallen wir langsam aber sicher in ein glaubensloses Leben, in einen leblosen Glauben. Das Auseinanderfallen von Glauben und Leben ist nach Ansicht des 2. Vatikanischen Konzils ein tragischer Irrtum..

Umgekehrt ist es auch ein Irrtum zu glauben, Gott ziehe in allem, was uns zustößt, die Fäden. Als würde die Erstursache alle Zweitursachen überdecken. Auf diese Weise gelangt man nämlich zu der Überzeugung, daß alles, was geschieht, gottgewollt sei.

Der Tod eines Kindes, Krieg, Aids oder einfach der tausendfältige alltägliche Ärger oder (vergessen wir auch das nicht) unsere Sünden und die Sünden der Welt - wer könnte es wagen zu behaupten, Gott habe all das gewollt? Er baut all das in Seinen Liebes- und Heilsplan ein, das stimmt. Aber es ist nicht Teil Seines Plans!

Dieselbe falsche Vorstellung des Wirkens Gottes führt in manchen Gebetsgruppen dazu, Personen, denen das Leben übel mitgespielt hat, dazu anzuleiten, Gott zu verzeihen. Ob man Ihm nun dankt oder Ihm verzeiht - man macht aus Ihm den Verantwortlichen für die Übel, die uns zustoßen, also zu einem Satan.

Das ist sehr schlimm. Es führt zu einem fundamentalen Ungleichgewicht im geistigen Leben, auch wenn es im ersten Ansatz auf psychologischer Ebene den Druck der Verbitterung oder der Depression verringern mag. Dies erfolgt aber um den Preis der Zerstörung des Bildes vom Vater und der Vorstellung von der Schöpfung. Das Buch der Weisheit stellt eindeutig fest: “Denn Gott hat den Tod nicht gemacht" (1,13). “Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt" (2,24).

Wenn uns der Apostel Paulus dazu einlädt für alles Dank zu sagen, so ist das als Dank in jeder Lebenssituation zu verstehen, nicht jedoch als Dank für die Ursache von allem und jedem. Man kann und man soll mit dem Apostel sagen, daß jenen, die Gott lieben, alles zum Heil gereicht. “Etiam peccatam", ergänzt der heilige Augustinus: selbst die Sünden!

Ja, Gott hat die Macht aus dem Übel das Gute zu wirken. Das ist noch erstaunlicher, als daß Er aus dem Nichts die Welt geschaffen hat. Wir bewundern das Werk der Schöpfung, noch mehr jedoch sollten wir das Werk der Neu-Schöpfung bewundern - und daran glauben, daß Gott auf krummen Linien gerade schreibt, wie Paul Claudel im Seidenen Schuh betont.

Wir loben den Herrn also nicht für das Böse. Aber wir werden Ihn für das Gute loben, das Er auch aus jenen Situationen zu wirken vermag, die augenscheinlich am meisten unseren Wünschen und unserem Wollen widersprechen.

Alain Bandelier

Auszug aus Famille Chrétienne v. 20.1.2001.

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