VISION 20003/2005
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Wehmut und große Freude

Artikel drucken Als Photograph auf den Spuren der Päpste

Es war Freitag der 1. April, als ich endgültig zur Kenntnis nehmen mußte, daß Papst Johannes Paul II. im Sterben liegt. Bis dahin hatte ich es stets irgendwie geschafft, Berichte über die dramatische Verschlechterung seines Gesundheitszustandes nicht ernst zu nehmen. In den zehn Jahren, in denen ich ihn auf 22 Auslandsreisen begleiten durfte, hatte ich allzu oft erlebt, wie er, der so oft totgesagt wurde, immer wieder Auferstehung feierte. Ich glaubte felsenfest, er werde nach Köln kommen, ja ich träumte sogar davon, seine heiß ersehnte Reise nach Moskau miterleben zu dürfen.

Doch als sich an diesem Freitag die dramatischen Meldungen fast im Minutentakt überschlugen, wußte ich, daß ich nun endgültig Abschied von ihm und meinen Träumen nehmen mußte. Ich saß vor meinem Computer und hatte nasse Augen. Als er am Samstagabend um 21.37 an dem Tag, an dem liturgisch schon der Sonntag der Barmherzigkeit anbricht, verstarb, spürte ich in mir jedoch schon einen tiefen Frieden und eine große Dankbarkeit. Ich sah all die wunderbaren Momente, die ich ein ganzes Jahrzehnt mit ihm erlebt hatte, wie einen Film vor mir ablaufen.

Ich dachte an die unglaubliche Polenreise von 1999, als der heilige Vater in zwölf Tagen 18 Städte besuchte und 20 Millionen Menschen persönlich begegnete. Ich reiste in diesen Tagen von Danzig bis Wadowice hinter ihm her und war von der Begeisterung rundum wie auf einer Wolke getragen. Ich sah die Menschen in der Ukraine vor mir, die er 2002 besucht hatte, die vor Freude über das überreiche Geschenk seines Besuches Tränen in ihren Augen hatten.

Ich sah Johannes Paul II., wie er bei seiner vorletzten Pilgerreise im Vorjahr in der Schweiz die Jugendlichen zu Begeisterungsstürmen hinriß. Und das, obwohl er kaum mehr sprechen konnte. Ja ich hatte sogar die große Freude, die letzten Momente seines so unglaublich reichen Pilgerlebens hautnah mitzuerleben, als er im August 2004 in der Grotte von Lourdes still bei der Muttergottes Abschied nahm.

So mußte ich natürlich nach Rom, um mich von ihm zu verabschieden. Die Minuten der Stille und des Gebetes vor dem aufgebahrten Papst im Petersdom werde ich nie vergessen. Ich werde Papst Johannes Paul II. vermissen. Es ist, wie wenn ein Teil von mir gestorben wäre.

Die Stimmung in den Tagen vor dem Begräbnis war von einem tiefen Frieden, ich möchte fast sagen von Heiterkeit geprägt. Vier Millionen Menschen kamen zum Begräbnis, mit sehr viel Glück bekam ich einen Platz auf den Kolonnaden, von wo ich das Geschehen gut überblicken konnte. Die Repräsentanten von über 200 Staaten der Erde waren gekommen, die Führer aller Weltreligionen. Es war ein Geschehen biblischen Ausmaßes. Ein nicht enden wollender Pilgerzug von Menschen aus allen Kontinenten, Rassen und Religionen, die sich vor diesem Gerechten verneigten, diesem Giganten, dem 400 Millionen Pilger auf seinen Reisen zumindest einmal persönlich begegnet sind.

Schon eine Woche nach dem Begräbnis von Papst Johannes Paul II. bin ich wieder in Rom, um als Fotograf das Konklave zu beobachten. Bei nordischer Kälte saß ich wieder stundenlang auf den Kolonnaden, um das Schauspiel des Aufsteigens des schwarzen oder weißen Rauches einzufangen. Spannende Momente. Da fiel mir ein, daß ich eigentlich für einen guten Papst beten sollte. Wenn es so etwas wie einen Wunschkandidaten für mich gab, dann war es Joseph Kardinal Ratzinger. Viele seiner Bücher hatte ich schon gelesen, ja fast aufgesogen. Er ist ein Mozart der Theologie, wie ihn Kardinal Meisner treffend bezeichnete.

Als dann spätnachmittags weißer Rauch aufstieg und die Glocken von St. Peter zu läuten begannen, war der Petersplatz von einer unglaublichen Spannung erfüllt. Von den Kolonnaden konnte ich beobachten, wie die Menschen auf dem Platz zusammenliefen - wie Ameisen. Innerhalb weniger Minuten war der Platz voll.

Grenzenlose Begeisterung als der chilenische Kardinaldiakon Estevez am Balkon erschien und der Menge zurief: “Habemus papam!" Innerhalb von Sekunden füllten sich die Balkone mit Kardinälen in Rot. Und als ich dann den Namen Josephum hörte, machte ich einen Luftsprung und ließ meiner Freude freien Lauf. Einige Fotografen und Kameraleute waren wegen meines Emotionsausbruches sichtlich irritiert.

Jetzt stand er wirklich da oben auf der Loggia, der stille Kardinal Ratzinger, der nie auch nur irgendwie Ambitionen auf dieses hohe Amt gehabt hatte. Er wirkte gelöst, fast heiter. “Nach dem großen Papst Johannes Paul II. ist nun ein einfacher Arbeiter in den Weinberg Gottes gekommen", waren seine ersten Worte. Er ist wirklich ein Geschenk Gottes an Seine Kirche.

Die Italiener auf dem Platz skandierten schon nach wenigen Minuten “Benedetto, Benedetto!" Für mich beginnen wieder spannende Zeiten.

Christoph Hurnaus

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